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Full text of "Ein Mann Des Seefahrers und aufrechten Bürgers Joachim Nettelbeck wundersame Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt"

The Project Gutenberg eBook, Ein Mann, by Joachim Nettelbeck


This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org





Title: Ein Mann
       Des Seefahrers und aufrechten Brgers Joachim Nettelbeck wundersame Lebensgeschichte von ihm selbst erzhlt


Author: Joachim Nettelbeck



Release Date: November 4, 2007  [eBook #23333]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN MANN***


E-text prepared by Inka Weide, Constanze Hofmann, Markus Brenner, and the
Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
(http://www.pgdp.net)



Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
      file which includes the original illustrations.
      See 23333-h.htm or 23333-h.zip:
      (http://www.gutenberg.net/dirs/2/3/3/3/23333/23333-h/23333-h.htm)
      or
      (http://www.gutenberg.net/dirs/2/3/3/3/23333/23333-h.zip)


Anmerkung zur Transkription:

      Mit _Unterstrichen_ gekennzeichnete Textstellen sind im
      Original gesperrt gedruckt.

      Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die
      Schreibweise ansonsten aber wie im Original belassen.
      Insbesondere Eigen- und Ortsnamen sind innerhalb des Buches
      teilweise inkonsistent. Diese wurden in der jeweiligen Form
      belassen.





[Illustration: Schicksal und Abenteuer]

Lebensdokumente vergangener Jahrhunderte

2

Ein Mann

[Illustration]

Joachim Nettelbeck. 1738 bis 1824

Gneisenau ber Nettelbeck: Es ist wohltuend,
in einer Zeit, wo oft Kleinmut die Herzen beschleicht,
das Bild eines Mannes aufstellen
zu knnen, der im alten deutschen Sinne und
Mut Millionen seiner Zeitgenossen voransteht




Ein Mann

Des Seefahrers und aufrechten Brgers

Joachim Nettelbeck

wundersame Lebensgeschichte

von ihm selbst erzhlt

[Illustration]

Wilhelm Langewiesche-Brandt
Ebenhausen bei Mnchen 1910




Neithardt von Gneisenau

der Kommandant der Festung Kolberg, deren ruhmreiche Verteidigung einen
der interessantesten Abschnitte dieses Buches bildet, 1760 geboren,
hatte schon in einem zu Erfurt garnisonierenden sterreichischen und
danach in einem der Regimenter des Markgrafen von Ansbach-Bayreuth
gedient, die in englischem Solde in und gegen Amerika kmpften, als
Friedrich der Groe ihn 1786 als Premierleutnant in die preuische Armee
aufnahm. In dem Jahre des preuischen Zusammenbruches 1806 hatte er an
den Schlachten bei Saalfeld und Jena teilgenommen. Nach dem die
Belagerung Kolbergs endenden Tilsiter Frieden berief ihn Friedrich
Wilhelm III. als Chef des Ingenieurkorps in die Reorganisationskommission,
wo er mit Stein und Scharnhorst unermdlich fr die Wiedergeburt des
Staates wirkte. Von der franzsischen Partei verdchtigt, erbat er nach
Steins Entlassung den Abschied und lebte in England, Schweden und Ruland,
sowie als einer der Fhrer der Kriegspartei in Berlin, bis er 1813 zum
Generalquartiermeister des Blcherschen Korps und nach Scharnhorsts Tode
zum Chef des Generalstabes der schlesischen Armee ernannt ward. Energisch,
khn und zielbewut, gewann Gneisenau an den groen Siegen der deutschen
Freiheitskriege entscheidenden Anteil. Er starb 1831 in Posen an der
Cholera.


Ferdinand von Schill

1776 geboren, war 1806, als preuischer Dragonerleutnant bei Auerstedt
verwundet, nach Kolberg gekommen, an dessen Verteidigung er mit einem
Freikorps tapfer teilnahm. Nach dem Tilsiter Frieden ernannte ihn der
Knig zum Major und Kommandeur des Leibhusarenregiments. Mit diesem
rckte er, nachdem die sterreicher den Franzosen den Krieg erklrt
hatten, am 28. April 1809 eigenmchtig ins Feld. Nach anfnglichen
Erfolgen mute er sich nach Stralsund zurckziehen, wo er, von
Hollndern und Dnen mit bermacht angegriffen, am 31. Mai mit den
meisten der Seinen fiel.




Erster Teil


Am 20. September 1738 ward ich zu _Kolberg_ geboren und bekam dann den
Taufnamen _Joachim_. Mein Vater, Johann David Nettelbeck, war hier Brauer
und Branntweinbrenner und stand bei der Brgerschaft in besonderer Liebe
und Anhnglichkeit. Dies Glck ist mir von ihm bererbt, und ich geniee
es noch jetzt, in meinem Alter, bei meinen lieben Mitbrgern. Meine
Mutter war aus des Schiffers Blanken Geschlecht. Auch meiner beiden
Paten -- nmlich der Kaufleute Herren Lorenz Runge und Grneberg -- mu
ich hier dankbar erwhnen, weil so manche ihrer vterlich gemeinten
Vorstellungen und was sie mir sonst Gutes eingeprgt, bei mir einen
Eindruck gemacht, der mich durch mein ganzes Leben begleitet hat.

Seit ich kaum das Alter von dreiviertel Jahren erreicht, bin ich bei
meinen Groeltern vterlicherseits erzogen worden; aber sobald ich habe
lallen knnen, stand auch mein Sinn darauf, ein Schiffer zu werden. Dies
mag wohl daher kommen, da mir dergleichen oftmals vorgeplaudert worden.
Mein Hang dazu trieb mich so gewaltig, da ich aus jedem Holzspan, aus
jedem Stckchen Baumrinde, was mir in die Hnde fiel, kleine Schiffchen
schnitzelte, sie mit Segeln von Feder oder Papier ausrstete, und damit
auf Rinnsteinen und Teichen oder auf der Persante hantierte.

Meines Vaters Bruder war Schiffer; und keine grere Freude gab es fr
mich, als wenn er mit seinem Schiffe hier im Hafen lag. Dann hatte ich
zu Hause keine Ruhe, sondern bat, man mchte mich nach der Mnde lassen.
Oh, welch ein vergngtes Leben, wenn ich auf dem Schiffe war und mit den
Schiffsleuten in ihrer Arbeit herumsprang!

Nicht viel geringer war meine Liebe und Freude am Gartenwesen, denn auch
mein Grovater war ein sonderlicher Gartenfreund, nahm mich bestndig
mit in seinen Garten, gab mir sogar ein klein Fleckchen Land zum
Eigentum und lie mich sehen und lernen, was zur Gartenarbeit gehrte.
Hier legte ich Obstkerne; ich verpflanzte, ich pfropfte und okulierte;
ich bego und pflegte meine Gewchse. Meine Kernstmmchen wuchsen heran,
und sieben von diesen selbstgezogenen Bumen sind noch (wie sehr es mir
auch um sie leid tat, da ich jetzt der Besitzer des nmlichen Gartens
bin) in der letzten franzsischen Belagerung umgehauen worden.

An dieses kleine, aber fr mich unschtzbare Grundstck, dessen Pflege
noch in diesem Augenblicke die Freude meines Alters ausmacht, heften
sich ein paar meiner frhesten und lebendigsten Erinnerungen.

       *       *       *       *       *

Ich mochte wohl ein Brschchen von fnf oder sechs Jahren sein und noch
in meinen ersten Hschen stecken (also etwa um das Jahr 1743 oder 44),
als es hier bei uns, und im Lande weit umher, eine so schrecklich knappe
und teure Zeit gab, da viele Menschen vor Hunger starben, denn der
Scheffel Roggen kostete einen Taler acht Groschen. Es kamen, von
landeinwrts her, viele arme Leute nach Kolberg, die ihre kleinen
hungrigen Wrmer auf Schiebkarren mit sich brachten, um Korn von hier zu
holen, weil man Getreideschiffe in unserem Hafen erwartete, die der
grausamen Not steuern sollten. Alle Straen bei uns lagen voll von
diesen unglcklichen ausgehungerten Menschen. Meine Gromutter, bei der
ich, wie schon gesagt, erzogen ward, lie tglich mehrere Krbe voll
Grnkohl in unserm Garten pflcken, kochte einen Kessel voll nach dem
andern fr unsere verschmachtenden Gste, und _mir_ ward das gern
bernommene Ehrenmtchen zuteil, ihnen diese Speise in kleinen
Schsselchen nebst einer Brotschnitte zuzutragen. Da rissen mir denn
Alte und Junge meinen Napf begierig aus der Hand, oder auch wohl
einander vor dem Munde weg. Ich kann nicht aussprechen, welch einen
schauderhaften Eindruck diese Szene auf meine kindliche Seele machte.

Endlich langte ein Schiff mit Roggen auf der Reede an, dem sich tausend
sehnschtige Augen und Herzen entgegenrichteten. Aber, o Jammer! beim
Einlaufen in den Hafen stie es gegen eine Steinkste des Hafendammes
und nahm so betrchtlichen Schaden, da es, im Strome selbst, nur wenige
hundert Schritte weiter, der Mnder Vogtei gegenber, in den Grund sank.
Sollte die kostbare Ladung nicht ganz verloren sein, so muten
schleunige Anstalten getroffen werden, das verunglckte Fahrzeug wieder
ber Wasser zu bringen. Dazu wurden dann zwei Schiffe benutzt, die eben
auch im Hafen lagen, und wovon das eine von meines Vaters Bruder gefhrt
ward. So war ich denn auch bei diesem Emporwinden, an welchem ich eine
kindische Freude hatte, bestndig zugegen; ward mitunter auch wohl als
unntz und hinderlich beiseite geschoben, und habe darber all diese
einzelnen Umstnde nur um so besser im Gedchtnisse behalten.

Ging nun gleich das Wiederflottmachen des Schiffes glcklich vonstatten,
so war doch das Korn durchnt, zum Vermahlen untchtig und die Hoffnung
all der darauf vertrsteten Menschen vereitelt. Die Kolberger Brger
kauften den beschdigten Roggen um ein Viertel des geltenden
Marktpreises, und da mein Vater damals kniglicher Kornmesser im Orte
war, so ging auf diese Weise die ganze geborgene Ladung durch seine
Hnde. Jeder suchte mit seinem Kauf so gut als mglich zurechtzukommen
und ihn aufs schnellste zu trocknen. Alle Straen waren auf diese Weise
mit Laken und Schrzen berdeckt, auf welchen das Getreide der Luft und
Sonne ausgesetzt wurde. Kurze Zeit darauf erschien ein zweites groes
Kornschiff; und nun ward es endlich mglich, die fremde Armut zu
befriedigen.

Im nchstfolgenden Jahre erhielt Kolberg, durch des groen Friedrichs
versorgende Gte, ein Geschenk, das damals hierzulande noch vllig
unbekannt war. Ein groer Frachtwagen nmlich voll Kartoffeln langte auf
dem Markte an; und durch Trommelschlag in der Stadt und auf den
Vorstdten erging die Bekanntmachung, da jeder Gartenbesitzer sich zu
einer bestimmten Stunde vor dem Rathause einzufinden habe, indem des
Knigs Majestt ihm eine besondere Wohltat zugedacht habe. Man ermit
leicht, wie alles in strmische Bewegung geriet, und das nur um so mehr,
je weniger man wute, was es mit diesem Geschenke zu bedeuten habe.

Die Herren vom Rate zeigten nunmehr der versammelten Menge die neue
Frucht vor, die hier noch keiner gesehen hatte. Daneben ward eine
umstndliche Anweisung verlesen, wie diese Kartoffeln gepflanzt und
bewirtschaftet, desgleichen wie sie gekocht und zubereitet werden
sollten. Besser freilich wre es gewesen, wenn man eine solche
geschriebene oder gedruckte Instruktion gleich mit verteilt htte; denn
nun achteten in dem Getmmel die wenigsten auf jene Vorlesung. Dagegen
nahmen die guten Leute die hochgepriesenen Knollen verwundert in die
Hnde, rochen, schmeckten und leckten dran; kopfschttelnd bot sie ein
Nachbar dem andern; man brach sie voneinander und warf sie den
gegenwrtigen Hunden vor, die dran herumschnupperten und sie gleichmig
verschmhten. Nun war ihnen das Urteil gesprochen! Die Dinger, hie
es, riechen nicht und schmecken nicht, und nicht einmal die Hunde mgen
sie fressen. Was wre uns damit geholfen? -- Am allgemeinsten war dabei
der Glaube, da sie zu Bumen heranwchsen, von welchen man zu seiner
Zeit hnliche Frchte herabschttle. Alles dies ward auf dem Markte,
dicht vor meiner Eltern Tre, verhandelt; gab auch mir genug zu denken
und zu verwundern und hat sich darum auch, bis aufs Jota, in meinem
Gedchtnisse erhalten.

Inzwischen ward des Knigs Wille vollzogen und seine Segensgabe unter
die anwesenden Garteneigentmer ausgeteilt, nach Verhltnis ihrer
Besitzungen, jedoch so, da auch die Geringeren nicht unter einigen
Metzen ausgingen. Kaum irgend jemand hatte die erteilte Anweisung zu
ihrem Anbau recht begriffen. Wer sie also nicht geradezu in seiner
getuschten Erwartung auf den Kehrichthaufen warf, ging doch bei der
Auspflanzung so verkehrt wie mglich zu Werke. Einige steckten sie hier
und da einzeln in die Erde, ohne sich weiter um sie zu kmmern; andere
(und darunter war auch meine liebe Gromutter mit ihrem ihr zugefallenen
Viert) glaubten das Ding noch klger anzugreifen, wenn sie diese
Kartoffeln beisammen auf einen Haufen schtteten und mit etwas Erde
bedeckten. Da wuchsen sie nun zu einem dichten Filz ineinander; und ich
sehe noch oft in meinem Garten nachdenklich den Fleck drauf an, wo
solchergestalt die gute Frau hierin ihr erstes Lehrgeld gab.

Nun mochten aber wohl die Herren vom Rat gar bald in Erfahrung gebracht
haben, da es unter den Empfngern viele lose Verchter gegeben, die
ihren Schatz gar nicht einmal der Erde anvertraut htten. Darum ward in
den Sommermonaten durch den Ratsdiener und Feldwchter eine allgemeine
und strenge Kartoffel-Schau veranstaltet und den widerspenstig
Befundenen eine kleine Geldbue aufgelegt. Das gab wiederum ein groes
Geschrei und diente auch eben nicht dazu, der neuen Frucht an den
Bestraften bessere Gnner und Freunde zu erwecken.

Das Jahr nachher erneuerte der Knig seine wohlttige Spende durch eine
hnliche Ladung. Allein diesmal verfuhr man dabei hheren Orts auch
zweckmiger, indem zugleich ein Landreiter mitgeschickt wurde, der, als
ein geborner Schwabe (sein Name war Eilert, und seine Nachkommen dauern
noch in Treptow fort), des Kartoffelbaues kundig und den Leuten bei der
Auspflanzung behilflich war und ihre weitere Pflege besorgte. So kam
also diese neue Frucht zuerst ins Land und hat seitdem, durch immer
vermehrten Anbau, krftig gewehrt, da nie wieder eine Hungersnot so
allgemein und drckend bei uns hat um sich greifen knnen. Dennoch
erinnere ich mich gar wohl, da ich erst volle vierzig Jahre spter
(1785) bei Stargard, zu meiner angenehmen Verwunderung, die ersten
Kartoffeln im freien Felde ausgesetzt gefunden habe.

       *       *       *       *       *

Neben manchen anderen Kindereien war ich auch ein groer Liebhaber von
Tauben. Von meinem Frhstcksgelde sparte ich mir so viel am Munde ab,
da ich mir ein Paar kaufen konnte. Das war nun eine Herrlichkeit! Da
aber meine Groeltern unter dem Posthause bei Herrn Frauendorf wohnten,
so gab es hier keine Gelegenheit, die Tauben ausfliegen zu lassen. Ich
machte daher mit dem sogenannten Postjungen, Johann Witte (nachherigem
Post- und Bankodirektor in Memel), einen Akkord, da er meine Tauben zu
sich nehmen, ich aber tglich eine gewisse Portion Erbsen zum Fttern
hergeben sollte, die ich meinen Groeltern leider heimlich in den
Taschen wegtrug! Die Tauben vermehrten sich, hinfolglich auch die
Futtererbsen.

Bei all diesen Spielereien ward (wiederum leider!) die Schule versumt;
ich hatte weder Lust noch Zeit dazu. Wenn meine Gromutter meinte, ich
se fleiig auf der Schulbank, so schiffte ich in Rinnsteinen und
Teichen, oder ich verkehrte mit meinen Tauben; und das machte mir so
viel zu schaffen, da ich weder bei Tag noch bei Nacht davor ruhen
konnte. Diese unruhige Geschftigkeit hat mich auch nachmals bei weit
wichtigeren Dingen und selbst bis in mein Alter verfolgt. Freilich habe
ich mir wohl dabei weniger fr mich als fr andere meiner Mitmenschen zu
tun und zu sorgen gemacht.

Einigen Vorschub zu diesen Possen tat mir Pate Runge, der nicht Frau
noch Kinder hatte, mich sehr liebte und sich viel mit mir abgab. Endlich
aber nahm er mich einmal etwas ernsthafter ins Verhr (wie auch
zuweilen von Pate Grneberg geschah), und gab mir zu bedenken, da,
wenn ich Schiffer werden wollte, so mte ich auch fleiig in die Schule
gehen, eine firme Hand schreiben und gut rechnen lernen, sonst drft'
ich nie an so etwas denken. Mir fuhr das gewaltig aufs Herz. Ich sann
nach, was denn wohl von meinem jetzigen Tun und Treiben abgestellt
werden mte? -- Was anders, als meine Tauben, die mir so viel Zeit
kosteten und doch so sehr am Herzen lagen! _Wie_ ich's aber auch bedenken
mochte, so war es doch nicht anders; ich mute meine lieben Tierchen
fahren lassen, die sich indes ansehnlich vermehrt hatten! Dies geschah
denn auch mittels eines frmlichen schriftlichen Kontraktes, wodurch ich
den Johann Witte zu ihrem alleinigen Herrn und Besitzer einsetzte.

So war ich also meine Tauben los und nun kriegt' ich einen so brennenden
Trieb zur Schule, da mich die Lernbegierde auf Schritt und Tritt
verfolgte. Ich wollte und mute ja ein Schiffer werden! Auch alle meine
heiligen Christgeschenke, woran es meine Herren Paten nicht fehlen
lieen, hatten immer eine Beziehung auf die Schifferschaft. Bald war es
ein runder hollndischer Matrosenhut, bald lange Schifferhosen, bald
Pfefferkuchen, als Schiffer geformt.

       *       *       *       *       *

So mochte es in meinem achten Jahre sein, als Pate Lorenz Runge mir
unter anderen Weihnachtsbescherungen auch eine Anweisung zur
Steuermannskunst in hollndischer Sprache verehrte. Dies Buch machte
meine Phantasie so rege, da ich Tag und Nacht fr mich selbst darin
studierte, bis mein Vater ein Einsehen hatte und mir bei einem hiesigen
Schiffer, namens Neymann, zwei wchentliche Unterrichtstage in jener
edlen Kunst ausmachte. Dagegen blieben die anderen vier Tage noch zum
Schreiben und Rechnen bei einem anderen geschickten Lehrer, namens
Schtz, bestimmt. Ein Jahr spter aber ward die Steuermannskunst die
Hauptsache und alles andere in die Neben- und Privatstunden verwiesen.

Mein Eifer fr diese Sache ging so weit, da ich im Winter oftmals bei
strenger Klte, wenn des Nachts klarer Himmel war, und wenn meine Eltern
glaubten, da ich im warmen Bette steckte, heimlich auf den Wall und
Die hohe Katze ging, mit meinen Instrumenten die Entfernung der mir
bekannten Sterne vom Horizont oder vom Zenit ma und danach die Polhhe
berechnete. Dann, wenn ich des Morgens erfroren nach Hause kam,
verwunderte sich alles ber mich und erklrte mich fr einen
berstudierten Narren. Schlimmer aber war es, da man mich nun des
Abends sorgfltiger bewachte und mich nicht aus dem Hause lie. Dennoch
suchte und fand ich oftmals Gelegenheit, bei Nacht wieder auf meine
Sternwarte zu kommen, was mir aber, wenn ich mich morgens wieder
einstellte, von meinem Vater manche schwere Ohrfeige einbrachte.

hnlicher Lohn ward mir auch sonst noch fr hnlichen Eifer! Zu oft
hatte ich gehrt, da ein Seemann vor allen Dingen lernen msse, gut
klettern, um die Masten bei Tag und Nacht zu besteigen, als da ich
nicht htte begierig werden sollen, mich darin beizeiten zu ben. Hierzu
fand sich eine erwnschte Gelegenheit durch die nhere Bekanntschaft mit
dem Sohne des damaligen Glckners. Er war in meinen Jahren, hie David,
und wollte auch Schiffer werden. Mit diesem machte ich mich, auer der
Schulzeit, auf den Boden der groen Kirche in das Sparrwerk und die
Balkenverbindungen bis hoch unter das kupferne Dach hinauf. Hier stiegen
und krochen wir berall herum, da wir uns in der gewaltigen Verzimmerung
dieses groen Gebudes oftmals dergestalt verirrten, da einer vom andern
nichts wute. Kamen wir dann wieder zusammen, so konnten wir nicht genug
erzhlen, _wo_ wir gewesen waren und _was_ wir gesehen hatten.

Bald ging es nun zu einem Wagestck weiter. Auch in die Spitze des
Turmes krochen wir in dem inwendigen Holzverbande hinauf -- so hoch, bis
wir uns in dem beengten Raume nicht weiter rhren konnten. Aber eben
diese Gewandtheit und Ortskenntnis kam mir in der Folge recht gut zu
statten, um hier in der uersten Spitze, wo ein Wetterstrahl am 28.
April 1777 gezndet hatte, das Feuer lschen zu knnen; wie ich zu
seiner Zeit weiter unten erzhlen werde.

Und nunmehr gengte es uns nicht, blo innerhalb uns von Balken zu
Balken zu schwingen: es sollte auch auerhalb des Gebudes geklettert
werden! So machten wir uns denn auf das kupferne Dach; stiegen bei den
Glocken aus den Luken auf das Gerst; von da auf den First des kupfernen
Kirchendaches, und indem wir darauf wie auf einem Pferde ritten,
rutschten wir lngshin vom Turme bis an den Giebel und auf gleiche Weise
wieder zurck. Ein paar Hundert Zuschauer gafften drunten, zu unserer
groen Freude, nach uns beiden jungen Waghlsen in die Hhe. Auch mein
Vater war, ohne da ich es wute, unter dem Haufen gewesen, und so
konnte es nicht fehlen, da mich, bei meiner Heimkunft, fr diese
Heldentat eine derbe Tracht Schlge erwartete.

Aber die Lust zu einem wiederholten Versuche war mir dennoch nicht
ausgetrieben worden! Ich lauerte es nur ab, da mein Vater verreist war,
und an einem schnen Sommertage, nachmittags um vier Uhr, als ich der
Zucht des Herrn Schtz entlaufen war, konnte ich nicht umhin, meinen
lieben Turm wieder zu besuchen. Ein Schulkamerad, David Sprke, eines
hiesigen Schiffers Sohn, leistete mir Gesellschaft. Diesen beredete ich,
den Ritt auf dem Kirchendache mitzumachen. Zuerst stieg ich aus der Luke
auf das Gerst und von da auf den First des Daches. David Sprke kam mir
zuversichtlich nach, da er mich so flink und sicher darauf hantieren
sah.

Allein kaum war er mir sechs oder acht Fu nachgeritten, so berfiel ihn
pltzlich eine Angst, da er erbrmlich zu schreien begann, sich zu
beiden Seiten an den kupfernen Reifen festklammerte und nicht vor- nicht
rckwrts kommen konnte. Ich kehrte mich nach ihm um, kam dicht zu ihm
heran; und hier saen wir nun beide, sahen uns betrbt ins Gesicht und
wuten nicht, wo aus noch ein. _Er_ wagte es nicht, sich umzudrehen, _ich_
konnte an ihm nicht vorbeikommen. Dabei hrte er nicht auf, in seiner
Seelenangst aus vollem Halse zu schreien. Auf der Strae gab es einen
Zusammenlauf und bald auch Hilfe. Denn der alte Glckner mit seinem
Sohne und mehreren anderen kamen auf den Turm und zogen meinen Freund
David mit umgeworfenen Leinen rcklings nach dem Gerste und so vollends
in die Luke hinein. Ich aber folgte, wie ein armer Snder, zitternd und
bebend nach.

Des nchsten Tages kam mein Vater wieder nach Hause, und da gab es denn,
wie zu erwarten war, rechtschaffene, aber verdiente Prgel. Damit aber
nicht genug, meinte auch Herr Schtz, mein Lehrer, es msse hier, der
brigen Schulkameradschaft wegen, noch ein anderweitiges Beispiel zu
Nutz und Lehre statuiert werden, und bat sich's bei meinem Vater aus,
gleichfalls noch Gericht ber mich halten zu drfen. Das ward ihm gern
bewilligt. Meine Strafe bestand in einem dreitgigen Quartiere in dem
dunklen Karzer auf dem Schulhofe. Hier ward ich nachmittags, sobald die
Schulzeit abgelaufen war, eingesperrt und immer erst morgens um acht
Uhr, wo die Schule wieder anging, herausgelassen. Nur mittags durfte ich
nach Hause gehen, um zu essen; aber schon in der nchsten Stunde auf
meiner Schulbank mich einfinden und um vier Uhr meine traurige Wanderung
in die Finsternis wieder antreten.

Nchst der Unbequemlichkeit einer einzigen tglichen Mahlzeit bei einem
(Gott wei es) gesegneten Appetite, war's meine grte Qual, da ich von
den andern Schulbuben ber mein Abenteuer noch ausgelacht ward. Niemand
hatte Mitleid mit meinem Unstern; ausgenommen ein einziges gutherziges
Mdchen, die lteste Tochter des Kaufmanns, Herrn Seeland. Wenn ich mich
recht entsinne, nannte man sie Drtchen. Drtchen also steckte mir den
letzten Abend, mit Trnen in den Augen, ihre Semmel zu; konnte es aber
nicht so heimlich abtun, da es nicht von den anderen wre gesehen und
verraten worden. Die Semmel ward mir vom Lehrer wieder abgenommen und
konfisziert. _Ich_ weinte; _sie_ weinte; Herr Schtz selbst konnte sich
dessen nicht erwehren. Ich bekam meine Semmel zurck: aber blo -- wie
er hinzusetzte -- um das gute Kind zu beruhigen. -- Ich habe nachher, im
Jahre 1782 (also nach Verlauf von vierunddreiig Jahren!) die Freude
gehabt, dieses nmliche Drtchen Seeland in Memel wieder anzutreffen.
Ihre Eltern waren in ihrem Wohlstande zurckgekommen, den sie damals
durch eine Auswanderung nach Ruland zu verbessern hofften. Ich hatte
jene Semmel noch nicht vergessen; und es hat mir wohlgetan, sie
einigermaen vergelten zu knnen.

       *       *       *       *       *

Endlich, da ich etwa elf Jahre alt sein mochte, sollte es, zu meiner
unsglichen Freude, Ernst mit meiner knftigen Bestimmung werden. Meines
Vaters Bruder nahm mich auf sein Schiff, die Susanna, als
Kajten-Wchter, und so ging meine erste Ausflucht nach Amsterdam. Hier
sah ich nun eine Menge groer Schiffe auf dem Y vor Anker liegen, die
nach Ost- und West-Indien gehen sollten. Tglich ward auf ihnen mit
Trommeln, Pauken und Trompeten musiziert, oder mit Kanonen geschossen.
Das machte mir allmhlich das Herz gro! Ich dachte: Wer doch auch auf
so einem Schiffe fahren knnte! -- und das ging mir nur um so viel mehr
im Kopfe herum, als es damals unter all unsern Schiffsleuten, wie ich
oft gehrt hatte, fr einen Glaubensartikel galt: da, wer nicht von
Holland aus auf dergleichen Schiffen gefahren wre, auch fr keinen
rechtschaffenen Seemann gelten knnte. Gerade _das_ aber machte ja mein
ganzes Sinnen und Denken aus! -- Wirklich findet man bei keiner Nation
eine grere Ordnung auf den Schiffen als bei den Hollndern.

Wovon mir das Herz voll war, ging mir auch alle Augenblicke der Mund
ber. Ich gestand meinem Oheim, wie gern ich am Bord eines solchen
ansehnlichen Ostindien-Fahrers sein und die Reise mitmachen mchte. Er
gab mir immer die einzige Antwort, die darauf pate: Da ich nicht klug
im Kopf sein mte. Endlich aber ward dieser Hang in mir zu mchtig, als
da ich ihm lnger widerstehen konnte. In einer Nacht, zwei Tage vor
unserer Abreise, schlpfte ich heimlich in unsere angehngte Jolle --
ganz wie ich ging und stand und ohne das geringste von meinen
Kleidungsstcken mit mir zu nehmen. Man sollte nmlich nicht glauben,
da ich desertiert, sondern da ich ertrunken sei, und wollte so
verhindern, da mir nicht weiter auf den anderen Schiffen nachgesprt
wrde. Unter diesen aber hatte ich mir eins aufs Korn gefat, von
welchem mir bekannt geworden war, da es am anderen nchsten Morgen nach
Ostindien unter Segel gehen sollte. Das letztere zwar war richtig, aber
ber seine Bestimmung befand ich mich im Irrtum, denn es war zum
Sklavenhandel an der Kste von Guinea bestimmt.

Still und vorsichtig kam ich mit meiner Jolle an der Seite dieses
Schiffes an, ohne von irgend jemand bemerkt zu werden. Ebenso ungesehen
stieg ich an Bord, indem ich mein kleines Fahrzeug mit dem Fue
zurckstie und es treibend seinem Schicksale berlie. Bald aber
sammelte sich das ganze Schiffsvolk (es waren deren vierundachtzig
Kpfe, wie ich nachmals erfuhr) verwundert um mich her. Jeder wollte
wissen, woher ich kme? wer ich wre? was ich wollte? Statt aller
Antwort -- und was htte ich auch sagen knnen? -- fing ich an,
erbrmlich zu weinen.

Der Kapitn war diese Nacht nicht an Bord. Man brachte mich also zu den
Steuerleuten, welche das Verhr ins Kreuz und in die Quere mit mir
erneuerten. Auch hier hatte ich nichts als Trnen und Schluchzen. Aha,
Bursche! legte sich endlich einer aufs Raten -- ich merke schon! du
bist von einem Schiffe weggelaufen und denkst, da _wir_ dich mitnehmen
sollen? -- Das war ganz meine Herzensmeinung. Ich stammelte also ein Ja
darauf hervor, konnte mich aber diesmal nicht entschlieen, noch weiter
herauszubeichten. Inzwischen hatte man einiges Mitleid mit mir, gab mir
ein Glas Wein samt einem Butterbrot und Kse, und wies mir eine
Schlafstelle an, mit dem Bedeuten, da morgen frh der Kapitn an Bord
kommen werde, der mich vielleicht wohl mitnehmen mchte. -- Da lag ich
nun die ganze Nacht schlaflos und berdachte, was ich sagen und
verschweigen wollte.

Am andern Morgen mit Tagesanbruch fand sich der Lotse ein; der Anker
ward aufgewunden und man machte sich segelfertig; wobei ich treuherzig
und nach Krften mit Hand anlegte. Unter diesen Beschftigungen kam
endlich auch der Kapitn heran. Ich ward ihm vorgestellt, und auch seine
erste und natrlichste Frage war: Was ich auf seinem Schiffe wollte? --
Ich fhlte mich nun schon ein wenig gefater und gab ihm ber mein Wie
und Woher so ziemlich ehrlichen Bescheid; nur setzte ich hinzu (und
diese Lge hat mir nachmals oft bitter leid getan, denn mein Oheim war
gegen mich die Milde selbst, als ob ich sein eigen Kind wre), dieser
habe mich auf der Reise oftmals unschuldig geschlagen, wie das denn auch
noch gestern geschehen sei. Ich knne dies nicht lnger ertragen, und so
sei ich heimlich weggegangen und bte flehentlich, der Kapitn mchte
mich annehmen. Ich wollte gerne gut tun.

Nun ich einmal so weit gegangen war, durfte ich auch die richtige
Antwort auf die weitere Frage nach meines Oheims Namen und Schiff nicht
schuldig bleiben. Gut! sagte der Kapitn -- ich werde mit dem Manne
darber sprechen. -- Das klang nun gar nicht auf mein Ohr! Ich hub von
neuem an zu weinen, schrie, ich wrde ber Bord springen und mich
ersufen, und trieb es so arg und klglich (mir war aber auch gar nicht
wohl ums Herz!), da nach und nach das Mitleid bei meinem Richter zu
berwiegen schien. Er ging mit seinen Steuerleuten in die Kajte, um die
Sache ernstlicher zu berlegen; ich aber lag indes, von Furcht und
Hoffnung hin und her geworfen, wie auf der Folter, denn die Schande,
vielleicht zu meinem Oheim zurckgebracht zu werden, schien mir
unertrglich.

Endlich rief man mich in die Kajte. Ich habe mir's berlegt, hub
hier der Kapitn an, und du magst bleiben. Du sollst Steuermanns-Junge
sein und monatlich sechs Gulden Gage haben, auch will ich fr deine
Kleidungsstcke sorgen. Doch hre, sobald wir mit dem Schiffe in den
Texel kommen, schreibst du selbst an deines Vaters Bruder und erklrst
ihm den ganzen Zusammenhang. Den Brief will ich selbst lesen und auch
fr seine sichere Bestellung sorgen. -- Man denke, wie freudig ich
einschlug und was fr ein Stein mir vom Herzen fiel!

Jetzt gingen wir auch unter Segel. Allein ich will es auch nur gestehen,
da, sowie ich meines Oheims Schiff so aus der Ferne darauf ansah, mir's
innerlich leid tat, es bis zu diesem trichten Schritte getrieben zu
haben. Trotz diesem Herzweh erwog ich, da er nicht mehr zurckgetan
werden konnte, wofern ich nicht vor Beschmung vergehen sollte. Ich
machte mich also stark; und als wir im Texel ankamen, schrieb ich meinen
Abschiedsbrief, den der Kapitn las und billigte, und mein Steuermann an
die Post-Suite besorgen sollte.

Wie die Folge ergeben hat, ist jedoch dieser Brief, mit oder ohne Schuld
des Bestellers, nicht an meinen Oheim gelangt; entweder da dieser zu
frh von Amsterdam abgegangen, oder da das Blatt unterwegs verloren
gegangen. Mein Tod schien also ungezweifelt, denn man glaubte (wie ich
in der Folge erfuhr), ich sei in der Nacht aus der Jolle gefallen, die
man am nchsten Morgen zwischen anderen Schiffen umhertreibend gefunden
hatte.

Nachdem wir in Texel unsere Ladung, Wasser, Proviant und alle Zubehr,
welche der Sklavenhandel erfordert, an Bord genommen hatten, gingen wir
in See. Mein Kapitn hie Gruben und das Schiff Afrika. Alle waren mir
gut und geneigt; ich selbst war vergngt und sprte weiter kein Heimweh.
Wir hatten zwei Neger von der Kste von Guinea als Matrosen an Bord.
Diese gab mir mein Steuermann zu Lehrern in der dortigen
Verkehrssprache, einem Gemisch aus Portugiesisch, Englisch und einigen
Negersprachen; und ich darf wohl sagen, da sie an mir einen gelehrigen
Schler fanden. Denn mein Eifer, verbunden mit der Leichtigkeit, womit
man in meinem damaligen Alter fremde Sprachtne sich einprgt, brachten
mich binnen kurzem zu der Fertigkeit, da ich nachher an der Kste
meinem Steuermanne zum Dolmetscher dienen konnte. Und das war es eben,
was er gewollt hatte.

       *       *       *       *       *

Unsere Fahrt war glcklich, aber ohne besonders merkwrdige Vorflle. In
der sechsten Woche erblickten wir St. Antonio, eine von den Inseln des
grnen Vorgebirges, und drei Wochen spter hatten wir unser Reiseziel
erreicht und gingen an der Pfefferkste, bei Kap Mesurado, unter sechs
Grad nrdlicher Breite, vor Anker, um uns mit frischem Wasser und
Brennholz zu versorgen. Zugleich war dies die erste Station, von wo aus
unser Handel betrieben werden sollte.

Spterhin gingen wir weiter stlich nach Kap Palmas; und hier erst
begann der Verkehr lebendiger zu werden. Die Schaluppe wurde mit
Handelsartikeln beladen, mit Lebensmitteln fr zwlf Mann Besatzung auf
sechs Wochen versehen und mit sechs kleinen Drehbassen, die ein Pfund
Eisen schossen, ausgerstet. Mein Steuermann befehligte im Boot; ich
aber, sein kleiner Dolmetscher, blieb auch nicht dahinten und ward ihm
im Handel vielfach ntzlich. Wir machten in diesem Fahrzeuge drei Reisen
lngs der Kste, entfernten uns bis zu fnfzig Meilen vom Schiffe und
waren gewhnlich drei Wochen abwesend. Nach und nach kauften wir hierbei
vierundzwanzig Sklaven, Mnner und Frauen (auch eine Mutter mit einem
einjhrigen Kinde war dabei!), eine Anzahl Elefantenzhne und etwas
Goldstaub zusammen. Bei dem letzten Abstecher ward auch der europische
Briefsack auf dem hollndischen Hauptkastell St. George de la Mina von
uns abgegeben.

Unser Schiff fanden wir bei unserer Rckkehr etwas weiter ostwrts,
nach der Reede von Laque la How oder Kap Lagos vorgerckt. Acht unserer
Gefhrten waren in der Zwischenzeit infolge des ungesunden Klimas
gestorben. Dagegen hatte der Kapitn anderthalbhundert Schwarze
beiderlei Geschlechts eingekauft und einen guten Handel mit Elfenbein
und Goldstaub gemacht. Fr alle diese Artikel gilt Kap Lagos als eine
Hauptstation, weil landeinwrts ein groer See von vielen Meilen Lnge
und Breite vorhanden ist, auf welchem die Sklaven von den
Menschenhndlern (Kaffizieren) aus dem Inneren in Kanots herbeigefhrt
werden.

Gerade in dieser Gegend war auch Kapitn Gruben bei den hier ansssigen
reichen Sklavenhndlern von alters her wohl bekannt und gern gelitten.
Dennoch war ihm schon auf einer frheren Reise hierher ein Plan
fehlgeschlagen, den er entworfen hatte, sich zum Vorteil der
hollndischen Regierung an diesem wohlgelegenen Platze unvermerkt fester
einzunisten. Er hatte mit den reichen Negern verabredet, ein zerlegtes
hlzernes Haus nach europischer Bauart mitzubringen und dort
aufzurichten, worin zehn bis zwanzig Weie wohnen knnten und welches
durch einige daneben aufgepflanzte Kanonen geschtzt werden sollte. Als
es aber fertig dastand, kamen diese Anstalten den guten Leutchen doch
ein wenig bedenklich vor. Sie bezahlten lieber dem Kapitn sein
Huschen, das so ziemlich einer kleinen Festung glich, reichlich mit
Goldstaub; und als ich es sah, war es von einem reichen Kaffizier
bewohnt.

Nachdem wir von hier noch eine Bootreise, gleich den vorigen und mit
ebenso gutem Erfolge, gemacht hatten, gingen wir nach vier bis fnf
Wochen mit dem Schiffe weiter nach Axim, dem ersten hollndischen
Kastell an dieser Kste, wo denn auch fortan der Schaluppenhandel ein
Ende hatte. Ferner steuerten wir, Cabo tres Puntas vorbei, nach Accada,
Boutrou, Saconda, Chama, St. Georg de la Mina und Moure. berall wurden
Einkufe gemacht; so da wir endlich unsere volle Ladung, bestehend in
vierhundertundzwanzig Negern jedes Geschlechtes und Alters beisammen
hatten. Alle diese Umstnde sind mir noch jetzt in meinem hohen Alter
so genau und lebendig im Gedchtnisse, als wenn ich sie erst vor ein
paar Jahren erlebt htte.

Nunmehr ging die Reise von der afrikanischen Kste nach Surinam, quer
ber den Atlantischen Ozean hinber, wo unsere Schwarzen verkauft werden
sollten. Whrend neun bis zehn Wochen, die wir zur See waren, sahen wir
weder Land noch Strand, erreichten aber unseren Bestimmungsort
glcklich, vertauschten unsere unglckliche Fracht gegen eine Ladung von
Kaffee und Zucker, und traten sodann den Rckweg nach Holland an. Wir
brauchten dazu wiederum acht bis neun Wochen, bis wir endlich
wohlbehalten im Angesichte von Amsterdam den Anker fallen lieen. Es war
im Juni 1751, und die ganze Reise hin und zurck hatte einundzwanzig
Monate gedauert. Elf Leute von unserer Mannschaft waren whrend dieser
Zeit gestorben.

       *       *       *       *       *

In Amsterdam lie ich es mein erstes sein, nach Kolberg an meine Eltern
zu schreiben und ihnen Bericht von meiner abenteuerlichen Reise zu
erstatten. Denke man sich ihr freudiges Erstaunen beim Empfange dieser
Zeitung! Ich war tot und wieder lebendig geworden! Ich war verloren und
war wiedergefunden! Ihre Empfindungen drckten sich in den Briefen aus,
die ich unverzglich von dort her erhielt. Segen und Fluch wurden mir
darin vorgestellt. Ich Unglckskind wre ja noch nicht einmal
eingesegnet! Augenblicklich sollte ich mich aufmachen und nach Hause
kommen!

Es traf sich erwnscht, da ich mich in Amsterdam mit einem Landsmanne,
dem Schiffer Christian Damitz, zusammenfand. Auf seinem Schiffe ging ich
nach Kolberg zurck. Von meinem Empfange daheim aber tue ich wohl am
besten, zu schweigen.

In meiner Vaterstadt blieb ich nun und hielt mich wieder zum
Schulunterricht, bis ich mein vierzehntes Jahr erreichte und die
Konfirmation hinter mir hatte. Dann aber war auch kein Halten mehr, ich
wollte und mute zur See, wie der Fisch ins Wasser, und mein Vater
bergab mich (zu Ostern 1752) an Schiffer Mich. Damitz, der soeben von
Kolberg nach Memel und von da nach Liverpool abgehen wollte, und in den
er ein besonderes Vertrauen setzte. Beide Fahrten waren glcklich. Wir
gingen weiter nach Dnkirchen, wo wir eine Ladung Tabak einnahmen; dann
ber Norwegen nach Danzig -- und so kam ich, kurz nach Neujahr, zu
Lande, um neunzehn Taler Lhnung reicher, nach Kolberg zurck. Ich
glaubte Wunder, was ich in diesen neun Monaten verdient htte! Und noch
vor wenig Jahren brachten es unsere Matrosen wohl auf fnfzehn und mehr
Taler monatlich. So ndern sich die Zeiten!

In den beiden nchstfolgenden Jahren (1753 und 54) schwrmte ich auf
mehr als einem Kolbergschen Schiffe und unter verschiedenen Kapitnen
auf der Ost- und Nordsee umher, und war bald in Dnemark und Schweden,
bald in England und Schottland, in Holland und Frankreich zu finden.

       *       *       *       *       *

Aber der alte Hang zum Abenteuern erwachte, so da ich in Amsterdam, wo
ich mit Kapitn Joach. Blank, einem alten lieben Kolbergschen Landsmann
und Verwandten, zusammentraf, der Versuchung zu einem weiteren Ausflug
lnger nicht widerstehen konnte, sondern mich, ohne weitere Erlaubnis
von Hause, flugs und freudig auf sein Schiff Christina, das nach Surinam
bestimmt war, als Konstabler verdingte. Als indes auf der Hinfahrt unser
Steuermann das Unglck hatte, ber Bord zu fallen und zu ertrinken, kam
ich fr diese Reise zu der Ehre, den Untersteuermann vorzustellen.

Man wei, da die Kolonie Surinam ihren Namen von dem Flusse fhrt, an
welchem auch dritthalb Meilen aufwrts die Hauptstadt Paramaribo gelegen
ist. An seiner Mndung ist er wohl zwei Meilen breit und bleibt gegen
sechzig Meilen landeinwrts, auch bei der niedrigsten Ebbe, fr
kleinere Fahrzeuge noch schiffbar. Nur wenig geringer ist der mit ihm
verbundene Flu Komandewyne, welcher bis gegen fnfzig Meilen aufwrts
befahren wird. Mit beiden steht noch eine Menge toter Arme oder Kreeks
in Verbindung, und an allen Ufern hinauf drngen sich die Zucker- und
Kaffeeplantagen, whrend alles brige Land eine fast undurchdringliche
Waldung ausmacht. Eben dadurch wird diese Kolonie eine der ungesundesten
in der Welt; und wenn eine Schiffsequipage von vierzig Mann binnen den
vier Monaten, welche man hier gewhnlich verweilt, nur acht bis zehn
Tote zhlt, so wird dies fr ein auerordentliches Glck gehalten.

Diese groe Sterblichkeit hat aber zum Teil auch wohl ihren Grund in den
anstrengenden Arbeiten, wozu die Schiffsmannschaften nach hiesigem
Gebrauche angehalten werden: denn sie mssen ebensowohl den Transport
der mitgebrachten Ladung an europischen Gtern nach den einzelnen
Plantagen, als die Rckfracht aus denselben an Kolonialwaren, besorgen.
Man bedient sich dazu einer Art von Fahrzeugen, _Punten_ genannt, die wie
Prahme gebaut sind und ein zugespitztes, mit Schilf gedecktes Wetterdach
tragen; so da sie das Ansehen eines auf dem Wasser schwimmenden,
deutschen Bauernhauses gewhren. Zwei solcher Punten werden jedem
Schiffe zugegeben, und mir, als Untersteuermann, kam es zu, mit Hilfe
von vier Matrosen die Fahrten auf den Strmen damit zu verrichten, wozu
denn oft vierzehn Tage und noch lngere Zeit erfordert wurden.

Bei unserer Ankunft gab es auf dem Schiffe ein kleines Abenteuer, das
unseren Schiffer eine Zeitlang in nicht geringe Sorge setzte, endlich
aber dennoch einen ziemlich lustigen Ausgang gewann. Unter der Ladung
nmlich, die wir in Amsterdam eingenommen hatten, befand sich auch eine
Kiste von etwa drei Fu ins Gevierte, worber der Kapitn zwar das
richtige Konnossement in Hnden hatte, ohne gleichwohl beim Lschen vor
Paramaribo die Kiste selbst an Bord wieder auffinden zu knnen. Sie war
an einen dortigen Juden adressiert, dessen wiederholte Nachfrage trotz
alles Suchens unbefriedigt bleiben mute. Diese Verlegenheit schlau
benutzend, brachte endlich der Hebrer nicht nur seine Klage bei dem
hollndischen Fiskal (Kolonie-Richter) an, sondern reichte zugleich ein
langes Verzeichnis ein von goldenen und silbernen Taschenuhren,
Geschmeiden und anderen Kostbarkeiten, zu einem Belaufe von beinahe
viertausend Gulden an Wert, die in der Kiste enthalten gewesen. Der
Proze ging seinen Gang, und der Jude brachte seine Beweise so bndig
vor, da das endlich erfolgte rechtskrftige Erkenntnis meinen Kapitn
zur vlligen Schadloshaltung binnen vierzehn Tagen verurteilte, dem es
brigens berlassen blieb, sich wiederum an seine Leute zu halten.

Ganz unerwartet aber fand sich nunmehr die verwnschte Kiste im hinteren
untersten Schiffsraum wieder auf, wo sie durch irgendein Versehen hoch
mit Brennholz berstaut gewesen war. Glcklicherweise hatte ihr Siegel,
das auch auf dem Konnossement abgedruckt war, keinen Schaden gelitten.
Aber zugleich kam es uns wunderlich vor, da die Kiste beim Heben und
Schtteln sich gar nicht so anlie, als ob Sachen von der angegebenen
Art darin enthalten sein knnten. Dieser Verdacht ward dem Fiskal unter
der Hand gesteckt. Er kam selbst an Bord, berzeugte sich von
Richtigkeit des Konnossements und der Unversehrtheit des Siegels, und da
der Jude ein armer Teufel war, dem sich mit einer Geldstrafe nichts
anhaben lie, so sollte er, wie es in aller Welt Brauch ist, fr den
versuchten Betrug mit seiner Haut bezahlen.

Zuvrderst ward ihm gemeldet, da sein Eigentum wieder zum Vorschein
gekommen sei und von ihm alsogleich am Bord in Empfang genommen werden
knne. Sein Erschrecken ber diese Nachricht war drollig genug, aber dem
Frieden nicht trauend, verlangte er, man mchte ihm die Kiste in Gottes
Namen nur an Land und in sein Haus schaffen; bis auf seine beharrliche
Weigerung der Fiskal ihn durch zwei Neger mit Gewalt und gebunden an
Bord holen lie. Hier mute er in dessen Beisein die Kiste als die
seinige und als vollkommen unverletzt anerkennen; dann aber auch
ffnen, und nun kam ein gar bunter Inhalt zum Vorschein. Der ganze
Trdel bestand aus Redoutenanzgen und fratzenhaften Gesichtslarven; der
unglckliche Eigentmer aber ward, auf des Richters Gehei, ber seine
Kiste hingestreckt und von ein paar Matrosen mit ihren Tauendchen so
unbarmherzig zugedeckt, da ihm wahrscheinlich alle hnliche
Spekulationen fr eine lange Zeit vergangen sein werden.

Eher htte man Surinam damals eine _deutsche_, als eine _hollndische_
Kolonie nennen knnen, denn auf den Plantagen, wie in Paramaribo, traf
man unter hundert Weien immer vielleicht neunundneunzig an, die hier
aus allen Gegenden von Deutschland zusammengeflossen waren. Unter ihnen
hatte ich whrend dieser Reise Gelegenheit, auch zwei Brder, des Namens
_Kniffel_, kennen zu lernen, die aus Belgard in Pommern gebrtig und also
meine nchsten Landsleute waren. Sie hatten in frherer Zeit als gemeine
hollndische Soldaten sich hierher verirrt, aber Glck, Flei und
Rechtlichkeit hatten sie seither zu Millionren gemacht, welche hier
eines wohlverdienten Ansehens genossen. Am Komandewyne besaen sie zwei
Kaffeeplantagen. Die eine hie Friedrichsburg, und eine andere dicht
daneben, welche von ihnen selbst angelegt worden, hatten sie ihrer
Vaterstadt zu Ehren _Belgard_ genannt. Zu Paramaribo war eine Reihe von
Husern, die eine Strae von vierhundert Schritten in der Lnge
bildeten, ihr Eigentum und fhrte nach ihnen den Namen _Kniffels-Loge_.
Ebendaselbst hatten sie eine lutherische Kirche aufgefhrt und zur
Erhaltung derselben fr ewige Zeiten die Einknfte der Plantage Belgard
gewidmet.

Diese Gebrder standen schon seit lngerer Zeit mit meinem Kapitn
Blank, als einem Kolberger und Landsmann, in besonders freundschaftlichem
Verkehr. Er versorgte sie und ihre Plantagen ausschlielich mit allem,
was sie aus Europa bedurften; und hinwiederum fhrte er alle ihre dortigen
Erzeugnisse nach Holland zurck. So geschah es auch bei der gegenwrtigen
Reise; da ich denn oft von ihm mit Auftrgen an sie geschickt und ihnen
auf diese Weise bekannt und lieb wurde. Schon die vielfltigen Beweise von
Gte, die ich von ihnen erfuhr, wrden mich veranlat haben, ihrer hier
zu gedenken, wenn nicht auch der Verfolg meiner Lebensgeschichte mir
wiederholt Gelegenheit gbe, auf ihren Namen zurckzukommen.

       *       *       *       *       *

Unsere Heimfahrt nach Amsterdam, die sechs Wochen whrte, war glcklich,
aber ohne weitere Merkwrdigkeit. Wir waren vierzehn Monate abwesend
gewesen, und unser Schiff bedurfte einer vllig neuen Verzimmerung, die
sich bis in den November 1755 zu verzgern drohte. Dies dauerte mir zu
lange und gab die Veranlassung, da ich in einen anderen Dienst, unter
Kapitn Wendorp, berging. Sein Schiff war nach Kurassao bestimmt; auf
der Rckreise ergnzten wir bei St. Eustaz unsere Ladung, und nach neun
Monaten, die ich hier kurz bergehe, warfen wir wiederum vor Amsterdam
wohlbehalten die Anker.

Hier warteten Briefe auf mich von meinen Eltern, von so drohendem Inhalt
und angefllt mit so gerechten Vorwrfen, da ich's wohl nicht lnger
verschieben durfte, mich zum zweitenmal, als der verlorene Sohn, reuig
nach Hause auf den Weg zu machen. Doch fand ich gleich im voraus einigen
Trost in dem Vorschlage, da meines Vaters Bruder bestimmt sei, des
Herrn Beckers Schiff, genannt die Hoffnung, mit einer Ladung Holz von
Rgenwalde nach Lissabon zu fhren, und mit dem sollte ich fahren. Dies
war im Jahre 1756.

So ging ich denn als Passagier nach Danzig und traf es da eben recht,
da zwlf junge und schmucke seefahrende Leute ausgesucht werden
sollten, um die sogenannte Herren-Borse aufs stattlichste zu bemannen.
Es war nmlich zu der Zeit der Knig August von Polen in der Stadt
anwesend, und auf der Reede lag eine zahlreiche Flotte von russischen
Kriegsschiffen vor Anker, der er einen Besuch abzustatten gedachte. Zu
dieser Lustfahrt, die Weichsel hinunter, sollte nun jene Staatsjacht
dienen. Zufllig kriegte man mich mit an, um die Mannschaft vollzhlig
zu machen, und sowohl das Auerordentliche bei der Sache, als auch der
Dukaten, der dabei fr jeden Mann abfallen sollte, machten mir Lust,
diesen Ehrendienst zu verrichten.

Das dauerte aber nur so lange, bis wir zum Schifferltesten Karsten
kamen, wo wir zu der Feierlichkeit mit einer Art von Uniform aufgeputzt
werden sollten, die mit blanken Schilden und vielen roten, grnen und
blauen Bndern verbrmt war. So ausstaffiert, hielt man mir zuletzt
einen Spiegel vor: -- aber wie erschrak ich, als ich sah, was fr einen
Narren man aus mir gemacht hatte! Das war jedoch das wenigste! Allein
das Herz im Leibe wollte mir zerspringen, wenn ich dabei bedachte, da
ich einen anderen, als meines eigenen Knigs Namenszug im Schilde an
meiner Stirne tragen sollte. Die Trnen traten mir in die Augen. Mir
war's, als mutete man mir zu, meinen groen Friedrich zu verleugnen.
Gern htte ich mir alles wieder vom Leibe gerissen und htte den Handel
wieder aufgesagt, wenn es mglich gewesen wre. Doch ich war einmal
unter den Wlfen und mute mit ihnen heulen! Indes gelobte ich mir's,
diesen Makel dadurch wieder gut zu machen, da ich den verheienen
Dukaten dem ersten preuischen Soldaten zuwrfe, der mir begegnen wrde.
Ein alter Husar wurde dies Glckskind, und der mag sich wohl nicht
schlecht verwundert haben, da ein achtzehnjhriges Brschchen wie ich
mit Gold um sich warf!

       *       *       *       *       *

Im Monat August traf ich in Kolberg ein, fand meines Oheims Schiff
bereits in der Ausrstung und ging mit diesem auf die Rgenwalder Reede,
wo wir unsere Ladung Holz einnahmen. Mit mir fuhr mein jngerer Bruder,
sechzehn Jahre alt, als Kajtenwrter. Auch hatte mein Oheim seinen
eignen vierzehnjhrigen Sohn mitgenommen, und es befanden sich unserer
in allem dreizehn Menschen an Bord. Aber gleich der Anfang dieser Fahrt
versprach wenig Gutes, da wir durch Sturm und widrige Winde dergestalt
aufgehalten wurden, da wir erst mit Ausgang Oktober im Sunde anlangten.

Hier ging mein Oheim mit mir und noch drei anderen Matrosen in der
Segelschaluppe nach Helsingr an Land, woselbst seine Geschfte ihn so
lange verweilten, da wir erst abends um neun Uhr auf den Rckweg kamen.
Die See ging hoch, und unser Fahrzeug, das mit Wasser- und Bierfssern
und anderen Provisionen schwer beladen war, hielt wenig Bord. Zudem
stand uns ein steifer Sdwind entgegen, der uns zum Lavieren ntigte;
und eben machten wir einen Schlag dicht hinter dem dnischen
Wachtschiffe vorber, als ein harter Stowind so pltzlich aufstieg und
so ungestm in unsere Segel fiel, da die Schaluppe Wasser schpfte,
umschlug und im Hui den Kiel nach oben kehrte.

Ich ergriff ein Ruderholz, und war so glcklich, mich ber dem Wasser zu
erhalten. Wo die anderen blieben, sah ich nicht. Indes war unser Unglck
von dem dnischen Kriegsschiffe nicht unbemerkt geblieben; und sogleich
stie ein Fahrzeug ab, uns zu retten. Allein es war stockfinster und von
uns Verunglckten keine Seele aufzufinden. Nur die Schaluppe kam ihnen
in den Wurf und ward geborgen; freilich aber war die ganze Ladung
davongeschwommen und ging verloren.

Unter uns Umhertreibenden mochte ich wohl der erste sein, der sich
glcklich aus diesem bsen Handel zog. Ich trieb nmlich gegen ein vor
Anker liegendes Schiff und erhielt mich so lange am Ankertau, bis die
Leute mich zu sich an Bord ziehen konnten. Mein guter Oheim hingegen
ward ebensowohl durch den harten Sturm als die schnelle Strmung beinahe
eine Viertelmeile weit bis unterhalb des dnischen Kastells
davongefhrt. Aber indem er sich kmmerlich an einer Segelstange
festgeklammert hielt, brauchte er wohl eine Stunde, bevor er mit
Schwimmen das Land erreichte. Zwei Matrosen wurden durch eine
Lotsenjolle gerettet; einer aber blieb leider verloren.

Erst am Morgen fanden wir vier Geborgenen uns in Helsingr wieder
zusammen. Unsere Schaluppe ward uns von dem Wachschiffe wieder
zurckgegeben; wir ersetzten unsere verunglckte Ladung durch angekaufte
neue Vorrte, versahen uns mit frischen Rudern und kehrten sodann nach
unserem Schiffe zurck. Sobald Wind und Wetter wieder gnstiger geworden
waren, sumten wir nicht, unsere Fahrt, trotz der spten und bsen
Jahreszeit, fortsetzen.

Am 2. Dezember nahmen wir, nicht ohne Beunruhigung, wahr, da ein
gewaltiger Sturm aus Norden uns auf die flmischen Bnke geworfen hatte,
deren Gefhrlichkeit wir nur gar zu wohl kannten. Nur zu bald bekamen
wir mehrere heftige Grundste, die unser Steuerruder aussetzten und uns
seiner verlustig machten. Um nicht augenblicklich auf den Strand zu
geraten, blieb nichts brig, als uns auf der Stelle vor zwei Anker zu
legen. Es war zehn Uhr vormittags; das Land eine kleine halbe Meile
entfernt, und unser Ankerplatz, auf vier Faden Tiefe, mitten in der
schumenden Brandung; whrend unsere Segel, die wir nicht mehr
festmachen konnten, im Winde flatterten. Welle fr Welle strmte ber
das Verdeck hinweg, so da wir uns smtlich oben im Mast festsetzen
muten.

Unsere Lage ward noch unerfreulicher, da wir uns hier im Angesichte der
flandrischen Kste befanden. _Hier_ war also sterreichisches Gebiet, _wir_
preuische Untertanen, und Preuen mit sterreich seit kurzem im _Kriege_
begriffen. Mein Oheim verbot uns demnach zu verraten, da wir von
Rgenwalde kmen und ein preuisches Schiff htten. Vielmehr sollten wir
in der Aussage bereinstimmen: Schiff und Ladung sei schwedisches
Eigentum, komme von Greifswalde und sei nach Lissabon bestimmt. Sobald
der Sturm es nur zulasse, setzte er hinzu -- wolle er hinabsteigen, die
preuische Flagge vernichten und ebensowohl seine Schiffspapiere
beiseite zu bringen, als der bereitgehaltenen schwedischen Dokumente
aus der Kajte habhaft zu werden suchen.

Wirklich auch entschlo er sich zu diesem gewagten Versuche: aber beim
Niedersteigen schwankte der Mast dergestalt und ein unglcklicher Schlag
des peitschenden Segels traf ihn so gewaltsam, da es ihm unmglich
wurde, sich lnger zu halten. Er fiel, strzte mit dem Rcken auf den
Rand des auf dem Verdecke stehenden Bootes, von da mit dem Kopfe gegen
die scharfe Ecke eines Pllers, und endlich auf das Deck, welches die
Sturzwellen immerfort so hoch, als die Seitenborde ragten, mit Wasser
berschwemmt hielten; und so sahen wir ihn in diesem Wasser hin und her
gesplt werden. Der Anblick war so grlich, da wir ihn lnger nicht
ertragen konnten. Ich wagte mich mit noch zwei Matrosen hinab; wir zogen
ihn mit Mhe auf das Kajtendeck, wo doch nicht jede Woge eine
berschwemmung verursachte, und waren nun in der Nhe Zeugen von seinem
jammervollen Geschicke. Der Schlag des Segels hatte das linke Auge
getroffen, welches weit aus dem Kopfe nur noch an einer schwachen Sehne
hervorhing. Das Blut drang zugleich aus Mund, Nase und Ohren. Aus der
hohlen Brust sthnte ein dumpfes Rcheln, ohne Spur eines Bewutseins.
Trost- und ratlos schob ich ihm das hngende Auge in den Kopf zurck und
band ihm mein Halstuch darber. Um und neben ihm lagen nun ich, sein
Sohn und noch ein getreuer Matrose in fester Umklammerung, um uns gegen
die Gewalt der Sturzseen zu erhalten, und unbeweglich bis gegen fnf Uhr
abends, da endlich unsere Ankertaue brachen und wir, bei halber Flut,
unaufhaltsam gegen den Strand getrieben wurden.

Endlich stie das Schiff auf den Grund und hielt mit heftigen Sten an,
solange das Wasser im Wachsen blieb. Erst als die Ebbe wieder eintrat,
sa es vllig fest: aber nun brachen sich auch die rollenden Wellen mit
solcher Macht dagegen, da jede einzelne darber wegschlug und Schaum
und Gischt die volle Hhe des Mastes emporgewirbelt wurden. Allmhlich
brach auch das Gebude in all seinen Fugen und wir sahen die Stcke
unter unseren Fen eins nach dem anderen davontreiben. Sowie aber die
Ebbe sich immer weiter zurckzog, lie auch die zertrmmernde Gewalt des
Wogendranges nach, die uns sonst unausbleiblich in den Abgrund mit
fortgerissen htte; das Verdeck ward von Wasser frei und wir konnten
wieder einen Gedanken an Rettung fassen.

Es war Mondschein, und am Lande erblickten wir eine Menge von Menschen,
die uns aber, bei unserer noch betrchtlichen Entfernung vom Ufer, nicht
helfen konnten. Zwar banden wir ledige Wasserfsser an Taue und warfen
sie ber Bord, in der Meinung, da sie dorthinwrts treiben sollten;
allein die Strmungen der Ebbe rissen sie vielmehr in der
entgegengesetzten Richtung mit sich fort. Jetzt fiel uns ein, da wir
einen Pudel auf dem Schiffe hatten, der wohl ans Land schwimmen und die
ersehnte Gemeinschaft mit jenen Helfern bewirken knnte, wenn wir ihm
ein Tau um den Leib bnden und dieses nach und nach fahren lieen. Es
geschah: doch das arme Tier wollte dem Schiffe nicht von der Seite; und
wenn auch eine Sturzwelle es eine Strecke mit sich fortschleuderte, so
kam es doch alsobald wieder zurckgeschwommen und winselte, an Bord
aufgenommen zu werden. Vergebens schlugen wir nach ihm mit Stangen und
Tauen, bis es uns endlich erbarmte und wir das treue Geschpf wieder an
Bord nahmen.

So schlich die Mitternacht heran, wo uns deuchte, da nunmehr die
Ebbezeit wohl abgelaufen sein mte. Jetzt also befanden wir uns dem
Strande am nchsten, der, unserer Schtzung nach, zwei- oder dreihundert
Schritte entfernt sein mochte; und so war es denn auch an der hchsten
Zeit, alles aufzubieten, um, wo mglich, lebendig an Land zu kommen,
bevor die Flut wieder stiege, deren Gewalt ohnehin das Schiff nicht mehr
ausdauern konnte, ohne gnzlich in Trmmer zu gehen. Es mute gewagt
sein! Sowie demnach eine Sturzwelle nach der anderen sich zu uns
heranwlzte, so sprang auch, der Reihe nach, jemand von uns ber Bord
und ward sogleich mit der Brandung gegen das Ufer hin getrieben, wo die
Menschen uns aufzufangen und aufs Trockene zu bringen bereit standen.

Ich, samt meinem Bruder und dem Sohne meines Oheims -- wir waren die
letzten, die, um den Rchelnden her, mit den Armen fest verschlungen,
dies alles vom Kajtendeck mit ansahen, aber uns nicht entschlieen
konnten, dies teure Jammerbild zurckzulassen. Wir schrien, wir
wimmerten, und wuten nicht, was wir mit demselben anfangen sollten. Vom
Strande her ward uns durch ein Sprachrohr unaufhrlich zugeschrien:
Springt ber Bord! Springt ber Bord! Wchst das Wasser mit der Flut
wieder an, so seid ihr verloren! -- Springt! Springt!

Angefeuert und bengstigt zugleich durch dies Rufen, zogen wir endlich
unseren Leidenden, dessen Bewutsein vllig geschwunden war, hart an den
Bord des Schiffes und nahmen eine besonders mchtige Sturzwelle in acht,
mit welcher wir ihn in Gottes Namen dahinfahren lieen. Zu unserer
unaussprechlichen Freude sahen wir, wie er mit derselben im Fluge dem
Lande zugefhrt wurde, und wie dort die guten Leute ihn auffingen, ehe
er noch von der See wieder zurckgesplt werden konnte. Jetzt trieb ich
meinen Bruder, den entscheidenden Sprung zu wagen, dann den Sohn meines
Oheims; und ein Stein nach dem andern fiel mir vom Herzen, da ich sie
alsobald gerettet und in Sicherheit erblickte. Nun warf ich mich
gleichfalls, als der letzte, wohlgemut in die rollenden Wogen, und in
der nchsten Minute umfingen mich auch bereits hilfreiche Arme, die mich
den Strand hinauf ins Trockene trugen.

Es ergab sich, da die Mehrzahl unserer menschenfreundlichen Retter aus
sterreichischen Soldaten bestand, welche hier, seitdem ihre Kaiserin,
Maria Theresia, sich auch mit England im Kriege befand, zur Deckung der
Kste postiert standen und etwa alle zweitausend Schritte ein Wachthaus
am Strande hatten. In ein solches Gebude ward nun auch unser armer
zerschmetterter Oheim von uns, mit Hilfe der Soldaten, an Armen und
Beinen getragen, und man deckte ihn mit allem, was sich an trockenen
Kleidungsstcken vorfand, sorgfltig zu, um ihn wieder zu erwrmen.
Neben ihm, zu beiden Seiten, lagen sein Sohn und ich, hielten ihn umfat
und nahmen ihm von Zeit zu Zeit das geronnene Blut aus dem Munde.

So mochte er etwa eine Stunde gelegen haben, als er zum erstenmal wieder
nach seinem unglcklichen Falle den Mund zu der hervorgesthnten Frage
ffnete: O Gott! Ist mir noch zu helfen? -- Das war Musik in meinen
Ohren! Mit freudiger Hast erwiderte ich ihm: Ja, ja, lieber
Vatersbruder! Gott kann -- Gott wird Euch noch wieder helfen. Wir sind
am Lande. -- So bringt mich denn zu einem Doktor! war seine kaum
verstndliche Antwort, und ich konnte ihn damit trsten, da bereits
nach einem geschickt sei.

Dem war wirklich also: denn sofort nach unserer Landung war auch an die
nchste Garnison in Veurne, welches dreiviertel Meilen entfernt lag,
eine Meldung geschehen und um rztliche Hilfe gebeten worden. Zugleich
erfuhren wir von den Soldaten, da wir uns hier drei Meilen von Nieuport
und zwei Meilen von Dnkirchen befnden. Der Grund und Boden unter uns
war sterreichisch, aber die franzsische Grenze, nach letzterem Orte
hinwrts, nur eine Viertelmeile entfernt. Als man uns (wie sofort
geschah) ber unser Woher und Wohin befragte, so erklrten wir uns, der
frheren Abrede eingedenk, fr Schwedisch-Pommern aus Greifswalde, die
eine Ladung Balken nach Lissabon htten bringen wollen.

Am 3. Dezember, mit dem frhen Morgen, erschien ein Fuhrwerk, mit Stroh
gefllt und einer Leinwanddecke versehen, welches angewiesen war, unsern
armen Oheim in das Lazarett nach Nieuport zu schaffen. Dieser Ort war
mir, aus Furcht einer mglichen Entdeckung unserer wahren Herkunft,
nicht recht gemtlich; dagegen vermeinte ich unserem Elende in
Dnkirchen vielleicht besseren Rat zu schaffen, wo ich vor ein paar
Jahren bereits gewesen war und einigermaen des Ortes Gelegenheit
kannte. Ich schlug daher unserem Fhrer vor, seinen Kranken lieber nach
der franzsischen Grenzstadt zu bringen; und hierzu lie er sich auch um
so bereitwilliger finden, da er eine Meile am Wege ersparte.

Mit schwerer Mhe ward der Oheim auf den Wagen gehoben. Ich und sein
Sohn legten uns zu beiden Seiten neben ihn und hielten ihn mglichst
sanft in unseren Armen, whrend mein Bruder den Wagen begleitete,
welcher den ebenen Weg lngs dem Seestrande einschlug. Gott wei aber,
da ich wohl nie mehr geweint und gejammert habe, als auf dieser Fahrt.
Der geringste Ansto des Wagens verursachte dem Kranken die peinlichsten
Schmerzen, da er klglich winselte und zugleich an den Stcken
geronnenen Blutes im Munde und Halse zu ersticken drohte, wie sehr ich
auch bemht war, ihm Luft zu verschaffen.

So kamen wir endlich nachmittags (es war an einem Sonntage) in
Dnkirchen an. Ich lie den Fuhrmann vor einem Wirtshause halten,
welches das Schild zum roten Lwen fhrte, denn hier hatte ich bei
meiner frheren Anwesenheit zuweilen ein Glas Bier getrunken und
rechnete mich also in meinem Sinne zu den Bekannten des Hauses. Das
hinderte jedoch nicht, da ich hier mit meiner unerwnschten Begleitung
geradezu ab- und nach dem Klosterhospital hingewiesen wurde, wo der
rechte Ort fr fremde Kranke und Gebrechliche sei. Wirklich auch waren
wir dort kaum angelangt und mein Oheim vom Wagen gehoben, so sahen wir
ihn auch von einem Schwarm katholischer Ordensgeistlicher umzingelt, die
ihn in Empfang nahmen und zuvrderst auf einen langen und breiten Tisch
ausstreckten, wo er bis auf die nackte Haut entkleidet wurde.

Hiernchst fand sich eine Anzahl von Doktoren und Chirurgen ein, welche
nun zu einer genaueren Untersuchung seiner Verletzungen schritten. Die
erste Operation geschah durch Lsung des Tuches, welches ich dem Armen
gleich nach seinem unglcklichen Falle um das Auge gebunden. Jetzt war
dieses mit dem geronnenen Blute an dem Verbande festgetrocknet und zog
sich mit demselben weit aus dem Kopfe hervor. Da es nur noch durch einen
dnnen Nervenstrang in der Augenhhle befestigt hing, so war es freilich
rettungslos verloren, ward kurzweg abgeschnitten und auf eine Teetasse
hingelegt.

Bei weiterer Untersuchung ergab sich's, da das linke Bein, oberhalb dem
Knie, im dicken Fleische gebrochen war; doch am bedenklichsten blieb die
Zerschmetterung eines Rckenwirbels, dicht unterm Kreuz, und die dem
armen Manne auch wohl die empfindlichsten Schmerzen verursachen mochte;
denn whrend man ihn nach der Kunst behandelte und die Gliedmaen bald
so, bald anders reckte und dehnte, hrte er nicht auf zu winseln und zu
chzen. Uns drei Jungen, die wir Zeugen von dem allem waren, schnitt
jeder Klageton tief durchs Herz; und wir heulten und lamentierten mit
ihm in die Wette, so da man sich gentigt sah, uns aus dem Gemache
fortzuweisen.

Nachdem der Kranke endlich geschient und verbunden worden, legte man ihn
auf ein Feldbett, welches man in die Mitte des Zimmers hingestellt
hatte. Eine Klosternonne (Beguine) sa neben ihm und flte ihm von Zeit
zu Zeit einen Lffel roten Weines ein, den sie auf einem Kohlenbecken zu
ihrer Seite erwrmte. Am Kopfende des Bettes aber standen wir arme
Verlassene und weinten unsre bitterlichen Trnen; und so whrte das bis
abends, wo ein Pater uns andeutete, da wir die Nacht ber im Kloster
nicht bleiben knnten, sondern uns nach einer anderen Herberge umsehen
mten. Diese fanden wir denn auch zu unserer notdrftigen Erquickung in
dem vorgedachten Wirtshause; doch brachten wir eine schlaflose,
trbselige Nacht zu und wuten nicht, wo Trost und Hilfe zu finden.

Kaum graute auch nur der Morgen, so machten wir uns wieder nach dem
Kloster auf den Weg, wo wir den Oheim noch in dem nmlichen Zustande,
wie gestern, fanden. Indes hatte man uns verstndigt, da heute Posttag
sei, und so lie ich mir im Gasthofe Papier und Schreibzeug reichen und
brachte den Rest des Tages damit zu, sowohl an unsern Schiffsreeder,
Herrn Becker, als an meine Eltern nach Kolberg zu schreiben. Die Briefe
wurden versiegelt, und am nchsten Morgen standen wir wiederum, von
Herzen betrbt, am Bette unseres Kranken, ohne da wir eine merkliche
Vernderung an ihm sprten. Ich beugte mich indes dicht zu seinem Ohre
und versuchte die Frage: Lieber Vatersbruder, sollen wir auch nach
Kolberg schreiben? Er hatte mich verstanden, denn er schttelte mit dem
Kopfe, als ob er Nein sagen wollte. So schwach auch dieser
Hoffnungsstrahl seiner wiederkehrenden Besinnung war, so erfllte er
mich doch mit Mut, da wohl noch alles wieder gut werden knnte. Ich
glaubte darum auch, da ich die Briefe unbedenklich abgehen lassen
drfte, gab den anderen beiden einen verstohlenen Wink und eilte mit
ihnen nach dem Postkontor.

Unsere Abwesenheit mochte etwa dreiviertel Stunden gedauert haben. Doch
als wir wieder in das Kloster und das Krankenzimmer eintraten, fanden
wir zu unserer hchsten Bestrzung und unbeschreiblichem Schmerze nur
unseres guten Oheims Leiche vor. Sie ward auch alsbald aus dem Bette
genommen auf den nmlichen Tisch wie vorhin ausgestreckt, abermals
vllig entkleidet und der wiederholten genauen Besichtigung der rzte
unterworfen, wo sich denn die zuvor bemerkten Verletzungen noch
deutlicher besttigten. Sobald uns aber die Doktoren verlassen hatten,
traten einige Pfaffen herzu und fragten mich: Zu welchem Glauben dieser
unser Schiffskapitn sich bekannt habe? Ich antwortete unbedenklich:
Ei, zum Lutherschen!

Sowie dies unglckliche Gestndnis ber meine Lippen floh, war es
gleich, als ob das Gewitter ins Kloster geschlagen htte. Alles geriet
in Bewegung; der eine sprach hitzig mit dem andern; niemand wollte den
Seligen anfassen, und doch muten die Ketzergebeine, ehe die Sonne
unterging, aus dem geweihten Bezirke fortgeschafft werden. Man steckte
uns endlich eine beschriebene Karte in die Hand, die an einen Tischler
lautete, welcher wohl die Lieferung der Srge fr das Hospital auf sich
haben mochte. Denn als wir ihn uns endlich ausgefragt hatten, fanden wir
deren bei ihm einen reichlichen Vorrat vor und wurden bedeutet, unter
denselben einen nach der Gre unserer Leiche auszusuchen. Unsere Wahl
fiel auf den lngsten, weil unser Oheim von einer ansehnlichen Statur
gewesen war, und mit diesem Sarge wanderten wir nun nach dem Kloster
zurck.

Hier trieb man uns, ohne sich zu irgendeiner Handreichung zu verstehen,
mit barschem Ernste, den Leichnam unverzglich einzusargen und ihn aus
dem Gemache hinweg auf die Strae unter einen uns dazu angewiesenen
Schuppen zu bringen. Unsere Wehmut kannte keine Grenzen. Indes taten
wir, wie uns geboten worden; man reichte uns Hammer und Ngel, um den
Deckel zuzuschlagen, und nun hoben wir an, den Sarg mit den uns so
teuren berresten eine kurze Strecke auf den Flur fortzuziehen und zu
schieben. Hier aber bermannte und lahmte der ungeheure Schmerz
pltzlich all unsere Krfte, und wir fhlten uns, in ein lautes und
vereintes Jammergeschrei ausbrechend, ohne Vermgen, die geliebte Last
auch nur einen Schritt weiter zu bringen. Ich fiel vor dem einen Pater
auf die Knie und bat um Gottes willen, man mchte sich unser erbarmen,
denn wir knnten hier nichts mehr tun.

Jetzt gab es ein kurzes Gesprch unter den Anwesenden; ein Aufwrter
ward fortgeschickt, und binnen einer Viertelstunde erschienen vier Kerle
mit einer Trage, und jeder mit einem Spaten versehen. Sie packten die
Leiche an; und so ging der Zug zum Tore hinaus, etwa zweitausend
Schritte weit und gerade auf eine Kirche zu. Wir, die wir den Trgern
gefolgt waren, meinten, der Leichenzug eile dem Kirchhofe zu. Das war
aber weit gefehlt: denn es ging, neben dem Gotteshause vorber, wohl
noch tausend Schritte weiter auf ein freies Feld; und da die Trger ihre
Last wohl zwanzigmal niedergesetzt hatten, um frischen Atem zu
schpfen, so begann es bereits dunkel zu werden, bevor wir die
Grabsttte erreichten.

Es war ein Fleck am Wege, der nichts hatte, was einem Totenacker hnlich
sah. Hier sollten wir nun ein Grab graben; da es aber den Kerlen damit
zu lange whrte, nahmen sie uns verdrielich die Spaten aus den Hnden,
schaufelten und schalten uns Ketzer. Wir hingegen gaben alle mgliche
gute Worte; und sobald auch nur das Grab so tief geffnet war, da der
obere Sargdeckel unter Erde kommen konnte, senkten wir die Leiche mit
Weinen und Wehklagen hinein, fllten die Erde drber her, nahmen unter
tausend heien Trnen Abschied, und wanderten bekmmert wieder auf
unseren roten Lwen zu; -- doch nur, um nach einer ngstlich
durchseufzten Nacht gleich am nchsten Morgen wieder das Grab des lieben
Oheims aufzusuchen und auf demselben zu jammern.

Frwahr, wer eine menschliche Seele hat, wird unser Elend mit uns
fhlen! Da saen wir drei Jungen, von achtzehn bis zu vierzehn Jahren
herab, in der grten Leibes- und Seelennot -- in einem ganz fremden
Lande, auf dem freien Felde und ber dem frischen Grabhgel unseres
geliebten Vaters und Fhrers! -- saen, als eine arge Ketzerbrut von
jedermann gemieden und ausgestoen, ohne einen Pfennig im Vermgen,
nichts _in_ und wenig _auf_ dem Leibe, in dieser rauhen Jahreszeit, ohne
Trost oder Hilfe von Menschen! _Betteln_ konnten und wollten wir nicht:
lieber htten wir hier auf dieser Grabeserde des geliebten
Hingeschiedenen gleichfalls verscheiden und verschmachten mgen! Er
allein war in diesen trostlosen Augenblicken unser Gedanke und unsere
Zuflucht. O Vatersbruder, erbarmt Euch! riefen wir unaufhrlich, bis
wir uns mde geschrieen hatten und das Trichte unseres Beginnens
einsahen.

       *       *       *       *       *

Jetzt erst konnten wir uns untereinander beraten, was wir in dieser
unserer gnzlichen Verlassenheit anzufangen htten? Der Schlu fiel
dahin aus, da wir des nchsten Morgens zu unserem Schiff und unseren
anderen Kameraden zurckkehren wollten. Wo _diese_ blieben, wollten auch
_wir_ bleiben und ihr Schicksal mit ihnen teilen. Unser einziger und
letzter Notanker aber war des verstorbenen Oheims Taschenuhr, die wir an
uns genommen hatten und, wenn uns zuletzt das Wasser an die Kehle ginge,
loszuschlagen gedachten. Ob dies schon im roten Lwen wrde geschehen
mssen, wohin wir nun zunchst zurckkehrten, sollten wir alsbald
erfahren. Gesttigt und durch einigen Schlaf erquickt, kam denn auch am
Morgen darauf unsere bisherige Zeche zur Sprache. Doch der gute Wirt,
den unser trauriges Schicksal erbarmt hatte, war mit unserem Danke und
einem herzlichen Gott lohn's! zufrieden; wir aber wanderten ebenfalls in
Gottes Namen wieder den Strand entlang, um unsere zurckgelassenen
Unglcksgefhrten aufzusuchen.

Noch waren wir indes keine Meile gegangen, als unser Schiffskoch, namens
Roloff, uns aufstie und uns berichtete: die sterreichischen
Strandwchter htten unsere preuische Flagge von dem zertrmmerten
Schiffe am Ufer aufgefischt; die Mannschaft sei hierauf nochmals in ein
scharfes Verhr genommen worden und habe sich endlich zu ihrer wahren
Landsmannschaft bekennen mssen. Von Stund an habe man sie als
Kriegsgefangene und mit Hrte behandelt, habe sie gentigt, die Trmmer
des Schiffes und der Ladung mit angestrengter Arbeit ans Land bergen zu
helfen, zugleich aber auch sie in so genauer Obacht gehalten, da nicht
einer, ohne militrische Begleitung, sich nur bis zwischen die nchsten
Sanddnen habe entfernen drfen. Dennoch sei es ihm selbst in dieser
letzten Nacht geglckt, seinen Aufsehern zu entwischen, und er gedenke
nunmehr nach Dnkirchen zu gehen, wo er in Sicherheit zu sein hoffe; --
uns aber rate er wohlmeinend, auf der Stelle wieder mit ihm umzukehren.

In der Tat war dieser Vorschlag der beste und ward unbedenklich von uns
angenommen. Indem ich aber in unserer neuen Not alles reiflich bei mir
berdachte, kam mir wieder der Kaufmann in Dnkirchen in Sinn, an
welchen Schiffer Damitz vor vier Jahren, als er mit mir von Liverpool
kam, seine Ladung Tabak abgeliefert hatte. Sein Haus war mir noch
erinnerlich: doch sein Name nicht. Indes beschlo ich, geradesweges zu
ihm zu gehen, ihm unsere Not zu klagen und ihn um Rat und Beistand zu
bitten. Daneben fiel mir bei, da unser Schiff in Amsterdam fr
Seeschaden und Trken-Gefahr versichert gewesen und da der
Kommissionr, der dies Assekuranz-Geschft besorgt hatte, den Namen
Emanuel de Kinder fhrte. Ich konnte demnach den Dnkircher Kaufmann
bitten, da er an diesen Agenten unsers Reeders nach Amsterdam schriebe
und in unserem Namen um einen Vorschu von einhundert Gulden fr
Rechnung Herrn Beckers oder meines Vaters in Kolberg bte. Damit lie
sich dann schon hoffen, unsere Heimat wieder zu erreichen.

Alles dieses ging auch nach Wunsch in Erfllung. Der Kaufmann war willig
und bereit, uns in der vorgeschlagenen Weise zu dienen. Binnen acht
Tagen ging auch eine Antwort von Emanuel de Kinder an ihn ein, mit der
Anweisung: da, wenn wir des Nettelbecks Kinder wren, er uns die
hundert Gulden, oder falls wir es verlangten, auch das Zweifache auf
sein Konto vorschieen mge. Allerdings war das brav von dem
Amsterdamer: aber noch heute diesen Tag freut es mich, da ich diese
Wohltat im Jahre 1783 -- also 27 Jahre nachher -- an seinem Sohne,
Florens de Kinder, habe vergelten knnen, indem ich mich, mit einer
reichen Ladung von Lissabon kommend, an diesen adressieren lie; und
gewi hat er hierbei, als Korrespondent, ber 2000 Gulden gewonnen.

Ich war ein so guter Wirt, da ich mich mit der Hlfte des angebotenen
Darlehns begngte; und das um so lieber, da uns der Dnkircher belehrte:
Es sei auf diesem Platze der Brauch, da Seefahrer, die an der dortigen
Kste ihr Schiff verloren, einen Sou (etwa vier Pfennige unseres Geldes)
fr eine jede Meile bis nach ihrer Heimat, als Reisegeld, empfingen.
Zugleich erbot er sich, jemand von seinen Leuten mit uns nach dem
Stadthause zu schicken, um uns diesen Zehrpfennig auswirken zu helfen.
Dort war jedoch den Herren, denen wir Kolberg als unsere Vaterstadt
nannten, dieser Ort ein ganz unbekanntes Ding, denn damals hatten ihm
die wiederholten Belagerungen noch keinen Ruf in der politischen Welt
gegeben. Ich bat mir demnach eine Seekarte aus und wies in derselben die
Lage dieses Handelshafens nach; ward aber zugleich auch aufgefordert,
dessen Entfernung von Dnkirchen abzumessen. Dies trug ber See gegen
190 Meilen aus; und ebensoviel Sous wurden auch jedem von uns dreien auf
der Stelle ausgezahlt.

So waren wir denn mit unserem Reisebedrfnis notdrftig ausgerstet:
doch nun galt es die Frage, welchen Weg wir einschlagen sollten, um
wieder zu den unsrigen zu gelangen? Es war Winter und die See so gut wie
gesperrt. Zu Lande aber htten wir uns durch die sterreichischen
Niederlande wagen mssen, wo wir, als Preuen, Gefahr liefen, gleich an
der Grenze in Nieuport, Ostende, oder wo es sonst sei, angehalten zu
werden. Indes ereignete sich, ber unser Erwarten, bald genug eine
Gelegenheit, die wir zu unserem Weiterkommen nicht glaubten versumen zu
drfen. Die Dnkircher Kaper hatten nmlich einen englischen Kutter als
Prise aufgebracht und denselben an einen Schiffer von Bremen namens
Heindrick Harmanns verkauft. Dieser belud denselben sofort mit losen
Tabaksstengeln und war willens, damit nach Hamburg zu gehen. Die gesamte
Schiffsmannschaft bestand, auer ihm selbst, nur aus zwei Matrosen; und
wir drei waren ihm als Passagiere um so lieber, da wir uns erboten,
gegen die Kost, die er uns reichen sollte, die Wache mit zu halten.

       *       *       *       *       *

Vier Tage vor Weihnachten gingen wir in See. Es begann hart zu frieren,
und das ganze Fahrzeug nahm zuletzt die Gestalt eines groen Eisklumpens
an. Da wir so wenig auf dem Leibe hatten, wurden uns unsere Wachen
herzlich sauer. Uns fror jmmerlich; daher begruben wir uns, so oft die
Wachzeit zu Ende lief, im Raume tief in die Tabaksstengel; kamen aber
gewhnlich ebenso erfroren wieder heraus, als wir hineingekrochen waren.
Unsere Schiffsleute verfuhren auch so unbarmherzig mit uns, da sie uns
nicht in ihre Schlafkojen aufnehmen wollten, wiewohl dies, whrend sie
selbst sich auf der Wache befanden, fglich htte geschehen knnen.
Ebensowenig lieen sie uns, zu unserer Erwrmung, das geringste von
ihren Kleidungsstcken zukommen; und selbst die krglichen Mundbissen,
die wir erhielten, wurden uns nur mit Widerwillen und Brummen
hingestoen.

So kamen wir vor die Mndung der Elbe. Da wir hier aber alles mit Eis
besetzt fanden und berdem auch sich ein Ostwind erhob, wurde der
Beschlu gefat, wieder umzukehren und an der hollndischen Kste einen
Nothafen zu suchen. Vor der Insel Schelling fand sich auch ein Lotse zu
uns an Bord, der uns, schon bei spter Abendzeit, zwischen die Bnke im
Vorwasser brachte. Weil uns indes der Wind entgegenstand und wir nicht
weiter hineinkommen konnten, warfen wir Anker, und der Lotse ging wieder
an Land, mit dem Versprechen, sobald der Wind sich umsetzte, zu uns
zurckzukehren. Aus den uerungen unseres Schiffers ging hervor, wie
erwnscht es ihm sei, gerade an diesem Punkte an Land gekommen zu sein,
denn sein Vater fahre als Beurtschiffer von Bremen nach Haarlingen, und
eben jetzt msse die Reihe an ihm sein, so da er hoffen drfe, ihn an
letzterem Orte vorzufinden, von wo wir hier nur zwei oder drei Meilen
entfernt seien.

Es war gerade der erste Januar des Jahres 1757. Abends um zehn Uhr
setzte sich der Wind in Nordwesten; und indem er zu einem fliegenden
Sturme anwuchs, wurde das Schiff vom Anker getrieben; sa auch, ehe wir
uns dessen versahen, auf einer Bank fest, wo die Sturzwogen unaufhrlich
ber das Fahrzeug hinwegrollten und bis hoch an die Masten
emporschumten. Das Schiff war scharf im Kiel gebaut; so oft daher eine
Welle sich verlief, fiel es so tief auf die Seite, da die Masten
beinahe das Wasser berhrten. Gleichwohl erhielt uns Gottes
Barmherzigkeit, da wir nicht vom Borde hinweggesplt wurden. Diese
ngstliche Lage dauerte wohl vier bis fnf Minuten, bis endlich eine
besonders hohe und mchtige Welle uns hob und mit sich ber die Bank
hinberschleuderte.

So gelangten wir zwar fr den Augenblick wieder in fahrbares Wasser:
doch ehe wir noch Zeit hatten, uns unserer Rettung zu freuen, jagte der
Sturm unser Fahrzeug vollends auf den Strand, und die brandenden Wellen
zogen aufs neue im schumenden Gebrause ber das Verdeck und unsere
Kpfe hinweg. Der Schiffer mit seinen beiden Leuten befand sich zufllig
auf dem niedriger liegenden Hinterteile des Schiffes, whrend wir drei
Passagiere uns vorn in der Hhe befanden und den Fockmast umklammert
hielten, um nicht von den splenden Wogen mit fortgerissen zu werden.
Die Angst, mit etwas Hoffnung vermischt, machte uns muschenstille: jene
aber schrien und wimmerten, da die Luft davon erklang, ohne da wir
ihnen helfen, oder sie zu uns emporklimmen konnten.

Die Nacht war ziemlich dunkel; auf dem Lande lag Schnee, und rings um
uns her schumte die Brandung; folglich war alles wei, und es lie sich
nicht unterscheiden, wie nahe oder wie fern wir dem trockenen Ufer sein
mchten. Je lnger ich indes meine Aufmerksamkeit hierauf spannte, desto
gewisser auch deuchte mir's, da beim Rcklauf der Wellen nur ein
kleiner Zwischenraum zwischen uns und dem Lande sein knne. Ich nahm
einen Zeitpunkt wahr, wo das Verdeck nach vorne frei von Wasser war, und
kroch an dem langen Bugspriet hinan, das nach dem Strande hin gerichtet
stand; da sah ich nun deutlich, da jedesmal, wenn die See zurcktrat,
das Ufer kaum eine Schiffslnge von uns entfernt blieb.

Jetzt schien mir unsere Rettung lnger nicht unmglich. Ich nahm
behutsam den Rckweg zu meinen Gefhrten, teilte ihnen meine glckliche
Entdeckung mit und sprach ihnen Mut ein, mir nach auf das Bugspriet zu
klettern. Sobald die nchste Welle sich weit genug zurckzge, wollte
ich's zuerst versuchen, mich schnell an einem Tau (deren dort berall
eine Menge zerrissen hing) hinabzulassen; und wenn ich festen Boden
unter mir fhlte, sollten sie, auf mein gegebenes Zeichen, beim nchsten
Ablauf einer Woge, meinem Beispiele getrost nachfolgen. Auch den brigen
schrie ich zu, sich auf diesem Wege zu retten; allein das Sturm- und
Wellengebrause war zu mchtig, als da ich htte knnen verstanden
werden.

Unser Wagestck gelang nach Wunsch; wir kamen glcklich an Land und
fielen alle drei voll Entzcken auf unsere Kniee, um dem gttlichen
Erretter unseren Dank darzubringen. Durchnt bis auf die Haut und
erstarrt vor Frost, war indes hier nicht der Ort und die Zeit, lange
hinter uns zu sehen. Vielmehr wanderten wir unverzglich auf eine
Feuerbake zu, die hier auf dem Schelling zum Besten der Seefahrenden
unterhalten wird, und deren Licht wir etwa 2000 Schritte von uns
flimmern sahen. Wohl hundertmal fielen wir in der dicken Finsternis und
auf den unebenen Sanddnen ber unsere eigenen Fe; aber innig froh,
dem tosenden Meere entronnen zu sein, htten wir auch wohl greres Leid
nicht geachtet, und gelangten endlich auch wohlbehalten zu dem
Feuerturme. Die Tre desselben ward im Dunkeln ausgetastet; vor uns
ffnete sich eine Wendeltreppe, die wir hinanstiegen; und droben im
Wachtstbchen fanden wir einen Mann auf der Pritsche ausgestreckt, dem,
bei unserem unerwarteten Eintritte, im Todesschrecken das Pfeifchen aus
dem Munde entsank, bis wir uns beiderseits besannen und nher
miteinander verstndigten.

Auf den Bericht von unserer unglcklichen Strandung erklrte er uns,
da er verpflichtet sei, dies Ereignis sofort im nchsten Dorfe, welches
kaum einige Tausend Schritte entfernt liege, anzuzeigen. Er lud uns ein,
ihn dorthin zu begleiten; kam uns erstarrten armen Burschen aber gar
bald aus dem Gesichte und berlie es uns, ihm, so gut wir konnten,
nachzuhumpeln. Unzhligemal purzelten wir auf diesem kurzen Wege; kamen
selbst in Gefahr uns zu verirren, und fanden uns nur dann erst zu dem
Dorfe hin, als wir eine Glocke gezogen hrten, welche das Zeichen gab,
da alles Mannsvolk auf und empor sollte, um unser gestrandetes Schiff
aufzusuchen und zu bergen.

Wir wurden indes in ein Haus gefhrt, wo des Fragens nach unserem
erlittenen Unglcke kein Ende war, wo aber die guten Leute zugleich auch
trockene Kleider, Speisen, Warmbier und sogar Glhwein, und was sie
sonst irgend im Vermgen hatten, herbeibrachten, um uns zu erquicken.
Sie weinten in die Wette mit uns -- _wir_ vor Freude, _sie_ vor Mitleid;
und nicht eher verlieen sie uns, als bis sie uns in einem warmen Bette
zur Ruhe gebracht hatten.

       *       *       *       *       *

Am Morgen, da wir uns wieder ermuntert hatten, erfuhren wir, da die
Dorfsmannschaft von ihrem nchtlichen Zuge wieder heimgekehrt sei. Sie
hatte das gestrandete Schiff in der Dunkelheit nicht finden knnen, war
aber, bei anbrechendem Tage, auf die einzelnen, lngs dem Ufer
umhertreibenden Trmmer gestoen, ohne jedoch weder einen lebendigen
Menschen, noch eine ausgeworfene Leiche anzutreffen. Wir blieben also
leider die einzigen Geborgenen! Es ward uns indes angeraten, uns zu
Mynheer de Drost, der die polizeiliche Aufsicht auf der Insel fhrte, zu
begeben und demselben unser Unglck vorstellig zu machen, da zudem eine
Kasse vorhanden sei, woraus armen Schiffbrchigen Leuten, wie wir, eine
Untersttzung gereicht zu werden pflege. Auch mchten wir deren wohl um
so mehr bedrftig sein, da jetzt zwischen dem Schelling und dem festen
Lande alles mit Eis gestopft und so bald an kein Hinberkommen zu
denken sei.

Dieser Vorschlag kam uns gar gelegen. Ohne uns also zu uern, da wir
noch mit Geld und mit einer Taschenuhr (beides hatte ich sorgfltig in
meinen Beinkleidern verwahrt) versehen wren, machten wir uns zu dem
Landdrosten auf den Weg, ihm unsere Lage zu schildern. Der brave Mann
hrte uns mit dem uersten Mitleid an, lie auch sofort einen Schneider
kommen, der uns eine tchtige Jacke und Hosen anmessen mute, und versah
uns mit doppelten Hemden, Halstchern, Strmpfen, einer Filzmtze und
anderen Notwendigkeiten mehr. Hiermit auch nicht zufrieden, lie er
einen Mann kommen, dem er uns in die Kost befahl; und so blieben wir in
dieser menschenfreundlichen Pflege bis in die Mitte des Januar, wo
endlich das Eis zwischen dem Schelling und Haarlingen aufging und wir
ein Schiff von dorther nach dem Schelling durchbrechen sahen.

Sobald dies Fahrzeug an Land gekommen war, beeilten wir uns, den
Schiffer, welcher schnell lschen und dann den Rckweg antreten wollte,
dahin zu vermgen, da er uns einen Platz an seinem Borde gestattete.
Auf seine ausweichende Antwort, die uns wenig Hoffnung brig lie,
hielten wir's fr das Geratenste, auf der Stelle unseren gromtigen
Gnner, den Drosten, anzutreten und ihm unser neues Anliegen
vorzutragen. Sogleich auch war er zur Vermittelung bereit, lie den
Schiffer rufen, verdingte uns ihm als Passagiere bis Haarlingen und an
seinen eigenen Tisch, wie lang oder kurz die berfahrt auch whren
mchte, und berichtigte die Kosten mit fnfzehn Gulden vor unsern Augen.
Es versteht sich, da wir ihm aus Herzensgrunde und mit weinenden Augen
dankten, indem wir zugleich Abschied von ihm nahmen, um mit unserem
Schiffer zu gehen. Diesem halfen wir vergngt lschen und eine neue
Ladung einnehmen; und so konnten wir schon nach 48 Stunden mit ihm vom
Schelling absegeln.

Wir brauchten einen Tag und beinahe die ganze folgende Nacht, um uns
durch das Eis zu arbeiten, bis wir mit dem Morgen vor Haarlingen
anlegten. Hier nahmen wir sofort unser kleines Bndel auf den Arm, und
waren im Begriff, lngs dem Kai zum nchsten Tore hinauszuziehen, als
wir zufllig an einem Fahrzeuge vorberschlenderten, welches, wie
mehrere andere, im Eise eingefroren war. Auf demselben stand ein kleiner
alter Mann, der uns anrief und dessen Neugier wir ber unsere Umstnde,
erst im allgemeinen und dann im besonderen, befriedigen muten. Wir
taten es, als ehrliche Pommern, in aller Unbefangenheit, und nannten
letztlich auch den Namen Heindrick Harmanns, als des Schiffers, mit
dem wir unseren neuerlichen Unfall erlitten und der dabei ein Raub der
emprten Wogen geworden.

Kaum ging der unglckliche Name ber meine Lippen, so schlug der alte
Mann die Hnde ber dem Kopfe zusammen und schrie, da es in die Lfte
klang: Barmherziger Gott! Mein Sohn, mein Sohn! Zugleich sank er auf
seine Knie nieder und mit dem Angesichte auf das Verdeck, und jammerte
unablssig: Mein Sohn! o mein Sohn! -- Uns schnitt der klgliche
Anblick durchs Herz; wir weinten mit ihm und konnten nicht von der
Stelle. Als wir uns beiderseits ein wenig erholt hatten, drang er in
uns, ihm in seine Kajte zu folgen. Hier muten wir ihm den ganzen
Verlauf umstndlich erzhlen; auch wollte er uns (als ob ihm dies
einigen Trost gbe) den ganzen Tag nicht von seiner Seite lassen; aber
whrend er uns Kaffee, Wein und alles, was er nur bei der Seele hatte,
vorsetzte, berwltigte ihn immer von neuem der Gram um sein verlorenes
Kind und prete auch uns Trnen der Rhrung und des Mitleids aus.

Gegen den Abend, wo es uns endlich die hchste Zeit deuchte, unseren
Stab weiter zu setzen, hub er an: Liebe Jungen, heute knnt und sollt
ihr nicht mehr von dannen. Ich will euch in ein gutes Haus bringen, wo
ihr euch die Nacht ber erholen knnt. Aber morgen frh hol' ich euch ab
und gehe eine Strecke Weges mit euch. Ihr seid jung und unerfahren und
braucht Anweisung und guten Rat, wie ihr eure Reise weiter anzustellen
habt. Kommt denn, in Gottes Namen!

Unser Fhrer schien in der Herberge, zu welcher er uns geleitete und wo
es von Biergsten wimmelte, gar wohl bekannt. Er erzhlte seines Sohnes
und unser Unglck; auch wir muten erzhlen, und so verstrich der Abend,
bis der Wirt, in Ermangelung seiner abwesenden Ehegenossin, uns in ein
recht artiges Zimmer hinaufleuchtete, uns dreien ein groes, mit Betten
hoch ausgestopftes Nachtlager anwies und uns sodann eine freundliche
Ruhe wnschte. Wirklich tat sie uns not und wir krochen wohlgemut und
behaglich unter die Decke zusammen.

Leider aber hatten wir diesmal unsere Rechnung zwar nicht ohne den Wirt,
aber doch ohne die Wirtin gemacht; denn kaum war uns so ein ses halbes
Stndchen zwischen Schlaf und Wachen verlaufen, so kam es unter Zank und
Gepolter die Treppe heraufgestrmt; unsere Zimmertr ward ungestm
aufgerissen und eine gellende Stimme gebot uns, sofort das warme Nest zu
rumen und ihr sauberes Bettzeug nicht zu verunreinigen. Da half kein
Widerreden; wir sprangen auf, lieen die Ohren hngen und duckten uns in
einen Winkel zusammen, bis die Betten, die der Dame so fest ans Herz
gewachsen waren, mit einem Strohsack, einer Matratze und einer Art von
Pferdedecke vertauscht worden. Das war ein bser Wechsel, und den
unfreundlich genug ausgestoenen Wunsch einer guten Nacht, womit uns die
gestrenge Hausfrau verlie, hinderte nicht, da wir eine sehr bse Nacht
unter Frost, Verdru und Schlaflosigkeit zubrachten.

Unser ehrlicher Vater Harmanns, der in seiner Kajte geschlafen hatte
und dem wir am Morgen unser nchtliches Abenteuer mitteilten, nahm sich
den Affront, welcher seinen Schtzlingen widerfahren war, mehr zu
Herzen, als wir erwarteten. Trotz unserer Vorstellungen las er der
Wirtin einen derben Text, sagte ihr und ihrem Hause, wo er so viele
Jahre verkehrt hatte, alle Gemeinschaft auf und wollte jede
Christenseele warnen, keinen Fu ber diese unwirtliche Schwelle zu
setzen. Wir hatten genug zu tun, den lieben alten Mann zu
beschwichtigen, der sich's nicht nehmen lie, uns noch zu guter Letzt
durch ein vollstndiges Frhstck satt zu machen, ja auch alle unsere
Taschen mit Brot, Kse, gekochtem Fleisch und was er sonst wute und
hatte, vollzustopfen.

Das getan, ergriff er seinen Stab und wanderte mit uns zum Tore hinaus,
wie sehr wir ihn auch bitten mochten, umzukehren und seine Krfte zu
schonen. Vielmehr hrte er nicht auf, uns eifrig wegen unseres besseren
Fortkommens zu beraten, und whrend dieser Besprechungen verlief ein
Stndchen nach dem anderen, es ward Mittag, und wir befanden uns in
Franecker. Hier zog er mit uns in ein Wirtshaus, lie auftragen, als ob
wir uns fr drei Tage sattessen sollten, und konnte sich endlich nur
schwer entschlieen, uns das Valet zu geben. Noch drckte er uns beim
Abschiede zwei hollndische Dukaten in die Hnde; wir aber schieden mit
Trnen der Dankbarkeit von diesem Ehrenmanne und gelangten abends
wohlbehalten nach Leuwaarden, wo wir bernachteten.

       *       *       *       *       *

Die nchste Tagereise brachte uns spt in der Dunkelheit nach Dockum,
aber es wollte uns nicht gelingen, hier eine Herberge zu finden.
berall, wo wir anklopften, beleuchtete man uns sorgfltig von allen
Seiten und zog dann die Tr uns vor der Nase ins Schlo mit einem
frostigen: Geht weiter mit Gott! -- Es war eine kalte, strmische
Nacht; wir irrten umher und jammerten, bis wir endlich bei einem
Hinterhause an einen Stall gerieten, wo ein Knecht noch den Dnger
auskehrte. Vergebens klagten wir auch diesem unser Leid und baten ihn,
uns die Nacht in seinen warmen Stall aufzunehmen; er frchtete, sich
dadurch Scheltworte bei seinem Herrn zu verdienen, und uns blieb zuletzt
nichts brig, als uns hinter einer Scheune zunchst dem Tore, wo es
etwas berwind gab, zusammenzukauern und uns recht herzlich satt zu
weinen. Hatten wir eine Weile gesessen, so sprangen wir wieder auf und
rannten auf dem Platze hin und her, um nicht vor Frost zu erstarren. Es
ward uns aber wahrlich je lnger je bler zumute.

Das whrte so fort, bis nach Mitternacht, wo wir Rder rasseln und ein
Posthorn blasen hrten. Eine Kutsche hielt am Tore, und auch wir kamen
hinter unserer Scheune hervor, um zu sehen, was es gbe? Bis die
Torflgel und Gatter sich ffneten, standen wir aus Langeweile um den
Wagen her, an welchem der Schlag von innen aufgemacht wurde und von
welchem ein lautes Wer da? an uns erging. Wir fanden keine Ursache,
unserer Personen, Drangsale und gegenwrtigen Not ein Hehl zu haben, und
unser unwillkrliches Zhneklappern legte genugsames Zeugnis ein, da
wir die Wahrheit redeten.

Es fand sich nun, da ein einzelner Mann im Wagen sa und da ihm unser
trbseliger Zustand zu Herzen ging. Nachdem er seinem Unwillen durch
einige Verwnschungen gegen die hartherzigen Dockumer Luft gemacht, uns
um unsere Heimat befragt (freilich mochten wohl Pommern und Kolberg
bhmische Drfer fr ihn sein) und endlich noch erfahren hatte, da
unser Weg zunchst auf Grningen ginge, so berraschte er uns durch die
willkommene Einladung, zu ihm in die Kutsche zu steigen und ihn bis zu
dem genannten Orte zu begleiten. Es versteht sich wohl, da wir arme,
erfrorene Schlucker uns das nicht zweimal sagen lieen. Der Wagen rollte
mit uns fort und wir muten unserm Wohltter die ganze Nacht hindurch
alle unsere erlebten Schicksale erzhlen. Mit Tagesanbruch sahen wir uns
nach Grningen versetzt und der Mann im Wagen fuhr seines Weges weiter,
doch nicht, ohne uns zuvor mit drei hollndischen Gulden beschenkt zu
haben.

Wir sahen ihm mit herzlichem Danke nach, verfolgten aber gleichfalls
unsere Strae zum anderen Tore hinaus, nachdem wir blo unseren
Brotbedarf erneuert hatten, und erlebten an diesem Tage kein ferneres
Abenteuer, als da wir an einem Gittertore von einem barschen Kerle
angerufen und uns sechs Stber Zollgeld abgefordert wurden. Unser
Protestieren, da wir arme schiffbrchige Leute seien, die man ja wohl
verschonen werde, half zu nichts; wir wurden in die Stube des Zollhauses
gezerrt und sollten zahlen. Nun wre die Summe wohl zu erschwingen
gewesen und meine Kameraden winkten mir auch zu, nur in Gottes Namen den
Beutel zu ziehen; allein dieser, samt unserem ganzen kleinen Reichtum,
sa so tief und wohl verwahrt in meinen Beinkleidern, da ich ein
billiges Bedenken trug, ihn vor diesen Zeugen zum Vorschein zu bringen.
Darber saen wir hier wohl eine gute halbe Stunde lang, gleichsam wie
im Arrest, und es ward mit uns um die sechs Stber kapituliert.

Ganz wie vom Himmel kam uns jedoch ein Erlser in der Person eines
Postboten, der zu uns eintrat, weil er hier Briefe abzugeben hatte. Er
lie sich den Handel von beiden Parteien umstndlich vortragen und
schlug sich, wie billig, auf unsere Seite, wobei es denn nicht ohne eine
nachdrckliche Gewissensrge an den unbarmherzigen Zllner abging.
Dieser aber blieb steif und unbeweglich auf seinem Zoll-Reglement und
seinen sechs Stbern bestehen, bis endlich unser eifriger Sachwalter den
eigenen Beutel zog, jenem das Weggeld hinwarf und nun uns triumphierend
aufforderte, in Gottes Namen unseres Weges zu gehen. Das taten wir denn
auch, ohne es an unserer Bedankung fr seine Gromut mangeln zu lassen.

Nun aber gerieten wir in andere Nte. Meine beiden Begleiter, der
angestrengten Mrsche ungewohnt, hatten die Fe voller Blasen und
fanden sich auch anderweitig unbequem, so da mir's immer schwerer fiel,
sie des Weges vorwrts zu bringen. Ging ich meinen guten Schritt vorweg
und sah dann hinter mich, so war der eine noch immer weiter als der
andere zurckgeblieben. Bat ich sie, sich zu frdern: -- sie wollten
nicht, sie konnten nicht; sie weinten. Es gedieh endlich soweit damit,
da mein Bruder auf einem Dngerhaufen am Wege sitzen blieb und unter
heien Trnen beteuerte: jetzt vermchte er nicht weiter, ich mchte
nur meinen Weg vor mich hingehen; wollte ich ihm von unserem Gelde
nichts zukommen lassen, so mchte es darum sein. Es sei ihm ohnehin so
zu Sinne, als msse er hier sitzen bleiben und Hungers sterben.

Meine Angst war unaussprechlich. Ich weinte mit ihm um die Wette; ich
trstete, ich versprach ihm goldene Berge, wenn er nur aufstehen und es
versuchen wollte, mit mir fortzuhumpeln. Nur bis ans nchste Dorf noch
sollte er sich fortschleppen, bevor es Abend wrde. Morgen wollten wir
ein Fuhrwerk nehmen und alles sollte besser werden. Unter solchem
krftigen Zureden nahm ich ihn endlich unter die Arme, hinkte mit ihm
weiter und trug ihn mehr, als er ging, bis wir unser heutiges
abgekrztes Reiseziel erreichten. Ich hielt ihm indes Wort und wir
fuhren von Dorf zu Dorf, bis wir ins Oldenburgische kamen. Hier aber
nahmen wir die halbe Post und erreichten Lbeck; doch griff dies
schnellere und bequemere Fortkommen auch so gewaltig in unsere
Reisekasse, da uns, wie knapp wir's auch unserem Munde abdarbten und
kaum mehr als das trockene Brot mit einem Wassertrunk genossen, endlich
doch der letzte Groschen aus den Hnden zerronnen war.

Was blieb zu tun? Ich wandte mich in Lbeck an einen Kaufmann, Herrn
Sengbusch, der mir, von Kolberg her, dem Namen nach bekannt war, und
ersuchte ihn, uns auf unsere teuergehaltene Taschenuhr zwanzig Taler
vorzustrecken. Hierzu war der gute Mann auch willfhrig; wir konnten
nunmehr mit der Post nach Stettin weiterfahren und fanden hier eine
Gelegenheit, die uns vollends nach Kolberg frderte, wo wir in der Mitte
des Mrz mit einem baren Kassenbestande von sieben Groschen sechs
Pfennigen anlangten und von den Unserigen mit einer Freude, als wren
wir vom Tode auferstanden, empfangen wurden.

       *       *       *       *       *

Fnf Tage lang war ich im lieben Vaterhause gewesen und von der Not kaum
wieder ein wenig zur Besinnung gekommen, als schon wieder ein neuer
Unglcksstern ber mir aufging. Denn da hie es: die Unteroffiziere von
unserem Bataillon, welches damals seine Winter-Quartiere in Torgau
hatte, htten sich bei uns eingefunden, um frische Rekruten in diesem
ihrem Kanton auszuheben. Eine Schreckenszeitung fr alle Eltern jener
Zeit, sowie fr alles junge Volk, das eine Flinte schleppen konnte und
nicht mochte!

Diese entschiedene Abneigung des Brgers gegen den Soldatenstand hatte
aber auch ihre genugsame Rechtfertigung in der heillosen und
unmenschlichen Art, womit die jungen Leute beim Exerzieren, zumal von
den dazu angestellten Unteroffizieren, behandelt wurden. Unter den
Fenstern ihrer Eltern selbst, auf ffentlichem Markte, wurden sie von
diesen rohen Menschen bei solchen Einbungen mit Schieben, Stoen und
Prgeln aufs grausamste mihandelt, -- oft nur, um sie die Autoritt
fhlen zu lassen, oft aber auch wohl in der eigenntzigen Absicht, von
den Angehrigen Geschenke zu erpressen. Es war ein klglicher Anblick,
wenn die Mtter bei solchen Auftritten in Haufen daneben standen,
weinten, schrien, baten und von den Barbaren rauh abgefhrt wurden.
Klagen bei den Obern fanden nicht statt oder wurden verspottet, denn
diese dachten wie ihre Untergebenen und sahen mit kalter Geringschtzung
auf alles herab, was nicht den blauen Rock ihres Knigs trug.

Wenn nun schon unsere Brgershne sich damals so ungern unter die
militrische Fuchtel beugten, so wird es um so begreiflicher, da die
jungen Seefahrer unter ihnen diesen Abscheu in noch verstrktem Mae
empfanden, je frher sie bereits auswrts die goldene Freiheit gekostet
hatten und je weniger ihre Hantierung mit dem gezwungenen
Soldatendienste bereinstimmte. Wer es also irgend vermochte, entzog
sich dieser Sklaverei lieber durch die Flucht ins Ausland und ging
dadurch dem Staate gewhnlich fr immer verloren. Aber auch der
Handelsstand hat es stets schmerzlich empfunden, der sich nun fr die
Schiffahrt oft mit den untauglichsten Leuten behelfen mute.

Htte ich selbst nicht auch jenen Widerwillen gegen ein so gebundenes
Leben so lebhaft gefhlt, als irgendeiner unter meinen Seekameraden, so
durfte ich mich doch schon um meiner kleinen Statur willen nicht
tauglich zu einem regelrechten Soldaten halten und darum stand mir's
auch nie zu Sinn, meinem groen Friedrich, so sehr ich ihn auch
verehrte, in Reihe und Glied und mit dem Schieprgel auf der Schulter
zu dienen. Denke man sich also meinen Schrecken, als ein gutmeinender
Freund unter dem angekommenen Werberkorps (er hie Lemcke) meinem Vater
insgeheim vertraute: smtliche junge Burschen in der Stadt, von vierzehn
Jahren und darber, wren bereits notiert, und um elf Uhr wrden die
Tore geschlossen, die brauchbarsten darunter aufgegriffen und gleich mit
dem nchsten Morgen nach Sachsen auf den Transport gegeben werden.

Jetzt war es neun Uhr morgens. Hier galt es demnach kein Sumen; ich
sollte vorerst nach der Mnde flchten und mich dort verbergen. Nur zu
bald kam auch dorthin das Geschrei, da alle Vorhersagungen meines
Warners pnktlich eingetroffen und das Ordonnanzhaus bereits voll von
neuen Rekruten stecke. Mein Vater lie mir durch eine vertraute Frau
sagen, da auch bei ihm genaue Haussuchung nach mir geschehen sei. Ich
mchte mich daher ungesumt aufmachen und, zwei Meilen weiter am Strande
entlang, im Dorfe Bornhagen bei einem mir namhaft gemachten Bauern, dem
zu trauen sei, eine einstweilige Zuflucht suchen. Doch dieser gute Rat
kam leider zu spt; mein Aufenthalt war schon verraten!

Gleich am Nachmittage zeigten sich jene Werber berall auf der Mnde und
umringten das Haus, worin ich steckte, von allen Seiten. Ich gewann nur
Zeit, mich auf den stockfinstern Boden zu flchten, wo ich in der Angst
ein groes Fischernetz, das an den Sparren umherhing, ber mir
zusammenzog, so da ich meist darunter verdeckt lag. Kaum war dies
geschehen, so rhrte sich auch etwas auf der Leiter, die unter das Dach
hinauffhrte. Es war der Unteroffizier Schnell, der nun sein
Seitengewehr zog und mit der Spitze desselben in allen Winkeln blind
umhertastete. So ging er rund um mich und mein aufgetrmtes Netz umher,
ohne mich darunter zu vermuten, obwohl es mir nicht ganz den Kopf
verdeckte und mir dadurch Gelegenheit gab, seine Bewegungen einigermaen
zu beobachten. Ich darf aber wohl sagen, da mir dabei gar unheimlich
zumute war. Indes fand er mich nicht, und auch unten im Hause ward ich
standhaft verleugnet.

Nun war hier aber auch meines Bleibens nicht lnger. Kaum graute der
Abend, so machte ich mich in Gottes Namen zu meinem Bauern auf den Weg,
nachdem man mir einen tchtigen Schiffshauer zu meiner Sicherheit
mitgegeben -- weniger vor meinen Verfolgern, als um mich im Stadtholze,
welches ich passieren mute, der Wlfe zu erwehren, die damals an
Menschen und Vieh viel Unglck anrichteten. Wirklich war es auch ein
wahres Wolfswetter mit Sturm und Schneegestber, und Gott wei, wie
blutsauer mir dieser Weg geworden; denn unzhlige Male brach das Eis
unter mir ein, oder ich versank im Schnee, da ich vollauf zu tun hatte,
um nur allemal wieder auf die Beine zu kommen. Endlich am Morgen
erreichte ich meine Freistatt und hielt mich dort zehn oder zwlf Tage
verborgen. Aber diese dnkten mir bald wie eine halbe Ewigkeit,
ebensowohl wegen des ganz ungewohnten Festsitzens, als wegen der
ermangelnden Nachrichten von Hause; bis mich's nicht lnger ruhen lie
und ich mich eines Abends wieder aufmachte, um in meinem alten Quartier
auf der Mnde nachzufragen, ob ich mich wohl mit einiger Sicherheit
wieder zeigen drfte.

Hier lauteten indes die Nachrichten so wenig trstlich, da mir nur die
sorgfltigste Verbergung brig blieb. Doch wollte ich nicht gerne von
der Mnde weichen, weil nchstens die Schiffahrt wieder aufgehen konnte
und ich dann hier bei der Hand war, um mit irgendeinem absegelnden
Schiffe zu entkommen. Mit einem hnlichen Plane trugen sich noch mehrere
meiner jungen Kameraden; allein eben darum waren wir auch um so gewisser
bereits nach einigen Tagen verraten und eine neue Nachjagd ward auf uns
begonnen. Mitten in der Nacht erweckte mich ein leises Klopfen an den
Fensterladen des Kmmerchens, wo ich schlief, und die bekannte Stimme
einer getreuen Frauensperson rief mir zu: Joachim, auf! auf aus den
Federn! die Soldaten sind wieder auf der Mnde! Den, und den, und den
(die sie mir bei Namen nannte) haben sie schon beim Flgel gekriegt.
Mach', da du davonkommst!

Man glaubt mir's wohl, da ich flugs und mit gleichen Fen aus dem
Bette sprang. In der Bestrzung griff ich nach den ersten besten
Kleidern, die auf den Sthlen umherlagen und die ich fr die meinigen
hielt. So stahl ich mich alsobald und im Hemde auf die Strae hinaus,
schttelte meinen Fund auseinander, um mir davon etwas ber den Leib zu
werfen, und bemerkte nun erst mit Schrecken, da mir nichts als
Frauenkleider in die Hnde gefallen waren. Was blieb zu tun? Ich warf
mir einen roten Friesrock ber die Schultern und war im Begriff, mich
mit dem Reste noch besser auszustaffieren, als ich in meinem Anputzen
hlich gestrt wurde.

Es waren die Herren Soldaten, die kaum zehn Schritte von mir um eine
Ecke bogen. Ich suchte mein Heil in der Flucht: aber eben dadurch
verriet ich mich und hatte alsobald meinen alten Widersacher Schnell
nebst noch ein paar andern auf der Ferse hinter mir. Mein Lauf ging
geradeswegs nach einem im Hafen liegenden Schiffe zu, an dessen Bord sie
mir nicht so hurtig nachfolgen konnten. Zu meinem Glcke lag an der
anderen Seite des Schiffs ein Boot befestigt. Ich sprang hinein, fand
sogar ein Ruder darin vor, lste das Tau, stie ab und lie jenen in
eben dem Augenblicke das Nachsehen, als auch sie endlich das Verdeck
erreicht hatten.

Jenseits, in der Maikhle, ging ich an Land und berlegte nun etwas
ruhiger, was weiter zu tun sei. Ich befand mich so gut als nackend in
einer bitterlich kalten Mrznacht und mute vor allen Dingen meine Ble
zu decken suchen. Also wanderte ich getrost zu der nchstgelegenen
Holzwrterei Grnhausen, klopfte den Bewohner (er hie Krssin) hervor,
gab mich zu erkennen und bat um Aufnahme. Seine abschlgige Antwort
durfte mich nicht befremden, da es derzeiten hart verboten war,
Flchtlinge meiner Art zu hegen, die vielmehr sofort angehalten und
ausgeliefert werden sollten. Ich beschrnkte demnach meine Bitten auf
irgendeine Kopfbedeckung und ein Paar Strmpfe. Der ehrliche Kerl
reichte mir seine Schlafmtze vom Kopfe und ein Paar hlzerne Pantoffeln
von seinen Fen und fgte den Rat hinzu, mich eiligst zu entfernen,
weil es auch bei ihm nichts weniger als sicher sei, da er gleichfalls
einen Sohn im Hause habe, dem, obwohl er krank und elend sei, von den
Soldaten nachgetrachtet werde.

So aufs abenteuerlichste ausstaffiert, begab ich mich nach der Maikhle
zurck, um eine anderweitige Zuflucht aufzusuchen. Es stand dort, wie
ich wute, ein alter Schiffsrumpf hoch auf dem Strande, der im Sommer
als ein Bierschank benutzt zu werden pflegte. An diesem kletterte ich
hinan, stieg oben durch das Rauchfangloch und duckte mich da vor der
Klte in einen Winkel zusammen. Darber ging endlich die langweilige
Nacht zu Ende. Mit dem ersten Dmmerungsstrahle glosterte ich von meiner
Hochwarte herab berall umher; und da nach der Mnde hinaus alles ruhig
schien, so wagte ich mich hervor, suchte mein verlassenes Boot wieder
auf und ruderte mich leise zu einem Schiffe heran, das nach Knigsberg
gehrte und von Schiffer Heinrich Geertz gefhrt wurde. Dieser gute Mann
nahm mich willig auf und hielt mich lnger als vierzehn Tage bei sich
verborgen.

Dennoch konnte hier meines Bleibens nicht ewig sein. Es war mir daher
eine erwnschte Zeitung, da ein Kolberger Schiffer namens Martin
Albrecht, der dicht neben uns vor Anker lag, am nchsten Morgen mit
Ballast nach Danzig auszugehen gedenke. Zu diesem Schiffe fhrte mich um
Mitternacht mein Freund Geertz in aller Stille. Meine ganze
Reiseausrstung bestand in einem Bndelchen mit Hemden und anderen
kleinen Notwendigkeiten, welches meine Mutter mir unter der Hand
zugeschickt hatte. Sobald ich an Bord hinbergestiegen war, dankte ich
meinem freundlichen Beschtzer zum Abschied mit einem warmen Hndedruck,
bat ihn, meinen besorgten Eltern meinen Gru und Lebewohl zu bringen und
lie nunmehr meinen guten oder bsen Stern weiter walten.

Auf dem Schiffe war alles stille. Niemand hatte mich wahrgenommen. Ich
ffnete die vordere Kabelgats-Luke, rutschte hinunter, machte die Luke
hinter mir zu und suchte mir auf den Tauen und Segeln, die hier verwahrt
lagen, ein Ruhepltzchen. Bald aber berlegte ich, da dieses Versteck
mit Tagesanbruch auch sofort von Menschen wimmeln wrde, die zu der
vorhabenden Abfahrt Segel und anderes Zubehr daraus hervorlangten, wo
es denn garstig fr mich ablaufen knnte. Ich versuchte es also, mich
durch tausend Gegenstnde, die sich mir hindernd in den Weg stellten,
tiefer in den Raum hinabzuminieren. Es glckte mir endlich damit: aber
zu gleicher Zeit hrte ich hinter dem Ballast etwas rascheln und
flstern, das mir unheimlich vorkam. Gleichwohl kroch ich noch weiter
heran und unterschied bald menschliche Stimmen, die mir, je lnger ich
sie behorchte, um so bekannter vorkamen. Kurz es gab hier eine ganz
unvermutete Erkennungsszene zwischen mir und elf andern jungen
Seekameraden, welche gleiche Not und gleiche Hoffnung hierher
zusammengebracht hatte.

Fr den Augenblick hielten wir uns zwar geborgen: aber unter Furcht und
Zagen hatten wir nun zu erwarten, ob das Schiff vor seiner Abfahrt nicht
nach uns Flchtlingen visitiert werden drfte? Inzwischen brach der Tag
an und am Borde ward es ber unseren Kpfen lebendig. Wir unterschieden
deutlich, wie man Anstalten machte, in See zu gehen; ja, ein wenig
spter sprten wir, mit steigender Freude, das Schiff in Bewegung, dann
das Anschlagen der Brandung an die Seitenborde und endlich auch den
Abgang des Lotsen, der uns zum Hafen hinausbegleitet hatte. Da auch der
Wind gut sein mute, so glaubten wir, nach Verlauf von noch einer
Stunde, weit genug von Kolberg, das uns ein Schreckensort geworden,
entfernt zu sein, um uns wieder ans Tageslicht hervorwagen zu drfen.
Wir setzten also die Leiter an, schoben die groe Luke auf und traten
wohlgemut auf das Verdeck hervor.

Das Erstaunen des Schiffers ber unseren unerwarteten Anblick kannte
keine Grenzen; aber auch von seinem Volke muten selbst die, welche
vielleicht um das Geheimnis wuten, sich billig verwundern, da wir uns,
ihnen unter den Hnden, in unserer Anzahl verdoppelt hatten. Eines
besonders freundlichen Empfangs hatten wir uns indes nicht zu rhmen.
Der Kapitn, der nur seine schwere Verantwortlichkeit erwog, tobte wie
besessen. Knnt' ich nur gegen den Wind ankommen! rief er, ich
brcht' euch alle auf der Stelle nach Kolberg zurck und machte rein
Schiff. Aber ich wei darum wohl, wohin ich euch abzuliefern habe.
-- Zugleich verbot er seinen Leuten aufs strengste, sich um uns zu
kmmern und uns weder Essen noch Trinken zu reichen.

Zwar ward es mit diesem Befehle nicht so gar genau genommen und unsere
Freunde steckten uns immerfort etwas von ihren Mundportionen zu; allein
da wir volle acht Tage in See blieben, so litten wir gleichwohl
grausamen Hunger und Durst und waren darum von Herzen froh, als endlich
die Anker im Danziger Fahrwasser fielen. Hier deutete der Schiffer
seiner Mannschaft in unserer Gegenwart (und also auch wohl nicht ohne
geheime Absicht) an: Er gehe in diesem nmlichen Augenblicke an Land
und nach Danzig zum preuischen Residenten, um ihm uns Deserteure
anzumelden und uns in seine Hnde zu berliefern. Bis dahin sollten sie
uns an Bord festhalten und mit Leib und Leben fr uns einstehen.
Vergeblich wandten sie ihm ein: Die Partei sei gar zu ungleich, da
ihrer nur fnf Mann, wir aber zwlf Kpfe stark wren. -- Was
kmmert's mich? war seine Antwort, und wenn es auch Mord und Totschlag
gibt, so lat sie nicht laufen!

Das hie nun wohl deutlich genug: Immerhin, lat sie laufen! -- Kaum
hatte er auch nur den Rcken gewandt, so machten wir uns zum Abzuge
fertig. Zum Schein gab es zwischen uns und dem Schiffsvolk ein
unbedeutendes und unblutiges Handgemenge, worauf wir unseres Wegs
gingen, uns sofort ber die Weichsel setzen lieen und lngs dem
Seestrande die Richtung nach Knigsberg einschlugen. So mochten wir ein
paar Stunden wacker zugeschritten sein, als wir den Weg zu beschwerlich
fanden und darum gern auf den Vorschlag einiger Gefhrten hrten, die
ihn frher schon mehrmals gemacht hatten und das Fortkommen an der
anderen Seite der Nehrung, lngs dem frischen Haff, als angenehmer und
gemchlicher priesen. Sogleich schlugen wir uns nach dieser Seite
hinber und entgingen dadurch, ohne es zu ahnen, einer Gefahr, die das
bisherige Spiegelfechten leicht in bitteren Ernst verwandelt haben
wrde.

Denn seinerseits hatte der Kapitn in Danzig nicht umhin gekonnt, seine
Pflicht zu tun. Wir waren gesucht, vermit und auf fernere Anzeige bei
der Ortsobrigkeit sofort verfolgt worden. Ein Kommando von einigen
Danziger Stadtdragonern setzte uns lngs dem Seestrande nach und wrde
uns gar bald eingeholt haben, wenn wir uns nicht bereits landeinwrts
gelenkt htten. So verfehlten sie uns und kehrten unverrichteter Dinge
nach Danzig zurck, whrend wir ohne weitere Anfechtung Knigsberg
erreichten und, vor weiterer Entdeckung sicher, uns im Gewhl dieses
lebendigen Handelsplatzes verloren.

       *       *       *       *       *

Es traf sich sehr gelegen, da es hier, bei eben wieder erffneter
Schiffahrt, Mangel an unterrichteten Seeleuten gab, die als Steuerleute
gebraucht werden konnten. Daher whrte es kaum zwei oder drei Tage, bis
wir uns samt und sonders, und meist in jener Eigenschaft, mit Vorteil
angebracht hatten. Ich selbst fand einen Platz als Steuermann auf einer
kleinen Jacht von fnfzig Lasten und fnf Mann Equipage. Mein Schiffer
hie Berend Jantzen und war mit einer Ladung Hanf nach Irwin in
West-Schottland bestimmt; sollte aber, um die franzsischen Kaper zu
vermeiden, oben herum durch die Nordsee und die Orkaden steuern.

Wir gingen unter Segel; aber schon im Sunde erlebten wir das Unglck,
da das eiserne Band eines Wasserfasses beim Zerspringen dem Schiffer
von hinten gegen die Wade schlug und dadurch das Bein so heftig gegen
eine scharfe Holzecke schleuderte, da wir ihn in die Kajte tragen
muten und er an dem Schaden mehrere Monate lang das Bett zu hten
hatte. Da nun er so wenig als einer unserer Matrosen, an welchem sich
bald ein venerisches bel offenbarte, auf dem Deck ausdauern konnte,
unser Schiffsjunge aber (eigentlich ein verdorbener Tischlergeselle) bei
dem geringsten Sturmwetter mit Seekrankheit zu tun hatte; so beruhte
nunmehr die Fhrung des Schiffes einzig auf mir und einem Matrosen; und
ich darf wohl gestehen, da mir bei der Sache nicht gar zu wohl zumute
wurde.

In der Tat gehrt auch die Schiffahrt in diesen Gewssern, zwischen
Schottland und der Insel Lewis und den brigen zahlreichen Hebriden hin,
zu den gefhrlichsten, die es geben kann; nicht nur des engen
Fahrwassers zwischen den Inseln und der vielen Klippen wegen, sondern
hauptschlich weil hier so starke Strmungen gehen, da es oft berall
brandend aufschumt und nicht anders aussieht, als ob alles rings umher
dicht mit blinden Klippen best wre. Noch unglcklicher aber ist es,
da die hollndischen Seekarten, deren wir uns damals allein bedienen
konnten, hier durchaus unzuverlssig sind und jeden Augenblick
irrefhren. Das begegnete denn auch mir, und so darf man sich denn nicht
wundern, da ich hier endlich gar nicht mehr aus oder ein wute.

In dieser Bedrngnis kam uns ein englisches Schiff zu Gesicht, welches
zwischen zwei hohen Landspitzen hervorsegelte und von welchem ich
richtigeren Bescheid zu erlangen hoffte. In dieser Absicht richtete ich
die Segel nach jener Seite hin, indem ich zugleich die preuische Flagge
aufsteckte, welche bekanntlich wei ist und in der Mitte den schwarzen
Adler fhrt. Aber auch die franzsische Flagge ist von weier Farbe; und
da sich bei dem migen Winde die meinige zu wenig entfaltete, um den
Adler anstatt der Lilien erblicken zu lassen, so ward ich von dem
Englnder fr einen franzsischen Kaper angesehen, und er setzte bei dem
stillen Wetter so viel Segel auf, als sein Schiff nur tragen konnte, um
mir zu entgehen. Ich tat desgleichen, um Jagd auf ihn zu machen; und so
machten wir uns beiderseits Not und Mhe, bis zuletzt nachmittags der
Wind vllig erstarb, als ich nur noch eine kleine Viertelmeile von dem
Flchtling entfernt war.

Meinen Zweck verfolgend setzte ich nunmehr mit Hilfe meines Matrosen und
des Jungen die Jolle aus und lie mich von ihnen an den jenseitigen Bord
hinberrudern. Als Vorwand meines Besuches sollte mir ein mitgenommenes
leeres Wasserfa und die kleine Notlge dienen, da uns unser
Trinkwasser ausgegangen. Wir kamen dem Schiffe auch glcklich zur Seite,
wo wir mit Verwunderung alles zum Gefechte in Bereitschaft fanden,
whrend sie selbst, beim nhern Anblick von uns drei Kpfen, ber ihre
ausgestandene Furcht lachen muten.

Meine Bitte um frisches Wasser schien unverdchtig und fand willigen
Eingang. Unter der Zeit aber, da es gezapft und in mein Fa bergefllt
wurde, nahm ich die Gelegenheit wahr, ganz unbefangen nach dem Namen
dieses und jenes Landes, das uns eben im Gesichte lag, zu fragen. So
erfuhr ich, da dort hinaus Kap Cantrie, hierwrts aber die Insel
Lamlach gelegen sei. Ich war nun zu meiner groen Beruhigung wieder
orientiert, ohne mir die arge Ble gegeben zu haben, meine Unwissenheit
einzugestehen.

Irwin, unser Bestimmungsort, liegt im Grunde einer tiefen runden Bucht,
in welche, als wir ihre Hhe erreichten, ein Sturm aus Nordwest gerade
hineinblies. Da sie mir durchaus unbekannt war, bekanntlich aber
schlechten Ankergrund hat, so wre es verwegen gewesen, mich bei diesem
Winde und Wetter in sie hineinzuwagen. Ich steuerte also gegen die Insel
Arron, um dort vielleicht eines Lotsen habhaft zu werden; allein
vergebens kreuzte ich zwei Tage umher. Meine weie Flagge spielte mir
abermals den Streich, da alles auf der See vor mir floh und vom Lande
niemand sich zu mir heranwagte, weil ich fr einen Franzosen gehalten
wurde. Zuletzt nherte ich mich dem Strome von Port-Glasgow, und hier
gelang es mir dann, einen Lotsen zu finden, der mich nach Irwin brachte.

Ich berhrte nur kurz, da wir, nachdem auch unser Schiffer wieder auf
die Beine gekommen, von hier mit Ballast und unter neutraler Flagge nach
der Insel Noirmoutiers an der westlichen Kste von Frankreich gingen, wo
wir eine Ladung Seesalz einnahmen und uns dann nach Knigsberg auf den
Heimweg machten. Leider konnten wir's im Kanal in der Nhe von Dover
nicht vermeiden, nach und nach mit sieben englischen Kapern
zusammenzugeraten. Alle diese Schnapphhne -- Kerle mit wahren
Galgenphysiognomien -- stiegen zu uns an Bord und wuten in allem, was
ihnen anstand (und ihnen stand fast alles an!) reinen Tisch zu machen:
Kessel und Pfannen, Tauwerk und losgebundene Segel, Seekarten und Kompa
muten mit ihnen wandern. Was der eine uns lie, da nahm der andere.
Ja, endlich zogen sie uns sogar die Kleider vom Leibe.

Wir hatten eben Dover gegenber beilegen mssen, als mir, bei dem
letzten unerwnschten Zuspruche solcher Art, einer von diesen
Taugenichtsen, zudringlicher als die brigen alle, die langen
Schifferhosen von den Beinen streifte. Das htte ich verschmerzen mgen;
aber bei der Gelegenheit fiel ihm auch ein Notpfennig von etwa 13 Rubeln
in die Augen, die ich ins Hemd eingenht hatte und hier fr sicher genug
hielt. Kaum aber erreichte der se Ton des Silbergeklappers sein Ohr,
so griff er gierig zu, hieb mit seinem Hauer mir den Hemdzipfel vom
Leibe, zhlte seine Beute ber und trieb die britische Gromut so weit,
mir davon einen Rubel zurckzugeben. Dabei verbot er mir, diesen dem
Schiffer zurckzustellen, welchem, seiner Meinung nach, der ganze Fund
wohl eigentlich gehren mchte.

Ich war aber ber diese Behandlung dermaen erbittert, da ich
augenblicklich das Ruder aufholte, die Segel abbrate und, da der Wind
sdlich war, nach dem Lande zuhielt. Was soll das bedeuten? Wo hinaus?
fragten die Kerle, die mir auf dem Verdeck am nchsten standen. -- Wo
hinaus? antwortete ich, von der inneren Wut bermeistert, geradeswegs
nach Dover, wo ihr Schelmgezchte noch heute am lichten Galgen baumeln
sollt! -- Flugs kam auf diese Drohung das ganze Pack aus Kajte, Roof,
Kabelgat und Raum, wohin sie sich zum Rauben verteilt hatten, im dichten
Kreise um mich her zusammen. So viel Hnde, so viel Pistolen wurden mir
auch an den Kopf oder Hauer auf die Brust gesetzt; doch scho oder stach
niemand. Dagegen rissen sie mich bei den Haaren aufs Deck nieder, einige
hielten mich an Kopf und Fen fest, andere schlugen mit den flachen
Klingen auf mich drein, da mir schier Hren und Sehen verging. Endlich
wollten doch die Barmherzigsten meine weitere Mihandlung nicht
gestatten; doch ging es nicht ohne einige Futritte ab, und einer, der
mir nun noch die Stiefeln von den Fen zog, schlug mir sie zum
Beschlusse um die Ohren, zog sie selbst auf der Stelle an und machte
sich darauf mit seinen feinen Gesellen, zusammen dreizehn an der Zahl,
an Bord ihres Kaperschiffes zurck.

Mein Zustand war so jmmerlich, da unser Schiffsvolk mich fr halb tot
in meine Koje trug. Nicht genug aber, da ich, der ich mich kaum regen
konnte, der Regierung des Schiffes abging, sondern nun entstand auch in
der nchsten Nacht ein Sturm, gegen den die brigen sich zu schwach
fhlten, die Segel einzunehmen. Dies hatte die Folge, da bald auch der
groe Mast brach und mit seiner ganzen Takelage ber Bord ging. Nun
trieben wir, als ein Wrack, in der See, und htten wahrscheinlich
unseren Untergang gefunden, wenn nicht tags darauf eine hollndische
Fischer-Schuyt in unsere Nhe gekommen und bereitwillig gewesen wre,
unser Schiff nach dem Texel und von dort nach Medemblyk zu schleppen, wo
sich die bequemste Gelegenheit fand, es wieder zu vermasten und in
segelfertigen Stand zu setzen.

       *       *       *       *       *

Als es zugerstet war, fhlte ich mich noch zu krank und elend, um
wieder mit an Bord zu gehen. Ich mute also in Medemblyk zurckbleiben
und begab mich dort zu einem Kompamacher, dem ich seine Kunst grndlich
ablernte, und diese ist mir in der Folge von groem Nutzen gewesen.
Zugleich schrieb ich in meine Heimat und erhielt auch bald eine
Aufforderung von meinem Vater, ungesumt nach Kolberg zurckzukommen.
Die Gefahr, zum Soldaten ausgehoben zu werden, sei jetzt nicht zu
frchten, da er als Brgeradjutant sich den Festungskommandanten
v. Heyden besonders geneigt wisse und da es mehr als eine Weise gebe, dem
Vaterlande rechtschaffen zu dienen. berdem sei es sehr wahrscheinlich,
da der Festung binnen kurzem eine Belagerung von den Russen
bevorstnde. Es sei also das beste, da ich nach Hause kme, um mit
meinen Eltern zu leben und zu sterben. Schlge ich jedoch diese
Ermahnung in den Wind, so mchte ich auch fernerhin nimmer wagen, mich
seinen Sohn zu nennen. Kurz, neben dem glhenden Patriotismus, der sein
Herz beseelte, schimmerte immerdar noch die Besorgnis hindurch, da ich
meiner alten Begierde nach Abenteuern hier in Holland abermals den Zgel
schieen lassen und mit leichtem Sinn in die weite Welt gehen mchte.

Was blieb mir unter diesen Umstnden anders zu tun, als mich
unverzglich auf das Schiff eines Landsmannes zu setzen, der zu
Amsterdam lag und unter Danziger Flagge fuhr, und es so einzurichten,
da ich auf der Kolberger Reede, im Vorberfahren, von ihm an Land
geschickt wurde. Drei oder vier Wochen darauf begann die erste, von dem
russischen General Palmbach geleitete Belagerung meiner Vaterstadt. Nun
ist es bekannt, da schon von alten Zeiten her die Einwohner von Kolberg
durch ihren Brgereid verpflichtet sind, zur Verteidigung der Festung
Leib und Leben, Gut und Blut daranzusetzen. Sie blieben also auch bei
dieser Gelegenheit, als brave Preuen, nicht hinter ihrer Schuldigkeit
zurck. Meines Vaters Posten insonderheit forderte, da er in dieser
Zeit stets um die Person des Kommandanten sein mute; und wo er war, da
war auch ich, um ihm, als ein flinker und rhriger junger Mensch, zur
Hand zu gehen. Der alte wackere Heyden sah meinen guten Willen; und das
gewann mir sein Wohlgefallen in dem Mae, da ich bestndig in seiner
Nhe sein und bleiben mute. Ich konnte solchergestalt fr seinen
zweiten Brger-Adjutanten gelten und wurde oftermalen auf den Wllen von
ihm gebraucht, seine Befehle nach entfernten Posten zu berbringen. In
der Tat war dies eine gute Vorschule fr mich, um zu lernen, was unter
solchen Umstnden zum Festungsdienste gehrt; und die Lektion ist mir
noch im spten Alter trefflich zugute gekommen!

Man wei, da diese Belagerung, obgleich ernstlich genug gemeint und mit
berlegener Kraft begonnen, dennoch durch die Entschlossenheit unseres
Anfhrers und seine geschickten Gegenanstalten fruchtlos blieb und da
die Russen, nachdem sie eine Menge Pulver unntz verschossen hatten,
nach einigen Wochen wieder abziehen muten. Sobald aber auch nur der
Platz wieder frei geworden, war dort meines Bleibens nicht lnger. Ich
machte eine Fahrt nach Amsterdam, von der ich hier nichts Besonderes
anzufhren habe, und traf hier wieder mit meinem alten wertgehaltenen
Kapitn Joachim Blank zusammen, den ich vor drei Jahren ungern
verlassen hatte. Er hatte gerade eine neue Reise nach Surinam vor, wo es
denn keines langen Zuredens bei mir bedurfte, um auf seinem Schiffe
meine alte Stelle als Steuermann anzunehmen.

       *       *       *       *       *

Es war gegen Ende Dezember 1758, als wir, mit einer groen Flotte von
Kauffahrern und unter Bedeckung von drei hollndischen Kriegsschiffen
aus dem Texel mit einem tchtigen Sturm aus Nordosten in See gingen.
Allein es gibt so mancherlei Verzug und Beschwerde, sich -- zumal bei
den langen Winternchten -- im Gedrnge einer solchen zahlreichen Konvoi
zu befinden, da wir uns die erste beste finstere Nacht zunutze machten,
uns heimlich von unserer lstigen Begleitung abzudrcken und unser Heil
in uns selbst zu suchen. Der anhaltende gnstige Wind lie uns auch bald
einen weiten Vorsprung gewinnen; so da wir binnen kurzem die stlichen
Passatwinde erreichten und die gesamte Fahrt vom Texel bis in den Flu
von Surinam, -- eine Strecke von zweitausend Meilen -- in der
ungewhnlich kurzen Zeit von zwanzig Tagen zurcklegten.

Meine Beschftigungen an diesem unserem Bestimmungsorte waren die
nmlichen, die ich schon frher angefhrt habe. Ich befuhr beide Strme
in der Kolonie, versah die Plantagen mit den bedrftigen Artikeln
unserer Ladung, und brachte von dort eine neue Rckfahrt an Zucker und
Kaffee zusammen. Dies setzte mich nun mit einer Menge Plantagendirekteurs
in Verbindung, die groenteils meine nheren oder entfernteren Landsleute
waren und mir smtlich viele Liebe und Gte erwiesen. Ihrer unbegrenzten
Gastfreundlichkeit danke ich die vergngtesten Tage meines Lebens, die
unstreitig in diesen achtmonatigen Aufenthalt in dieser Kolonie fielen.

Auf unserer Heimfahrt nach Amsterdam hatten wir einen der vermgendsten
Plantagenbesitzer an Bord, den die Sehnsucht nach dem vaterlndischen
Himmel zurck nach Europa trieb. Er hie _Polack_, war ein geborener
Wiener und in seiner Jugend als gemeiner Soldat nach Surinam geraten.
Glck und Ttigkeit hoben ihn hier allmhlich zu einer glnzenden Lage
empor. Eine der grten Kaffeeplantagen, genannt der Maas-Strom und am
Kommendewyne gelegen, war sein Eigentum, das er unlngst seinem aus
Europa zu sich berufenen Schwestersohne zum Geschenk bergeben hatte.
Nie sah ich einen rhrenderen Anblick, als wie ich ihn von dort in
unserer Schaluppe an Bord abholte. Alle Sklaven der Pflanzung,
vierhundert Mnner, Weiber und Kinder an der Zahl, hatten sich
versammelt, um ihrem alten gtigen Herrn das Lebewohl zu sagen. Sie
fielen rings um ihn nieder, weinten, umfaten seine Fe und Hnde und
umklammerten seinen Leib, als wollten und knnten sie ihn nimmer von
sich lassen.

Sobald wir unter Segel gegangen waren, ersuchte uns Herr Polack, dem
Schiffsvolke bekannt zu machen, da er demjenigen, der ihm zuerst
ansagen knne: er sehe europische Erde -- ein Geschenk von fnfzig
Dukaten zugedacht habe. Diese Nachricht verbreitete unter allen eine
gespannte Aufmerksamkeit; und der Wetteifer, eine so leicht zu
verdienende Belohnung vor den brigen davonzutragen, wuchs mit jedem
Tage, der uns unserm heimatlichen Erdteile nher brachte. Selbst als
wir, in der achten Woche unserer Fahrt, unserer Schiffsrechnung nach,
dieses Ziel erreicht zu haben glauben durften, blieb dennoch eine
Ungewiheit von einem Dutzend Meilen brig, da, wie bekannt, in jenen
Zeiten die genaue Bestimmung der zurckgelegten Lngengrade mehr auf
einer mutmalichen Schtzung, als auf astronomischen Berechnungen oder
der Sicherheit der Seeuhren beruhte.

Jetzt wimmelte es schon seit einigen Tagen auf unsern Masten und Stangen
von Menschen, die mit angestrengten Blicken nach Europa ausschauten.
Eines Nachmittags, als ich meine Wache beendigt hatte und ehe ich mich
in meine Koje verfgte, stieg ich nach oben, um mich nach allen Seiten
umzusehen; wie dies denn nicht blo damals, sondern zu allen Zeiten,
meine unverbrchliche Weise war. Mein erster Blick nach dem stlichen
Horizont zeigte mir etwas, das beinahe wie eine entfernte Kste am Rande
aufblickte. Dennoch stieg mir einiger Zweifel auf, ob nicht eine hnlich
gestaltete Wolke, oder eine Nebelbank, mich tuschte. Allein je lnger
und sorgfltiger ich mir die Erscheinung berlegte, desto
zuversichtlicher ward meine berzeugung, da ich recht gesehen. Um mich
her und hoch ber mir saen Matrosen, denen gleichwohl von meiner
Entdeckung noch kein Schatten ahnte.

Auch ich schwieg still, begab mich aufs Verdeck hinunter und flsterte
unserem Ober-Steuermann ins Ohr: Gelt Freund, ich sehe die englische
Kste! Ich steige jetzt wieder nach oben; und wenn ich dann den Arm
gerade nach dem Lande hin ausstrecke, so macht danach hier unten mit dem
Kompa die Peilung. -- Unbefangen nahm ich meinen alten Sitz im
Mastkorbe wieder ein; berzeugte mich dann zuvor, ob unten mein Gehilfe
mit seinem Instrumente fertig stand, und deutete nun bestimmt nach der
erblickten Kste hin. Kaum nahmen meine Nachbarn umher diese Bewegung
wahr, so schrien sie auch allesamt, wie aus einer Kehle: Land! Land!
Land! -- aber zu spt! Ich hatte ihnen bereits vorgefischt!

Als ich mich wieder unten zeigte, forderte mich unser Kapitn auf, zu
Herrn Polack in die Kajte zu gehen und ihm zum Anblick von Europa zu
gratulieren. Mein Ehrgefhl aber wollte es nicht zulassen, mir irgend
den Schein zu geben, als habe ich mich unter die Bewerber zu seiner
ausgesetzten Prmie gedrngt. Nicht so aber dieser Ehrenmann, der mich
selbst zu sich hinab ntigte, mir das bestimmte Pckchen Gold in die
Hand drckte und mich bat, es zu irgendeinem Andenken an ihn und diese
Reise zu verwenden. Am 1. Dezember 1759 erreichten wir Amsterdam; und
unsere Fahrt hatte diesmal ein rundes Jahr, weniger einige Tage,
gewhrt. Von unserer Bemannung, die vierundvierzig Kpfe betrug, hatten
wir neun Menschen durch den Tod verloren.

       *       *       *       *       *

Unttigkeit und trge Mue waren mir unleidlich. Ich engagierte mich
daher sofort wieder, als Unter-Steuermann, auf das Schiff unter Kapitn
Siewert, welches schon im Texel lag, nach St. Eustaz bestimmt war und
kurz vor Anfang des Jahres 1760 die Anker lichtete. Die spte Jahreszeit
lie uns eine schwere strmische Fahrt in der Nordsee und im Kanal
erwarten. Auch traf diese Befrchtung nur zu pnktlich ein, denn wir
bten nicht nur mehrere Segel, sondern auch Stangen und Raaen ein und
fnf Matrosen, samt dem Schiffszimmermann, hatten das Unglck, ohne
Rettung ber Bord gesplt zu werden. So kamen wir, in einem uerst
beschdigten Zustande, in St. Eustaz an; bewirkten jedoch binnen vier
Wochen unsere Ausbesserung und Rckladung, und mochten kaum die Hlfte
unseres Weges nach Holland zurckgelegt haben, als wir von einem
englischen Kriegsschiffe genommen wurden. Die gesamte Mannschaft, bis
auf vier Mann, mute an dessen Bord hinberwandern, und so wurden wir im
Monat Mai nach Portsmouth aufgebracht. Unser Proze, ob recht oder
unrecht, kam zu einer kurzen Entscheidung: denn da man fr gut fand, in
unserer Fracht franzsisches Eigentum zu wittern, so wurden Schiff und
Ladung kondemniert, die Mannschaft aber mit der ausgezahlten Gage von
einem Monat abgefunden. Noch verdrielicher aber war uns das
Erschwernis, welches wir fanden, England zu verlassen.

Unter diesen Umstnden blieb mir nichts brig, als Dienste auf einem
englischen Schiffe, unter Kapitn Keppel, zu nehmen. So kam ich Anfang
Juli nach Danzig, von wo ich sofort an meine Eltern nach Kolberg schrieb
und ihnen meine Lage schilderte. Dies hatte die, fr mich sehr
berraschende Folge, da meine gute Mutter persnlich mit der Post nach
Danzig kam, sich hinter den preuischen Residenten steckte und durch
diesen es mit leichter Mhe dahin brachte, da ich, als preuischer, und
also Untertan einer befreundeten Macht, von dem englischen Schiffe
entlassen wurde. Unmittelbar darauf ging ich mit meiner gtigen
Befreierin nach unserer Vaterstadt ab.

       *       *       *       *       *

Kaum fnf oder sechs Wochen hatte ich im vterlichen Hause zu meiner
Erholung zugebracht, so trat fr Kolberg der Zeitpunkt jener zweiten
denkwrdigen Belagerung ein; und da die Russen diesmal, beides zu Wasser
und zu Lande, operierten, so war auch der Hafen gesperrt, und ich sa
also wieder in der Kaltschale! Indes tat ich meinen Dienst, wie ich
wute und konnte, ebenso, wie vor zwei Jahren; nur ging es diesmal noch
um vieles wrmer her. Glcklicherweise dauerte unser Notstand nur etwa
drei Wochen, da dann die Festung durch den braven General Werner, wie
durch ein Wunder, entsetzt wurde.

Whrend dieser Zeit des siebenjhrigen Krieges blieb den preuischen
Schiffen und Seeleuten, um ihrem Erwerbe nachzugehen, kaum etwas anderes
brig, als unter der neutralen Danziger Flagge zu fahren. In solcher
Weise ging ich auch im Oktober von Danzig nach Knigsberg, und von
Knigsberg mit einem Schiffe in See, das nach Amsterdam bestimmt war und
von Karl Christian, einem in Pillau ansssigen Schiffer, gefhrt wurde.
Ich hatte mich als Steuermann verdungen. Es war im November 1760; und so
fehlte es in dieser vorgerckten Jahreszeit auch wiederum nicht an
hufigem Sturm und Unwetter, womit wir besonders in der Nordsee viel zu
schaffen hatten.

Wir bekamen einen Leck, mit dem es binnen kurzem sehr bedenklich wurde,
weil die Ratzen die inwendige Ftterung des Schiffsbodens durchgefressen
hatten; wo denn das Getreide, welches unsere Ladung ausmachte, in den
unteren Kielraum geraten war und unsre Pumpen verstopft hatte. Der Sturm
ward je lnger je heftiger, und wir fhlten uns dem Sinken nahe. In
dieser Not blieb uns nichts brig, als das Schiff vor dem Winde
hinlaufen zu lassen, die Luken zu ffnen und von unserer Ladung so viel
wie mglich ber Bord zu schaffen. Aber noch immer konnten wir keinen
Hafen sehen oder erreichen, als wir mit Einbruch der Nacht in die
Scheren an der sdlichsten Spitze von Norwegen gerieten, wo wir zwar mit
Mhe auf siebzig bis achtzig Klafter vor Anker kamen, aber doch nicht
verhindern konnten, da das Hinterteil des Schiffes auf eine Klippe
stie. Durch die Gewalt dieses Stoes zerbrach das Ruder samt dem
Hintersteeven, und das Wasser im Raume stieg mit jeder Viertelstunde
hher. Wir brachten eine Nacht voll entsetzlicher Angst zu und sahen
unsern gewissen Tod vor Augen.

Endlich aber dmmerte etwas Tageslicht auf und zeigte uns eine ffnung
zwischen den Scheren, die wir augenblicklich benutzten, indem wir unser
Ankertau kappten, zugleich aber auch eines Lotsen mchtig wurden, der
uns in den Hafen von Klewen, nahe bei Mandal, fhrte. Froh des
geretteten Lebens besserten wir hier unser hart beschdigtes Schiff aus;
konnten aber erst im Mrz 1761, und mit stark verminderter Ladung,
wieder in See gehen; worauf wir denn im April unsern Bestimmungsort
erreichten, unser Getreide lschten und dann einige Wochen spter mit
Ballast nach der Insel Noirmoutiers, weiter segelten, um hier eine
Ladung Seesalz als Rckfracht nach Knigsberg einzunehmen.

       *       *       *       *       *

Whrend unserer Reise dahin und bei dem schnen Wetter, das wir im Kanal
trafen, beschftigten wir uns nebenher damit, die Kajte neu auszumalen.
Dem Schiffer ward bei dieser Arbeit bel, und er legte sich in seine
Koje, whrend ich selbst einer Verrichtung auf dem Deck nachging. Kaum
eine halbe Stunde nachher kam auch _er_ wieder hervor; sah ganz wild und
verstrt aus und fragte mit Ungestm: Was fr Land dies sei, und wo ich
mit dem Schiffe hin wolle? Mit Verwunderung nahm ich seinen
ungewhnlichen Zustand wahr, brachte ihn jedoch durch gtliches Zureden
in die Kajte und auf sein Lager zurck; hatte aber kaum den Rcken
gewandt, als ich hinter mir ein erstaunliches Brllen und gleich darauf
ein Gepolter hrte, welches mich bewog, der Ursache nachzugehen.

Da fand ich denn den Kapitn, der aus seinem Bette herabgetaumelt war,
auf dem Boden der Kajte ausgestreckt lag, aus Mund und Nase stark
blutete und ein Loch in den Kopf gefallen hatte. Sein Anblick war
frchterlich; und es schien sich kaum noch eine Spur von Leben in ihm zu
regen. Ich machte flugs Lrm; unser Volk kam mir zu Hilfe; wir flten
ihm Wasser und Branntwein ein; rieben ihn, verbanden ihm seine Wunde und
brachten ihn wieder zu sich. Auch sein gesundes Bewutsein schien
wiedergekehrt, so da wir ihn mit guter Zuversicht vom Verdeck, wo wir
ihn behandelt hatten, wieder in seine Koje zur Ruhe legen konnten. Zu
noch besserer Vorsicht blieb ich bei ihm und streckte mich auf den
Kleiderkasten, der vor seinem Bette angebracht war.

Nichtsdestoweniger berfiel es ihn gleich darauf von neuem; er taumelte
ber mich weg auf den Fuboden der Kajte; war starr, besinnungslos und
einem Sterbenden hnlich, bis wir ihn abermals aufs Deck an die frische
Luft brachten, wo er sich denn allmhlich wieder erholte. Ich verfiel
darauf und bin auch noch jetzt der Meinung, da der Grund dieser
sonderbaren Wirkung in den frischen lfarben zu suchen sei, womit wir
eben hantiert hatten; zumal in dem sogenannten Knigsgelb, das wir zum
Anstrich einiger Leisten dicht an seiner Koje gewhlt und dessen
schdliche Ausdnstungen er unmittelbar mit dem Atem in sich gezogen
haben konnte. Wir behielten ihn darum auch auf dem Verdeck und dann in
einem luftigen Raum, bis wir ihn vollkommen wieder genesen glaubten.

Einige Tage spter befanden wir uns morgens unter Quessant, als ich eben
mit meiner Wache fertig war; und da der Kapitn aufs Deck kam, um mich
abzulsen, bedeutete ich ihm: Dort haben wir Quessant. Wir drfen
nicht sdlicher steuern, als Sdsdwest, wenn wir nicht hier in die
Bucht zwischen den Klippen verfallen wollen. -- Ich war auch zu dieser
wohlgemeinten Weisung um so befugter, weil ich ohnehin auf dem Schiffe
meist alles allein zu leiten hatte, denn mit des Mannes Steuerkunst war
es herzlich schlecht bestellt, indem er zwar einige Reisen nach
Ostindien, aber nur als Zimmermann, gemacht hatte. Seine Anstellung als
Schiffer hatte er lediglich der Gunst einiger Reeder in Knigsberg, den
Verwandten seiner Frau, zu danken. Auch wurden von seinen frheren
Fahrten allerlei seltsame Dinge erzhlt, die sein Ungeschick zu einem
solchen Posten sattsam bewiesen. Als Seemann konnte er es brigens mit
dem Bravsten aufnehmen.

Whrend ich in meine Koje zur Ruhe ging, nahm jener sein Werkgert und
machte sich an der Zimmerung des Bootes etwas zu schaffen. Ehe mir aber
noch die Augen recht zufielen, kam er aus demselben hervor, trat zu dem
Matrosen am Steuer und fragte: Was steuert Ihr? -- Sdsdwest, Herr!
war die Antwort. -- Ei, warum nicht gar! Steuert Sdsdost! befahl der
Schiffer. Ich erschrak und geriet immer mehr in Nachdenken, was ihn zu
dieser Widersinnigkeit veranlassen knne. Kaum zehn Minuten spter kam
er nochmals und gebot dem Manne am Ruder, vollends gegen Sdost zu
steuern. Sogleich sprang ich auf, berzeugte mich, da dieser wirklich
den anbefohlenen Kurs hielt, und rief nun augenblicklich dem Kapitn zu:
Um Gottes willen! Mit dem Sdostkurs sind wir ja gleich im Unglck! Wir
mssen wieder sdwestlich steuern.

Der harte Kopf tat, als hrte er mich nicht, und gab keine Antwort. Ich
rannte zu dem Matrosen und donnerte auf ihn ein: Steuert Sdwest! --
Der Schiffer, dies hrend, warf seine Zimmeraxt ber Seite, kam heran
und gebot seinerseits: Steuert Sdost! -- Was blieb mir jetzt brig,
als dem Kerl die Ruderpinne aus der Hand zu reien und so meinen Willen
zu erzwingen? -- bis jener sie mir wiederum mit Gewalt entri und
wtend erklrte, da es bei Sdost verbleiben solle.

So abgewiesen, ging ich in den Roof, wo ich mein Wachtvolk herausrief
und nun auch meinerseits erklrte: Der Schiffer wolle uns mit seinem
Eigensinn ins Unglck bringen; wir fhren mit diesem Kurs dem Verderben
in den offenen Rachen. Gleich hin nach vorn und ausgeschaut nach Klippen
und Brandung! -- In der Tat auch war kaum eine halbe Stunde verlaufen,
so schrien die Leute: Ho da! Klippenbrandung vor uns! -- Jetzt hielt
ich mich auch nicht lnger; griff, wie ein Sturm, ins Ruder, holte es
hart an die Backbordseite, und sah mit Herzbeben rings umher ein
Labyrinth von Klippen wei aufschumen.

Auch der Kapitn sah, was vorging, und schlich bleich und zitternd nach
der Kajte, whrend ich, mit Hilfe der brigen, das Schiff wendete und,
da mir der Wind gnstig in die Segel stand, auch das kaum verhoffte
Glck hatte, mich mit Kreuzen und Lavieren endlich wieder aus dem
Untergang drohenden Gedrnge wieder herauszufinden. Von unserm Schiffer
war und blieb nichts zu sehen, bis zur Essenszeit, da er mich, wie
gewhnlich, zu Tische rufen lie. Kaum trat ich in die Kajte, so fiel
er mir um den Hals, gestand, er sei ganz von Sinnen gewesen, und bat
mich, alles Geschehene zu vergessen; mit heiliger Zusicherung, da er
mir knftig ganz meinen Willen lassen wolle. Ich schrfte ihm jedoch ein
wenig das Gewissen durch Vorstellung, wie nahe es daran gewesen, da wir
alle durch seine Schuld Kinder des Todes geworden. Er erkannte das, gab
gute Worte, und damit war die Sache abgetan.

Auf der Heimreise hatten wir den Kanal bereits wieder passiert und bei
Nacht die Leuchtfeuer bei Dover deutlich erkannt, indem wir bei einem,
zum Sturme werdenden West-Sdwest-Winde herliefen. Weiterhin in der
Nordsee, wo diese mehr Breite gewann, fanden wir gewaltig hohe Wogen,
die unsrem tief mit Salz geladenen Schiffe durch fteres berstrzen
sehr beschwerlich fielen. Eben war meine letzte Nachtwache von zwlf
bis vier Uhr zu Ende. Ich ging demnach zum Kapitn in die Kajte, um ihm
zu sagen, da seine Wache beginne, da es gewaltig strme und da,
wofern der Wind nicht bald nachliee, es ntig werden mchte, die Segel
einzunehmen und gegen den Wind zu legen. Anders sei mir bange, da uns
nicht Boot, Wasserfsser und selbst Menschen durch die Sturzwellen ber
Bord gerissen wrden.

Mde suchte ich meine Lagersttte, ohne jedoch einschlafen zu knnen.
Ich hrte den Kapitn aufs Deck hervorkommen und wieder in die Kajte
zurckkehren, wobei er Morgen- und Bulieder zu singen begann. Das
deuchte mir an ihm um so verwunderlicher, da er whrend der ganzen
Reise, auer der Zeit des gewhnlichen Schiffsgebetes, nie ein
geistliches Buch in die Hnde genommen, noch eine Gesangnote angestimmt
hatte. Das mag wohl gar ein Zeichen vor seinem Ende sein, sagte ich zu
mir selbst. Nun, so ist es doch immer das Schlimmste nicht, was er tun
kann.

Eine Stunde spter trat er an mein Bett, um mich zu fragen, ob ich
schliefe? -- Kann man es wohl bei Eurer seltsamen Musik? war meine
Antwort. Nun sagte er mir: es werde nicht anders sein, als da wir die
Segel einreffen und gegen den Wind wrden drehen mssen. Zugleich bat er
mich, da ich mich etwas in die Kleider wrfe und mit meinen Leuten auf
dem Platze wre, whrend er selbst mit seinem Wachvolke die Kliefhack
(Besane) einnehmen wolle. -- Flugs sprang ich mit gleichen Fen aus den
Federn, machte Lrm und brachte meine Mannschaft auf die Beine. Aber
noch steckte ich selbst erst halb in einem Stiefel, so begann der Mann
am Ruder ein helles Geschrei, ohne da ich eine Veranlassung dazu
begriff. Ich strzte hervor -- Kerl, bist du toll? Was ficht dich an?
-- Mein Gott! mein Gott! Da vorn mu ein Unglck passiert sein. Sie
lamentieren alle ganz klglich durcheinander.

In drei Sprngen war ich vorn am Bug. Was ist's? was fehlt euch?
sprecht! -- Ach, da Gott erbarme! der Schiffer ist ber Bord! --
Nun denn, nicht lange besonnen! Frisch, da wir ihm helfen! --
Sogleich griff ich nach allem Tauwerk, das mir zunchst zur Hand kam,
und lie die Enden ber Bord laufen, damit sich der Unglckliche
vielleicht daran halten mchte. Das gleiche tat ich hinten auf dem
Kajtendeck, aber immer noch, ohne zu wissen, nach welcher Seite ich ihn
eigentlich zu suchen hatte, da das Schiff eine fliegende Fahrt lief.
Endlich nahm ich wahr, da er hinten im Kielwasser in die Hhe tauchte,
sich in einer Entfernung von zehn oder zwanzig Klaftern hinter dem
Schiffe zum Schwimmen umwarf und nun mit Macht zu rudern begann. Da er
ein fertiger Schwimmer sei, der in Ostindien wohl Strecken von mehr als
einer Viertelmeile zurckgelegt habe, hatte er selbst mir oftmals
erzhlt, und auch wohl hinzugesetzt: Er glaube gar nicht, da er
ersaufen knne.

Sobald ich seiner ansichtig wurde, holte ich das Ruder nach der
Steuerbordseite, um das Schiff bei dem Wind zu legen und dadurch
mglichst aufzuhalten. In dieser Stellung aber legte es sich (da es
ohnehin der tiefen Ladung wegen nur wenig Bord hielt) so bermig auf
die Seite, da sogar die Kajtentr unter Wasser geriet und dasselbe wie
zu einer Schleuse hineinstrzte. In dieser Lage standen wir, wenn sie
noch einige Minuten anhielt, in der augenscheinlichsten Gefahr, auf der
Stelle zu sinken. Ich mute mich entschlieen, das Ruder wieder nach der
andern Seite zu holen, um das Schiff in die Hhe zu bringen, bevor es
seinen Schwerpunkt verlre.

Wohl brach mir mein Herz, wenn ich an den armen Kapitn gedachte, den
wir noch von Zeit zu Zeit mit dem strmenden Elemente kmpfend
erblickten, sooft die Woge ihn emporhob. Es gab kein Mittel mehr, uns in
seiner Nhe zu erhalten, da das Schiff, vom Winde gejagt, gleich einem
Pfeile durch die Fluten dahinscho. Der Unglckliche war nicht zu
retten, selbst wenn wir unser eigenes Leben htten preisgeben wollen!
Sogar jetzt, wo ich mich frei von der unsglichen Bestrzung fhle, die
in jenen schrecklichen Augenblicken auf uns alle drckte, wei ich
nicht, was noch anderes und mehr zu seinem Beistande von uns htte
versucht werden knnen.

Mittlerweile hielt der Sturm noch immer an, ohne jedoch hrter zu
werden. Ich wagte es daher, das Schiff vor dem Winde hinlaufen zu
lassen, bis sich mit dem nchsten Tage das Wetter allmhlich wieder
besserte. Nun aber lag mir eine andere schwere Sorge auf dem Herzen, wie
ich bei bernommener Fhrung des Schiffes den mancherlei
Verantwortlichkeiten entgehen wollte, die ber den Nachla unseres
unglcklichen Kapitns entstehen konnten. Unser ganzer Vorrat an Brot,
Grtze, Erbsen und brigen Lebensmitteln war in der Kajte aufbewahrt,
und Koch und Kochsmaat hatten tglich und stndlich ihren Gang in
dieselbe, um das Ntige hervorzuholen. Zugleich aber lagen hier auch des
Schiffers Habseligkeiten umher, und ich wute, da es ihm nicht an Geld
und Geldeswert gefehlt hatte. Noch mehr: er hatte mir zuzeiten einen
bedeutenden Vorrat von Kostbarkeiten an Gold und Silber vorgewiesen, zu
deren Einkauf in Amsterdam ihm von seinen Knigsberger Freunden Auftrag
gegeben worden. Auch diese muten in der Kajte und, wie ich vermutete,
in seinem Kasten befindlich sein.

Um mich dieserwegen auf jede Weise zu sichern, lie ich gleich am andern
Tage das ganze Schiffsvolk, bis auf den Matrosen, der das Steuer versah,
in die Kajte zusammenkommen. In ihrer Gegenwart nahm ich ein
schriftliches Verzeichnis von smtlicher Habe unseres verstorbenen
Schiffers auf; wir packten dies alles in die vorhandenen Kisten, Kasten
und Scke, und schritten dann zu einer allgemeinen Versiegelung
derselben, damit weiter keine Hand daran rhren drfte. Das dazu
gebrauchte Petschaft aber ward von mir vor ihrer aller Augen durch das
Kajtenfenster in die See geworfen.

Da bei dieser Verhandlung alle und jede Behltnisse hatten geffnet
werden mssen, um nachzusehen, ob sie keine Schiffspapiere enthielten,
die mir im Sunde oder sonst ntig werden konnten, so erstaunte ich nicht
wenig, da sich hierbei nirgends weder Gelder und Barschaften, noch
seine Taschenuhr und silbernen Schuh- und Knieschnallen, noch endlich
auch jene vorerwhnten goldenen und silbernen Galanteriewaren vorfinden
lieen. Unsere Meinung fiel endlich dahin aus, da der verunglckte
Eigentmer diese Sachen wohl hier und da versteckt haben mchte, um sie
vor den gierigen Blicken und langen Fingern der Kapermannschaften zu
sichern, die je zuweilen ungelegene Besuche an unserm Borde machten.
Allein wie sorgfltig wir auch jeden Winkel der Kajte durchsuchten, so
lie sich doch nicht die mindeste Spur des Verlorenen entdecken.

Des dritten Tages nachher war ich im Sunde, und zwei Tage spter vor
Pillau. Der Wind strmte gerade auf das Land zu, es ging eine hohe See;
und wie gern ich auch lieber geradeswegs auf Knigsberg gegangen wre,
so blieb hier doch nichts anderes zu tun, als in den Pillauer Hafen
einzusetzen. Allein auch dies blieb ein Wagestck, wozu Mut gehrte.
Sobald jedoch die ntigen Vorbereitungen getroffen, die Kajtenfenster
vermacht und die Leute auf ihrem Posten waren, lie ich das Schiff vor
dem Winde laufen. Glcklich trafen wir das Fahrwasser zwischen den
Haken; zugleich aber berflutete uns in der Brandung eine Sturzwoge nach
der andern von hinten her, das Schiff stie auf den Grund, hob sich
jedoch mit der nchsten nachfahrenden Welle wieder, und ich wre mit dem
bloen Schrecken davongekommen, htte nicht diese nmliche Welle uns das
Steuerruder aus den Angeln gehoben und davongefhrt. Noch aber verlor
ich die Besinnung nicht, steuerte mit den Segeln, sogut ich vermochte,
und kam endlich bei Pillau, ohnweit des Bollwerks, wohlbehalten vor
Anker.

Mein khnes Beginnen hatte eine Menge neugieriger Menschen am Bollwerke
versammelt, und das nur um so mehr, als man bald auch unser Schiff
erkannte. Ich meinerseits bemerkte unter diesen Zuschauern mit
wehmtiger Empfindung unseres verunglckten Schiffers Frau, die ihre
Kinderchen zur Seite hatte und eifrig nach uns aussah. Kaum trat ich
ans Land und fiel ihr in die Augen, so rief sie mit sichtbarer
Bengstigung: Gott im Himmel! wo ist mein Mann? -- Alles, was zugegen
war, umstand mich und fragte: Wo ist Schiffer Karl Christian? --
Krank! krank! war meine zwar vorbereitete, aber durch Ton und Gebrde
nur schlecht beglaubigte Antwort. Ich suchte nur mich loszumachen und
eilte zum reformierten Prediger, dem Beichtvater der armen Frau, dem ich
den ganzen traurigen Vorfall erzhlte mit der Bitte, ihr die Todespost
auf eine gute Weise beizubringen und mit seinem Troste nahe zu sein.

Das geschah denn auch auf der Stelle. Ich selbst fand mich demnchst
auch ein, um der leidige Besttiger seiner Zeitung zu sein; und ich darf
wohl sagen, da mir das ein schwerer und bitterer Gang geworden. Am
nchsten Morgen, wo ich hoffen konnte, da die unglckliche Witwe sich
der Weheklage etwas begeben und zu mehr Fassung gekommen sein wrde,
ging ich wiederum zu ihr und kndigte ihr an, da, da ich mit dem
Schiffe unverweilt nach Knigsberg hinaufgehen mte, ich ihr heute noch
ihres verstorbenen Mannes Sachen und Gertschaften vom Schiffe ins Haus
schicken wrde. Zugleich aber mute ich ihr leider auch ankndigen, da
sowohl seine Barschaften als eine Menge anderer Sachen von Wert auf
eine, uns allen unbegreifliche Weise unter seinem Nachlasse vermit
wrden, wofern sich nicht etwa noch in seinen Papieren darber eine
nhere Auskunft ergbe.

       *       *       *       *       *

Nach diesem betrbenden Abschiede langte ich mit dem Schiffe bei
Knigsberg an und meldete mich bei den Reedern desselben. Hier war es
sofort das erste, da wir smtliches Schiffsvolk zu einer eidlichen
Erklrung ber alle einzelnen Umstnde des dem Schiffer widerfahrenen
Unglcks aufgefordert wurden. Wir alle, und ich insonderheit, muten uns
auf gleiche Weise von jedem Verdachte einer Veruntreuung seines
Eigentums reinigen und unsere Unkenntnis, wohin die verschwundenen
Sachen gekommen, erhrten. Htte nur diese gerichtliche Prozedur
zugleich auch meine Unschuld vor den Augen der Welt und der giftigen
Stimme der Lsterung zu rechtfertigen vermocht! Aber leider! fiel hier
die Sache ganz anders! Ich mute mir hinter meinem Rcken Dinge
nachsagen lassen, an die meine Seele nie gedacht hatte. Ich galt wohl
berall fr den Dieb, der Witwen und Waisen verkrzt habe, und mute es
dulden, da oftmals auch in meinem Beisein mit spitzigen Worten auf
dergleichen gedeutelt wurde. Wie oft, aber auch wie schmerzlich bitter
habe ich's Gott geklagt und darber im stillen meine Trnen geweint!

Die nchste Wirkung dieses unseligen Verdachtes war, da, nachdem das
Schiff ausgeladen worden, ich, anstatt die Fhrung desselben zu erhalten
(wie sonst wohl geschehen wre), es an den Schiffer Christian Kummerow
bergeben mute. Ja, meine ganze Lebenslage schien hierber eine andre
Richtung nehmen zu wollen. Als verlobter Brutigam einer Tochter des
Segelmachers Johann Meller in Knigsberg und mit groen Aussichten und
Plnen, war ich vormals ausgefahren: jetzt kam diese Heirat zwar
wirklich zustande; aber ich lie die Flgel mchtig hngen und
beschrnkte meinen in die weite Welt strebenden Sinn nunmehr auf den
engen Verkehr eines kleinen Bording-Reeders, und meine weitesten Reisen
begrenzten sich in dem spannenlangen Raume zwischen Knigsberg, Pillau
und Elbing. Es war der leidige Gang eines Langohrs in der Mhle!

Wre aber mein freier, immer ins Weite gestellte Sinn eines solchen
Austernlebens nicht schon an sich selbst frhzeitig mde geworden, so
waren doch Zeit und Umstnde ebensowenig dazu gemacht, mir diese Unlust
durch anderweitige Vorteile zu vergten. Mein Bordingskahn war ein altes
Fahrzeug, das meinem Schwiegervater gehrte, und worauf ich ihm die
Hlfte des taxierten Wertes von zweitausend preuischen Gulden bar
ausgezahlt hatte. Es whrte auch nicht lange, so ward ich, gleich vielen
andern meinesgleichen, von den Russen, die damals in ganz Preuen den
Meister spielten, gepret und zum Transport von Proviant und
Militreffekten von Pillau nach Elbing und Stuthof gebraucht. An
Bezahlung war hierbei im geringsten nicht zu denken: desto reichlicher
aber gab es hier ble Behandlung und allerlei Verdrielichkeiten zu
verdauen, die mir die Galle ins Blut jagten. Ich entschlo mich daher
kurz und gut, der Pauke ein Loch zu machen.

Eben lag ich auf dem Frischen Haff bei Stuthoff vor Anker. Ich war ledig
und sollte nach Pillau gehen. Ein russischer Soldat war mir an Bord zur
Aufsicht gegeben, der keinen Augenblick von mir weichen sollte. Dennoch
war leicht ein Vorwand gefunden, ihn ans Land zu locken und dort bei der
Flasche so angelegentlich zu beschftigen, da ich mich auf mein
Fahrzeug zurckschleichen, den Anker lichten und meines Weges
davonsegeln konnte. Der arme Kerl, der mich indes nur zu bald vermite,
lief mir wohl eine halbe Meile am Strande nach, schrie und beschwor mich
bei all seinen Heiligen, da ich ihn wieder einnehmen mchte. Dazu hatte
ich nun freilich keine Ohren; ich spannte vielmehr noch ein Segel mehr
auf und kam ihm so bald aus dem Gesichte, bis ich auf dem Pregel bei
Fischhof anlegte. Hier wimmelte es eben von Schiffen, welche Bordings
brauchten, um ihnen einen Teil ihrer Fracht nachzufhren, und wo ich auf
eine bessere Ernte zu rechnen hatte.

Wirklich auch akkordierte ich hier sogleich eine gute Fracht nach
Pillau; doch machte ich, zu meiner Sicherheit, dem Schiffer die
Bedingung, da ich jenem Orte nicht nher als ber den Grund in der
Rinne (dem Fahrwasser) kommen drfte, und da er mich, sobald ich ihm
die Gter wieder an Bord gegeben, durch seine Leute sogleich aufs Haff
zurckbugsieren helfen sollte. So dachte ich denn dies Spiel noch fter
zu wiederholen, ohne den Russen in die Scheren zu geraten und sie
obenein ins Fustchen auszulachen. Diesmal zwar gelang es, aber dennoch
war der Handel, als ich Fischhof wieder erreichte, schon verraten, und
ein paar bekannte Lotsen, die von Pillau kamen, warnten mich, dort dem
Frieden nicht zu trauen, indem mir von meinen Widersachern bereits
aufgepat werde.

Das Schiff, dessen Gter ich diesmal eingenommen hatte, war indes schon
vor mir nach Pillau abgesegelt, und es blieb nichts brig, als ihm
nachzufolgen; aber zu gleicher Zeit verlie mich mein Schiffsvolk
heimlich, dem es wohl bange werden mochte, mit mir bei den Russen in die
Patsche zu kommen. Ich sah mich also auf meinem Bording allein, ohne mir
Rat zu wissen, bis am andern Tage ein betrunkener Mensch (er war
Nachtwchter in Pillau) seines Weges von Knigsberg, lngs des Dammes
einhergetaumelt kam, dem ich die freie Fahrt nach Hause anbot, wenn er
an Bord kommen und mir etwas helfen wollte. Das ward gerne angenommen;
und obwohl er sich einigermaen wunderte, da er mich so
mutterseelenallein hantieren sah, so beruhigte ihn doch meine
Versicherung, da sich mein Volk wohl finden werde; er half mir mein
Fahrzeug losmachen und die Segel aufziehen, sogut er's in seinem
Zustande vermochte, und suchte dann bald einen Winkel, sein Ruschchen
vollends auszuschlafen.

Der Wind war gnstig und ich steuerte, sogut es gehen wollte, auf Pillau
zu. Gegen den Abend sah ich das Schiff, welches ich suchte, bereits in
der Rinne vor Anker liegen. Allein in eben dem Augenblicke, wo ich mich
ihm an Bord legte, erblickte ich auch ein Boot mit russischen Soldaten
angefllt, die sich mir nherten und es unfehlbar auf mich gemnzt zu
haben schienen. Nun galt es denn im Ernste! Auf mein Bitten versprach
mir indes der Schiffer, nicht nur mich in seiner Jolle und durch seine
Leute alsogleich bei dem Schwalkenberge an Land bringen zu lassen,
sondern auch meinen Bording, sobald er ledig geworden, hinter den Haken
in Sicherheit zu schaffen.

Schnell warf ich mich nun in das Boot und schlpfte in der
eingebrochenen Dunkelheit an meinen Verfolgern glcklich vorber. Der
Wind ging heftig aus Westen, und es gab eine hohe See. Obenein kamen
wir, noch in weiter Entfernung vom Lande, auf den Grund zu sitzen, so
da das Boot hoch voll Wasser splte. Whrend die Kerle fluchten und
schpften, bedachte ich mich nicht lange, ber Bord zu springen. Ich kam
auf der Bank bis an den halben Leib ins Wasser, sowie ich aber dem Ufer
nher watete, geriet ich immer tiefer -- jetzt bis unter die Arme, dann
bis an den Hals -- hinein, und endlich mute ich mich zum Schwimmen
bequemen. So erreichte ich triefend das Land und ging nach Lockstdt, wo
ich nicht nur Gelegenheit fand, mich am warmen Ofen zu trocknen, sondern
mir auch ein Pferd bestellte, auf welchem ich frh vor Tage mich
davonmachte und zu Mittag Knigsberg mit dem Vorsatze erreichte, mich im
Hause meines Schwiegervaters zu verbergen.

Doch etliche Stunden spter fand sich auch bereits ein russischer
Offizier mit vier Mann Wache und in Begleitung des Bordings-Faktors
Mager ein, um mich hier aufzusuchen und festzunehmen. Sie trafen
sogleich auf der Hausflur mit mir zusammen, und der Faktor, welcher sich
stellte, mich nicht zu kennen, fragte mich, wo der Schiffer Nettelbeck
zu finden sei? Ich stutzte einen Augenblick, ermutigte mich aber doch
alsbald zu dem Bescheide: Den wrden sie wohl in Pillau suchen mssen.
Nein! nein! unterbrach mich der Offizier, welcher deutsch sprach, wir
wissen, da er hier schon wieder zu haben ist. Wir wollen ihn wohl
herausklopfen. -- Klopft nur, dachte ich, und schritt ganz lssig zur
hinteren Hoftre hinaus. Kaum aber hatte ich diese auch nur im Rcken,
so htte man sehen sollen, was fr lange Beine ich machte, um in den
Garten und ber alle Zune, Planken und Hecken hinweg an den neuen
Graben zu kommen, wo ich bei einem guten Freunde, Heinrich Topen, eine
neue Zuflucht zu finden wute.

Hier blieb ich unentdeckt, whrend im Hause meines Schwiegervaters jeder
Winkel aufs sorgfltigste nach mir durchstbert wurde. Dagegen ward in
Pillau mein Bordingskahn nicht so bald ledig, als ihn die Russen in
Beschlag nahmen, neu bemannten und bis spt in den Herbst hinein zu
ihrem Gebrauch verwandten, wo sie ihn endlich, rein ausgeplndert und
der Segel und des Tauwerkes beraubt, als ein Wrack liegen lieen.
Vergebens bat ich schriftlich einige Freunde in Pillau, nach meinem
Eigentum zu sehen, denn niemand wollte sich damit befassen, um sich
nicht vielleicht mit den Russen bse Hndel zu machen.

Endlich verblutete sich die Geschichte, so da ich es allmhlich wagte,
aus meinem Verstecke hervorzukommen; und im Frhling 1762 durfte ich
mich selbst wieder in Pillau blicken lassen. Mein Fahrzeug stand hier am
Damm auf dem Grunde, von welchem ich es vor allen Dingen abbrachte. Dann
setzte ich es nach Mglichkeit wieder instand und fhrte es nach
Knigsberg, um seiner nur zu jedem Preise loszuwerden und nun die Arme
ein wenig freier zu rhren. Zu diesem Ende erstand ich wieder ein zwar
nicht groes, aber tchtiges Seeschiff, der Postreiter genannt, von
fnfundvierzig bis fnfzig Lasten, und fand auch sogleich eine
erwnschte Ladung von Malz, nach Wolgast bestimmt, die fr
zweiundzwanzig hollndische Gulden die Last bedungen wurde. Nun sumte
ich nicht, unter russischen Pssen meine erste Reise dahin anzutreten.

Als ich in Wolgast vor Anker gekommen, vertraute mir Herr Cantzler, der
Empfnger der Ladung, da dieselbe fr die Preuen in Stettin bestimmt
sei, und bat mich, so lange zu verweilen, bis er eines Fahrzeuges
habhaft geworden, das sie heimlich, bei Nacht und Nebel, dorthin
schaffen solle.

Ich lie mir das gefallen. Als aber die Ankunft des Schmugglers sich von
einem Tage zum anderen verzog, ward mir Zeit und Weile lang; und
zugleich auch erwachte in mir der Patriotismus, meinen pommerschen
Landsleuten in Stettin etwas zuliebe zu tun. So machte ich mich denn auf
zu Herrn Cantzler und stellte ihm vor: mein Fahrzeug ginge nicht zu tief
und wre wohl geeignet, bers Haff und dessen Untiefen zu passieren.
Wre es ihm recht, so unternhme ich es wohl selbst, die Ladung nach
Stettin zu bringen, da ich dieser Gegend hinreichend kundig wre.

Mir schon recht! erwiderte der Handelsherr erfreut. -- Will _Er_ sein
Schiff dran wagen, Herr: die _Ladung_ mu gewagt werden! -- Wie hoch die
Fracht? -- Wir wurden um fnfhundert Taler einig. -- Aber sehe sich
der Herr wohl vor! setzte jener warnend hinzu. -- Auf dem Haff liegt
eine ganze Flotte von unseren schwedischen armierten Schiffen. Das wird
Knste kosten! -- Was war zu machen? Der Schritt war einmal getan; und
wre mir der Handel nun auch leid geworden, so erlaubte mein Ehrgefhl
doch nicht, jetzt noch zurckzutreten.

Vorerst ging ich mit meinem Schiffe die Peene hinauf, bis unfern an den
sogenannten Bock am Eingange des Haffs. Hier sah ich die schwedische
Armierung in einem weiten Halbzirkel vor mir liegen und in der Mitte
derselben eine Fregatte, so da das Ding nicht wenig bedenklich aussah
und ich meinem Mute wacker zusprechen mute. Indes peilte ich noch bei
Tage mit dem Kompa, wo hinaus die grte ffnung zwischen den
Fahrzeugen war. Die Nacht fiel rabendunkel ein, der Wind war frisch, mit
Regen und Donnerwetter vergesellschaftet, und alles schien mein
Unternehmen begnstigen zu wollen.

Um elf Uhr endlich hob ich den Anker und segelte glcklich und ohne
Hindernis durch die Flotte, deren eigne aufgesteckte Feuer mir sogar die
Richtung noch deutlicher angaben. Schon hatte ich sie eine Viertelmeile
im Rcken und glaubte mich geborgen, als unerwartet ein Schu nach mir
hinfiel, der, wie ich jetzt erst bemerkte, von einer auf Vorposten
ausgestellten Galley kam. Himmel! wie sputete ich mich, jedes Segel
aufzusetzen, das mein Schiffchen nur tragen konnte, welches berdem, zu
meinem Troste und seinen Namen rechtfertigend, ein trefflicher Segler
war. Nicht lange aber, so blitzte noch ein zweiter Schu von der Seite
nach mir auf, und dieser kam von einem anderen Vorpostenschiffe, dem ich
ebensowenig Rede zu stehen gesonnen war.

Nunmehr machten beide Galleyen die ganze Nacht hindurch Jagd auf mich
und kamen mir in der Tat nahe genug, da unter den unzhligen Kugeln,
womit sie mich begrten, vier durch meine Segel gingen. Mit
Tagesanbruch war ich New-Warp gegenber. Hier aber kamen mir bereits
drei von unseren preuischen armierten Fahrzeugen entgegen, die
gewhnlich bei Ziegenort lagen und durch das nchtliche Schieen
alarmiert worden waren. Unter ihrem Schutze hinderte mich denn nichts,
meinen Bestimmungsort zu erreichen und meine Fracht abzuliefern.

       *       *       *       *       *

Whrend ich hier lag, kam der Friede mit Ruland zustande. Die
Konjunkturen benutzend, machte ich schnell hintereinander eine Reihe
glcklicher Fahrten: von Stettin nach Kolberg mit Salz, woran es dort
nach der dritten Belagerung und bei den zerstrten Salzkoten dringend
fehlte; von hier mit einer Ladung Wein nach Knigsberg und wiederum
dahin zurck mit Roggen. Auf dieser letzteren Reise kreuzte ich bei
widrigem Winde unter der Halbinsel Hela vor Danzig, und hier sah ich ein
groes russisches Schiff auf dem Strande stehen, an dessen Bord es einen
gewaltigen Lrm gab. Da das Wetter gut war, kam mich die Lust an, mein
Boot auszusetzen und nher heranzufahren. Man lie mich aber sogar das
Verdeck betreten, ohne meine Anwesenheit gewahr zu werden oder zu
beachten. Alles lief darauf verwirrt durcheinander und das nur um so
mehr, je rger der russische Landoffizier, der hier das Kommando zu
fhren schien, drauf losschlug und wetterte. Seeleute und Soldaten waren
gleichfalls Nationalrussen, und was und wie sie es angriffen, um das
Schiff wieder abzubringen, war durchaus verkehrte und trichte Arbeit.

Wenig erbaut durch dieses Schauspiel, warf ich noch einige Blicke durch
die offene Luke in den Raum und sah, da das Schiff mit metallenen
Kanonen, Bomben, Kugeln und dergl. geladen war. Es stand mit dem
Vorderteil hoch auf dem abschssigen Strande, whrend das Hinterteil
noch tief im Wasser lag. Ich stieg nun in mein Boot zurck, um die Tiefe
dicht am Schiffe noch genauer auszumessen, und ging dann abermals an
Bord, indem ich dem Gedanken nachhing: ob es nicht tunlich sein sollte,
die schwere, aber wenig Raum fllende Ladung ganz in den hintersten Raum
zu bringen, das Schiff solchergestalt vorn zu erleichtern, zugleich
einen Anker nach hinten in die See hinauszubringen und durch vereinte
Arbeit an der Ankerwinde dem Fahrzeuge einen Schu nach hinten in die
Tiefe zu verschaffen, wo es dann leicht wieder flott werden drfte.

Diesen Vorschlag setzte ich nunmehr einem russischen Sergeanten
auseinander, der etwas Deutsch konnte und sich an mich gewandt hatte,
nunmehr aber den Offizier in seiner Prgelei, womit derselbe noch immer
wie rasend fortfuhr, unterbrach und ihm meine Meinung mitteilte. Je mehr
der Mensch vorher den Kopf verloren hatte, um so gewisser erschien ich
ihm jetzt als ein Engel vom Himmel. Er war von meinem Vorschlage ganz
wie elektrisiert, fiel mir um den Hals und drang mir sogar seinen Stock
auf, mit der Bitte, alles zu kommandieren und anzuordnen, wie ich es fr
das beste erachten wrde. Mit so voller Gewalt bekleidet, griff ich auch
sofort mein Werk mit Feuer an. Der Anker ward ausgebracht, whrend
alles, was eine Hand rhren konnte, die Bomben, Kugeln usw. mglichst
nach hinten transportieren mute. Dadurch senkte sich das Schiff hier
wirklich auch so tief, da das Wasser fast bis an die Kajtenfenster
stieg, ohne da gleichwohl der Kiel hier den Grund erreichte. Jetzt lie
ich mit Gewalt den Anker aufwinden, und -- siehe da! nach zwei oder drei
Stunden Arbeit lief das Schiff gleichsam wie vom Stapel und war
glcklich wieder flott geworden.

Nie habe ich einen erfreuteren Menschen gesehen, als diesen Offizier,
sobald mein Stck Arbeit gelungen war. Er herzte und kte mich, ich
mute ihm meinen Namen sagen, den er sich in seine Schreibtafel
zeichnete, und zugleich schrieb er ein russisches Billet an den General
Romanzow, der damals in Kolberg befehligte, und das er mir zur treuen
Abgabe bei meiner Ankunft anempfahl. Als ich mich endlich wieder
entfernen wollte, lie er mir das Boot von seinem Vorrate an Hirse, Mehl
und Grtze dergestalt voll laden, da ich im Ernste zu sinken frchtete,
und da kein Weigern und Verbitten etwas fruchten wollte, zuletzt nur
ber Hals und Kopf auf meine Abfahrt denken mute. So erreichte ich denn
wieder mein Schiff, welches inzwischen in einiger Entfernung Anker
geworfen hatte.

Ein paar Tage spter langte ich in Kolberg an, wo ich nicht sumte, mich
dem General Romanzow vorzustellen und mein Billet zu berreichen. Es war
kein Uriasbrief gewesen: denn der edle Mann hatte es kaum gelesen, als
er mir unter herzlichem Hndedrucke dankte, da ich seinem Monarchen
Schiff und Ladung erhalten htte. Er wollte wissen, wie er mir wieder
dienen knne, und nahm auf das erste leise Wort nicht nur meinem Vater
die damals ber alle Maen drckende Einquartierung ab, sondern erteilte
mir auch die nicht minder bedeutende Vergnstigung, bei der Maikhle und
Bleiche anlegen und dort meine Ladung lschen zu drfen. Da in jenem
Zeitpunkte der Hafen von Schiffen vollgepfropft lag, so da von der
Seemndung an bis hinauf zu dem Einflusse des Holzgrabens in die
Persante Bord an Bord sich drngte und die in der Mitte des Stromes
nicht ans Bollwerk kommen konnten, um ihre Fracht zu lschen, so muten
manche wohl etliche Wochen warten, ehe sie dazu gelangten. Ich hingegen
ward, vermge jener besonderen Erlaubnis, binnen zwei Tagen ledig.

       *       *       *       *       *

Auer der erforderlichen Portion Ballast, die ich hier einnahm, bestand
meine Rckfracht nach Knigsberg in etwa sechzig Passagieren -- den
Frauen, Jungen, Mdchen und kleinen Kindern eines preuischen
Bataillons, das nach der Einnahme von Kolberg nach Preuen abgefhrt
worden war, und wohin nun diese sich begaben, um ihre Gatten und Vter
wieder aufzusuchen -- eine bunte, aber nicht eben angenehme Ladung!

Als ich mich in segelfertigem Stande befand, gab es einen Sturm aus
West-Sd-West, der mich auf meinem Wege trefflich gefrdert und den ich
darum auf hoher See gar nicht gescheut haben wrde, nur galt es die
Kunst, mit demselben zum Hafen hinauszukommen. Der Lotse, den ich
aufforderte, mich in See zu bringen, erklrte dies fr geradezu
unmglich, falls ich nicht mein Schiff stark beschdigen oder rechts am
Hafendamme gar sitzen bleiben und in Trmmer gehen wolle. Der Mann hatte
recht; ich aber verlie mich auf mein gutes und festes Schiff, das wie
ein Fisch wohl auch unter der hchsten und wildesten Brandung
durchschlpfen wrde. Diese Versicherungen, mein erklrter Vorsatz, das
Abenteuer allenfalls auch ohne ihn auf meine eigene Gefahr zu wagen, und
vornehmlich wohl fnf Silberrubel, die ich ihm entgegenspielen lie,
ermutigten ihn endlich, sich meinem Verlangen zu fgen.

Kaum hatte ich ihn vom westlichen Hafendamme an Bord genommen und er das
Steuer ergriffen, whrend ich die Segel aufzog, so warf uns auch in der
nchsten Minute, trotz unserer vereinten Bemhungen, die erste hohe
Woge, die uns traf, mit wildem Ungestm auf die entgegengesetzte Seite
an das stliche Bollwerk. Zwar hob die nchste Welle das Schiff von
neuem, aber danach faten die hervorragenden Pfahlkpfe unter die
gleichfalls am Steuerbord vorstehenden Barkhlzer, da die Trmmer davon
hoch in die Luft flogen; und da zugleich auch der Sturm uns jagte, so
scho mein Fahrzeug lngs dem Damme hin, schnitt sich an dessen
uersten Spitze haarscharf gegen die Brandung ab und kroch
solchergestalt mit fliegender Fahrt unter zwei oder drei hochgetrmten
Sturzwellen durch, da die Verdecke schwammen und mir selbst die Haare
zu Berge standen.

Nun war ich denn freilich in See; allein noch hatte ich in dem Getmmel
nicht Zeit und Gedanken finden knnen, meinen erlittenen Schaden zu
beurteilen. Die Verwstung war indes jmmerlich genug. Mehr als fnfzehn
Fu lang fand ich die Barkhlzer am Steuerbord rein abgestoen, so da
die Innenhlzer blolagen und ich kopfschttelnd zu mir sagen mute:
Ei, ei, Nettelbeck! Das war wohl ebenso ein dummer Streich, als
letzthin, wo du dich durch die schwedische Flottille schlichest! -- Ich
will's aber auch nicht leugnen, da ich dergleichen unberlegte
Stckchen vor und nach dieser Zeit wohl mehrere auf dem Kerbholze habe.
Gelingen sie, so heit man gleichwohl ein gescheiter Kerl, ob man gleich
einen ganz anderen Titel verdient htte.

Hier war nun aber noch immer guter Rat bei mir teuer, denn jenem Schaden
mute sogleich auf irgendeine Weise abgeholfen werden. Nach kurzem
Besinnen ergriff ich jedoch eine Bressening (geteertes Segeltuch zum
Dichten der Luken), und nachdem ich sie in lange, schmale Streifen
zerschnitten und mich mit einem guten Vorrat von kleinen Pumpngeln
versehen hatte, hngte ich mich in einige Taue ber Bord hinaus und
befestigte jene doppelt gelegten Lappen lngs dem erlittenen Schaden so
dicht, da Nagel an Nagel traf. Inzwischen ging der Lotse mit seinem
Boote nicht ohne sichtbare Lebensgefahr an Land.

Jetzt erst, da ich wieder zu etwas Ruhe und Besinnung gekommen war, und
indem ich mit vollen Segeln wieder ostwrts steuerte, traf ein
verwirrtes Getse, das wie Heulen und Schreien klang und unten aus dem
Schiffsraume zu kommen schien, in meine Ohren. Ich lie die Luken
aufreien, um zu sehen, was es da gbe -- und da fand sich denn, da
dieses entsetzliche Konzert von all den Weibern und Kindern herrhrte,
die da drunten zusammengeschichtet lagen. Und wohl hatten sie genugsamen
Grund zum Lamentieren! Denn bevor ich meinen Schaden hatte ausbessern
knnen, war eine Menge Wassers in den Raum gelaufen; und da das Schiff
bei der hohen See unaufhrlich auf- und niederstieg, so spielte der mit
dem Wasser vermischte Ballastsand lngs dem Raume und von einer Seite
zur anderen, so da die Menschen knietief, ja bis ber den halben Leib
darin versanken. Taumelnd und wehklagend, die Hnde emporhaltend und
durcheinander sich berschreiend, gab es eine Gruppe, welche ein
lebendiges Bild von der allgemeinen Auferstehung darstellte, aber bei
allem verdienten Mitleid zugleich auch den Lachreiz unwiderstehlich
weckte, wenn der Blick daneben auf die Spinnrder, Haspel, Bettgestelle
und brigen Siebensachen dieser armen Leute traf, welche in bunter
Verwirrung zwischen ihnen umhergekollert oder in dem aufgelsten Sande
begraben waren.

Hier mute freilich schnelle Hilfe geschehen! Ausgepumpt konnte das
Wasser nicht werden, da die Wassergnge nach den Pumpen durch den
Ballast verstopft worden. Es blieb also nur brig, das Wasser mit
Fssern auszuschpfen, wodurch dann Ordnung und Friede wiederhergestellt
wurde. Unsere Fahrt ging indes so pfeilschnell vorwrts, da ich nicht
nur am anderen Tage nachmittags um zwei Uhr, und also binnen
achtundzwanzig Stunden, Pillau erreichte, sondern auch noch den
nmlichen Abend um neun oder zehn Uhr in Knigsberg am hollndischen
Baume anlegen konnte.

       *       *       *       *       *

Sobald ich hier mein Schiff repariert hatte, sumte ich nicht, mich nach
neuer Fracht umzusehen. Es war die Zeit, wo die russischen Truppen,
welche das Land seit mehreren Jahren besetzt gehalten, ernstliche
Anstalten trafen, Preuen wieder zu rumen, und wo eine ungeheure Menge
von Kriegseffekten nach Ruland heimgeschafft werden sollten. Fr den
Seeweg fand dieser Transport ein groes Hindernis in dem Mangel an
Schiffen, da die Fahrzeuge fremder Nationen dazu nicht gezwungen werden
konnten, und die preuischen Schiffer dem Frieden nicht trauten.

Weniger bedenklich als andere, war ich unter diesen Umstnden der erste,
der sich dazu entschlo, eine Fracht nach Riga anzunehmen; denn mir
wurden -- was nie zuvor erhrt! -- zweiundvierzig Silberrubel fr die
Last geboten, nebst vlliger Befreiung von Lizent und allen Unkosten,
nicht nur in Knigsberg und Pillau, sondern auch in Riga bis wieder in
offene See; und selbst freier Ballast sollte mir, wenn ich's verlangte,
im letzteren Hafen geliefert werden. Die Chartepartie darber ward
geschlossen und sowohl von einem russischen General als von mir
unterzeichnet.

Noch am nmlichen Abend kam ich unweit des Lizents in das Weinhaus der
Witwe Otten, wo damals gewhnlich der grte Zusammenflu von Schiffern
aller Nationen war, und lie im Gesprche dies und jenes von meiner
soeben bernommenen Fracht verlauten. Niemand konnte oder wollte meinen
Worten glauben, bis ich meine Chartepartie vorzeigte. Dann aber erhob
sich ein spttisches Gelchter auf meine Unkosten. Ich wurde gefragt,
wie ich doch wohl nur glauben knnte, da man mir meinen Akkord in Riga
erfllen werde? Man prophezeite mir einstimmig, man werde mir dort
gerade nur soviel, als man Lust habe, oder auch wohl gar nichts geben;
und sollte inzwischen (wie es ganz danach ausshe) der Krieg zwischen
Ruland und Preuen wieder ausbrechen, so knnte mich's obendrein noch
mein Schiff kosten.

Diese Warnungen, denen ich ihren guten Grund nicht absprechen konnte,
gingen mir gewaltig im Kopfe herum. Allein ich war schon zu weit
gegangen, um mich jetzt noch zurckzuziehen; und gegen die rohe Gewalt,
die ich zu frchten hatte und deren Opfer ich schon frher gewesen war,
lie sich einzig nur durch eine hier wohl erlaubte List aufkommen. Mit
diesem Entschlusse begab ich mich gleich am frhen Morgen zu dem
gedachten russischen General und machte ihm glaublich, da ich auf mein
Schiff schuldig sei und meine Kreditoren mich nicht von der Stelle
fahren lassen wollten, bis ich ihre Forderungen befriedigt htte. So
bliebe mir denn nichts brig, als um bare Vorausbezahlung meiner Fracht
zu bitten oder die Fracht nach Riga, wiewohl ungern, aufzugeben.

Der Mann hrte mich geduldig an, und wie sehr ihn auch mein Ansinnen zu
befremden schien, und seine Einwendungen, da dergleichen gar nicht zu
bewilligen stnde und ich mir an den schon bedungenen Vorteilen gengen
lassen knne, das Recht auf ihrer Seite hatten, so legte ich mich doch
nur um so geflissentlicher aufs Bitten, bis ich endlich mit dem
Kernschusse hervorrckte, von dem ich mir das beste versprach. -- Nun
denn, rief ich, meine Chartepartie ist zwar auf zweiundvierzig Rubel
pro Last gezeichnet; aber lassen Sie mir bar Geld zahlen, und ich bin
mit vierzig zufrieden, whrend ich fr den vollen Empfang quittiere.

Es wirkte, wie ich gehofft hatte. Er stutzte, stand lange in Gedanken
und bestellte mich zum nchsten Morgen wieder zu sich, damit er sehen
knne, was sich tun liee. Ich verfehlte nicht, mich auf die Minute
einzustellen. Da standen aber bereits meine Frachtgelder mit zweitausend
Rubeln aufgestapelt auf einem Tische vor mir, und ich hatte keine
weitere Mhe, als den Empfang von zweitausendeinhundert Rubeln zu
bescheinigen und mein klingendes Silber einzustreichen. -- Hat man je
dergleichen gehrt? Es ist aber gewisse Wahrheit!

Noch an dem nmlichen Tage ging das Einladen vor sich. Und worin bestand
meine Fracht? In lauter Kommisstiefeln, paarweise zusammengenht. Wohl
ein ganzes Regiment Soldaten kam damit hochbepackt aus einem
benachbarten Speicher anmarschiert und jeder einzelne warf seine Ladung
durch die Schiffsluke in den Raum wie Kraut und Rben durcheinander, bis
endlich diese Stiefeln sich zu einem hohen Berge auftrmten. Als ich nun
dem Offiziere, welcher dabei die Aufsicht fhrte, Vorstellung tat, da
hinten und vorn alles ledig bleibe und die Last durch den ganzen Raum
gleichmig verteilt werden msse, so schickte er endlich einige
Mannschaft hinunter, die sich die Stiefeln wacker um die Ohren warf, bis
es hie: Das Schiff ist voll und es kann keine Maus mehr hinein!

Da sah ich, da ich trotz dieser wunderlichen Ladung immer noch nicht
ballasttief mit meinem Schiffe lag, so hielt ich bei dem General an, da
er mir noch eine Anzahl Bomben oder Kugeln in den hinteren oder
vorderen Raum geben mchte, weil ich sonst die See nicht wrde halten
knnen. Allein seine Antwort lautete: damit knne mir jetzt nicht
geholfen werden; auch bekme ich noch einen Offizier, zwei Sergeanten
und zwanzig Gemeine aufs Schiff, fr deren Personen und Sachen
gleichfalls noch Raum brig bleiben msse. Der Bescheid war nicht sehr
erbaulich, ich mute mich jedoch damit behelfen, und so lag ich nun am
Lizent zum Auslaufen fertig.

       *       *       *       *       *

Des nchsten Tages suchte mich ein russischer Offizier -- ein Livlnder
namens Resch, der gut Deutsch sprach -- in meinem Hause auf, um mir
anzuzeigen, da er zum Kommandeur auf meinem Schiffe bestellt sei, die
Fahrt nach Riga mit mir machen und sich mit seinem Kommando gegen Abend
an Bord einstellen werde. Der Mann war dabei so ungemein hflich, da
ich sofort merkte, er msse etwas auf dem Herzen haben. Und so war es
denn auch wirklich, denn er habe auch eine Frau, hie es, von der er
sich unmglich trennen knne. -- Nun, was konnte ich, wenn ich in der
Hflichkeit gegen ihn nicht gar zu arg abstechen wollte, weniger tun,
als von Vergngen, Ehre und Schuldigkeit sprechen und meine guten
Dienste gegen einen halben deutschen Landsmann erbieten? Dagegen
verstand sich's, da kein scharmanterer Herzensmann unter der Sonne
lebe, als Kapitn Nettelbeck.

Aber noch eins! unterbrach sich der Livlnder in seinen
Versicherungen, meine Frau ist in diesem Augenblicke verreist, um von
einer guten Freundin auf dem Lande Abschied zu nehmen und wird vor Nacht
schwerlich wieder eintreffen. Da Sie nun morgen mit dem frhsten die
Anker zu lichten gedenken, wre es ja wohl das bequemste, wenn sie
gleich am Bord bernachtete?

Ei, warum nicht! Und wollen Sie mich jetzt gleich dahin begleiten, so
kann ich sogleich die vorlufigen Anstalten zu ihrer Aufnahme treffen
und Ihnen die kleinen Bequemlichkeiten zeigen, auf welche die Frau
Gemahlin zu rechnen haben wird; war meine Gegenrede. Wirklich war er
mit der Einrichtung der Kajte und der ihr einzurumenden Schlafsttte
ungemein zufrieden; whrend ich den Steuermann anwies, die Dame, sobald
sie sich zeigen wrde, gebhrend zu empfangen und ihr mit Kaffee, oder
was sie sonst fordern mchte, fein hflich an die Hand zu gehen. So
schieden wir, und ich ging meines Weges ruhig nach Hause.

       *       *       *       *       *

Gleich nach Mitternacht aber erlitt diese Ruhe einen gewaltigen Sto, da
sich pltzlich auf der Gasse ein Lrm, wie von einer Menge
zusammengelaufener Menschen erhob, die an meine Haustr und Fensterladen
pochten und laut und wiederholt meinen Namen riefen. Schnell fuhr ich
aus dem Bette empor; aber nicht gesonnen, in einer so bedenklichen Zeit,
als wir damals erlebten, mein Haus dem ersten besten zu ffnen, wollte
ich zuvor, da die Polterer sich namenkndig geben sollten. So meldete
sich denn der Lizent-Buchhalter, den ich an der Stimme kannte, mit der
rtselhaften Nachricht, da es auf meinem Schiffe unklar sei und ich
hurtig zum Rechten sehen mchte.

Ich erschrak von Herzen. Mein Gott! dachte ich, ist mein Schiff
gesunken oder steht es in Brand? -- Ich wei nicht wie ich in die
Kleider und auf die Gasse kam. Hier endlich erffnete mir der Buchhalter
das Verstndnis. Sie haben die Madame W. am Borde, sagte er, und nach
_der_ sind wir aus, um sie wiederzuhaben. Was Sie da sehen, sind ihre
beiden Kinder und ein heller Haufe von Knechten und Mgden aus ihrem
Hause.

Nun fielen mir auf einmal die Schuppen von den Augen! Die angebliche
Offiziersdame hatte sich in eine liederliche, ihrem Manne entlaufene
Madame verwandelt! War mir's jedoch wenig recht, da ich mit dem
schmutzigen Handel bemengt werden sollte, so mute ich gleichwohl
berlegen, da ich's in meinem jetzigen Verhltnisse, auch mit dem
Livlnder nicht geradezu verderben durfte, und da ich am besten tte,
den Knoten durch einen anderen lsen oder durchhauen zu lassen. So fuhr
ich unwillig auf den allzudienstfertigen Buchhalter ein: Herr, scheren
Sie sich zum Geier! Was stren Sie zu dieser Zeit ehrliche Leute in
Schlaf und Ruhe! -- und zugleich warf ich die Haustr wieder hinter mir
zu und lie sie ferner schreien und klopfen, soviel ihnen selbst
beliebte. Gleichwohl jammerten mich die beiden Kinderchen -- ein Mdchen
von neun und ein Knabe von sieben Jahren -- in der innersten Seele. Sie
riefen unaufhrlich: Ach Gott! ach Gott! meine Mutter! bis sie es
endlich mde wurden und meine Tr verlieen, oder vielmehr der Vater sie
heimholen lie.

Noch vor Tagesanbruch, am 1. September, sah ich nach Wind und Wetter
aus, und da beide gnstig waren, so eilte ich bereits um sechs Uhr, an
Bord zu kommen. Schon stand es aber auf dem Lizentplatz und neben dem
Schiffe gedrngt voll Menschen, die mir entgegenriefen: Sie sollen uns
die Madame W. herausgeben! Dagegen fand ich am Borde neben der Treppe
zwei Schildwachen, und neben der Kajtentre zwei dergleichen
aufgepflanzt, und kaum war ich durch die letztere eingetreten, so kam
mir durch die Vorhnge meiner Schlafstelle ein Gesicht zum Vorschein,
das ich um so weniger verkennen konnte, da ich zum fteren in
Schiffsangelegenheiten auf Herrn W.s Kontor zu tun gehabt hatte.

Dies Gesicht nun rief mir ganz frei und unbefangen einen Guten Morgen!
entgegen, den ich mit einer derben und gesalzenen Epistel erwiderte,
worin ich ihre lose Auffhrung zu Gemte fhrte und sie ermahnte, zu
ihrem braven Manne stehenden Fues zurckzukehren, bevor Schimpf und
Schande fr sie noch grer wrde. Sie dagegen hub eine lange Schutzrede
an, worin der Mann bel genug wegkam, und ward endlich nur von dem
Offizier, den ich gar noch nicht in der Kajte bemerkt hatte,
unterbrochen. Dieser sprang ungeduldig auf und rief: Unntzes Geplauder
und kein Ende! Jetzt hurtig auf und davon! Das Kommandieren ist von nun
an an _mir_.

Da dem nicht zu widersprechen war, so mute ich ihm berlassen zu
handeln, wie er's verantworten konnte, ging hinaus, lie die Segel
aufziehen und schickte zwei Matrosen ans Land, um die Taue hinten und
vornen abzulsen, womit das Schiff am Bollwerk befestigt lag. Aber das
zusammengelaufene Volk war nicht willens, den Handel so kurz Knie
abzubrechen. Meine Leute wurden umringt und an der Ausrichtung ihres
Geschftes gehindert; so da ich, um nicht noch rgeren Lrm zu
veranlassen, sie an Bord zurckrief. Dagegen nahm ich einem russischen
Soldaten den Sbel von der Seite und kappte die Taue an beiden Enden,
und jetzt kam das Schiff zu Gange, obwohl alles, was am Lande war und
Arme hatte, es festzuhalten bemht war. Der Lrm und das Getmmel
hierbei sind nicht zu beschreiben.

Noch aber gab sich der Haufe nicht zufrieden, sondern da das Schiff
notwendig weiter unten am hollndischen Baume anlegen mute, damit der
Baumschreiber meinen Pa visierte, so strzte gro und klein im vollen
Lauf dahin und war schon lange vor mir zur Stelle. Whrend ich aber hier
meines Geschftes wahrnahm, ging auch der Livlnder ans Land und nach
dem hier postierten russischen Wachthause. Die Verstndigung mit dem
kommandierenden Offizier war die Sache eines Augenblickes, und sowie die
Wache das Gewehr aufnahm und einige Kolbenste links und rechts
austeilte, war der Haufe auseinandergesprengt. Eine halbe Stunde spter
lag uns Knigsberg bereits in weiter Ferne im Rcken.

Nun fing aber auch Madame W. an, auf ihre Weise zu wirtschaften. Es war
zum Erstaunen, was sie in der kurzen Zeit an Bord zu schaffen gewut
hatte und wie sie davon kochen und braten lie, als ob auf dem Schiffe
Hochzeit wre. Wir langten in aller Lust und Herrlichkeit noch desselben
Tages bei Pillau an; worauf wir am nchsten Morgen frh, bei stillem
Wetter in See gingen. Ehe wir noch aus dem Fahrwasser kamen, segelte
dicht hinter uns eine russische Fregatte zugleich mit uns aus, und das
Wetter war so still, da man die Schiffe fast nicht auseinanderhalten
konnte, ohne da es gleichwohl Gefahr dabei gehabt htte.

Mein Livlnder wurde durch all diesen schnen Anschein zum bermut
verleitet. Er wollte Preuen zu Ehren noch einige Valet- und
Freudenschsse tun und knallte auch wirklich mit seiner Flinte drei- bis
viermal in die Luft, ohne da ich, mit der Leitung des Schiffes
beschftigt, mich sonderlich um sein Beginnen kmmerte. Inzwischen
bemerkte ich doch bald nachher auf der Fregatte eine lebhaftere
Bewegung; eine Schaluppe von dorther legte bei mir an Bord und aus
derselben sprang ein Offizier wtend auf mein Verdeck und verlangte den
Schiffer zu sprechen. Als ich herantrat, zeigte er mir in einem Papier
mehrere Krner Hasenschrot, die auf der Fregatte aufgesammelt worden,
nachdem sie ein groes Loch ins Segel gerissen. Ich sollte nun Rede und
Antwort geben, wer der Tter gewesen?

Der Tter aber, der geahnt haben mochte, was passieren wrde, war binnen
der Zeit in die Kajte gegangen, in der Geschwindigkeit in seine Uniform
gefahren und trat soeben wieder hervor, um ber den Ankmmling mit
gezogenem Degen herzufallen. Es entstand zwischen beiden ein
Handgemenge, welches endlich zugunsten des Fregattenoffiziers dadurch
entschieden wurde, da die Matrosen aus der Schaluppe herzusprangen,
meinen Leutnant von hinten packten, banden und ber Hals und Kopf in das
Boot warfen, ohne da zu meiner groen Verwunderung nur irgendeiner von
unserer Schiffsbesatzung Miene machte, sich in den Streit zu mischen,
oder seinem Anfhrer Beistand zu leisten.

Da mir nun der Livlnder einmal als Kommandant zugeteilt worden war, so
glaubte ich nicht ohne ihn davonfahren zu drfen. Allein damit ich auch
nicht ohne Not aufgehalten wrde und desto blder ihn oder einen andern
wieder an Bord bekme, schien es mir am geratensten, ihn auch nach der
Fregatte zu begleiten. Dies Verlangen ward mir ohne Anstand bewilligt.
Doch bald ergab sich's, da es nicht dahin ging, woher die Schaluppe
gekommen war, sondern nach dem russischen Admiralschiffe, welches nebst
noch fnf Kriegsschiffen, drauen auf der Reede ankerte. Hier kam es
auch sogleich zu einem Verhre und protokollarischer Aufnahme; der
Unfugstifter ward bedeutet, da ihn seine Strafe in Riga erwarten werde
und da er fr diesen Augenblick seine Reise fortsetzen mge, damit der
kaiserliche Dienst nicht leide. Mit diesem Bescheide kehrten wir nunmehr
wieder an unsern Bord zurck.

Hier wollte nun der Narr hauen und stechen und haderte mit seinen
Leuten, da sie ihn so feigherzig im Stiche gelassen. Wiewohl er sich
endlich beruhigte, so nahm doch am nchsten Morgen an seinem Beispiele
auch Madame den Mut, mit dem Soldaten, der ihr zur Aufwartung gegeben
war, unsuberlich zu verfahren. Bald hatte er das Bett nicht gut
gemacht, bald die Teller nicht gehrig gescheuert, bald etwas noch
Schlimmeres versehen, und endlich lief ihr die Galle dermaen ber, da
sie dem armen ungeschickten Kerl mit eigener hoher Hand eine gewichtige
Maulschelle zuteilte. Allein diese Keckheit bekam ihr bler, als sie
wohl gedacht hatte. Der ganze Trupp fhlte sich durch diese Mihandlung
eines Kameraden von unberufenen Fusten an seiner militrischen Ehre
gekrnkt; alles spie Feuer und Flamme, drang auf den Leutnant ein und
bestand auf der bndigsten Genugtuung. Um den furchtbaren Lrm zu
stillen und noch derbere Ausbrche einer rohen Gewalt zu verhten, blieb
dem edlen Ritter zuletzt nichts brig, als die Schne unter seine eigene
Fuchtel zu nehmen; und das tat er denn, seiner Zrtlichkeit unbeschadet,
auch so herzhaft und nachdrcklich, da endlich die lautesten Schreier
selbst sich fr befriedigt erklrten. Nur Madame W. schien von dieser
fhlbaren Liebesprobe schlecht erbaut zu sein.

Ein paar Tage darauf kamen wir ins Gesicht von Dnamnde, und da der
Wind nach Osten umging, legten wir uns auf der Reede vor Anker. Das
stand indes meinem Schiffskommandanten nicht an, der augenblicklich in
den Hafen gebracht sein wollte und, da ich ihm die Unmglichkeit
vorstellte, aller frheren Hflichkeit verga und mich fr einen
Pfuscher in meinem Handwerke erklrte. Eine schnde Antwort blieb nicht
aus, und die endliche Folge war der Versuch zu einer ttlichen
Mihandlung, der ich fr den Augenblick ein ruhiges Schweigen
entgegensetzte. Aber zu gleicher Zeit steckte ich auch eine Notflagge
auf, deren Bedeutung mein Widersacher nicht ahnte. Nicht lange, so kam
der Lotsenkommandeur mit seinen Leuten mir auf die Seite. Anstatt jedoch
seine verwunderten Fragen zu beantworten, sprang ich zu ihm ins Boot und
verlangte, zu dem Militrkommandanten in Buller-Aa gefhrt zu werden, wo
ich dann meine Klage gegen den Livlnder anbrachte und bat, entweder
diesen vom Schiffe zu entfernen oder einen andern Schiffer an Bord zu
setzen, der es nach Riga fhre. Ersteres ward auch ohne Anstand
bewilligt und der unruhige Gast auf der Stelle durch einen andern
Offizier ersetzt und ans Land gefhrt.

Niemand war mit diesem Wechsel unzufrieden, als Madame W., die jetzt ein
zungenfertiges Geschnatter anhub und mir eine Reihe von Ehrentiteln gab,
welche ich hier nachzuschreiben nicht Lust habe. Ich bat sie, sich zu
menagieren, wenn sie nicht etwa wolle, da ich sie durch meine Leute
beim Kopfe kriegen, ins Boot werfen, am nchsten Strande aussetzen und
in die dickste Wildnis laufen liee. Diese unbehagliche Aussicht, an
deren augenblicklicher Erfllung mein Ernst nicht zweifeln lie, brach
ihren kindischen Trotz. Sie griff nunmehr nach einem Gesangbuche, das
sie schwerlich mit Absicht eingepackt hatte, begann Bulieder zu singen
und badete ihr Antlitz in Trnen. Da ihr das nun nicht schaden konnte,
so lie ich sie gewhren.

Des anderen Tages um Mittag kam ich die Dna hinauf nach Riga, meldete
mich beim Kommandanten und bat um baldigsten Befehl zur Ablieferung der
geladenen Effekten; mit abermaliger Vorwendung der, unter meinen
Umstnden wohl verzeihlichen Notlge, da mein Schiff leck und ich in
Gefahr sei, hier noch am Bollwerke zu sinken. Man hatte keinen Grund,
meine Aussage zu bezweifeln, mochte sogar wohl fr die Ladung frchten,
und so erschien denn bereits in nchster Stunde ein unzhlbarer Schwarm
abgeschickter Soldaten, die, nach der schon beschriebenen russischen
Manier, auch wieder bei mir aufrumten. Ihr Gedrnge um die Schiffsluken
her gestattete ihnen kaum Zeit und Raum, sich ihre zehn Paar Stiefel und
darber ber die Schultern zu schlagen, und damit fort wie die Ameisen!
Abends um sieben Uhr war mein Schiff ledig, wie mit Besen gefegt.

Da mir, kaum fnfzehn oder zwanzig Schritte entfernt, am Bollwerke ein
Berg Ballast vor der Nase lag, so legte ich nun augenblicklich mein
Schiff hart daran, dung acht russische Soldaten zu einem halben Rubel,
mir diesen Sand ber Bord hineinzuschaufeln, und nachdem ich an den
Vor- und Hintersteven mit Kreide bezeichnet hatte, wie tief geladen
werden sollte, lie ich sie, unter Aufsicht meiner Leute, tapfer
fortarbeiten, whrend ich selbst mich ruhig aufs Ohr legte. Am Morgen
war alles getan, und ich htte in dem nmlichen Augenblicke wieder
absegeln knnen, wenn nur meine Papiere schon wieder in Ordnung gewesen
wren. Zu dieser Besorgung hatte ich mir noch keine Zeit gelassen.
Jetzt aber ging ich zu den Herren Zietze und Colbert, an welche ich
mich, fr alle mglichen Flle, von Knigsberg aus hatte adressieren
lassen, besorgte vormittags meine Ein- und nachmittags meine
Ausklarierung und konnte nunmehr gehen wohin ich wollte.

Indem ich nun die Anstalten zur Abreise eifrigst besorgte, weil ich
immer noch den russischen Behrden nicht recht traute und darum gerne je
eher je lieber auer ihrem Bereiche gewesen wre, -- trat ich auch von
ungefhr in die Kajte. Siehe da! Die Knigsberger Schne sa da und
rang die Hnde und wollte vergehen in Angst und Wehmut, denn ihr
Vielgetreuer war noch nicht wieder zum Vorschein gekommen! Ich tat ihr
den wohlmeinenden Vorschlag, sie sollte mit mir in ihre Heimat
zurckkehren und es auf ihres schwer beleidigten Mannes Edelmut ankommen
lassen, ob er ihr verzeihen und sie wieder auf- und annehmen wolle, wo
denn leicht ein Schleier ber ihre leichtsinnige Tat zu werfen sein
werde. Doch dies war keine Musik in ihrem Ohre. Lieber, versicherte sie,
wolle sie es auf das uerste ankommen lassen und hinter irgendeinem
Zaune sterben und begraben werden. Schwerlich dachte das unglckliche
Geschpf, da in diesem Augenblicke ein prophetischer Geist aus ihr
sprche, wie die Folgezeit erwiesen hat.

So blieb ihr denn nur brig, ihr Bndel zu schnren. Meine Leute griffen
zu und halfen die Bagage aus dem Schiffe ans Bollwerk bringen, wo sie
sich trostlos und verlassen oben drauf setzte. Die Segel wurden
angezogen, die Taue gelst und so ging es von dannen! Whrend ich ihr
noch meinen Abschied nachrief, begann sich bereits ein Kreis von
Menschen um sie her zu versammeln.

       *       *       *       *       *

Statt ihrer hatte ich einen herrenlosen Schiffer aus Pillau, der aber in
diesen Gewssern wohl bekannt war, als Passagier an Bord genommen, und
da mir noch immer der Boden unter den Fen brannte, so lie ich mir
seinen Vorschlag gefallen, ohne irgendeinen weiteren Aufenthalt die
offene See zu suchen, wobei er selbst mir als Lotse dienen wollte. Das
geschah und geriet glcklicher, als meine Keckheit es verdiente. Denn
niemand hielt mich an, und des dritten Tages nachher warf ich bereits
wieder in Pillau den Anker. Weil jedoch mein Schiff in der Bordingszunft
zu Knigsberg eingeschrieben war, so blieb ich hier noch liegen, um eine
Bordingsfracht den Pregel hinauf zu erwarten.

Zwei Tage darauf erschien Schiffer Kummerow mit jenem nmlichen Schiffe,
worauf im vorigen Jahre der gute Christian verunglckte, auf der Reede
und steuerte, trotz einem fliegenden Sturme, mutig in den Hafen. Sobald
er vor Anker gekommen, war ich mit meinen braven Landsleuten, den
Schiffern Paul Todt und Johann Henke zu dem Neuangekommenen, der
gleichfalls ein ehrlicher Kolberger war, an Bord gefahren. Beim
Eintritte in seine Kajte sahen wir, da ihm die Brandung beim Einlaufen
hinten die Fenster und Porten in Stcke geschlagen hatte, und da
drinnen alles voll Wasser stand. Er hatte nun zum Schaden auch noch den
Spott, indem wir ihn redlich auslachten. Ich erinnerte mich dabei, da
ich mit diesem nmlichen Schiffe und in einem hnlichen Sturmwetter hier
in den Hafen gesegelt, aber die Besonnenheit gehabt, die Hinterporten
zuvor fallen zu lassen.

Bei der fortgesetzten Neckerei hub endlich unser Wirt im halben Unwillen
an: Basta, ihr Herren! Ihr sollt am lngsten gespottet haben. -- Heda,
Junge! Den Koch herbei! -- Koch, auf dem Platze ans Land gefahren, und
holt mir den Tischler, soundso genannt. Er soll sich mit Handwerkszeug
versehen, um hier die Einschiebrahmen loszumachen, damit sie zum Glaser
in die Kur gebracht werden knnen. -- Whrend nun sein Wille
ausgerichtet wurde, der Tischler aber, ohne da wir uns weiter daran
kehrten, seine Arbeit begann, saen wir daneben bei einem Glase Wein,
wobei wir vergngt und wohlgemut alte und neue Geschichten nach
Seemannsweise auf die Bahn brachten.

Ganz von ungefhr fielen hierbei meine Blicke auf den emsig
beschftigten Tischler und nahmen mit Verwunderung wahr, wie dieser
hinter der Verkleidung, wo die Fensterrahmen eingeschoben gewesen waren,
allerlei Sachen hervorlangte und mit dem krummen Stiele seines
Schnitzers immer noch nach mehreren angelte. Das Blut scho mir aufs
Herz und ins Gesicht, denn ich erkannte augenblicklich, Stck fr Stck,
das verschwundene Eigentum des verstorbenen Schiffers Karl Christian. Da
war seine Uhr, seine Garnitur silberner Schnallen, ein Beutel mit
einigen hundert Talern dnisch Kurant, ein Schchtelchen mit Pretiosen
an goldenen Ringen und Ohrgehngen, desgleichen silberne Schlsser zu
groen Bgeltaschen nach damaliger Mode, und was sonst noch mehr, das
der gute Mann vormals in Amsterdam eingehandelt und unterwegs, aus
Furcht vor Kaperei, hier in Sicherheit gebracht hatte. -- Hier hatte es
kein Mensch gesucht und _wir_ es eher in jedem andern Versteckwinkel
geahnt!

Guter Gott! Und ich hatte mich mssen darum gleichwohl einen Dieb heien
lassen! Aber der Himmel ist gerecht und barmherzig. Er fgte es, da die
Wahrheit noch nach Jahr und Tag wunderlich ans Licht kam, da es sogar
in meiner Gegenwart und vor vieler Zeugen Augen geschehen mute! Wren
wir nicht alle zugegen gewesen -- wer wei, wie weit die Ehrlichkeit des
Finders Stich gehalten, ob je ein Hahn danach gekrht und ich nicht Zeit
meines Lebens Dieb geheien htte. -- Ja, allemal wenn ich an diese
Geschichte denke, schlage ich meine Hnde in die Hhe und danke Gott.
Der Name des Herrn sei gelobt!

Nun raffte ich in der Bestrzung alles zusammen und damit ans Land zu
der Witwe meines ehemaligen Schiffers. Hier, meine liebe Frau! rief
ich auer Atem -- hier bringe ich Ihnen den Schatz von Ihrem seligen
Herrn, wofr ich so lange habe Dieb heien mssen. Soundso ist das durch
Gottes Leitung wieder aufgefunden worden; und nun danken auch Sie Gott
und seien frhlich.

So gab es also Freude von allen Seiten. Bald auch wurde die Geschichte
in Knigsberg und in der ganzen Umgegend ruchbar. Jeder hielt es fr ein
halbes Wunder; jeder wollte von mir selbst noch nheren Bericht
erfahren; und war ich vorher hier und da wohl zweideutig ber die Achsel
angesehen worden, so wurde ich seitdem von Bekannten und Unbekannten mit
unverdienter Gte und Liebe behandelt.

       *       *       *       *       *

Mein gutes Glck, das ich in diesem Jahre mit meinem kleinen Schiffe
gehabt hatte, machte mich, wenn auch nicht bermtig, doch
zuversichtlich. Ich war ein junger Mensch und wollte mich noch besser in
der Welt versuchen, um es desto gewisser in der Welt zu etwas zu
bringen. Meiner Ansicht nach mute ich ein neues und greres Schiff
haben, womit ich mich in die Nordsee und ber den Kanal hinauswagen
drfte, anstatt blo in der Ostsee, wie in einer Entenpftze,
umherzuleiern. Nebenher verlie ich mich auch wohl auf mein Geschick,
womit ich mir das Glck, auch wenn es mir den Rcken kehren wollte, wohl
zu erzwingen gedachte. Leider hatte oder achtete ich damals die
Erfahrung noch nicht, da zum Laufen kein Schnellsein hilft, und sollte
es erst noch zu meinem Schaden lernen.

berhaupt habe ich es erst spter begriffen, da lediglich alles vom
Glcke abhngt und dieses durch Flei und Geschick allein sich nicht
erzwingen lassen will. Wohl aber htte ich es an meinen eignen dummen
Streichen (woran ich es leider nie habe fehlen lassen) abnehmen knnen,
da diese den Dummbart oft dem Glcke weiter in den Scho fhren, als
ein andrer mit den weisesten berlegungen auszurichten vermag. Doch will
ich damit nicht gesagt haben, da man den letzteren mit Vorbedacht aus
dem Wege gehen solle. Mu man in der Ausfhrung ja doch immer noch dem
lieben Gott die grere Halbschied berlassen. --

Kurz, ich verkaufte meinen kleinen und glcklichen Postreiter, setzte
mir's in den Kopf, ein funkelnagelneues Schiff von etwa achtzig Lasten
auf den Knigsberger Stapel zu setzen, und war den grten Teil des
Jahres 1763 mit dem Ausbau desselben beschftigt, ohne den Ort zu
verlassen. In das nmliche Jahr traf auch der unglckliche groe Brand
in Knigsberg, wobei der Lbenicht, Sackheim und ein Teil vom Rogarten
im Feuer aufgingen. Als der erstgenannte Stadtteil so pltzlich und an
allen Orten zugleich in Flammen stand, befand ich mich mit wohl noch
tausend andern Menschen auf der Holzwiese, dicht am Pregel, dem Lbenich
gegenber. Hier bemerkten wir auf der Ladebrcke, hinter dem Hospital,
arme gebrechliche Bewohner desselben, welche darauf ihre letzte
kmmerliche Zuflucht gesucht hatten. Denn hinter ihnen standen ihre
Zellen, samt der Hospitalkirche, in lichtem Brande; zur einen Seite
nicht minder der Mnchhof, und zur andern, neben der Brcke, ein groer
Stapel Brennholz; so da den Unglcklichen nur brig blieb, sich in den
Pregel zu strzen oder ihr Schicksal auf jener Ladebrcke abzuwarten.

Schon aber schien die Flamme sie auch in diesem letzten Bergewinkel
ereilen zu wollen! Wir sahen deutlich von jener Seite, wie bereits
einigen Lahmen und Krppeln die Kleider auf dem Leibe angeglommen waren,
whrend andere, die noch etwas rhriger waren, Wasser schpften und
damit ihre Unglcksgefhrten wiederholt bergossen, um sie vor dem
Verbrennen zu retten. Sie konnten dies auch um so fglicher, da zugleich
ein starker Orkan aus Norden wtete (der eben den Brand so unaufhaltsam
verbreitet hatte) und wodurch auch das Stromwasser so aufgestaut wurde,
da es fast die Hhe der Brcke erreichte.

Hier sollte und mute nun in so dringender Gefahr den armen Leuten
unverzglich geholfen werden! Fahrzeuge waren in der ganzen Gegend
nirgends abzusehen. Ich lief indes ber die Kuttelbrcke nach dem
Hunde-Gat, sprang in ein Boot, das zu einem dort liegenden Schiffe
gehrte; und da zum Glck ein Ruder drinnen lag, so war ich mit Hilfe
des starken Windes binnen fnf bis zehn Minuten wieder an der
Ladebrcke. Man denkt sich's leicht, wie ich hier von den armen Menschen
bestrmt wurde. Immer wollte einer vor dem andern aufgenommen sein, und
mir blieb endlich nichts brig, als eilig mit dem Boote und den zuerst
Eingesprungenen abzustoen, wenn nicht alles auf der Stelle mit und
unter mir versinken sollte. Ich brachte indes meine Ladung nach der
Holzwiese in Sicherheit, und so gelang es mir in dreimaligem Hin- und
Herfahren, sie alle glcklich aus der Klemme zu schaffen.

Als ich jedoch mich der Brcke nochmals nherte und den Platz
wohlbedchtig mit meinen Blicken musterte, whrend bereits die
Laufbretter hier und da die Flammen durchzngeln lieen, nahm ich,
fnfzehn oder zwanzig Schritte von mir entfernt, etwas wahr, das sich
brennend auf dem Boden bewegte und anfangs von mir fr ein glimmendes
Bett gehalten wurde, das der Sturmwind vor sich herwlzte. Als ich aber
die Brcke bestiegen hatte und es in der Nhe untersuchte, fand ich, da
es eine alte Frau war, die, wie ich spterhin erfuhr, an einer Seite des
Leibes vllig vom Schlage gerhrt worden. Ich hob sie auf, um sie nach
meinem Fahrzeuge zu tragen: allein der Qualm und Gestank der schwelenden
Kleider stieg mir so unertrglich zu Kopf und Brust, da ich von meinem
Vornehmen abstehen mute. Doch ergriff ich die Unglckliche an Hand und
Fu, zerrte sie so -- wenngleich ein wenig unsanft -- nach dem Boote und
brachte sie hinber, wo sie mir von den vielen umstehenden Menschen
abgenommen wurde.

Gleich darauf stie ich wieder ab, um womglich irgendeinem Bedrngten
in dieser Not retten zu helfen, und kam an das Lbenichtsche
Schlachthaus, das gleichfalls in hellem Feuer stand und wo noch, wie ich
durch die niedergebrannten Planken wahrnehmen konnte, eine Menge
ausgeschlachteten Viehes umherhing. Mein Gott! dachte ich -- wie
vielen hundert Menschen knnte das noch zur Erquickung dienen, denen das
Unglck heute nichts als das liebe Leben gelassen hat! Ein groer
fetter Ochse, der der Treppe nach dem Wasser am nchsten hing, fiel mir
besonders in die Augen. Ich schnitt ihn ab, wlzte ihn hinunter und
schleppte ihn hinter meinem Fahrzeuge her ans jenseitige Ufer, wo ihn
mir ein Reiter abnahm und vollends aufs Trockene brachte. Wo er weiter
geblieben und wem er zugute gekommen ist, wei ich nicht.

Indem ich mich nun aufs neue nach der Lbenichtschen Seite
hinbermachte, stie ich dort auf eine korpulente Frau, die ihre Hnde
nach mir aufhob und rief: O Schifferchen, erbarme Er sich, helf' Er!
rett' Er! -- Das ist mein Haus, was mit den andern im Brande steht, und
mein Mann ist ausgereist auf den Viehhandel. Alle meine Leute haben mich
verlassen, und was Er hier um mich liegen sieht, hab' ich mit meinen
eigenen Hnden aus dem Feuer gerissen. -- Dabei wies sie auf einen Berg
von Betten, Kleidungsstcken und dergleichen.

Ich lie mich nicht zweimal bitten; wir warfen beide Hals ber Kopf von
den Sachen bunt durcheinander in das Boot, soviel es nur fassen konnte,
und nun schlug ich ihr vor, diese Ladung ans jenseitige Ufer
hinberzuschaffen, dann aber wiederzukommen und sie selbst mit dem Rest
in Sicherheit zu bringen. Das war aber keine gute Disposition, wie ich
sogleich inne ward, als ich die Holzwiese erreichte; denn hier gab es
zwar hundert geschftige Hnde, die mir die geretteten Sachen abnahmen,
als ich mich aber danach umsah, ob sie auch in gute Verwahrung kmen,
lief der eine hierhin, der andere dorthin; dieser zog mit einem Bette
ab, jener mit einem Laken oder einem Armvoll Kleider, und als ich das
letzte Stck aus den Hnden gab, hatte sich bereits die ganze Ladung
verkrmelt.

Frauchen! sagte ich bei meiner Wiederkehr -- das sieht betrbt mit
Ihrem Eigentum aus! -- Ich frchte, Sie kriegt in Ihrem Leben keine
Faser wieder davon zu sehen. Soundso ist mir's damit gegangen. -- Die
Unglckliche weinte und seufzte. Indes schleppten wir noch einen
schweren Kleiderkasten an und ins Boot und was sie noch von
Gertschaften geborgen hatte. Sie selbst trug ich, trotz ihrer
Wohlbeleibtheit, indem ich bis an den halben Leib durchs Wasser watete,
gut oder bel ebenfalls hinein und fuhr ab. Unterwegs gewann sie wieder
etwas Mut und Redseligkeit. Sie nannte mir ihres Mannes Namen (den ich
aber wieder vergessen habe) und da er ein Branntweinbrenner gewesen,
samt ihren andern huslichen Umstnden. Die ganze Brandgeschichte, vom
ersten Feuerlrm an, und ihren Schreck, und was sie und ihre Nachbarn
gedacht und gesagt und vermutet -- das alles bekam ich anzuhren und
wahrscheinlich noch sehr vieles mehr, wenn wir nicht schon frher bei
der Holzwiese angelangt gewesen wren.

Hier ward das unordentliche Getmmel der ruberischen Dienstfertigkeit
um die arme Frau fast noch rger als bei meiner ersten Landung. Endlich
drngte man mich ganz von ihr ab, und ich sah sie nur noch aus der Ferne
auf ihrem Kasten sitzen, um wenigstens _diesen_ zu behaupten. Wieviel ihr
von dem brigen geblieben oder wiedergebracht worden, wei Gott; denn
meine Augen haben sie nachher in dem weitlufigen Orte niemals
wiedergesehen.

Fr diesmal wollte ich nun sehen, was in einer andern Gegend, auf der
Sackheimerschen Seite, passierte. Nicht lange, so traf ich abermals mit
einer alten Frau zusammen, die am Wasser stand und mir entgegenschrie:
Ach Herzens-Schifferchen, goldenes! Hierher, zu _mir_ hin! Ich will Ihm
auch gerne einen Sechser geben. -- Ich mute lachen, so wenig mir's bei
der allgemeinen grausamen Not auch lcherlich ums Herz war. -- Nun, und
wo soll ich hier denn angreifen? -- Ach du mein Gottchen! Diesen
Kasten hier, wenn Er mir den doch nach der Holzwiese schaffen wollte.
Mein ganzes armes Hab und Gut steckt zusammen drinnen! Ich bin eine
geschlagene Frau, wenn ich den missen soll!

Nun freilich, da mute schon Hand zum Herzen getan werden! Sie bergab
mir eine lange schmale Kiste, die mir nun zwar bei dem flchtigen
Blicke, den ich mir darauf zu werfen abmigte, keine sonderlichen
Schtze zu bergen schien, aber doch, unter gemeinschaftlicher
Daranstreckung unserer Krfte, glcklich ins Boot geschoben und, weil
sie darin der Lnge nach keinen Platz fand, mit Mhe querber ins
Gleichgewicht gerckt wurde, wiewohl das Fahrzeug, da sie hochstand,
heftig damit schwankte. Auch ging es mit der Fahrt noch immer gut genug,
bis wir auf Stromesmitte auch in den Bereich des Sturmwindes gerieten,
welcher uns dergestalt packte, da sich das Boot ganz auf die Seite
legte und Wasser schpfte. Was ich immer tun mochte, dem bel
abzuhelfen, blieb vergeblich, und unsre Gefahr zu sinken ward mit jedem
Augenblicke dringender. Aber, liebe Frau, was _hat_ Sie denn in dem
unbeholfenen verwetterten Kasten? fragte ich endlich mit einiger
Ungeduld. -- Ach, mein Ein und Alles! Meine Hhner und Enten, womit
ich handle und die mir Eier legen. -- Ei, so hole denn der Henker
lieber den ganzen Kram! schrie ich giftig, -- als da wir hier unsere
Haut darum zu Markte tragen! -- und damit schob ich den Kasten fein
suberlich ber Bord und lie ihn treiben, wohin er wollte. Nun aber
erhob sich ber mich ein Sturmwetter von ganz anderer Art, und ich
kriegte Ehrentitel zu hren, wie ich sie mir nimmer vermutete. Aber wie
sollte ich es anders machen? Das Boot stand am Umkippen und war schon
hoch voll Wasser gelaufen.

Wir waren darber beinahe bis an den Sackheimschen Baum getrieben. Ich
machte mich also eilig von meiner lstigen Begleiterin los, stieg ans
Land, befestigte das Fahrzeug und half anderweitig bei dem Feuer bergen
und retten, wo und wie ich immer vermochte. Darber blieb ich nun von
meiner eigenen Schwelle entfernt vom Sonntag abends, da das Feuer
anging, bis Dienstag nachmittags, wo endlich seine zerstrende Wut sich
legte. Whrend dieser entsetzlichen Frist kam ich verschiedentlich mit
Bekannten aus unserem Stadtende, am Lizent und der Gegend umher,
zusammen. Da ward denn immer die erste angelegentliche Frage, wie es in
der Nachbarschaft stehe, freudig beantwortet: Gottlob! Wir haben bis
jetzt keine Not vom Feuer, wohl aber vom Sturm hohes Wasser in Straen
und Husern, da man berall darin mit Khnen umherfahren kann. --

Ein hnlicher Orkan stieg einige Zeit nach jenem unvergelichen Unglck
so gewaltig auf, da alle Schiffe, mit denen der Pregel, vom Grnen
Baume an, bedeckt war, sich teils einzeln von ihren Befestigungen am
Bollwerk losrissen, teils untereinander abdrngten, und selbst die
mitten im Strome geworfenen Anker dagegen nicht aushielten. Die
Verwirrung und das Gedrnge ward mit jedem Augenblicke grer. Endlich
packte sich alles an der Grnen Brcke in eine dichte wste Masse
zusammen; die Masten strzten ber Bord und die Bugspriete knickten wie
Rohrstengel. Der Schaden war unermelich, und als man endlich wieder zur
Besinnung kam, hatte man sich billig zu verwundern, da nicht alles und
jedes zugrunde gegangen.

Gleichwohl betraf dieses Schicksal unter andern auch einen ledigen
Bording von fnfzig Lasten, der zwischen den andern Schiffen so
eingeklemmt ward, da er endlich, als die geringere Masse, von ihnen
niedergedrckt und dergestalt vllig in den Grund versenkt werden mute,
da keine Spur von ihm zu erblicken war. Dies Gef gehrte einer Witwe
Roloff, meiner guten Freundin und Gevatterin, zu, die in ihrer Not und
mit weinenden Augen auch zu mir kam, ob ich ihr in ihrem Unglck nicht
helfen knne. Ich versprach mein Mglichstes, und sobald nur der Sturm
sich abgestillt hatte und die Schiffe sich wieder auseinandergewirrt,
traf ich Anstalten, den Bording mit Winden und Tauen aus dem Grunde
wieder emporzuheben, was mir denn auch mit vieler Mhe und Arbeit
gelang, so da das Fahrzeug auf eine sichere Stelle gebracht und der
erlittene Schaden ausgebessert werden konnte.

       *       *       *       *       *

Einige Zeit nachher, whrend ich noch an meinem Schiffe baute, kam eines
Tages das Geschrei zu mir auf die Baustelle: auf dem Pregel am Grnen
Krahn stehe ein hollndisches Schiff, mit hundertundzwanzig Lasten Hanf
geladen, in lichtem Brande. Sofort machte ich mich, samt allen meinen
Schiffszimmerleuten, deren jeder mit seiner Axt versehen war, auf den
Platz und sah, wie das Feuer klafterlang, gleich einem Pferdeschweif,
hinten durch die Kajt-Porten emporflackerte. Alle Menschen, soviel sich
deren bereits herbeigemacht hatten, waren damit beschftigt, Lcher in
das Verdeck zu hauen und von oben hinab Wasser in den brennenden Raum zu
gieen. Offenbar aber gewann dadurch der Brand unterm Deck nur um so
greren Zug und war auf diese Weise mit nichten zu dmpfen.

Ein so widersinniges Verfahren konnte ich nicht lange gelassen mit
anblicken. So packte ich denn flugs den Schiffer am Arm und schrie ihm
zu: Ihr arbeitet Euch ja damit zum Unglck, da Ihr dem Feuer noch mehr
Luft macht. _Versenken_ mt Ihr das Schiff! Hrt Ihr? Versenken! Was da
lange Besinnens?

Es lief aber alles verwirrt durcheinander und kein Mensch konnte oder
wollte auf mich hren. Da griff ich einen von meinen Schiffszimmerleuten
auf, sprang mit ihm in das Boot, welches zum brennenden Schiffe gehrte
und zeigte ihm eine Planke, dicht ber dem Wasser, wo er in Gottes Namen
ein Loch ins Schiff hauen sollte. Das lass' ich wohl bleiben! war
seine Antwort -- ich knnte schlimmen Lohn dafr haben!

Dieser Widerstand erhitzte mich noch mehr. Ich ri ihm die Axt aus den
Hnden und bedachte mich keinen Augenblick, ein ganz hbsches Loch hart
berm Wasserspiegel durchzukappen. Als ich den guten Erfolg sah, legte
ich mich auf den Bauch und hieb immer tiefer einwrts, bis endlich das
Wasser stromweise da durch und in den Schiffsraum drang. Das eben hatte
ich gewollt, und nun eilte ich spornstreichs aus dem Boote auf das
Verdeck, wo sich hundert und mehr Menschen drngten, und schrie:
Herunter vom Schiff, was nicht versaufen will! In der Minute wird's
sinken!

Anfangs hrte man mich nicht; da ich es aber immer und immer wiederholte
und zugleich auch das Schiff begann, sich stark auf jene Seite zu
neigen, so kam auf einmal der Schrecken unter die Leute; alles lief nach
dem Lande, in banger Erwartung, was weiter geschehen wrde. In der Tat
legte sich das Schiff so gewaltig seitwrts, als ob es umfallen wollte;
aber im Sinken richtete es sich pltzlich wieder empor und fuhr so,
geraden Standes, pltzlich bis an die Gaffel-Klaue in die Tiefe, die
hier zur Stelle wohl sechsunddreiig bis vierzig Fu betragen mochte.

Das Feuer war gedmpft. Eine stille dumme Verwunderung folgte. Aber
pltzlich auch ward jedes Gaffers Mund wieder laut: Wer hat das getan?
Wer hat das Schiff in den Grund gehauen? Jeder hatte aber auch gleich
die durcheinandergeschriene Antwort bei der Hand: Nettelbeck! Ei, das
ist ein Stckchen von Nettelbeck! -- Nettelbeck aber kehrte sich an
nichts, ging ruhig nach Hause und war in seinem Herzen berzeugt, da er
recht getan habe.

Gleich des andern Tages, vormittags neun Uhr, trat in voller Angst mein
Schwiegervater zu mir ins Haus und fuhr auf mich ein: Nun haben wir's!
Ein schnes Unglck habt Ihr angerichtet mit dem in Grund gehauenen
Schiffe! Da sind eben drei Kaufleute und der hollndische Schiffer, samt
einem Advokaten, auf der Admiralitt und klagen wider Euch auf vollen
Ersatz alles Schadens. Nun sitzt Ihr in der Brhe! -- Und noch hatte er
seine Hiobspost kaum geendet, so war auch schon der Admiralittsdiener
zur Stelle, der mich auf den Lizent, gleich in dieser nmlichen Stunde,
vor das Admiralitts-Kollegium beschied. _Die_ sind rasch dahinter her,
dachte ich bei mir selbst, und mir ward doch nicht ganz wohl dabei
zumute.

Als ich ankam, fand ich's ganz so, wie's mein Schwiegervater verkndigt
hatte. Mir ward ein schon fertiges Protokoll vorgelesen, des Inhalts,
da ich es sei, der unberufenerweise das Schiff zum Sinken gebracht und
dadurch einen Schaden von so vielen Tausenden angerichtet habe. Ich
sollte jetzt die Wahrheit dieser Angaben anerkennen, von der Ursache
Rede und Antwort geben und allenfalls anfhren, was ich zu meiner
Verteidigung vorzubringen wte.

Tausend Augen -- sagte ich -- haben es mit angesehen, wie das Schiff
hinten hinaus in hellem Feuer stand; und je mehr Luftlcher die Leute
ins Verdeck hieben, desto mehr Nahrung gaben sie dem inwendigen Brande.
Htte das nur noch eine halbe Viertelstunde so fortgedauert, so nahm die
Flamme dergestalt berhand, da es kein Mensch mehr auf dem Schiffe
aushalten konnte und dieses mitsamt der Ladung preisgegeben werden
mute. Allein wenn und whrend es nun in voller Glut stand -- wie sollte
es da fehlen, da nicht auch die Taue mitverbrannten, an denen es am
Bollwerk befestigt lag; da die flammende Masse stromabwrts und unter
die vielen andern dort liegenden Schiffe trieb und diese mit ins
Verderben zog? -- Ja, was leistete uns Brgschaft, da dieser
Schiffsbrand nicht ebensowohl auch die dicht am Bollwerk befindlichen
Speicher und die unzhligen Hanfwagen davor ergriff? und da darber
nicht ganz Knigsberg in Rauch und Asche aufging? -- Jetzt ist groes
und gewisses Unglck mit um so geringerem Schaden abgewandt, als Schiff
und Ladung wohl noch wieder zu bergen sein werden. Ich bin daher auch
des guten Glaubens, da ich in keiner Weise strafbar gehandelt, sondern
nur meine Brgerpflicht geleistet habe.

Der Direktor, Herr Schnell, diktierte diese meine Verantwortung selbst
zu Protokoll, und der Advokat ermangelte nicht, dagegen allerlei Einrede
zu tun. Darnach ward ich abermals befragt, ob ich weiter noch etwas zu
meinen Gunsten vorzubringen habe? -- Nicht ein Wort! erwiderte ich. --
Meine Sache mu fr sich selber sprechen. Die Verhandlung ward zu
Papier gebracht, und dies muten alle Parten unterzeichnen. Dann wurden
wir bedeutet, einstweilen abzutreten, weil unser Handel klar genug sei,
um noch in dieser nmlichen Sitzung zum Spruche zu kommen.

Desto besser! dachte ich. -- Wenn nur die gestrengen Herren drinnen
auch Vernunft annehmen wollen! und ber diesem Wenn kam es denn doch
bei mir zu einem Herzpochen, das mir diese halbe Stunde Verweilens sehr
bnglich machte. Wer wei, ob es meinen Gegenparten viel besser erging?
-- Endlich hie es, da wir wieder vortreten mchten; und nun gab man
uns sogleich auch die gefllte Sentenz zu vernehmen, deren Inhalt der
Hauptsache nach etwa dahin lautete:

Die Admiralitt erkenne, da der Schiffer Nettelbeck vollkommen recht
und lblich gehandelt, indem er durch schnelle Versenkung des in Rede
stehenden brennenden Schiffes greres Unglck von dem Handelsstande und
der Stadt abgewandt. Nchstdem aber behalte sich das Kollegium vor, ihm
dessen Zufriedenheit und Dankbarkeit durch feierlichen Handschlag zu
bezeugen. Falls auch der Gegenpart mit diesem Erkenntnisse zufrieden
sei, solle derselbe mit dargebotener Hand sich bei beregtem Nettelbeck
bedanken, da er Schiff und Ladung vor noch grerem Schaden bewahrt
habe.

Nach geschehener Vorlesung stand der Direktor, Herr Schnell, von seinem
Sitze auf, schttelte mir treuherzig die Hand und sagte: Ich tue das
als Erkenntlichkeitsbezeugung im Namen aller Schiffer, die auf dem
Pregel liegen, und im Namen der Stadt, die durch Ihren Mut und
Besonnenheit einem groen Unglcke entgangen ist. Sie sind ein wackerer
Mann!

Kaufleute, Schiffer und Advokat sahen einander an und gaben etwas
verlegene Zuschauer bei dieser Szene ab. Endlich traten sie einer nach
dem anderen zu mir und gaben mir ihre dankbare Hand. Die Vernnftigeren
unter ihnen gaben zu gleicher Zeit zu verstehen, sie wren nur darum zur
Klage gegen mich geschritten, um sich bei ihren Assradeurs, Reedern und
Korrespondenten hinlnglich zu decken.

Schon waren wir im Begriffe, aus der Gerichtsstube wieder abzutreten,
als der Direktor mich zurckrief und anhub: Schiffer Nettelbeck! Wie
ist's? Haben Sie nicht im vorigen Jahre der Witwe Roloff ihren im Pregel
versunkenen Bording glcklich wieder in die Hhe gebracht? -- Ich
dchte, Sie wren ebensowohl der Mann dazu, Ihr Kunststck auch an
diesem Schiffe hier zu wiederholen? -- Meine Herren! sich zu den
Kaufleuten wendend -- Sie sollten sich diesen Vorschlag berlegen! Was
meinen Sie?

Alsobald legten mir die Gefragten die Sache eindringlich vor. Je nun,
erwiderte ich, vieles in der Welt lt sich machen, wenn es mit
Vernunft und Geschick angegriffen wird. Wir beide, der Schiffsherr und
ich, wollen hingehen, untersuchen und das Ding an Ort und Stelle
reiflicher berlegen. Lt sich was beginnen, so wollen wir in Gottes
Namen Hand ans Werk legen. -- Sogleich auch machten wir uns auf den
Platz, aber alsbald auch ward mir's klar, da der Schiffer eine
Schlafmtze war, von dem ich keinen erklecklichen Beistand erwarten
durfte. Lieber also lie ich ihn ganz aus dem Spiele, ging zu meinem
guten, ehrlichen Freunde, dem Schiffszimmermeister Backer, und bat ihn,
da er mir bei meinem Vornehmen helfen mchte. Der war auch zu allem
bereit und willig, und so schritt ich denn getrost an die Ausfhrung.

Nach dem Plane, den wir entworfen hatten, erbat ich mir von ein paar
guten Freunden zwei Fahrzeuge zu meiner Verfgung, wobei denn natrlich
alle Gefahr und der Ersatz des etwa zugefgten Schadens auf meine
Rechnung ging, fr den Gebrauch derselben aber eine billige Vergtung
bedungen wurde. Indem ich nun diese Bordinge zu beiden Seiten des
versenkten Schiffes postierte und meine Winden und Hebezeuge darauf
anbrachte und in Bewegung setzte, ging die Arbeit rasch und glcklich
vonstatten. Wir hoben die ungeheure Last unter dem Wasser aus dem tiefen
Grunde so weit in die Hhe, da man bereits auf das Verdeck etwas mehr
als knietief treten konnte, und ich binnen kurzem den Augenblick
erwartete, wo dieses vollends emportauchen wrde.

Jetzt aber pltzlich stockten alle meine Maschinen. Ich hatte die beiden
Bordinge durch die Winden dergestalt anstrengen lassen, da sie vorn mit
dem Bordrande dicht auf dem Wasser lagen, whrend die Hinterteile sich
bis zum Kiel in die Hhe kehrten. Brach jetzt irgend etwas an den Tauen,
die unter dem Schiffe durchgezogen waren, so waren Unglck und Schaden
gar nicht zu berechnen. In dieser peinlichen Lage muten demnach vor
allen Dingen noch ein paar Ankertaue unter den Schiffskiel gebracht
werden, in denen das Schiff nunmehr mit vollerer Sicherheit hing, und
nun galt es ein Mittel, es noch um so viel zu erleichtern, damit nur die
groen Luken auf dem Verdecke nicht mehr vom Strome berflossen wrden
und die anzubringenden Pumpen dann freies Spiel gewnnen.

Da sich jedoch der Schiffskrper um keine Linie mehr rcken lassen
wollte, so verfiel ich darauf, ich mte jene Luken um so viel erhhen,
da sie ber dem Wasserspiegel emporragten. Das war zu bewerkstelligen,
wenn ich ebensoviel Kasten oder Verschlge von wenigstens zwei Fu Hhe
und gleichem Umfange mit den Luken dergestalt wasserdicht auf denselben
und dem Verdecke befestigte, da sie gleichsam einen Brunnenrand
vorstellten. Was nun aus diesen Kasten geschpft wurde, war dann
ebensogut, als sei es aus dem Raume geschpft, in welchem auf diese
Weise das Wasser endlich doch abnehmen mute. Dann aber hob sich das
Schiff von selbst, ohne da es ferner meiner Maschinen bedurfte.

Kaum war dieser Gedanke zur Welt geboren, so lie ich mir einen
Zollstock geben, um unter dem Wasser das genaue Ma der Luken in Lnge
und Breite zu nehmen, rief meine Leute zu mir nach der Baustelle und gab
ihnen an, was zu tun sei. In Zeit einer Stunde (whrend welcher alles in
Erwartung dessen stand, was werden sollte) kam ich mit den fertigen
Kasten und meinen Arbeitsleuten zurck und hatte die Freude, zu sehen,
da jene vollkommen wohl anschlossen.

Hunderte von migem Pbel standen als Zuschauer am Bollwerke. Ich
wandte mich zu ihnen und rief: Heran mit Eimer und Gert, wer Lust hat,
mit Wasserschpfen jede Stunde einen halben Gulden zu verdienen! -- Ho,
das war, als htte ich sie zur Hochzeit gebeten! Es strzten gleich so
viel Arbeiter herbei auf das nasse Verdeck, da sie um die Kastenrnder
nicht alle Raum zum Hantieren hatten. Ich lie sie ihr Wesen treiben und
stieg derweilen ins Boot, um mit dem Bootshaken das Loch unter Wasser
aufzusuchen, welches meine Hnde hineingehauen hatten. Dann aber sah ich
mich nach einem Sacke um (oder war es ein Stck altes Segeltuch, ich
wei es nicht), um jenes Loch zu stopfen und dadurch neuen Zuflu zu
hindern.

Bei jedem Schpfen, das so viele Eimer zugleich taten, wurden vielleicht
fnfzig und mehr Kubikfu Wasser -- erst aus den Ksten, dann tiefer aus
dem Schiffsraume hervorgefrdert. In eben dem Mae nun, als durch diese
Erleichterung das Schiff wieder an eigener Hebekraft gewann, erlangten
auch die beiden Fahrzeuge, zwischen denen es in der Schwebe hing, ihre
verlorene Wirksamkeit wieder. Sie hoben sich vorn wieder; und so mit
einem Rucke brachten sie nun das Schiff glcklich in die Hhe, da es
durch sich selber flott wurde und das Verdeck ber Wasser zu stehen kam.

Jetzt konnten auch die Hanfgebinde an den Lastbndern aus dem Raume
hervorgelangt werden. Mit der erleichterten Ladung aber trat auch immer
mehr und mehr Bord hervor, bis endlich auch mein gehauenes Loch ber dem
Wasser zum Vorschein gelangte und sonach mein Werk fr abgetan gelten
konnte. Ich schlug also ein Kreuz darber und ging, weil ich mich
trefflich abgemattet fhlte, in des Herrn Namen nach Hause, whrend mein
Freund Backer und der Schiffer das brige besorgen mochten.

Einige Tage darauf ward ich abermals vor die Admiralitt gefordert. Ich
fand dort die Herren Kaufleute, die mir vorerst ihren Dank fr mein
glcklich gelstes Versprechen bezeugten, dann aber auch sich fr meine
angewandte Bemhung mit mir abzufinden wnschten. Auf meiner Rechnung,
die ich ihnen des Endes einreichte, standen blo die beiden Bordinge,
die ich gebraucht hatte, jeder mit zwanzig Talern angesetzt, samt einer
Kleinigkeit fr Abnutz an Tauen, Winden und anderen Gertschaften, die
denn auch sogleich und ohne allen Anstand bewilligt wurden. Da ich
indes, was mich selbst betraf, keine Forderung machen wollte, so boten
sie mir ein Douceur von hundert preuischen Gulden, samt zehn Pfund
Kaffee und zwanzig Pfund Zucker. Ich nahm, was mir gegeben wurde, und
schenkte davon fnfundzwanzig Gulden fr die Armen, um ihnen auch einmal
einen guten Tag zu machen.

       *       *       *       *       *

Zu Ostern 1764 war ich endlich auch nach vieler Mhe und Sorge mit
meinem Schiffbaue im reinen. Das Gebude und alles, was dazu gehrte,
war nun wohl ganz nach meinem Sinne geraten; aber Freude konnte ich
dennoch nur wenig daran haben, denn wie so ganz anders waren die Zeiten
geworden, seit ich in vorigem Jahre den Kiel dazu legte! Mit den guten
Zeiten fr die Reederei hatte es ein pltzliches und betrbtes Ende
genommen. Ich will nicht sagen, da ich auf lauter solche Frachten, wie
jene nach Riga, zu vierzig Rubel die Last, gerechnet htte, allein noch
im Jahre zuvor standen die Frachten auf Amsterdam zu fnfundvierzig
hollndischen Gulden und jetzt, wo beim Frieden in allen Verkehr eine
Totenstille eintrat, galt es Mhe, eine Fracht dahin um elf Gulden zu
finden. Erst im Oktober gelang es mir, auf den genannten Platz fr
sechzehn Gulden abzuschlieen.

Whrend nun mein Schiff in der Ladung begriffen war, kam ich eines Tages
von der Brse, um am Borde mit eigenen Augen nachzusehen. Das Schiff
hatte sich etwas vom Bollwerke abgezogen; dennoch dachte ich den Sprung
wohl hinber zu tun, traf es aber so unglcklich, da ich ber ein
Ankertau stolperte und mir den rechten Fu aus dem Gelenke fiel. Da lag
ich nun und mute nach Hause getragen werden. Das Bein schwoll an und
whrend daran gezogen, gesalbt und gepflastert wurde, hatte ich die
grausamsten Schmerzen auszustehen. An ein Mitgehen mit meinem Schiffe,
wie ich es willens gewesen, war nun gar nicht zu denken. Aber _wen_
nunmehr in meine Stelle setzen?

Zum Steuermanne unter mir hatte ich einen gewissen Martin Steinkraus
angenommen, der zwar bereits selbst ein Schiff gefhrt, aber dabei eben
keine Ehre eingelegt hatte. Er war gleich mir ein geborner Kolberger und
mir von meinen brigen Landsleuten, halb wider meinen Willen,
angebettelt worden. Jetzt, da ich im Bette lag, ward ich abermals mit
Frbitten von allen Seiten dermaen bestrmt, da ich mich endlich in
einer unglcklichen Stunde betren lie, diesem Menschen mein Fahrzeug
anzuvertrauen. An guten Ermahnungen und Instruktionen lie ich es auf
keine Weise ermangeln. Auch gab ich ihm sofort zweihundert Gulden bar in
die Hnde, um sich damit in Pillau frei in See zu bringen.

Desto verwunderlicher deuchte mir's, da, als er kaum von Knigsberg
abgegangen und drei Tage vor Pillau gelegen, das Kontor von Seif und
Kompagnie daselbst mir eine Anweisung von zweihundert Gulden
prsentieren lie, welche mein Schiffer auf meine Rechnung bezogen
hatte. Gleich darauf war er Mitte November in See gegangen. Spterhin
kamen noch verschiedene hnliche Assignationen, zusammen im Belaufe von
etwa dreihundert Gulden zum Vorschein, die er zum Teil bar aufgenommen,
zum Teil auf allerlei Schiffsbedrfnisse verwandt hatte, als ob er mit
lediger Tasche von mir gegangen wre.

Alles dieses gestattete mir kaum noch einigen Zweifel, da dieser Mensch
es auf Betrug abgesehen habe und muten mir vollends die Augen aufgehen,
als ich, nachdem er anfangs Dezember den Sund passiert war, durch das
Haus von Dor eine neue Assignation, lautend auf fnfundachtzig Taler,
empfing, die doch nur fr Sundzoll und aufgelaufene Kosten verausgabt
worden sein konnten, ungeachtet ich aus Erfahrung wute, da ein Schiff
von der Tracht wie das meinige, dort nur zwlf bis fnfzehn Taler zu
zahlen haben knne.

Im Januar 1765 liefen Briefe aus Gotenburg an mich ein mit der
Hiobspost: Schiffer Steinkraus sei dort eingelaufen, habe die Einleitung
zu einer Havarie gemacht und zu dem Ende gleich anfnglich zweitausend
Gulden aufgenommen. Im Februar wiederum Briefe aus Gotenburg: Schiffer
Steinkraus habe sich gentigt gesehen, die zur Ausbesserung ntigen
Gelder bis auf sechstausend Gulden zu vermehren und sich auszahlen zu
lassen!

Jetzt ward mir der unsaubere Handel denn doch zu bunt! Wollte ich nicht
mit dem Stabe in der Hand mein Eigentum mit dem Rcken ansehen, so mute
ich eilen, dem unverschmten Ruber durch meine persnliche Gegenwart
einen Zgel anzulegen. In dieser Absicht ging ich im Mrz mit Schiffer
Martin Blank als Passagier nach Amsterdam ab, wo ich meinen Urian
entweder schon zu treffen, oder doch zu erwarten gedachte. Er hatte
aber gar nicht die Eile gehabt, die ich bei ihm voraussetzte, sondern
erst in den letzten Tagen des April, nachdem ich schon mehrere Wochen
nach ihm ausgesehen, lie mir Schiffer Johann Henke von Knigsberg, der
eben auch im Hafen lag, sagen: Steinkraus sei soeben angekommen und habe
mit dem Schiffe vor der Lage geankert. Jetzt verlor ich keinen
Augenblick, mich nach der Wasserseite zu begeben. Je blere Dinge ich
ahnte, um so sorgfltiger hatte ich auch bereits im voraus meine
Maregeln berlegt und mit meinen dortigen Korrespondenten, den Herren
Kock und van Goens, die erforderlichen Abreden genommen.

In der Ferne sah ich mein Schiff liegen, das mir durch die arglistige
Bosheit eines Taugenichts so teuer zu stehen kommen sollte. Ich lie
mich durch einen Schuitenfahrer an den Bord desselben bersetzen, fand
aber beim Hinaufsteigen auf dem Verdecke keine lebendige Seele. Voll
Sinnens ging ich auf demselben einige Minuten lang umher, und indem ich
mir Masten, Taue, Segel, Anker -- alles die alten wohlbekannten
Gegenstnde -- genauer darauf ansah, konnte ich mit steigender
Verwunderung immer weniger begreifen, was denn mit den aufgenommenen
ungeheuren Summen daran verndert oder gebessert worden.

Endlich kam der Schiffsjunge aus dem Kabelgat zum Vorschein und machte
trefflich groe Augen, als er seinen Herrn und Meister so unverhofft
erblickte. Ich sumte nicht, den Burschen in ein nheres Verhr zu
nehmen; und nun erzhlte er mir denn, halb aus Treuherzigkeit, halb aus
Furcht, mehr als mir lieb war und ich zu wissen verlangte. Sein Schiffer
samt den brigen Leuten hatte sich sogleich nach der Ankunft im hellen
Haufen ans Land begeben. Der neue Steuermann (denn der von Knigsberg
mitgegangene war -- ein Unglck mehr fr mich! -- in Gotenburg
gestorben) befand sich nur noch allein an Bord und verzehrte in der
Kajte sein Mittagsmahl. Dort suchte ich ihn mir auf, gab mich als
seinen Reeder zu erkennen und wechselte einige gleichgltige Worte mit
ihm, bevor ich nach dem Lande zurckfuhr. Er war auf keine Weise der
Mann dazu, mir die nhere Aufklrung, die ich brauchte, zu geben.

Da es nun aber einmal auf eine berraschung abgesehen sein sollte, so
postierte ich mich, dem Schiffe gegenber, am Bollwerke und beschlo,
hier geduldig zu warten, bis mein guter Freund, der dort notwendig
passieren mute, in eigener werter Person zum Vorschein kommen wrde.
Nach etwa zwei Stunden Harrens, die mir lang und sauer genug wurden,
erschien auch ein Trupp ganz wilder und besoffener Matrosen, in denen
ich unschwer mein Volk erkannte, und hinter ihnen her taumelte, in
keinem besseren Zustande, der Schiffer Steinkraus an mir vorber.

Ich folgte ihnen und wartete bis zu dem Augenblicke, wo sie smtlich in
die Schaluppe steigen wollten, um nach dem Schiffe berzusetzen. Hier
klopfte ich dem Schiffer unversehens auf die Schulter und rief:
Willkommen in Amsterdam! -- Er blickte hinter sich, ward starr wie
eine Bildsule und auch so bla, als er mich endlich erkannte. Ich
nderte indes nichts in meiner hflichen Gelassenheit, wie bitter mir's
auch ankam, meinen gerechten Groll zu verbeien; denn ehe ich gegen ihn
losfuhr, wie er's verdient hatte, mute ich mir erst seine Gotenburger
Havarierechnung haben vorlegen lassen, um zu wissen, ob und wie diese
gegen meine Assekurateurs zu rechtfertigen wre, die in Amsterdam zur
Stelle waren und auf mein Schiff achttausend Gulden gezeichnet hatten.
Jene Havarie aber betrug, soviel mir vorlufig bewut war, noch etwas
mehr sogar, als diese Summe.

Ich setzte mich nun, als ein schwerlich sehr willkommener Gast, mit in
das Boot und begleitete ihn an Bord. Unmittelbar darauf holten wir das
Schiff in die Lage zu den brigen vor Anker, wo es, nach meinem Wunsche,
neben dem vorbenannten Henke zu liegen kam. Dies gab mir die
Bequemlichkeit, mich entweder an meinem eigenen Borde, oder bei diesem
meinem Freunde in der Nhe zu verweilen und gute Aufsicht zu halten,
whrend die Ladung gelscht und das Schiff bis auf den untersten Grund
leer wurde. Hier vermite ich denn nun zunchst achtzig eichene Planken,
die ich in Knigsberg zum Garnieren des Schiffbodens mitgegeben hatte.
Wo konnten _die_ geblieben sein? Ich erhielt die Auskunft vom Schiffer,
da sie in Gotenburg, zugleich mit der brigen gelschten Ladung, ans
Land gekommen und dort, ohne sein Wissen und Willen, vom Schiffsvolke
von Zeit zu Zeit beiseite gebracht und heimlich verkauft worden. Das
Volk hinwiederum wlzte alle Schuld von sich ab und behauptete, der
Schiffer selbst habe die Planken verkauft.

Nicht besser stand es um einen Schiffsanker von achthundert Pfund, der
mir auf meinem vorigen Schiffe und bei einer frheren Reise am Bollwerke
zu Pillau in einem Sturme zerbrochen worden. Da die beiden Stcke in
Knigsberg nicht wieder zusammengeschmiedet werden konnten, so hatte ich
sie dem Steinkraus mitgegeben, um dies in Amsterdam bewerkstelligen zu
lassen. Aber auch dieser Anker war abhanden gekommen, und bei nherer
Untersuchung ergab sich's, da er das grere Stck und die Matrosen das
kleinere an den Mann zu bringen gewut und das Geld geteilt hatten.

Nunmehr kam die Reihe an die Gotenburger Papiere, die Havarie
betreffend, und da standen mir denn wahrlich die Haare zu Berge! Alles
befand sich in der greulichsten Unordnung, als ob es mit rechtem
Vorbedachte verwirrt worden sei, um jede klare Einsicht unmglich zu
machen. Ich wute nimmermehr, wie ich meinen Assekurateurs diese
Rechnungen vorlegen sollte, ohne da sie sie von Anfang bis zu Ende fr
nichtig erklrten. Selbst meinen Schuft beim Kopfe nehmen zu lassen, war
nicht ratsam, wenn ich jene Versicherer nicht selber in Alarm setzen
wollte, ber gespielten Betrug bei der Havarie zu schreien und mich fr
meine eigene Person in das bse Spiel zu verwickeln.

Allein desto sorgfltiger mute ich zu verhindern suchen, da der Bube
nicht heimlich das Weite suchte. Ich hatte ihn also bei Tag und Nacht
wie meinen Augapfel zu hten und durfte ihn gleichwohl mein Mitrauen
nicht merken lassen. Nichtsdestoweniger mute sich's fgen, da, als
ich zwei Tage spter mit ihm die Brse besuchte, wo es immer ein dichtes
Gewimmel gibt, er mir unter den Hnden entschlpfte. Die Brsenzeit ging
zu Ende, aber kein Steinkraus war zu sehen! Meine schwache Hoffnung, da
er sich an Bord begeben haben knnte, spornte mich ihm dahin nach, aber
sie schlug fehl. Er war und blieb fr mich verschwunden.

War meine Lage vorhin schon kritisch, so schien sie nunmehr vollends
rettungslos. Ich hatte meinen Assekurateurs des Schiffers
Havarie-Rechnung notwendig vorlegen mssen, bei welcher sie, auch wenn
alles in bester Ordnung war, dennoch nur zu guten Grund hatten, den Kopf
zu schtteln und sich zu besinnen, ob sie zur Zahlung einer so enormen
Summe verpflichtet wren. Jetzt, da jener sich unsichtbar gemacht hatte,
wiesen sie jede Anforderung auf das bestimmteste zurck und verlangten,
da ich ihnen vor allen Dingen den Schiffer, der die Havarie gemacht
htte, zur Stelle schaffte, damit er selbst Rede und Antwort gbe, denn
mit _ihm_ und nicht mit _mir_ htten sie es zunchst zu tun. Mein Gott!
entgegnete ich, wenn er nun aber ins Wasser gefallen und ertrunken
wre? Das knnte nur ein Kind glauben, war ihre hhnische Antwort, und
es schiene nun nicht, da sie ntig haben wrden, um dieser achttausend
Gulden willen den Beutel zu ziehen.

Dagegen war nun diese Summe auf das Schiff wirklich verbodmet, und die
gesetzliche Zeit bereits verflossen. Der Bodmerei-Geber verlangt sein
vorgeschossenes Geld, welches die Versicherer mit hinlnglichem Fug sich
zu zahlen weigerten. Ich befand mich im entsetzlichsten Gedrnge, denn
was blieb mir brig, als den Verkauf meines Schiffes geschehen zu
lassen, damit die Bodmerei gedeckt werden knne? -- Es schien unmglich,
da noch irgend etwas mich armen geschlagenen Mann aus diesem Unglcke
herausrisse!

So sa ich eines Tages im grten Herzenskummer in einem Wirtshause, wo
vor mir auf dem Tische ein hollndisches Zeitungsblatt lag. In trbem
Sinnen nahm ich es unwillkrlich zur Hand, aber ich wute selbst nicht
was ich las, bis meine Augen auf eine Anzeige fielen, des Inhalts: Es
sei zu Schlinger-Want (ungefhr eine Meile von Amsterdam, jenseits des
Y) ein ertrunkener Mann gefunden worden, dessen Kleidung und brige
Kennzeichen zugleich nher angegeben wurden. Der Prediger des Ortes, von
welchem er dort begraben worden, forderte hier die etwaigen Angehrigen
dieses Verunglckten auf, der Kirche die wenigen verursachten
Begrbniskosten zu entrichten.

Himmel! dachte ich bei mir selbst, wenn dieser Ertrunkene vielleicht
dein Steinkraus sei sollte! -- Tag und Zeit und manche von den
angegebenen Merkmalen trafen mit dieser Vermutung gut genug zusammen.
Zwar konnte ich an seinem bsen Willen, mir zu entlaufen, nicht
zweifeln: allein wie wenn ihn nun sein erwachtes Gewissen zu einer
raschen Tat der Verzweiflung getrieben oder wenn Gottes rchende Hand
ihn schnell ereilt? Immer erschien mir sein Tod unter diesen Umstnden
ein Glcksfall, und wie gerne glaubt man, was man wnscht? -- Es kostete
mir also auch wenig Mhe, mich zu berzeugen, da hier von niemand
anders als von meinem entwichenen Schiffer die Rede sei; und dieses
Glaubens bin ich auch noch bis zur heutigen Stunde, da ich nie wieder in
meinem ganzen Leben auch nur die entfernteste Spur seines Daseins
aufgefunden habe.

Lie sich nun auf die Art erweisen, da der Mann, mit welchem meine
Assekurateurs einzig und allein ihren streitigen Handel ausmachen
konnten und wollten, nicht mehr unter den Lebendigen war, so muten sie
seine Rechnungen annehmen, wie sie dalagen und standen, oder den klaren
Beweis ber die Betrglichkeit derselben fhren, was ihnen schwer fallen
durfte. Ich als Reeder hingegen war nun befugt, mich buchstblich an
meine Police zu halten und auf alle Entschdigung zu dringen. In der
_Form_ war dann das Recht auf meiner Seite, nur ob auch dem _Wesen_ nach --
darber hatte ich bei mir selbst einige Bedenklichkeiten, die ich nicht
sofort loswerden konnte. Da Steinkraus bei der Havarie mit Lug und
Trug umgegangen sein msse, schien, wenn auch nicht klar erweislich,
doch nur zu glaublich. Meine eigne Hand und Gewissen war gleichwohl rein
und frei von jeder, auch der entferntesten Teilnahme an jeglichem
Unrechte. Hatte ich seiner Ehrlichkeit nicht selbst mein Gut und
Vermgen anvertraut? War ich nicht selbst von ihm schndlich betrogen
worden? Konnte _ich_ ausmitteln, wie gro oder klein der Betrug sein
mchte, den er in Gotenburg gespielt? Und _wem_ konnte und sollte es
dennoch zukommen, den Schaden desselben zu tragen?

Es mag vielleicht Moralisten geben, die imstande sind, Haare zu spalten
und Recht und Unrecht auf der Goldwage abzuwgen. Ich gestehe, da ich
dies in meiner Einfalt nicht vermag und auch damals nicht vermochte; --
ja, _damals_ vielleicht noch weniger, da Glck und Fortkommen in der
Welt an meinem Entschlusse hingen und mein Gemt ungestm bewegt war.
Doch wollte ich keinen Schritt in dieser Sache tun, ohne mich mit meinem
wackeren und verstndigen Freunde, dem Schiffer Johann Henke, beraten zu
haben. Auch er schttelte dabei anfangs den Kopf und uerte mancherlei
Bedenken, bis ich ihm meine Grnde und meinen Glauben nher
auseinandersetzte, wo er mir dann endlich beistimmte und seinen treuen
Beistand verhie. Das Urteil eines so rechtlichen Mannes war bei mir von
entscheidendem Gewichte.

Wir entschlossen uns demnach, sofort in meinem Boote nach Schlinger-Want
hinberzufahren und den Ortsprediger aufzusuchen. Indem ich diesem nun
das Zeitungsblatt vorzeigte, machte ich ihm meine Anzeige, da jener
ertrunkene Mann, nach den angegebenen und von mir noch nher bestimmten
Kennzeichen, mein Schiffer gewesen, und wie ich in der Absicht kme, ihm
die aufgewandten Begrbniskosten dankbarlich zu vergten. Diese
letzteren nun, welche einundzwanzig Gulden betrugen, wurden sofort
entrichtet und freundlich angenommen, wogegen ich eine Quittung in Form
eines Totenscheines erhielt und nunmehr getrost meines Weges ging.

Gleich am anderen Tage nun wandte ich mich auf der Brse an meinen
Schiffs-Makler, Herrn Schwartwant, durch dessen Vermittelung mein
Geschft mit den Assekurateurs war betrieben worden. Nun sehen Sie, wie
richtig meine Vermutung eingetroffen ist, sagte ich, indem ich ihm
meinen Schein vorzeigte. -- Der Steinkraus hat wirklich seinen Tod im
Wasser gefunden. Seien Sie nun so gtig den Herren davon Mitteilung zu
machen und anzufragen, was sie nunmehr in der Sache tun oder lassen
wollen? -- Das ganze Gesicht des Mannes nahm sofort eine frhliche
Miene an. Ich gratuliere Ihnen, lieber Kapitn Nettelbeck, rief er mit
einem Hndedruck. -- So milich Ihr Spiel bisher stand, so halte ich es
doch von jetzt an gewonnen.

Nun ging er stehenden Fues, um die beiden Herren Versicherer im
Brsengewhle auszusuchen, whrend ich ihm von ferne folgte. Bald auch
stie er auf einen von ihnen, dem er mein Dokument mitteilte, indem er
es mit einem angelegentlichen Vortrage begleitete. An der ganzen
Physiognomie und Gebrdung des anderen nahm ich wahr, wie ihn diese
Nachricht berraschte, aber auch, da er wohl geneigt sein mchte,
gelindere Saiten aufzuziehen. Dies besttigte mir der Makler, indem er
mir den Vorschlag brachte, morgen auf der Stadt-Herberge einer Konferenz
beizuwohnen, wozu ich mir dann einen Assistenten mitbringen mchte.

Zu diesem Beistande konnte ich wohl keinen erfahreneren und geachteteren
Mann erkiesen, als meinen alten Patron, den Kapitn Joachim Blank, mit
welchem ich vormals wiederholte Reisen nach Surinam gemacht und der sich
hier jetzt zur Ruhe gesetzt hatte. Er fgte sich auch freundlich meiner
Bitte; und so erschienen wir zur bestimmten Zeit am gemeldeten Orte,
whrend auch meine Gegenparteien beiderseits samt einem anderen
Schiffskapitn und einem Advokaten zugegen waren. Nach einigem Hin- und
Widerreden und Streiten kam es denn auch endlich zu einem Vergleiche,
dessen Billigkeit wir samt und sonders erkannten. Ich lie nmlich die
Hlfte meiner Forderung nach und zeichnete viertausend Gulden
Bodmeierei auf mein Schiff, wogegen meine Herren Assekurateurs die
andere Hlfte mit gleicher Summe an die Bodmerei-Geber in Gotenburg
abzuzahlen auf sich nahmen.

       *       *       *       *       *

So kam ich bei diesem schlimmen Handel noch mit einem blauen Auge davon,
behielt mein Schiff als freies Eigentum und konnte damit fahren nach
Lust und Belieben, um meine Scharte wieder auszuwetzen. Ich beschlo mit
Ballast nach Noirmoutiers abzugehen, dort eine Ladung Salz fr eigene
Rechnung einzunehmen und in Knigsberg loszuschlagen. Zum Ankaufe jener
Ware wollten mir meine Amsterdamer Korrespondenten, die schon genannten
Herren Kock und van Goens, gegen Bodmerei auf Schiff und Ladung die
Gelder in Frankreich formieren.

Ehe ich jedoch zum Werke schreiten konnte, hatte ich zuvor noch reine
Rechnung mit meinem Schiffsvolke zu machen, welches, auer dem neu
hinzugekommenen Steuermanne und einem Jungen, aus sechs Matrosen
bestand. Dies verwilderte Gezcht hatte nicht minder gottlos gelebt und
hausgehalten, als der nichtsnutzige Schiffer selbst; und weil auch _er_ in
keinen reinen Schuhen steckte, hatte er's ihnen nicht abschlagen drfen,
whrend der Reise Vorschu ber Vorschu zu zahlen. Dabei waren auch
hierin seine Papiere so konfus, da ich darnach den eigentlichen Betrag
ihrer aufgenommenen Gelder auf keine Weise ausmitteln konnte. Auf jeden
Fall aber waren sie so betrchtlich, da sie sie in Jahren und Tagen
nicht wieder abverdienen konnten.

Hier blieb mir nun nichts brig, als bald den einen bald den anderen
besonders vorzunehmen, sie durch gute Worte treuherzig und kordat zu
machen, und dann wieder auch durch unversehene Zwischenfragen in die
Klemme zu nehmen, so da stets ein Spitzbube den andern verriet. Allein
ebensowenig als sie gegen _mich_ reinen Mund gehalten, konnte es unter
ihnen selbst auf die Lnge ein Geheimnis bleiben, wie ich es darauf
anlegte, ihnen hinter die Schliche zu kommen. Sie hielten es demnach
nach einer gemeinschaftlichen Beredung fr das Geratenste, mir allesamt
auf einmal zu entlaufen, und diesen Vorsatz fhrten sie auch des anderen
Tages richtig aus; doch nicht, ohne da ich es sogleich erfahren und
auch den Ort am Lande entdeckt htte, wo sie sich aufhielten.

Dahin verfgte ich mich augenblicklich mit Gerichtsdienern und traf auch
glcklich das ganze Nest beisammen, wo sie dann mit Gewalt aufgehoben
und an Bord meines Schiffes begleitet wurden. Am besten htte ich
freilich getan, sie laufen zu lassen; allein so wenig sie auch brigens
taugten, so waren sie doch erfahren und tchtige Kerle zur Arbeit, die
hier in der Geschwindigkeit nicht wohl durch andere zu ersetzen waren.
Zudem hoffte ich, da wenn ich mich ihrer nur bis zur wirklichen Abfahrt
versichern knnte, ich sie wohl wieder zu Zucht und Ordnung herumbringen
wollte.

Mit diesem Plane beschftigt, nahm ich also einige Matrosen von den
neben mir liegenden Schiffen fr Tagelohn zu Hilfe, um sofort die Anker
zu lichten und von Amsterdam nach der Bucht bei Dirkerdam abzusegeln,
die etwa eine Meile von dort entfernt liegt. Hier warf ich aufs neue
Anker, entlie meine gemieteten Matrosen und hoffte, da ich's nunmehr
den meinigen schwer genug machen wollte, von Bord zu kommen, um
ihretwegen auch in meiner Abwesenheit wohl sicher zu sein. Denn ich
konnte es nicht vermeiden, fr meine Person des nchsten Tages noch
einmal nach dem verlassenen Hafen zurckzukehren, um neben meiner
Ausklarierung noch eine Menge anderweitiger Geschfte zu besorgen und
einen Lotsen mitzubringen.

Vor der Abfahrt bergab ich dem Steuermann mein verdchtiges Volk in
besondere sorgfltige Aufsicht. Das Boot lie ich aufs Deck setzen und
anschlieen, damit sich dessen niemand bedienen knne, und mein
Stellvertreter sollte nicht vom Deck weichen und die Nacht kein Auge
schlieen, um berall gleich bei der Hand zu sein, bis ich mit dem
frhen Morgen mich wieder an Bord zeigen wrde. Dann versammelte ich
die Ausreier und stellte ihnen Himmel und Hlle vor, und wie schndlich
sie handeln wrden, Vater und Mutter und Freunde auf Nimmerwiedersehen
im Stiche und sich zu Hause nie wieder drfen blicken zu lassen.
Zugleich versicherte ich ihnen, da meinerseits alles Vorgegangene
vergeben und vergessen sein und selbst ihre, vom vorigen Schiffer
empfangene Vorschsse in den Schornstein geschrieben sein sollten. Das
alles schienen sie auch zu Herzen zu nehmen und versprachen mir eine
gebhrliche Auffhrung.

Nunmehr rief ich eine vorbeifahrende Schuite an, die nach Amsterdam
ging, und lie mich von derselben an Bord nehmen. Es war nachmittags um
drei Uhr, und des nchsten Morgens um acht Uhr befand ich mich, nach
beendigten Verrichtungen, bereits wieder auf dem Rckwege und im
Angesichte meines Schiffes. Es nahm mich sofort wunder, da ich kein
Boot darauf erblickte. Ebensowenig sah ich eine menschliche Seele auf
dem Verdecke. Ich sprang endlich selbst hinauf, und mit steigender
Bestrzung fand ich die Tr der Kajte von auen mit einem Brecheisen
gesperrt. Auf mein Rufen keine Antwort. Nun ri ich die Tr mit Gewalt
auf, da lag mein Steuermann, mehr tot als lebendig, auf dem Boden lngs
ausgestreckt.

Sthnend erzhlte er mir, was whrend meiner Abwesenheit vorgegangen.
Gleich nach meinem Abgange hatte er an dem Zusammenstecken der Kpfe und
dem heimlichen Flstern unter den Leuten deutlich wahrgenommen, da sie
etwas im Schilde fhrten. Endlich waren sie zu ihm herangetreten, um ihm
zu erklren, da sie mit dem Boote ans Land zu gehen verlangten; wollte
er sich's beikommen lassen, bei den Vorberfahrenden um Hilfe zu rufen,
so gedchten sie ihn ber Bord zu werfen und wie einen Hund zu ersufen.
Gleichwohl hatte er, mit Abmahnen, Drohen und endlich mit lautem Rufen
ber zugefgte Gewalt, getan, was seine Pflicht von ihm forderte; war
aber auch augenblicklich von den Bsewichten ergriffen, geknebelt,
gestoen, geschlagen und mit verstopftem Munde trotz allem Struben in
die Kajte gesperrt worden, worauf sie sich des Bootes bemchtigt und
davongemacht hatten.

In dieser ganzen Zeit nun hatte der arme zerschlagene Mann vor Schmerz
und Ermattung sich kaum zu regen vermocht. Wie mir dabei zumute war, mag
man sich leichtlich vorstellen. Das Schiff hier auf offener Reede vor
Anker, kein Volk an Bord, der Steuermann krank und keines Gliedes
mchtig, mein Boot geraubt.

Was war zu tun? Ich mute mich entschlieen, das Schiff unter der
unzulnglichen Aufsicht des kranken Mannes zu lassen, um sowohl ihm
selbst rztliche Hilfe, als mir eine neue Mannschaft zu verschaffen.
Also ging mein Weg nochmals nach Amsterdam, wo ich andere sechs Matrosen
und einen Jungen, wie sie mir zuerst in den Wurf kamen, heuerte, dann
einen Lotsen nahm und einen Wundarzt aufsuchte, der mir den Steuermann
verbinden und bepflastern und sagen sollte, ob dieser die Reise ohne
Lebensgefahr werde mitmachen knnen. Nachdem ihm der Doktor die Glieder
etwas zurechtgesetzt und ihn mit Medikamenten reichlich versehen hatte,
war jener der Meinung, es solle weiter keine Gefahr haben, wenn er sich
nur schonen wolle, und nahm seinen Abschied.

Ich machte mich darauf mit meinem neuen Schiffsvolke an die Ankerwinde,
um unter Segel zu gehen. Da sah ich denn nun klar, was fr schlechten
Kauf ich gemacht hatte. Nur zwei waren befahrene Matrosen, whrend die
brigen kaum wuten, was auf dem Schiffe hinten oder vorn war. Wahrlich,
mir graute innerlich, die Reise anzutreten. Mein bestes Vertrauen mute
ich in mich selbst und in die gnstige Jahreszeit setzen, denn es war
jetzt zu Anfang Mai, da ich aus dem Texel lief. In der Mitte des Monats
kam ich vor Noirmoutiers glcklich vor Anker.

       *       *       *       *       *

Hier fand ich drei Schiffe vor, deren Kapitne zu meinen guten Freunden
gehrten, nmlich Neste, mit einem Dreimaster aus Danzig, und Fries und
Jantzen, beide Knigsberger. Alsbald kamen sie smtlich zu mir an Bord,
allein so willkommen sie mir selbst waren, so unerwnscht war mir die
Zeitung, da schon sie drei Frhergekommenen hier ihre Ladung an Salz
nicht vllig aufzubringen vermchten, und gleichwohl das Muid mit
fnfundachtzig Livres aufwiegen sollten. Nach lngerer Beratschlagung
fanden wir es fr das dienlichste, uns nach den nchstgelegenen
Salzhfen Croisic, Bernif und Olonne zu verteilen, um anderswo, wenn
mglich, besseren Markt zu finden, wobei das Los entscheiden sollte, wer
hier zu bleiben und wohin ein jeder in seinem Boote zu gehen und
vorlufig seinen Handel fr alle abzuschlieen htte; letzteres jedoch
nur mndlich, damit jeder Gelegenheit behielte, an dem wohlfeilsten
Preise teilzunehmen.

Als nun die Lose gezogen wurden, traf mich die Fahrt nach Croisic,
welche nicht nur die weiteste (da die Entfernung von Noirmoutiers zehn
bis zwlf Meilen betrgt), sondern auch die gefhrlichste war; denn sie
geht durch den offenen Ozean, ohne durch Vorgebirge oder Inseln
geschtzt zu sein. Mein im Texel neu angeschafftes Boot stand auf Deck
und ward nun sofort ber Bord gesetzt, allein sowie es das Wasser
berhrte, drang dieses auch zu allen, durch die lang ausgestandene Hitze
ausgetrockneten Nhten hinein. Es schien unmglich, mich in diesem
Zustande hineinzuwagen! Aber schon sah ich meine Freunde Neste und Fries
in ihren Fahrzeugen abstoen, um sich auf ihre ihnen zugefallenen Posten
zu begeben. Ich zitterte vor Ehrbegierde, ihnen in Pnktlichkeit nicht
nachzustehen!

Nun hatte ich auer jenem Boote noch eine kleine fichtene, sogenannte
Berger Jlle. Flugs sah ich sie mir darauf an, ob sie mich in diesem
Falle der Not nicht ebensowohl nach Croisic sollte tragen knnen? --
Wozu lngeres Bedenken? Es mute gewagt sein! -- Ich lie Mast und
Segel auf ihr einrichten und bestieg sie mit zwei Mann. Um mir jedoch
nicht offenbar ein Tollmannsstckchen zuschulden kommen zu lassen,
wollte ich es zuvor auf eine kleine Probe anlegen, segelte vom Schiffe
abwrts, legte bei, machte diese und jene Wendungen und bestrkte mich
solchergestalt in meiner Zuversicht, da ich nichts Unmgliches wagte.

Eiligst versah ich mich nun noch an Bord mit einem durchgeschnittenen
halben Oxhoft, welches ich zum sicheren Reisebehlter fr einen Kompa,
Brot, Fleisch, einige Flaschen Wein und Branntwein und andere kleine
Bedrfnisse bestimmte. Noch nahm ich einen Bootsanker, ein Tau und drei
Regenrcke fr uns ein, und so versehen trieb ich meine beiden Gefhrten
zum Einsteigen, rief ein herzhaftes: Nun, mit Gott! und stie ab. Zwar
ward mir's, ehe wir noch fnfzig Klafter gesegelt waren, hell und klar,
da ich meine Jolle mit all den Siebensachen zur Ungebhr berladen und
da ich den dmmsten Streich in meinem ganzen Leben begangen hatte, drei
Menschenleben in die augenscheinlichste Gefahr zu setzen; aber sollte
ich mir die Schande antun, noch einmal umzukehren? -- Lieber wre ich
dem Tode in den offenen Rachen gesegelt!

Bis ich um die kleine Insel Piquonnier herumkam, ging auch alles gut.
Hier aber rollte mir die spanische See von der Seite her in langen und
hohen Wogen mchtig entgegen; der steife Wind stand von dorther gerade
aufs Land und es sah ganz danach aus, da wir hier mit Gemchlichkeit
ersaufen knnten. Gleichwohl htte man alles von mir fordern knnen, nur
nicht, da ich hier noch umsatteln sollte. Du willst der Gefahr
standhalten! sagte ich zu mir selbst und fate mein Steuer nur noch
fester in die Faust.

Nach vier oder fnf Stunden begann indes der Einbruch der Nacht, und mit
der Dunkelheit schien auch der Wind mehr Strke zu gewinnen. Keiner von
uns sprach ein Wort, aber meine Matrosen drngten sich immer nher an
mich, der ich am Ruder sa und die Schote des Segels zugleich in der
Hand gefat hielt. Allmhlich fingen die beiden rohen Kerle, ergriffen
vom Gefhl ihrer Lage, bitterlich an zu weinen. Ihre Todesangst lie
mich nicht ohne Mitgefhl, denn wie konnte ich die Schuld von mir
abwlzen, ihnen samt mir durch meinen unzeitigen Ehrgeiz dieses nasse
Grab gegraben zu haben? -- Ich sagte ihnen zu ihrer Beruhigung, ich
wolle vom Winde abhalten und, da wir an der Mndung der Loire schon
vorber wren, in die ich uns sonst geflchtet haben wrde, geradezu auf
das Land steuern. Dort wrde es freilich eine hohe Brandung geben, daher
sie, sobald wir in diese hineingerieten, sogleich zu beiden Seiten der
Jlle ins Wasser springen, sich an ihren Bord hngen und, sobald sie
Grund unter den Fen fhlten, das Fahrzeug mit der Spitze scharf gegen
den Strand halten mten, damit es nicht in die Quere unter die See
kme. Wenn dann die letzten Sturzwellen vom Ufer zurckrollten und den
Boden trocken lassen wollten, htten sie sich mit aller Macht
entgegenzustemmen, damit nicht auch das leichte Boot mit zurckgesplt
wrde. Alles das und noch mehreres band ich ihnen fest auf die Seele und
sie gelobten auch, es treu zu beobachten. Es kam aber anders.

Um ihnen nun Wort zu halten, steuerte ich gerade auf die Kste. Die
Jlle scho wie ein Pfeil durch die Wogen und nach einer guten halben
Stunde drang uns auch schon das schreckliche Gebrll der Brandung in die
Ohren. Nun sahen wir angestrengt vor uns hin nach dem weien Schaume;
allein die Nacht ward so finster und unser Fahrzeug flog so schnell, da
wir uns pltzlich mitten darin befanden. Ehe wir uns auch nur besinnen
konnten, erblickten wir kurz hinter uns den beschumten Kamm einer Woge,
die sich bis zur Hhe unseres Mastes aufbumte, dann brausend ber uns
niederscho und uns zu unterst zu oberst in ihren Abgrund mit sich
fortri.

Nun trat die See fr ein paar Augenblicke zurck; ich bekam den Kopf in
die Hhe und die Fe sprten Grund. Ehe die nchste brandende Welle
wiederkehrte, hatte ich meine Sinne glcklich gesammelt; ich hielt
stand, und da sie mir diesmal nur bis unter die Arme reichte, so eilte
ich guter Dinge dem Strande zu, wo ich mich in weniger als einer Minute
in voller Sicherheit befand. Meine beiden Gefhrten hatten ebenso gutes
Glck. Wir fanden uns bald wieder zusammen, nur unsere Jlle war wieder
mit in die See gerissen worden, bis sie endlich mit dem Kiel nach oben
pltzlich an Land trieb. Aber alles, was darinnen gewesen war, ging uns
verloren, ohne da wir in der Dunkelheit etwas davon aufzufischen
vermochten. Wir muten uns also begngen, unser Fahrzeug am Strande so
hoch hinaufzuziehen, da es gesichert war, von den Wellen nicht mehr
erreicht zu werden.

Hierauf gingen wir landeinwrts, um zu Menschen zu kommen, sahen auch
aus der Ferne ein Licht schimmern, auf welches wir freudig zutrabten und
wo wir dann bei einem Bauern bernachteten und uns trockneten. Morgens
begaben wir uns samt unserem Wirte nochmals zum Strande zurck, um nach
unserer Jlle und dem verlorenen Gepcke zu sehen. Jene fanden wir noch
auf ihrer alten Stelle; aber auf dieses muten wir, zu unserm Verdrusse,
vllig verzichten. Zwar auch mit unserem Fahrzeuge gerieten wir in
Verlegenheit, da die See noch nicht wieder fahrbar geworden, bis unser
Bauer, dem ich mich durch einen meiner Matrosen verstndlich machen
konnte, uns aus der Verlegenheit half. Wir hatten bereits erfahren, da
wir uns hier anderthalb Meilen von Pollien (ebenfalls ein Salzhafen, wie
das noch zwei Meilen weiter entfernte Croisic) befnden, und dahin erbot
er sich, gegen gute Bezahlung, unser Puppenfahrzeug ber Land zu
transportieren, indem er es zwischen zwei seiner Esel hinge.

Wirklich hielten er und seine Esel redlich Wort! In dem lustigsten und
niegesehenen Aufzuge zogen wir zu Pollien ein, und die ganze Stadt lief
ber dem seltsamen Schauspiele zusammen. Meine erste Erkundigung war
sofort nach dem angesehensten Salzhndler des Ortes. Man nannte mir
einen Kaufmann, namens Charault, und whrend ich zu ihm hineinging, ward
die Jlle vor seiner Tre niedergelassen. Meine Aufnahme war freundlich;
auch brachte ich sogleich eine Unterhandlung wegen des gesuchten Salzes
in Gang, wobei es zu dem Ausschlage kam, da ich volle Ladung fr alle
vier Schiffe, das Muid zu vierundfnfzig Livres, akkordierte und zwar
dortigen Gemes, welches noch um fnf Prozent grer ist, als auf
Noirmoutiers. Ich durfte mir also schmeicheln, einen vorteilhaften
Handel abgeschlossen zu haben.

Nun ging meine nchste Sorge dahin, mein Boot wieder zuzutakeln und
meine Rckfahrt damit anzutreten. Wie? In _der_ Nuschale? fragte Herr
Charault, indem er es von allen Seiten verwundert ansah. Lassen Sie das
Dingelchen hier in Gottes Namen stehen, bis Sie mit Ihrem Schiffe
kommen, es abzuholen. Ich gebe Ihnen meine Barke, die Sie mir dann ja
wieder mitbringen knnen. -- Der Vorschlag war aller Ehren wert; allein
dann wre ich dem Manne fester verbunden gewesen, als ich wnschte,
falls meine Freunde anderwrts vielleicht noch besser gemarktet haben
sollten. Also schlug ich diese Gte dankbar aus und setzte mich, zwei
Tage spter, mit meinen Leuten guten Mutes wieder in die _Nuschale_, wie
er's genannt hatte. Dadurch gab ich nun zwar den Miggngern im Orte
ein neues Schauspiel, indem sie sich zu Hunderten auf den Sunddnen
sammelten, um uns abfahren zu sehen; allein das Wetter war schn, der
Wind gnstig, und Noirmoutiers nach einer ruhigen Fahrt von zwlf bis
vierzehn Stunden glcklich wieder erreicht.

Hier waren die beiden andern Abgeschickten schon vor mir angelangt und
alles hatte uns so gut wie verloren gegeben. Daher mischten sich in
ihren herzlichen Willkomm zugleich auch heftige Vorwrfe ber meine
Tollkhnheit, die sie sehr richtig dem wahren Grunde zuschrieben und
worauf ich freilich nur wenig zu erwidern hatte, da ich vollkommen
fhlte, wie sehr sie verdient waren. Bei alledem hatte ich doch, wie
sich's nunmehr ergab, das vorteilhafteste Geschft gemacht; nur waren
die beiden Knigsberger, da sie mich nicht mehr rechneten, kurz zuvor in
Noirmoutiers eine neue Verbindlichkeit eingegangen, wodurch sie dort
zurckgehalten wurden, wiewohl sie das Muid mit achtzig Livres zu
bezahlen gentigt waren. Und doch schlug diese Trennung wiederum zum
Glcke fr mich aus, denn als ich nun mit Kapitn Neste in Pollien
anlangte, konnte Herr Charault kaum uns beide befriedigen. Ich zwar, als
der erste, ward schnell genug befrachtet, dagegen aber mute jener noch
die nchste Springflut und das darauf folgende Salzerzeugnis abwarten,
um seine volle Ladung zu bekommen.

       *       *       *       *       *

Unterm 12. Juni schrieb ich nunmehr an meine Korrespondenten, die Herren
Kock und van Goens in Amsterdam, da ich heute mit der Ladung meines
Schiffes begnne und ihnen auftrge, die Assekuranz auf dasselbe zu
achttausend hollndischen Gulden, fr die Salzladung aber mit
zweitausend Gulden, von hier auf Knigsberg zu besorgen. Sechs Tage
spter wiederholte ich diese nmliche Order, mit dem Beifgen, da ich
bereits segelfertig lge und nur auf einen gnstigen Wind wartete. Zum
berflusse aber lie ich auch noch am 22. Juni ein drittes Avis abgehen,
worin ich mich auf meine frheren Schreiben bezog und die geschehene
Versicherung von Schiff und Ware als besorgt voraussetzte, oder auch
neuerdings dringend aufgab, indem ich in diesem Augenblicke bereits in
See sei und blo zu grerer Sicherheit noch an mein Verlangen erinnern
wolle.

Indes berfiel mich bereits am 24. Juni ein so harter Sturm, da ich nur
vor einem kleinen Sturmsegel unterm Winde liegen konnte. Eine besonders
schwere Sturzwelle zertrmmerte mein Steuerruder acht Fu ber dem
unteren Ende, so da von diesem Augenblicke an alles Steuern damit ein
Ende hatte und auch in offener See an kein Ausbessern zu denken war. Um
gleichwohl das Schiff nach Mglichkeit bei einem regelmigen Gange zu
erhalten, suchte ich es mit den Vorder- und Hintersegeln zu zwingen.
Indem aber der Wind geradezu aufs Land stand, ward meine Lage dadurch
noch wesentlich verschlimmert; denn nun war ich gentigt, Segel ber
Segel aufzusetzen, um nur das Schiff hart an den Wind zu halten und vom
Strande ferne zu bleiben. Demungeachtet liefen wir, des Schiffes nur
unvollkommen mchtig, bald in den Wind, bald wieder fielen wir vor den
Wind, und da wir eine solche Menge Segel machen muten, so bekamen auch
Stangen und Masten schier ber ihre Krfte zu tragen.

Wirklich geschah auch gar bald, was ich gefrchtet hatte, denn mit einer
schweren Buy (Stowind), die sich pltzlich erhob, brach der groe Mast,
acht oder zwlf Fu berm Deck, entzwei und strzte samt der ganzen
Takelage ber Bord, und nicht nur das allein, sondern dies ganze Gewirre
von Rundhlzern -- Mast, Stangen und Raaen -- stie nun auch
unaufhrlich und mit solcher Macht gegen die Seiten des Schiffes, da
wir uns auf dem Verdecke kaum stehend erhalten konnten und jeden
Augenblick erwarten muten, Planken und Ftterung zertrmmert zu sehen.
Nichts blieb brig, als schnell alles Tauwerk, das mit dem gestrzten
Maste noch zusammenhing, zu kappen, um loszukommen.

Eigentlich aber hob unsere wahre Not jetzt erst an, da unser
schwerbeladenes Schiff gleich einem Klotze auf dem Wasser trieb -- ein
Spiel der Wellen, die sich unaufhrlich drber hin brachen und uns
bersplten. Selbst die Kajte schwamm bestndig voll Wasser; unsere
Lebensmittel wurden na und unsere Ladung hatte kaum ein besseres
Schicksal zu erwarten, da wir das eindringende Wasser mit beiden Pumpen
kaum zu bewltigen vermochten. ber dies alles trieben wir
augenscheinlich immer nher dem Lande zu, indem wir nachts um elf Uhr
bereits in einer Tiefe von vierzig Faden Grund fanden. Ungesumt ward
jedoch der Anker ausgeworfen und ich lie das Ankertau hundert Faden
nachschieen. Nun lag das Schiff bequem gegen die hohe See, wie eine
Ente, die auf ihrem Teiche schwimmt, und der Sturm ward glcklich
ausgehalten.

Des andern Tages, sobald das Wetter sich abgestillt hatte, hoben wir
unser Bugspriet aus, befestigten es, sogut es gehen wollte, an dem
Stumpf des abgebrochenen Mastes, takelten diesen Notmast nach
Mglichkeit zu und zogen daran ein paar Segel auf, die wir noch in
Vorrat besaen. Der Wind hatte sich gedreht und blies aus Ostsdost,
lngs dem Lande hin, so da wir hoffen durften, uns von diesem zu
entfernen. Um aber auch das mangelnde Steuerruder durch irgend etwas zu
ersetzen, lie ich ein Ankertau, vom Hinterteil hinaus, etwa zwanzig
Klafter lang an einem groen Klotze treiben, und indem von vorne
gleichfalls an jeder Seite ein Tau mit diesem Klotze zusammenhing, lie
sich das Schiff daran zur Notdurft links oder rechts umholen, obwohl
freilich nicht daran zu denken war, mittels eines so unzulnglichen
Behelfs einen ordentlichen Kurs zu halten. Vielmehr trieben wir bei
anhaltendem Ostwinde, auf Gottes Gnade, immer weiter in die spanische
See und auf das atlantische Meer hinaus, und erkannten es fr unser
grtes Glck, da wir noch ein dichtes Schiff behalten hatten.

In der Tat kann man sich unsere Lage nicht milich genug denken. Leben
und Seele war gleichsam aus unserm Schiffe gewichen. Jeder Vernderung
des Windes preisgegeben, trieben wir hierhin und dorthin auf dem
unermelichen Ozean. An eine Berechnung von Kurs und Distanzen war gar
nicht mehr zu denken. Zwar gaben mir meine Beobachtungen an Sonne und
Sternen zuzeiten die Breitengrade an, unter welchen wir uns befanden;
allein ber unsere Lnge war auch nicht einmal eine ungefhre Schtzung
anzustellen, noch weniger richtige Rechnung zu fhren. Es war aber
sicher genug, da wir uns in weiter Entfernung von allen europischen
Ksten befinden muten, da die Winde meist stlich und sdlich waren.
Auch erblickten wir whrend dieses ratlosen Umhertreibens nur zweimal
ein fremdes Segel; zuerst ein englisches und demnchst ein schwedisches
Schiff, welche zwar beide uns beizukommen suchten, aber durch das
schlechte Wetter daran verhindert wurden. Sie gereichten uns also zu
keiner Hilfe, sondern muten sich begngen, uns durch das Sprachrohr zu
beklagen und besseres Glck zu wnschen. Doch gewhrte uns dieses
Zusammentreffen den Trost, da sie uns ihre beobachtete Lnge
mitteilten, so da wir uns doch einigermaen belehrten, auf welchem
Punkte des Erdballes wir uns befnden.

Schon hatten wir auf diese Weise sechs Wochen lang nutz- und hilflos auf
dem Weltmeere umhergekreuzt, als uns, unter der am 2. August
beobachteten nrdlichen Breite von achtundfnfzig Grad dreiunddreiig
Minuten (so hoch hinauf nach Norden waren wir verschlagen) ein
gewaltiger Sturm aus Sdwesten ereilte. Am 6. August sprang der Wind
nach Westen um und das Wetter ward so furchtbar, als ich es je erlebt
habe. Alle unsere andere Not und Gefahr aber ward noch durch die
Besorgnis vermehrt, da wir bei Nacht gegen die Lewisinseln und die dort
zahlreich umherliegenden Klippen geworfen werden knnten. Diese Furcht
schwand erst dann, als wir uns am 9. August mitten zwischen den
orkadischen Inseln und im Angesichte von Fairhill erblickten. Da auch
zugleich der Wind nach Nordwesten ging und krftig zu blasen fortfuhr,
so wuchs uns der Mut, da wir unser Schiff nach Ostsdost zu treiben
zwangen, um die norwegische Kste zu erreichen und dort Hilfe zu finden.

Am 13. trat uns diese gewnschte Kste auch wirklich zu Gesicht und am
folgenden Tage abends kamen wir ihr so nahe, da wir deutlich die
zahllosen, teils emporragenden, teils blinden Klippen vor uns erkannten,
an welchen die tobende See hoch in die Lfte zerschumte. Dieser Anblick
schlug unsere Freudigkeit um ein groes nieder, ja diese verwandelte
sich gar bald in eine peinliche Todesangst, da wir die Unmglichkeit
fhlten, unser unlenksames Schiff davon abzusteuern.

Doch nicht Untergang, sondern Rettung hatte der gtige Himmel diesmal
ber uns beschlossen! Mitten zwischen den grausigen steilen
Klippenwnden trieb unser Schiff, wie von unsichtbaren Hnden gelenkt,
hindurch in eine Bucht, wo ich Ankergrund und stilles Wasser fand. Es
war abends um neun Uhr, als ich hier den Anker fallen lie und nun erst
mit voller Besinnung an die schreckliche Vergangenheit zu denken
vermochte, der wir, in einem Fahrzeuge ohne Mast und Ruder, auf einem
unermelichen Irrwege, unter Hunger, Durst, allem nur erdenklichen
Drangsal und stetem Todeskampfe, nach sieben ewig langen Wochen endlich
glcklich entronnen waren.

Unser Nothafen hie Bommel-Sund, wie wir noch in der nmlichen Nacht von
einigen Leuten erfuhren, die vom Lande zu uns an Bord kamen und mir
behilflich waren, das Schiff noch tiefer in die Scheren hinein in
Sicherheit zu bringen. Am Morgen fuhr ich selbst ans Land, um mir Hilfe
zu suchen, denn es fehlte mir geradezu an allem, um weiter aus der
Stelle zu kommen. Allein Mast, Ruder und Takelwerk, wie ich's brauchte,
war in dieser ganzen Gegend nicht zu erlangen, und so mute es mir
gengen, da ich hier Fahrzeuge und Leute annahm, die mich zwischen den
Klippen entlang tglich eine kleine Strecke weiterbugsierten. So
gelangte ich kmmerlich am 19. August in den Hafen von Fahresund.

       *       *       *       *       *

Hier wandte ich mich unverzglich an das Handelshaus Lund und Kompagnie,
welches auch nicht ermangelte, mir schnellen und ttigen Beistand zu
leisten, damit ich mein Schiff wieder in gehrigen Stand setzte. Um
nichts zu versumen, lie ich vor allen Dingen mein Schiffsvolk eine
gerichtliche Erklrung ber unsere Unglcksflle ablegen, versah mich
mit allen brigen erforderlichen Zeugnissen und bersandte dies alles an
meine Korrespondenten nach Amsterdam, mit dem Auftrage, mir auf Grund
der von ihnen bewirkten Versicherung meines Schiffes einen Kreditbrief
zur Ausbesserung meines Schiffes zu bermachen.

Demnchst ging ich nun mit Eifer an dieses Werk selbst, wo es denn
allerdings mehr zu schaffen gab, als ich vermutet hatte. Beim Ausladen
des Schiffes fand sich's, da zehn bis zwlf Lasten Salz verschmolzen
waren. Ich lie nun den Boden kielholen, ein neues Steuerruder
einhngen, einen neuen Mast aufrichten, besorgte alle fehlenden
Rundhlzer, Segel und Takelwerk, ersetzte, was gebrochen, verfault oder
sonst verdorben war, und setzte mich so allmhlich wieder instand, die
offene See zu halten. Freilich war dies alles nicht mglich ohne den
bedeutenden Aufwand von 4400 Talern dnisch Kurant, und ich konnte mich,
um mich von meinem Schaden zu erholen, nur an die auf mein Schiff
gezeichnete Assekuranz halten.

So weit war ich, als ich von den Herren Kock und van Goens ein Schreiben
empfing, worin sie mir empfahlen, mich in meinen Ausgaben mglichst zu
menagieren, indem es ihnen nicht mglich gewesen wre, fr mein Schiff
und Ladung eine Versicherung zu bewirken. -- Als htte der Donner vor
meinen Fen eingeschlagen, so berraschte und erschtterte mich dieser
trockene Bericht! Zugleich aber gingen mir auch pltzlich die Augen auf
ber das Schelmenstck, das man mir gespielt hatte. Wie? Auf drei,
nacheinander folgende Avisos, in der sichersten Jahreszeit und auf einem
Platze, wie Amsterdam, sollte fr keine Prmie, hoch oder niedrig, eine
mige Assekuranz zu beschaffen gewesen sein? Oder wenn in Holland kein
Mensch sein Geld an eine so geringe Gefahr htte setzen wollen, stand
dann meinen Beauftragten nicht Hamburg, Kopenhagen oder London, oder
jeder andere Handelsort frei und offen? -- Allein es war klar (und in
diesem Urteile hatte ich alle Sachverstndigen auf meiner Seite), da
die feinen Herren es fr zutrglicher gehalten hatten, die Assekuranz
gar nicht auszubieten, sondern es immerhin im Vertrauen auf meine
Tchtigkeit und die anderweitigen gnstigen Umstnde zu wagen. Lief die
Fahrt glcklich ab, wie zu hoffen war, so wrden sie nicht vergessen
haben, mir die Assekuranz-Prmie gehrig anzurechnen; nun aber, da ich
Havarie hatte, entschuldigten sie sich als Schurken, wie es auch die
Folge sattsam erwiesen hatte.

Was war nun zu tun? -- Ich sa in der Klemme, und mute abermals auf
Schiff und Ladung Bodmerei zeichnen. Indes erhielt es mich noch
einigermaen bei gutem Mute, da ich der gewissen Hoffnung lebte, das
saubere Paar seiner Schelmerei zu berweisen und so wieder zu dem
Meinigen zu gelangen. Ich ging also wieder in See und langte bald darauf
glcklich in Knigsberg an. Kaum aber hatte ich meine Ladung Salz dort
gelscht, so trat auch der Bodmereigeber auf und forderte sein auf das
Schiff vorgestrecktes Geld zurck, welches sich, mit allen Nebenausgaben
auf die Summe von 7000 Talern belief. Da ich nun auch noch in einigen
andern Schulden steckte, so kam ich von Tag zu Tag immer mehr ins
Gedrnge, denn an ein Ende des Prozesses, den ich nun zunchst gegen
Kock und van Goens in Amsterdam angestrengt hatte, war noch nicht zu
denken.

Vielmehr ward hier nun ein Federfechten begonnen, das Jahr und Tag
dauerte und immer bunter und verwickelter wurde. Endlich ward mir der
Handel und die Rabulisterei fr meinen armen schlichten Menschenverstand
zu arg. Ich packte meine dicken Prozeakten zusammen und legte sie, in
tiefster Devotion, Sr. Majestt dem Knige vor, mit instndigster Bitte,
Sich Ihres allergetreuesten Untertanen anzunehmen und diesen Proze
gegen Kock und van Goens durch den Preuischen beglaubigten Minister im
Haag ausmachen zu lassen.

Whrend aber nun meine Sache diesen gemchlichen Gang ging, mute ich,
um meine Glubiger zu befriedigen, zuvrderst meine Ladung, dann aber
auch mein schnes liebes Schiff, samt allem, was ich um und an mir
hatte, soweit es langte, losschlagen. Das unschuldige Opfer eines
schndlichen Betruges, stand ich da, und konnte kaum das Hemd mein
nennen, das ich auf dem Leibe trug! Meine letzte Hoffnung beruhte auf
dem Ausgange des Prozesses; und auch hier schwand mir mein anfnglicher
Mut mehr und mehr, je tiefere Blicke ich in das Gewebe rechtlicher
Schikane tat, das hier von meinen Gegnern angezettelt wurde, um
womglich Wei in Schwarz zu verdrehen.

Dieser unselige Rechtshandel bedrohte aber nicht blo mein geringes
Vermgen, sondern griff zugleich tief in meinen ganzen Lebensgang ein
und legte meinem aufstrebenden Geiste Hemmketten an, die ihm je lnger
je unertrglicher fielen. Nach der Einbue meines eigenen Schiffes htte
ich wenigstens als Schiffer fr fremde Rechnung fahren und meinen
migen Erwerb suchen knnen: allein allaugenblicklich gab es, des
Prozesses wegen, in Knigsberg gerichtliche Termine, wo ich zur Stelle
sein und Rede und Antwort geben sollte. Gleichwohl wollten Frau und
Kinder (denn auch der Ehesegen hatte sich nach und nach bei mir
eingestellt) auf eine ehrliche Weise ernhrt sein. Was blieb mir demnach
brig, als da ich mich noch einmal unter das alte verhate Joch
bequemte, und, als Setzschiffer, auf einem Leichter-Fahrzeuge, zwischen
Knigsberg, Pillau und Elbing hin und her tagelhnerte, um nur mein
kmmerliches Brot zu verdienen.

Drei mhselige Jahre blieb mein Schicksal in dieser Schwebe; und Gott
wei, wie sauer, ja bitter sie mir geworden sind! Endlich ging vom
Preuischen Gesandten im Haag ein groes Schreiben an mich ein, mit der
Verkndigung, mein Proze sei in letzter Instanz glcklich gewonnen. --
Gottlob! htte ich gerne aus tiefer erleichterter Brust gerufen, wre
nur nicht unmittelbar die Hiobspost damit verbunden gewesen: Kock, der
eine meiner Widersacher, sei gestorben, nun sei der Bankerott des Hauses
ausgebrochen, von den brigen Glubigern auf alle Effekten Beschlag
gelegt worden und zur Befriedigung meiner Anforderung leider nichts
brig geblieben. -- So war ich denn ein ruinierter Mann; hatte mir die
schnsten Jahre meines Lebens gleichsam stehlen lassen, mir den Leib
unaufhrlich voll gergert, und mochte nun in Gottes Namen anfangen, zu
meinem knftigen Glcke, wo ich wte und knnte, wieder den allerersten
Grundstein zu legen!

       *       *       *       *       *

Da ereignete sich's im Jahre 1769, da der Geheime Finanzrat Delatre,
welchen Knig Friedrich II. an die Spitze der neuen Regie aus Frankreich
berufen hatte, und der damals alles bei ihm galt, nach Knigsberg kam.
Sein neuestes und weitaussehendes Projekt, womit er dem Monarchen groe
Summen fremden Geldes ins Land zu ziehen verhie, ging da hinaus, da
von dem berflusse an dem schnsten Schiffsbauholz in den kniglichen
Forsten in Stettin fr knigliche Rechnung eine Anzahl groer Fregatten
erbaut, armiert und ausgerstet, und dann zu gutem Preise an auswrtige
Mchte abgelassen werden sollten. Friedrich war auch auf diesen
Vorschlag eingegangen; und so lag denn bereits ein Schiff von vierzig
Kanonen bei Stettin auf dem Stapel.

Ich wei nicht, auf welche Weise ich dem Franzosen bekannt und als der
Mann empfohlen worden sein mochte, dem die Ausrstung, Einrichtung und
Fhrung dieses Schiffes vor andern anzuvertrauen wre. Kurz, er lie
mich zu sich rufen, erklrte mir seine Meinung, und bot mir endlich
diese Kapitnsstelle unter solchen Bedingungen an, da ich, bei
hinlnglicher berzeugung, dem von mir geforderten Dienste gewachsen zu
sein, auch kein Bedenken fand, mich fr dies Unternehmen zu
verpflichten. Der Kontrakt wurde von beiden Seiten in bester Form
abgeschlossen; und ich ging unverzglich nach Stettin ab, um meine
Funktion anzutreten.

Whrend nun hier der Knigliche Schiffsbaumeister, Herr Catin, die
Fregatte in ihrem Bau nach Krften frderte, war ich meinerseits nicht
minder geschftig, Masten, Segel, Tauwerk und jedes andere Zubehr in
fertigen Stand zu setzen. Sobald sie demnach im Mai 1770 glcklich vom
Stapel gelaufen war, tat ich mein bestes, da sie schon in den nchsten
vier Wochen, zu Anfang des Juni, fr vllig ausgerstet gelten konnte.
Dem damaligen Gouverneur, Herzog von Bevern zu Ehren, erhielt sie den
Namen Duc de Bevre und war wirklich ein schnes und tchtiges Gebude.

Erfreut ber den hurtigen Fortgang, hatte mir mein Gnner Delatre bei
Sr. Majestt das in seiner Art erste Patent als Kniglich Preuischer
Schiffskapitn samt der Berechtigung zur Tragung der kniglichen Uniform
und eines Sbels mit dem Portepee ausgewirkt, die mir vom Herzoge mit
eigenen Hnden berreicht wurden.

Doch war ich nicht der einzige, der sich in diesem neuen Zweige des
kniglichen Militrdienstes angestellt sah; sondern die preuische
Flagge sollte nun auch einen eigenen Admiral aufzuweisen haben. Dazu
schlug Herr Delatre seinen eigenen Bruder vor, -- einen jungen, im
Seewesen ganz unerfahrenen Menschen, der indes frher als Unterleutnant
auf einer franzsischen Fregatte gedient hatte, mit derselben im letzten
Kriege den Englndern in die Hnde gefallen und eben erst, durch des zu
Glck und Ehren gelangten Bruders Vermittlung, aus dem Schuldgefngnisse
hervorgekrochen war. Er kam nach Stettin, und ich war gerade nicht
sonderlich erbaut, meinen neuen Herrn Admiral kennen zu lernen, und
zugleich zu erfahren, da ihm das Kommando der nchsten zu erbauenden
Fregatte zugeteilt werden sollte. Bis dahin hatte er nun freilich wenig
oder gar nichts zu tun; und so verfhrte der Miggang den luftigen
Patron zu einer Menge alberner Streiche, die ihm wenig zur Ehre
gereichten. Unaufhrlich gab es Neckereien und blutige Hndel mit den
Offizieren von der Garnison, so da er am Ende sich kaum mehr durfte
blicken lassen, um nicht der schimpflichen Ahndung eines gerechten
Unwillens anheim zu fallen.

Gegen Ende des Juni ging ich mit meinem Schiffe die Oder hinab, und war
angewiesen, auf der Reede von Swinemnde eine Ladung Balken einzunehmen,
die ich nach Cadix bringen und dort, wo mglich, mitsamt dem Schiffe
losschlagen sollte. Es kostete jedoch nicht wenig Not und Mhe, bevor
ich das groe und tiefgehende Gebude ber die Bank am Ausflusse des
Stromes zu schaffen und mich auen auf der Reede vor Anker zu legen
vermochte. Ich hatte dabei einen sehr unttigen Zuschauer an meinem
Admiral, der mir die unverlangte Ehre erzeigte, mich bis hierher zu
begleiten.

Sobald ich meinen gelegenen Ankerplatz gefunden, befahl ich, die Stangen
und Raaen niederzulassen, wie es Seemannsbrauch ist, wenn ein noch
unbeladenes Schiff auf der Reede liegt, um das bermige Schwanken
desselben zu vermeiden. Dieser notwendigen Anordnung widersetzte sich
aber der Patron, zur Befriedigung seiner kindischen Eitelkeit, die das
Schiff noch lnger in Parade sehen wollte. Vergeblich bedeutete ich ihm,
da es hier mehr auf Sicherheit, als auf stattliches Ansehen ankomme,
und da ich wissen mte, was ich zu tun htte. Das Fntchen erboste
sich, trotzte und pochte, und wollte durchaus seinen Willen haben.
Freilich kam es da bei mir eben an den Unrechten. Ich wich ihm keinen
Daumen breit.

Nun war vollends Feuer bei ihm im Dache! Er parlierte mir, rot um den
Kamm wie ein Puter, allerlei dummen Schnack vor, und trat endlich
drohend auf mich ein, indem er die Hand an das Gef seines Degens
schlug. Oho Brschken, sagte ich, und besah ihn mir schmunzelnd von
unten bis oben -- das wollen wir dir wohl anstreichen! -- Ich ging in
die Kajte, schnallte mir meinen Sbel um, und kam wieder aufs Verdeck,
um ihm das Weie im Auge zu sehen. Weil sich seine Galle aber immer noch
nicht legen wollte, seine gelufige Zunge wie ein Rohrsperling
schimpfte, und bei jedem dritten Worte die Faust immer wieder nach dem
Degen fuhr, ri mir endlich auch die Geduld. Ich legte ebenfalls die
Hand, und eben nicht sanft, an meinen Sbel und forderte ihn auf, zur
Stelle mit mir ans Land zu kommen, damit ich she, was Vater und Mutter
aus ihm gefuttert htten, -- wie wir Pommern zu sagen pflegen.

Ich sprang voran in die Schaluppe und bot sechs Matrosen auf, die Riemen
zur Hand zu nehmen. Mein Urian kam auf mein wiederholtes Winken mir
nachgestiegen. Ich stellte mich ans Ruder und steuerte nach dem
Packwerk; war mit einem Satze am Lande und warf, meines Gegners
gewrtig, mir Hut und Rock vom Leibe, der denn auch bald hinter mir
dreinfackelte. Wir zogen beide blank und standen verbittert einander
gegenber. Monsieur machte mir mit seinem Degen allerlei Figuren und
Firlefanz vor der Nase, bis ich mit einem abgepaten Hiebe von unten
herauf ihm unterhalb des Gefes eins quer in den Arm zog; und mit der
nmlichen Wendung gab ich ihm einen Denkzettel hinters linke Ohr, so da
er, wenn er nicht an dem einen, doch an beiden genug haben konnte.

Nun, er _verlangte_ eben auch nicht mehr; warf flugs den Degen an die Erde
und schttelte die verwundete Hand mit einem etwas verstrten Gesichte.
Auch ich schleuderte meinen Sarras ber Seite, um aus seinem Rocke, der
im Sande lag, ein Schnupftuch hervorzusuchen, welches ich, nachdem ich
ihm das Blut vom Ohre gewischt, fein suberlich um die lahme Hand
wickelte. Dann machte ich dem Herrn ein Kompliment, sogut ich's ohne
Tanzmeister gelernt hatte, und lie ihn stehen, indem ich wieder in die
Schaluppe stieg und nach dem Schiffe zurckfuhr.

Zwei Tage nach diesem Abenteuer erhielt ich einen schriftlichen Befehl
des Herrn Geh. Finanzrat Delatre, angesichts dieses in Stettin zu
erscheinen. Ich erwiderte darauf: Das Schiff, welches ich kommandierte,
lge in See, und ich wre fr dessen Sicherheit verantwortlich. Ich
wrde mich einstellen, sobald man mir einen Stellvertreter schickte, der
der Mann dazu wre, es in versicherte Aufsicht zu nehmen. Dies Notabene
hatte denn auch die Wirkung, da bald nachher ein gewisser Schiffer
Stphase, einer unserer besten preuischen Seemnner, zu mir an Bord kam
und sich durch schriftliche Orders als meinen Nachfolger auswies.
Zugleich wurde aber auch der Befehl zu meiner unverzgerten Gestellung
in Stettin erneuert und geschrft; und ich tat, was man haben wollte.

Mein ungndiger Gnner, mit dem ich es hier zu tun hatte, lie mich gar
hart an, da ich so grblich gegen die Subordination im Dienste
gehandelt. Ich war aber auch kurz angebunden, schenkte ihm ber seinen
Herrn Bruder, den Admiral, klaren Wein ein, und bewies dessen Ungeschick
in einem gepfefferten Texte so krftig, da eben nicht sonderlich viel
darauf zu antworten blieb. Aber es war einmal sein _Bruder_, dem er nicht
ganz abstehen konnte, und so ergriff er um so lieber ein leicht von mir
hingeworfenes Wort, um mir, wenn ich nicht anders wollte, meine
Dienstentlassung anzukndigen. -- Herzlich gern! war meine Antwort.
-- Vorbehalt jedoch, da meine Ttigkeit zum kniglichen Dienste nicht in
Abrede gestellt werde.

Wer zweifelt daran, Herr? Wenn Sie sich nur fgen wollten ...

Gehorsamer Diener! erwiderte ich: Da mag es wohl liegen! Aber wenn
auch mein Kopf etwas hart ist, so erinnert er sich doch an eine Klausel
in meinem Kontrakte, da mir, falls ich einst meines Seedienstes
entbunden wrde und gegen meine Taugsamkeit nichts einzuwenden wre,
ebensowohl eine Gratifikation von zweihundert Talern als meine
rckstndige Monatsgage zugute kommen solle. -- Wohl denn, ich habe
bisher meine Schuldigkeit getan: jetzt erwarte ich ein Gleiches von der
Regierung. -- Die Zahlung geschah auf der Stelle; und so kriegte denn
mein Knigliches Seekommando ein baldiges und betrbtes Ende.

       *       *       *       *       *

Mein Vornehmen war jetzt, nach Knigsberg zu meiner Familie
zurckzugehen und eine Gelegenheit zu suchen, wo mir's mglich wrde,
die Arme ein wenig freier zu rhren. Auf dem Wege dahin sprach ich indes
bei meinen Eltern in Kolberg ein; und sei es nun, da es hauptschlich
ihr dringendes Zureden vermochte, oder da die alte Vorliebe fr meine
Vaterstadt wieder lebendig in mir erwachte, whrend ich gegen
Knigsberg, wo mir so vieles den Krebsgang genommen hatte, einen
heimlichen Widerwillen sprte: -- genug, ich glaubte wohl daran zu tun,
wenn ich meinen dortigen Wohnsitz aufgbe, um mich fortan hier unter
den Meinigen huslich niederzulassen. Anstatt also meine Reise
fortzusetzen, lie ich vielmehr Weib und Kind zu mir herberkommen und
begann mich hier huslich einzurichten.

Aber Kolberg war doch der Ort nicht, wo meinesgleichen auf die Lnge
seine Rechnung finden konnte. Der Seehandel hatte damals hier eben auch
nicht viel zu bedeuten, und die Kolberger Schiffer waren gar zahme
Leute, die sich eben nicht weit in die Welt hinaus vertaten. Es gab
daher auch wenig Anschein, da ich hier so bald ein braves Schiff unter
die Fe wrde bekommen knnen; und wurden mir gleich binnen Jahr und
Tag zu wiederholten Malen kleine Jachten zur Fhrung angeboten, um damit
die Ostseehfen zu besuchen, so war dies doch ein zu enger Spielraum fr
mich, als da ich mich darauf htte einlassen mgen. Lieber errichtete
ich eine kleine Navigationsschule, worin ich junge Seefahrer fr ihr
Fach tchtig auszubilden suchte; und noch jetzt, in meinem hohen Alter,
habe ich das Vergngen, einige brave Schiffer am Leben zu wissen, die
ich als meine Schler betrachten darf.

Man wird sich jedoch leicht denken, da all dies Tun und Treiben nur ein
Notwerk blieb, dessen ich gern entbunden gewesen wre, und da ich mich
in meiner Lage mit jedem Tage mimutiger und unzufriedener fhlte. Auf
die Lnge konnte das nicht so bleiben. Was aber dem Fasse vollends den
Boden ausschlug, war ein Schimpf, der mir von einem Manne widerfuhr, um
den ich wohl ein besseres verdient gehabt htte. Dieser Kaufmann K.
nmlich, fr den ich vormals, als eigener Schiffsreeder Gter und
Frachten mit Ehren ber See gefahren hatte, glaubte ein Werk der
Barmherzigkeit an mir zu tun, wenn er mir das Glck widerfahren liee,
unter seinem unwissenden Bauer-Schiffer als Steuermann zu dienen. Meine
ganze Seele fhlte sich ber diesen erniedrigenden Vorschlag entrstet.
Es war, als ob jeder Bube in Kolberg mit Fingern auf mich wiese; und so
lie mir's auch lnger keine Ruhe, als bis ich mich im Jahre 1771 als
Passagier nach Holland auf den Weg machte; in voller und gewisser
Zuversicht, da dies Land mir fr mein besseres Fortkommen in allen
Fllen die gewnschte Genge leisten werde.

Mein eigentlicher Plan bei diesem rasch gefaten und ausgefhrten
Entschlusse war auf die Kste von Guinea gerichtet, wo die Art des
Handelsverkehrs mir bei meiner ersten Ausflucht bereits bekannt geworden
war; und da ich mich der damals erlernten Landessprache noch immer
mchtig fhlte, im Navigationswesen es mit manchem aufnahm und mir auch
sonst zutrauen durfte, Herz und Verstand am rechten Flecke zu haben, so
war ich darauf aus, mich auf irgendeinem dorthin bestimmten Schiffe als
Ober-Steuermann anzubringen. In Amsterdam zwar gab es hierzu, fr diesen
Augenblick, keine Gelegenheit; als ich mich aber durch Freunde und
Bekannte in gleicher Angelegenheit an das Haus Rochus und Copstadt in
Rotterdam empfehlen lie, erhielt ich auch sofort einen Ruf dahin und
ward mit den Reedern einig, auf einem ganz neuen Schiffe, namens
Christina, unter Kapitn Jan Harmel, als Ober-Steuermann die Fahrt auf
die Kste von Guinea anzutreten.

       *       *       *       *       *

Im November des nmlichen Jahres gingen wir von Goree unter Segel.
Unsere Ladung bestand in solchen Artikeln, wie die Afrikaner sie gegen
Sklaven, Goldstaub und Elefantenzhne am liebsten einzutauschen pflegen.
Die Schiffsmannschaft betrug hundertsechs Kpfe, und das Schiff fhrte
vierundzwanzig Sechspfnder, weil Holland damals mit dem Kaiser von
Marokko in Mihelligkeiten geraten war; weswegen allen Schiffen, die des
Weges fuhren, aufgegeben worden, sich gegen jeden etwaigen Anfall der
Korsaren gehrig auszursten. Aus dem nmlichen Grunde versumten wir
auch nicht, sobald wir in den Ozean gekommen waren, unser Schiffsvolk
tglich in der Bedienung des Geschtzes und in anderen kriegerischen
Handgriffen zu ben, damit wir's mit den Marokkanern um so besser
aufzunehmen vermchten und, falls es zum Schlagen kme, jeder am Borde
wte, wohin er gehre und wie er es anzugreifen habe. Und da es
hiermit nicht etwa von unserem Kapitn nur fr die Langeweile gemeint
war, kann ich sofort durch ein Beispiel belegen.

Um mich aber hierber noch mit einigen Worten auszulassen, sei
zufrderst bemerkt, da ein Kapitn auf dieser Art von Schiffen sich
seinen Dienst insofern bequem genug macht, als er sich (dringende
Notflle ausgenommen) die Nacht hindurch an nichts kehrt, sondern abends
um acht Uhr ruhig zu Bette geht und vor sechs Uhr morgens nicht wieder
zum Vorschein kommt. Er verlt sich lediglich auf seine vier
Steuerleute, deren je zwei zusammen in ihren vierstndigen Wachen
abwechseln, und begngt sich, morgens beim Aufstehen den Rapport ber
alles, was nchtlich vorgefallen ist, anzunehmen und mittags um zwlf
Uhr bei der Beobachtung der Sonnenhhe zugegen zu sein, um den Stand des
Schiffs nach Lnge und Breite in das Schiffstagebuch einzutragen.

Solchergestalt kam ich (nachdem Kapitn Harmel mir schon frher
aufgegeben hatte, von unserem Konstabler ein Fa halbgefllter
Kartuschen anfertigen zu lassen) einst in dieser Zeit des Morgens zu ihm
in die Kajte, um meinen nchtlichen Rapport abzustatten, und
verwunderte mich nicht wenig, als ich ihn am Tische, den Kopf auf beiden
Hnden liegend, wie im tiefen Traume sitzen sah -- brigens nackt und
blo, bis auf ein paar leinene Hosen und das Hemd, das an beiden Armen
bis hoch an die Achseln hinauf aufgestreift und mit roten Tchern
festgebunden war. Das gelockte Haar hing ihm rings um den Kopf auf den
Tisch hinab, und vor ihm lag ein blanker Schiffshauer.

Wie wild und furchtbar er mir in diesem Aufzuge auch erschien, so fing
ich doch an zu lachen; und eben wollte ich fragen, was diese Maskerade
zu bedeuten habe, als er mich martialisch anblickte, den Sbel ergriff,
aufsprang, an mir vorbeieilte und, indem er aufs Verdeck strzte, aus
vollem Halse schrie: Ho, da der Feind! Ho, da der Feind! -- Feuer! Vom
Steuerbord Feuer! -- In der ersten berraschung meinte ich wirklich, er
sei toll geworden; sobald ich jedoch seine wahre Meinung ahnte, den Mut
und die Geistesgegenwart seiner Schiffsmannschaft auf die Probe zu
setzen, so schrie ich tapfer mit: Feuer! Steuerbord Feuer! und es gab
einen Lrm am Borde, der hinten und vorn und aus allen Winkeln grlich
zusammendrhnte.

Da nun auch schon seit einiger Zeit unsere Kanonen, mit Kugeln geladen,
bereitstanden, so whrte es auch keine drei Minuten, da die ganze volle
Lage gegen den eingebildeten Korsaren abgefeuert wurde. Sofort hie es:
Schiff gewendet! und als dies im Nu geschehen war: Feuer! Vom
Backbord Feuer! Am Steuerbord geladen! -- Wieder wenden! Vom Steuerbord
Feuer! Am Backbord geladen! -- und so lustig fort, bis der Konstabler
zu mir herantrat, um zu melden, da das Oxhoft voll Kartuschen glcklich
in die Luft geplatzt sei. Ich brachte die Meldung an den Kapitn, und
Gut! -- sagte dieser -- Nun la die Marokkaner nur kommen!

Aber -- unterbrach er sich pltzlich -- Entern -- _entern_ wollen die
Hunde! Die sollen sich bei uns die Nasen verbrennen! Hallo! Allmann auf
seinen Posten! -- Flugs traten, angewiesenermaen, vierzig Mann auf dem
halben Deck zusammen; jeder ergriff sein geladenes Gewehr aus der dort
in Bereitschaft stehenden Kiste. Hier war das Kommandieren an _mir_:
Feuer ber Steuerbord! whrend andere, die in Reserve standen, ihnen
die frisch geladenen Bchsen zureichten und die abgeschossenen
empfingen. So folgte Lage auf Lage; und die Kerle hielten sich so wacker
dazu, da wir unsere Lust und Freude daran hatten.

Dabei begab sich's nun, da ein Matrose seinem Nebenmann das Gewehr zu
nahe an sein langes struppiges Haar hielt, welches vom Zndpulver
ergriffen ward und augenblicklich in lichten Flammen stand. Zur Strafe
solcher Ungebhr ward der Schmied, der in solchen Fllen den Sergeanten
vorstellt, hervorgerufen, um den Unvorsichtigen als Arrestanten
abzufhren, whrend noch das Manver mit dem Handgewehr so lange
fortgesetzt wurde, bis der Tambour (der so lange aus Krften
fortgewirbelt hatte) Befehl erhielt, Appell zu schlagen und vom
geschlagenen Feinde nichts mehr zu sehen war.

Nun sollte der Arrestant ins Verhr: aber der hatte seine Zeit so gut
abgepat, da derweile, da seine Wchter dem Spektakel zugafften, er
sich glcklich ber Seite machte; doch nur so lange, bis er in seinem
Versteck erwischt worden und nun seinen nachlssigen Wchtern vorn in
der Back Gesellschaft leistete, bis ihm seine Strafe diktiert worden. Er
sollte auf dem halben Deck durch sechzig Mann vierundzwanzigmal Gassen
laufen, doch kam der arme Schelm mit sechsmal ab und mochte sich, so wie
seine mit derben Fuchteln bestraften Wchter, an der reichlichen Portion
Branntwein trsten, die ihnen gegeben wurde, sich ihren wunden Buckel zu
waschen.

Dies Prbchen von strenger Subordination mag zugleich beweisen, mit
welchem Ernst und Regelmigkeit der Dienst auf den hollndischen
Schiffen damals versehen wurde, daher ich auch stets auf denselben die
beste Ordnung gefunden habe. Nicht so bei den Englndern, wo man
dergleichen als Kleinigkeiten ansieht, die mit Futritten, Faustschlgen
und Rippensten abgemacht werden; und von solcher barbarischen Willkr
bin ich stets ein abgesagter Feind gewesen.

       *       *       *       *       *

Wenige Tage spter, etwa in der Mitte Oktobers, da wir uns unter dem
einundvierzigsten Grade nrdlicher Breite und ungefhr neunzig Meilen
von der portugiesischen Kste entfernt befanden, erblickten wir in den
Vormittagsstunden ein Schiff vor uns ber dem Winde, das uns, da wir den
Kopf immer voll von Seerubern hatten, verdchtig vorkam. So wie schon
frher, teils aus Vorsicht, teils um unsere Mannschaft zu ben,
geschehen war, so oft ein Segel in unserer Nhe auftauchte, so ward auch
jetzt im Augenblicke an unserem Borde alles zum Gefechte bereit gemacht.
Allein indem unsere Blicke aufmerksam auf jenes Schiff gerichtet
blieben, wurden wir mit Verwunderung gewahr, da es gar keinen geraden
Kurs hielt, sondern bald nrdlich, bald stlich am Winde lag. Alle Segel
waren fest gemacht, bis auf das Vorder-Marssegel, das frei im Winde
flog, whrend dieser aus Sdwesten her sich fast zum Sturm verstrkte,
so da wir selbst unsere Marssegel hart eingerefft fhren muten.

Indem es nun solchergestalt vor uns vorber taumelte, so da wir ihm
bald ber den Wind kamen, wuten wir immer weniger, was wir aus dieser
Erscheinung machen sollten, und da es wenigstens noch anderthalb Meilen
von uns entfernt lag, so konnten wir auch nicht entdecken, was es
eigentlich im Schilde fhrte. Nichtsdestoweniger schien es uns
wohlgetan, dies in der Nhe etwas genauer zu untersuchen, um unserer
Schanze desto besser wahrzunehmen. Indem wir also unsere Flagge hinten,
sowie vorne die Gisse und einen Wimpel an der Spitze des groen Mastes
aufsetzten, um unsere Bravour zu zeigen und uns den Anschein eines
Kriegsschiffes zu geben (wie denn auch unser Schiff aus der Ferne
wirklich ein ganz stattliches Ansehen hatte), so richteten wir unseren
Lauf gegen den wunderlichen Unbekannten; doch so, da wir ihm oberhalb
Windes blieben.

Als wir dem Fremden auf die Hlfte nher gekommen waren, taten wir einen
blinden Schu gegen ihn, als Aufforderung, unsere Flagge zu respektieren
und uns die seinige zu zeigen. Diese kam gleichwohl nicht zum Vorschein;
selbst dann nicht, da wir im Abstande von einer halben Meile jenes
Signal wiederholten. Ja, sogar der dritte Gru dieser Art, im steten
Nherrcken, verfehlte die gehoffte Wirkung: denn keine Flagge lie sich
blicken. Unter der Zeit war das fremde Schiff in den Bereich unseres
Geschtzes gekommen; und wir bedachten uns nun nicht lnger, ihm auf gut
Glck eine scharfe Kugel zuzuschicken. Diese schlug auch hart vor ihm
nieder: aber seine Flagge verzog noch immer, sich uns zu zeigen.

Er _soll_ und _mu_ es! rief unser Kapitn. -- Konstabler, schiet ihm
eine Koppelkugel in den Rumpf, und seht wohl zu, da Ihr trefft! --
Gesagt, getan! Wir waren ihm jetzt so nahe, da sich unmglich fehlen
lie; und die Kugel fuhr ihm in den Bug, da wir die Holzsplitter
umherfliegen sahen. Dennoch keine Flagge! -- So etwas ging ber all
unseren Begriff. Allein nun wurden wir immer hitziger und beschlossen,
ihm oberhalb Windes so dicht als immer mglich auf den Leib zu rcken.

Dies geschah auch, indem wir kaum im Abstande eines Flintenschusses an
ihm vorber liefen und zugleich ihn mit dem Sprachrohr anriefen. Auf
unser drei- bis viermaliges Holla! keine Antwort. Ebensowenig erblickten
wir eine Menschenseele am Borde. Nur ein groer schwarzer Hund richtete
sich ber die Borte empor, uns heiser anzubellen. Indes trieb uns der
starke Wind nach wenig Augenblicken vorber; doch vermochten wir im
Vorbeisegeln zu erkennen, da die Finkennetze und Schanzgitter lngs der
ganzen Seite mit Weikohlkpfen vollgepackt waren, und da auch einige
Stcke frisches Fleisch unter der groen Mars in der Luft aufbewahrt
hingen. Ja, einige von unseren Matrosen, die sich oben im Mastkorbe
befanden, wollten zu gleicher Zeit bemerkt haben, da auf dem Verdeck
des fremden Schiffes menschliche Leichname ausgestreckt umhergelegen.

Diese vermeintliche Entdeckung war gleichwohl zu unstatthaft, um bei uns
brigen Glauben zu finden. Was sollte diesen Unglcklichen den Tod
gebracht haben? Das Schiff schien unversehrt und gut; kein Feind hatte
mit Feuer und Schwert darauf gehaust. An ansteckende Seuchen, an
Verhungern und Verdrsten war ebensowenig zu denken: denn die frischen
Lebensmittel, die wir wahrgenommen, bewiesen, da das Schiff erst ganz
vor kurzem einen europischen Hafen verlassen haben msse. Genug indes,
da uns hier ein Rtsel aufgegeben war, dessen Lsung uns ebenso eifrig
wie fruchtlos beschftigte.

Inzwischen legten wir um und hielten diesmal unseren Strich noch nher
an das verdete Schiff, ohne es an unserem wiederholten und
durchdringenden Holla! Holla! fehlen zu lassen. Immer noch sahen wir
kein lebendiges Wesen und hrten keine Stimme, als das Bellen des
Hundes, der nach uns herberwinselte. Es schien nun wohl entschieden,
da das Schiff leer und verlassen von Menschen sein msse: aber eben
dies weckte in mir und anderen mehr die Lust, die Schaluppe auszusetzen
und zu einer genaueren Untersuchung dieses wunderbaren Vorfalles
hinberzufahren: denn so, wie sich die Sache anlie, kam es hier
vielleicht blo darauf an, ein herrenloses Eigentum als gute Prise in
Besitz zu nehmen.

Meine hierauf gerichteten Vorschlge fielen jedoch bei dem Kapitn in
taube Ohren. Er meinte, der Wind bliese zu frisch und die See ginge zu
hoch, als da er Boot und Menschen einem solchen Wagnis preisgeben
knnte; und auch im besten Falle werde es um den Rckweg, gegen den
Sturmwind an, noch milicher stehen. Erpicht, wie ich auf den Handel
war, stellte ich ihm vor, wie es fglich so einzurichten wre, da die
Schaluppe mit Wind und Wellen geradezu auf das fremde Schiff
lossteuerte, und das unserige, nach erfolgter Besichtigung, sich
jenseits unter den Wind legte, um uns mittels dieses Manvers gemchlich
wieder an Bord zu nehmen. Nettelbeck! rief er -- das wird der Teufel
nicht mit Euch wagen!

Das kme noch drauf an! meinte ich -- Lat einmal hren! -- Jungens,
rief ich, indem ich auf das halbe Deck vortrat, unseren Leuten zu --
wer von euch hat die Courage, mit mir in unserer Schaluppe nach jenem
Schiffe hinberzufahren? Wenn wir das vielleicht als gute Prise in
Besitz nehmen knnten!

Ich -- ich -- ich! schallte mir's von allen Seiten entgegen. -- Und
was sagt Ihr _nun_, Kapitn? wandte ich mich an unseren Befehlshaber.

Fahrt meinetwegen, wenn Ihr Lust habt, zu ersaufen! gab er mir
verdrielich zur Antwort; und ich hielt ihn sogleich, wenigstens wegen
des ersteren, beim Worte. Die Schaluppe ward mit dem grten Feuer
angegriffen, in die Takel gehngt und ber Bord gesetzt. Noch hatte sie
ihr nasses Element nicht erreicht, als ich mich bereits hineinstrzte.
Alles strzte mir nach und wollte mich begleiten, so da ich genug zu
steuern und abzuwehren hatte, um nicht mehr als die beschlossene Zahl
von zwlf Mann hinber zu lassen, die ich namentlich aufrief und als
tchtige zuverlssige Kerle kannte. Da auch, von dem neulichen
Scheingefecht her, die offene Gewehrkiste noch auf dem Verdeck vorhanden
war, so wurden uns Pistolen und Hauer in solchem berflusse zugelegt, ja
sogar in die Schaluppe geworfen, da ich genug mit Hnden und Fen
abzuwehren hatte.

So gingen wir nun mit unserem Fahrzeuge vor See und Wind gerade auf das
Schiff zu, welches auch kaum in der Weite eines Pistolenschusses vor uns
auf den Wellen trieb. Leichter und glcklicher, als ich selbst gehofft
hatte, legten wir uns ihm an Bord; und gehrig bewaffnet stieg ich
sofort mit elf Mann auf dasselbe hinber, whrend der zwlfte im Boote
zurckblieb und dieses mit einem Schlepptau hinten angehngt wurde. Auf
dem Verdeck fanden wir, wie zu vermuten war, niemand als jenen Hund, der
uns freundlich zuwedelte und die Hnde leckte, und einen Behlter mit
lebendigen Hhnern und Enten, die noch Gerste und frisches Wasser im
Troge hatten. berall lagen Kleidungsstcke zerstreut umher. Die
Schaluppe stand, wie sich's gehrt, im Boote; alles ordentlich
befestigt; kein Takel hing ber Bord, woraus man htte schlieen mgen,
da etwa ein Fahrzeug zur Flucht der Mannschaft ins Wasser gelassen
worden, weil das Schiff vielleicht leck geworden und man das Sinken
befrchtet htte.

Dies zu ergrnden, stellte ich sofort meine Leute an beide Pumpen; und
mittlerweile da sie diese in Bewegung setzten, ging ich auf dem Schiffe
von hinten nach vorn und nach allen Seiten, besah mir's oben und unten
und nahm endlich wahr, da die Tr zur Kajte niedergehauen war. Sogar
das Beil, womit dies geschehen sein mochte, lag noch daneben. Ich
erschrak nicht wenig ber diesen unvermuteten Anblick: denn nun scho
mir's aufs Herz, da hier gottlose Buben gehaust haben mten, die den
Kapitn oder sonstigen Befehlshaber ermordet haben mten und sich in
diesem Augenblicke vielleicht absichtlich im unteren Raume versteckt
hielten. Voll von dieser Vorstellung, hielt ich es auch nicht fr
ratsam, mich dahinunter zu wagen.

Unterdes hatten meine Begleiter wacker an den Pumpen gearbeitet und
erklrten nach etwa zwlf bis fnfzehn Minuten: das Schiff sei rein und
die Pumpen zgen kein Wasser mehr. So kommt denn alle! rief ich --
nehmt eure Wehren zur Hand, spannt den Hahn und folgt mir dicht
zusammengeschlossen nach. -- In solcher Ordnung nun stiegen wir
zuvrderst in die Kajte hinab, wo der zertrmmerte Eingang uns nichts
als einen vollen Greuel der Verwstung erwarten lie. Dem war jedoch
keineswegs also, sondern berall das Gerte in bester Ordnung, als ob
gar nichts vorgefallen. Ich hob den Deckel von einer Seitenbank empor
und fand den Sitz angefllt mit Weinflaschen, die sorgsam in Stroh
gepackt waren. Zu nherer Untersuchung zog ich eine daraus hervor, hielt
sie gegen das Licht und fand sie mit rotem Clairet gefllt. Eine
Schieblade im Tische, die ich hervorzog, enthielt allerlei Tafelgert,
Messer, Gabeln usw. Ich nahm ein Messer, schlug jener Bouteille den Hals
ab, und wir machten ein Schlckchen nach dem andern, bis uns der Boden
entgegenleuchtete. Nun machten meine Gefhrten nicht bel Miene, auch
dem Reste auf gleiche Weise zuzusprechen: allein, bange vor den
mglichen Folgen, rief ich mein Halt! Keinen Tropfen mehr! dazwischen
und schritt sofort zu einer weiteren Untersuchung.

In einer anderen Schieblade, die ich ffnete, fiel mir ein starkes Pack
Briefe in die Hnde, deren Aufschriften smtlich nach Port au Prince,
Martinique, Guadeloupe und andern franzsischen Inseln lauteten. Ich
griff einige auf gut Glck daraus hervor und steckte sie zu mir, um sie
demnchst bei besserer Mue genauer zu untersuchen. Fr den Augenblick
aber ward meine volle Aufmerksamkeit von einer Luke angezogen, die sich
in der Mitte des Fubodens der Kajte vorfand und angelweit offen stand.
Hier wird es doch der Mhe wert sein, hinunterzusteigen, sagte ich zu
meinen Leuten; -- wre es auch nur, um zu erfahren, womit das Schiff
geladen sein mag. -- Zu gleicher Zeit lie ich mich an den Hnden
hinab, ohne jedoch mit den Fen Grund zu erreichen. Nun, es wird ja so
tief nicht mehr sein! dachte ich bei mir selbst, lie oben fahren und
purzelte auf einen Haufen, den ich alsbald fr Steinkohlen erkannte.

Indem ich ber dies unbequeme Lager hinberkroch, geriet ich, bald hier
bald dort im Dunkeln umhertappend, an Fsser, Ballen und Packen in
Bastmatten gehllt, die mich auf eine vermischte Ladung schlieen
lieen. Unwillkrlich aber stieg mir bei dieser irren Beschftigung auch
die Befrchtung zu Kopf, da in diesem Chaos auch wohl Menschen stecken
und mir auf den Dienst lauern knnten. Schon war mir's, als ob sie mir
berall auf dem Nacken sen, als wrde bei jedem nchsten Tritte eine
grimmige Faust mich anpacken. Vergeblich strubte sich mein Mut und
suchte diesen feigherzigen Gedanken abzuschtteln. Mich ergriff ein
Zittern, das mich mit einer Gnsehaut berlief und wohl oder bel wieder
nach dem Tageslichte hin zurckdrngte. Erst dann ward mir wieder wohl,
als ich oben an der Luke ein paar von meinen Gefhrten erblickte, die
auf den Knien lagen und in den Raum hinabsahen. An ihren dargereichten
Hnden ward ich wieder emporgezogen.

Inzwischen war auch mein Kapitn bei seinem Manvrieren dem Schiffe
wieder nahe genug gekommen, um mir durchs Sprachrohr zuzurufen, wie es
an meinem Borde stnde. Ich antwortete, das Schiff sei fest und dicht
und alles darauf in guter Ordnung, aber nicht Mann noch Maus darauf zu
spren. Er befahl mir darauf, ihm die Schaluppe mit acht Mann hinber
zu schicken, weil er selbst willens wre, den Fund in Augenschein zu
nehmen. Das erstere geschah; als er jedoch auf dem Herwege noch etwa
achtzig Klafter von meinem Borde entfernt war, erhob sich pltzlich ein
so heftiger Wirbelwind, da man sich auf unserem eigenen Schiffe
gentigt sah, die Segel eiligst einzuziehen. Dieser Zufall benahm meinem
Kapitn den Mut. Kommt! kommt! Zu mir herber! rief er mir aus dem
Fahrzeuge zu; und indem er an meine Seite legte, hrte er nicht auf mit:
Her zu mir, in die Schaluppe! Fort! fort! -- bis ich ihm den Willen
tat, mit dem Rest meiner Leute zu ihm einstieg, und solchergestalt mit
ihm nach unserem Schiffe zurckruderte. Als wir dort ankamen, ward die
Schaluppe unter die Takel gebracht, emporgehoben und wieder an ihrem
Platze befestigt.

Sobald wir nun wieder in Ordnung und zur Besinnung gekommen waren, galt
es die Frage: Was mit dem herrenlosen Schiffe zu tun oder zu lassen sei.
-- Ich und mehrere mit mir stellten dem Kapitn auf das triftigste vor,
da es doch Snde und Schande sein wrde, wenn wir diesen Fund so um
nichts und wieder nichts aufgeben wollten. Allein wie dringend wir ihm
auch anlagen, so schien doch sein Widerwille gegen jedes weitere
Vornehmen zu diesem Zwecke so gut als unbezwinglich, und, wohlerwogen,
war es ihm eigentlich auch nicht zu verdenken, wenn er ble Lust
bezeigte, sich mit einem Handel dieser Art zu schaffen zu machen. Die
Sache hing aber so zusammen:

Auf seiner vorigen Fahrt nach der Kste von Guinea hatte Kapitn Harmel
von einem englischen Sklavenschiffe Besitz genommen, das infolge einer
unter den Schwarzen ausgebrochenen Meuterei von diesen berwltigt
worden war. Sie hatten, beinahe hundert Kpfe stark, die ganze
Schiffsmannschaft bis auf einen Steuermann und zwei Matrosen ermordet,
welche unter dem Beding verschont worden waren, da sie die Neger in
deren Heimat zurckfhren sollten. Auf diesem Zuge nun fielen sie meinem
Kapitn in die Hnde, und es munkelte nicht nur, da er mit ihnen, wie
mit der Schiffsladung, nicht zum besten gewirtschaftet, sondern da
auch das Schiff selbst von seinen daraufgesetzten Leuten verwahrlost und
bei St. Georg de la Mina gestrandet sei. Hierber hatten die Reeder
desselben in England gegen Harmel ein gerichtliches Verfahren
eingeleitet und wollten ihn fr nichts besseres als einen Seeruber
erklrt wissen. Dieser Proze schwebte noch vor den hollndischen
Gerichten, und je zweifelhafter es war, wie das Endurteil ausfallen
knnte, um so weniger mochte er allerdings Neigung in sich spren, etwas
Frisches auf sein Kerbholz zu bringen.

Wir jedoch, die wir die Sache mit ganz anderen Augen ansahen, drangen so
ungestm und unablssig in ihn, das Schiff zu besetzen, da er endlich
einwilligte, die groe Schiffsglocke luten zu lassen und einen
allgemeinen Schiffsrat zu halten. Es ward beschlossen, da zwlf von den
Unseren das Schiff zur Notdurft bemannen und ich die Ehre haben sollte,
es nach einem hollndischen Hafen in Sicherheit zu bringen.

Gut gemeint, aber schlecht beraten, war meine Einrede, und so mu ich
mich der zugedachten Ehre hflichst bedanken. Wer mchte wohl eine
solche Kommission so losen Fues auf sich nehmen? Denn wie? wenn nun auf
dem Wege nach Europa irgendein englisches, franzsisches oder
anderweitiges Kriegsschiff auf mich stiee und nach meinen
Schiffspapieren fragte? Mchte ich zehnmal versichern und schwren, da
es mit dem Funde ehrlich und christlich zugegangen, wer wrde mir's
glauben und mich nicht vielmehr fr einen argen Freibeuter erklren und
mir und all meinen Gefhrten die hanfene Schleife zuerkennen? -- Und
steckt nicht noch dort die Kugel im Schiffsrumpfe in dem gesplitterten
Barkholze, die wir vorhin abgeschossen haben und die Zeugnis von
gebrauchter Gewalt gegen uns ablegen wrde? Im besten Falle wrden wir
in ein finsteres Loch gesteckt und knnten schwitzen, bis wir schwarz
wrden, bevor die Mannschaft der Christina, die unterdes in den
afrikanischen Gewssern umherschweifte, vernommen werden knnte und uns
wieder aus der Patsche hlfe.

Meinem Bedenken war nicht fglich zu widersprechen, doch fand und
ergriff man endlich den Ausweg, da, zu meiner besseren Beglaubigung,
ein schriftliches Zeugnis ber den ganzen Hergang, mit all seinen
besonderen Umstnden, ausgefertigt und von der gesamten Harmelschen
Schiffsmannschaft eigenhndig unterzeichnet werden sollte. Da es nun in
Holland herkmmliche Einrichtung ist, da vor dem Auslaufen eines jeden
Schiffes die gesamte Besatzung ihre Namenszge bei der Admiralitt in
die Schiffsregister eintragen mu, um vorkommenden Falles dadurch
bewahrheitet zu werden, so konnte die Echtheit dieser Urkunde in
Rotterdam unfehlbar ausgemittelt werden und diesem Beweise unserer
Ehrlichkeit nichts zur Gltigkeit abgehen. Auch ich erklrte mich nun
mit einem solchen Passe zufrieden.

Inzwischen nahte der Abend bereits heran, und bei dem strmischen Wetter
schien es am ratsamsten, jene Ausfertigung bis zum nchsten Morgen zu
verschieben; damit jedoch dem fremden Schiffe bis dahin, falls es lnger
sich selbst berlassen bliebe, kein Zufall zustiee, sollte der
Untersteuermann Peters dasselbe mit zehn Matrosen vorlufig sogleich in
Obhut nehmen. Seine Instruktion lautete dahin, sich mit dem Schiffe so
nahe als mglich an dem unserigen zu halten, und es wurden die Signale
verabredet, woran beide sich whrend der Nacht erkennen wollten. Zwar
kannten wir ihn als einen nicht sonderlich gewiegten Seemann, doch
schien der Dienst, wozu er beordert worden, um so weniger bedenklich, da
ich ihn binnen zwlf oder fnfzehn Stunden abzulsen gedachte, um sodann
das Schiff nach Holland heimzufhren.

So fuhr denn Peters mit seiner Mannschaft in unserer Schaluppe hinber;
die Segel wurden dort den unserigen gleichgestellt, und das Schiff
gewann wieder einen festen und regelmigen Gang, bei welchem es, etwa
in der Entfernung eines Kanonenschusses, uns zur Seite blieb. Mit
Einbruch der Nacht steckten wir unsere Laterne aus, und dort geschah ein
Gleiches. Ich versah die erste Wache von acht bis zwlf Uhr und nahm mit
meinen Leuten wahr, da sich das jenseitige Licht je mehr und mehr
entfernte und endlich zwischen zehn und elf Uhr gar erlosch.
Augenblicklich ward dies dem Kapitn gemeldet und hierauf beschlossen,
einen Stckschu abzufeuern, um unserem Gefhrten unsere Richtung
anzugeben.

Der Erfolg war keineswegs befriedigend. Wir wiederholten nun diese
Signalschsse von Zeit zu Zeit die ganze Nacht hindurch, ja steckten
endlich selbst scharfe Patronen auf, um den Knall zu verstrken und in
desto weitere Ferne gehrt zu werden. Unter steigender Unruhe graute
endlich der Morgen heran, alles eilte an den Masten hinauf, um sich
rings umher umzusehen. Umsonst! Freund Peters samt unserer Prise war und
blieb verschwunden!

Unsere Bestrzung war nicht gering. Wie war dies zugegangen? Was _war_
geschehen? Was _konnte_ geschehen sein? Ein unermeliches Feld erffnete
sich unseren Mutmaungen und Zweifeln. Manche waren der Meinung, unsere
Leute wren samt dem Schiffe gesunken; so wie es auch zuvor schon von
seiner eigentlichen Besatzung um irgend eines nicht mehr zu stopfenden
Lecks willen verlassen worden sein mchte. Dem mute ich aber mit Fug
entgegnen, da ich samt allen, die mit mir an Bord gewesen, das Schiff
dicht und gut befunden, da wir das wenige Wasser, das sich am Kiele
gesammelt, mit leichter Mhe ausgepumpt, und da ich ja auch selbst in
den Raum hinabgestiegen gewesen, ohne etwas von eingedrungenem Wasser zu
spren. Billig also ward diese Voraussetzung verworfen.

Mglicher aber schien es uns und stieg bald zur ngstlichen Besorgnis,
da allerdings doch Leute im Schiffe versteckt gewesen, die bei Nacht
unversehens hervorgebrochen, die unsrigen berwltigt und ermordet und
sich, unter Begnstigung der Finsternis, davongemacht htten.
Gewaltttigkeit und Meuterei schien, wie die zersplitterte Kajtentre
bewies, allerdings vor der Begegnung mit uns auf dem Schiffe
stattgefunden zu haben. Wuten sich nun die Emprer schuldig, so war es
wohl natrlich, da sie, als sie uns unter Flagge und Wimpel auf sich
zukommen und sie mit Kanonenschssen begren sahen, in der
Unmglichkeit, uns zu entkommen, sich lieber in die geheimsten Winkel
verkrochen hatten und es auf den Zufall ankommen lassen, ob wir sie
entdecken oder ob sie vielleicht den Mantel der Nacht gewinnen wrden,
um mit dem Schiffe wieder durchzugehen. Wir hatten also wohl nur zu viel
Ursache, das Schicksal unserer armen zwlf Gefhrten zu bedauern.

Allein selbst wenn wir ihnen auch das bessere Los wnschen wollten, da
sie -- sei es durch Zufall, Ungeschicklichkeit, oder gar durch
vorstzlichen bsen Willen, -- in der Nacht von uns abgekommen, so waren
sie darum noch wenig besser beraten; und nicht nur sahen sie sich all
den Gefahren ausgesetzt, die ich gescheut und zu vermeiden gesucht
hatte, sondern es stand auch berhaupt gar sehr dahin, ob sie jemals
Holland oder irgendeine andre Kste wohlbehalten erreichen mchten. Der
Steuermann war, wie schon gesagt, ein Dummbart, welcher der Fhrung
eines Schiffes auf einen so weiten Weg keineswegs gewachsen war. Doch
htte es auch besser um sein Wissen gestanden, so fehlte es ihm auch zu
einem solchen, nimmer von ihm zu erwartenden Wagestck ganz an einem
festen Punkte, welchen er bei seiner Schiffsrechnung htte zum Grunde
legen knnen, denn in der Eile, womit seine Absendung betrieben wurde,
war entweder nicht daran gedacht, oder berhaupt fr die kurze Zeit
seines Dienstes nicht fr ntig gehalten worden, ihm unsere zuletzt
beobachtete Lnge und Breite mitzugeben. Ebensowenig fand er dort
Instrumente nach hollndischer Art (wie er sie allein gewohnt war), um
die Sonnenhhe zu nehmen; und fielen ihm auch die dort gefhrten
Schiffsjournale und Seekarten in die Hnde, so blieben sie ihm doch
ebenso unntz zum Gebrauche, da sie in franzsischer Sprache verzeichnet
waren. Immer also gaben wir, nicht ohne Kummer, ihn und die Seinen
verloren.

Erst einige Tage nachher klrte sich wenigstens einiges, was uns an
diesem Schiffe rtselhaft war, um etwas auf, aber den vlligen
Zusammenhang der Dinge, sowie das weitere Schicksal desselben, sollte
uns erst in spterer Zeit und auf verschiedenen Wegen zur Kenntnis
kommen. Jene ersten Entdeckungen ergaben sich uns, als ich zufllig den
Schanzloper wieder auf den Leib zog, welchen ich zu jenem Male, da ich
auf dem fremden Schiffe gewesen, getragen. Indem ich nmlich zufllig in
die Tasche griff, kamen mir die Briefe wieder in die Hnde, welche ich
damals zu mir gesteckt hatte, ohne mich ihrer bis jetzt wieder zu
erinnern. Ich eilte mit meinem Funde zu dem Kapitn in die Kajte, und
es gab kein Bedenken, die Briefe zu ffnen, damit wir einst im
entstehenden Falle um so leichter von unserm bestandenen Abenteuer Rede
und Antwort zu geben vermchten.

Zwar waren diese Papiere, wie wir nunmehr ersahen, franzsisch abgefat
und also uns beiden unverstndlich; allein wir hatten einen
franzsischen Matrosen namens Josephe an Bord, welcher sofort gerufen
wurde, um uns als Dolmetscher zu dienen. So besttigte sich denn unsere
frhere Vermutung, da das verlassene Schiff ein franzsisches gewesen.
Es war von Havre de Grace ausgegangen, und zwar nur vier Tage frher,
als wir von Goree in See gelaufen. Martinique hatte sein Bestimmungsort
sein sollen. Name des Schiffes sowie des Kapitns sind mir wieder
entfallen, auf die Sache selbst aber werde ich noch weiterhin wieder
zurckkommen.

Inzwischen befrderten wir unsere Reise nach Mglichkeit, kamen ins
Gesicht von Madeira und Teneriffa, passierten die Kapverdischen Inseln
und erblickten am 24. Dezember die Kste von Guinea unter vier Grad zehn
Minuten nrdlicher Breite, liefen anfangs nach der Sierra Leona hinauf
und warfen endlich am 4. Januar 1772 vor Kap Mesurado den Anker.




Zweiter Teil


Bevor ich in meinem Lebensberichte fortfahre und mich zu den kleinen
Abenteuern hinwende, die mir an der afrikanischen Kste begegnet sind,
wolle mir der geneigte Leser ber die nunmehr ergriffene Lebensart
einige Entschuldigung zugute kommen lassen. Wie? wird er vielleicht
bei sich selbst gesagt haben, Nettelbeck ein Sklavenhndler? Wie kommt
ein so verrufenes Handwerk mit seinem ehrlichen pommerschen Herzen
zusammen? -- Allein das ist es ja eben, da dies Handwerk zu damaliger
Zeit bei weitem nicht in einem solchen Verrufe stand, als seitdem man,
besonders in England, wider den Sklavenhandel (und auch wohl nicht mit
Unrecht) als einen Schandfleck der Menschheit geschrieben und im
Parlamente gesprochen hat, und wenn er durch dies nachdrckliche
Geschrei entweder ganz abgekommen ist oder doch mit heilsamer
Einschrnkung betrieben wird, so ist gewi auch der alte Nettelbeck
nicht der letzte, der seine herzliche Freude darber hat. Aber vor
fnfzig Jahren galt dieser bse Menschenhandel als ein Gewerbe, wie
andere, ohne da man viel ber seine Recht- oder Unrechtmigkeit
grbelte. Wer sich dazu brauchen lie, hatte Aussicht auf einen harten
und beschwerlichen Dienst, aber auch auf leidlichen Gewinn. Barbarische
Grausamkeit gegen die eingekaufte Menschenladung war nicht
notwendigerweise damit verbunden und fand auch wohl nur in einzelnen
Fllen statt; auch habe ich meinesteils nie dazu geraten oder geholfen.
Freilich stie ich oft genug auf Roheit und Hrte; aber _die_ waren mir
leider berall, wohin der Beruf des Seemanns mich fhrte, ein nur zu
gewohnter Anblick und konnten mir daher eine Lebensweise nicht
verleiden, mit der ich schon bei meinem ersten Ausfluge in die Welt
vertraut geworden war, und zu der ich also jetzt um so unbedenklicher
zurckkehrte.

Zu besserem Verstndnisse des Folgenden wird es erforderlich sein,
einige Worte ber die Art und Weise, wie dieser Negerhandel damals von
den Hollndern betrieben wurde, beizubringen.

       *       *       *       *       *

Da hier Menschen nun einmal als Ware angesehen wurden, um gegen die
Erzeugnisse des europischen Kunstfleies ausgetauscht zu werden, so kam
es hauptschlich darauf an, solche Artikel zu whlen, welche Bedrfnis
oder Luxus den Schwarzen am unentbehrlichsten gemacht hatte.
Schiegewehre aller Art und Schiepulver in kleinen Fssern von acht bis
zweiunddreiig Pfund nahmen hierunter die erste Stelle ein. Fast ebenso
begehrt war Tabak, sowohl geschnitten als in Blttern, samt irdenen
Pfeifen, und Branntwein. Kattune von allen Sorten und Farben lagen in
Stcken von einundzwanzig bis vierundzwanzig Ellen, sowie auch
dergleichen oder leinene und seidene Tcher, deren sechs bis zwlf
zusammengewirkt waren. Ebensowenig durfte ein guter Vorrat von leinenen
Lappen, drei Ellen lang und halb so breit, fehlen, die dort als
Leibschurz getragen werden. Den Rest der Ladung fllten allerlei kurze
Waren, als kleine Spiegel, Messer aller Art, bunte Korallen, Nhnadeln
und Zwirn, Fayence, Feuersteine, Fischangeln und dergleichen.

Einmal gewhnt, diese verschiedenen Artikel von den Europern zu
erhalten, knnen und wollen die Afrikaner sowohl an der Kste als tiefer
im Lande sie nicht missen und sind darum unablssig darauf bedacht, sich
_die_ Ware zu verschaffen, wogegen sie sie eintauschen knnen. Also ist
auch das ganze Land immerfort in kleine Parteien geteilt, die sich
feindlich in den Haaren liegen und alle Gefangenen, welche sie machen,
entweder an die schwarzen Sklavenhndler verkaufen oder sie unmittelbar
zu den europischen Sklavenschiffen abfhren. Allein oft, wenn es ihnen
an solcher Kriegsbeute fehlt und sie neue Warenvorrte bedrfen, greifen
ihre Huptlinge, die eine despotische Gewalt ber ihre Untertanen
ausben, diejenigen auf, welche sie fr die entbehrlichsten halten, oder
es geschieht wohl auch, da der Vater sein Kind, der Mann das Weib und
der Bruder den Bruder auf den Sklavenmarkt zum Verkaufe schleppt. Man
begreift leicht, da es bei solchen Raubzgen an Grausamkeiten jeder Art
nicht fehlen kann und da sich alle diese Lnder dabei in dem elendesten
Zustande befinden. Aber ebensowenig kann auch abgeleugnet werden, da
die erste Veranlassung zu all diesem Elende von den Europern herrhrt,
welche durch ihre eifrige Nachfrage den Menschenraub bisher begnstigt
und unterhalten haben.

Ihre zu diesem Handel ausgersteten Schiffe pflegten lngs der ganzen
Kste von Guinea zu kreuzen und hielten sich unter wenigen Segeln stets
etwa eine halbe Meile oder etwas mehr vom Ufer. Wurden sie dann am Lande
von Negern erblickt, welche Sklaven oder Elefantenzhne zu verhandeln
hatten, so machten diese am Lande ein Feuer an, um dem Schiffe durch den
aufsteigenden Rauch ein Zeichen zu geben, da es vor Anker ginge; warfen
sich aber auch zu gleicher Zeit in ihre Kanots und kamen an Bord, um die
zur Schau ausgelegten Warenartikel zu mustern. Vor ihrer Entfernung
versprachen sie dann, mit einem reichen Vorrat von Sklaven und Zhnen
sich wieder einzufinden, oft jedoch ohne darin Wort halten zu knnen
oder zu wollen.

Gewhnlich aber erschienen sie zu wirklichem Abschlu des Handels mit
ihrer Ware am nchsten Morgen, als der bequemsten Tageszeit fr diesen
Verkehr. Denn da dort jede Nacht ein Landwind weht, so hat dies auch bis
zum nchsten Mittag eine ruhige und stille See zur Folge. Dann steigt
wieder ein Seewind auf, die Brandung wlzt sich ungestmer gegen den
Strand, und die kleinen Kanots der Schwarzen knnen sich nicht hinaus
wagen. Das Fahrzeug, welches die verkuflichen Sklaven enthielt, war in
der Regel noch von einem halben Dutzend anderer, jedes mit mehreren
Menschen angefllt, begleitet, welche alle einen Anteil an der
unglcklichen Ware hatten. Allein nur acht oder hchstens zehn aus der
Menge wurden mit an Bord gelassen, whrend die brigen in ihren Kanots
das Schiff umschwrmten und ein tolles Geschrei verfhrten.

Nun wurden auch die Gefangenen an Bord emporgehoben, um in nheren
Augenschein genommen zu werden; die mnnlichen mit auf dem Rcken
dergestalt hart zusammengeschnrten Ellbogen, da oft Blut und Eiter an
den Armen und Lenden hinunterlief. Erst auf dem Schiffe wurden sie
losgebunden, damit der Schiffsarzt sie genau untersuchen konnte, ob sie
unverkrppelt und brigens von fester Konstitution und bei voller
Gesundheit wren; und hierauf erffnete sich dann die eigentliche
Unterhandlung, jedoch nicht, ohne da zuvor sowohl den Verkufern auf
dem Verdeck, als ihren Kameraden in den Kanots, Tabak und Pfeifen
vollauf gereicht worden wre, damit sie lustig und guter Dinge wrden --
freilich aber auch sich um so leichter betrgen lieen.

Die europischen Tauschwaren wurden den Schwarzen stets nach dem
hchsten Einkaufspreise mit einem Zusatz von fnfundzwanzig Prozent
angerechnet, und nach diesem Tarif galt damals ein vollkommen tchtiger
mnnlicher Sklave etwa hundert hollndische Gulden, ein Bursche von
zwlf Jahren und darber ward mit sechzig bis siebzig Gulden, und
ungefhr zu gleichem Preise auch eine weibliche Sklavin bezahlt. War sie
jedoch noch nicht Mutter gewesen und ihr Busen noch von jugendlicher
Flle und Elastizitt (und daran pflegt es die Natur bei den Negerinnen
nicht fehlen zu lassen), so stieg sie auch verhltnismig im Werte bis
auf hundertzwanzig oder hundertvierzig Gulden.

Die Verkufer bezeichneten stckweise die Artikel, welche ihnen unter
den ausgelegten Waren anstanden, wogegen der hollndische Einkufer
seinen Preis-Kurant fleiig zu Rate zog, um nach dem angenommenen Tarif
nicht ber neunzig Gulden hinauszugehen und wobei auch der gespendete
Branntwein samt Tabak und Pfeifen nicht unbercksichtigt blieben. Fing
er dann an, sich noch weitern Zulegens zu weigern, und lie sich
hchstens noch ein Stck Kattun abdringen, so ward der Rckstand im
geforderten Menschenpreise vollends mit geringeren Waren und
Kleinigkeiten und zuletzt noch mit einem Geschenk von Messern, kleinen
Spiegeln und Korallen ausgeglichen. Wie viel es brigens bis zum
gewnschten Abschlu des Streitens, Fluchens und Lrmens bei diesem
Handel gegeben habe, bedarf kaum einer besonderen Erwhnung; denn wenn
der eigentlichen Wortfhrer bei den Negern auch nur zwei oder drei sein
mochten, so gab es doch immer unaufhrliche Rcksprache und
Verstndigung mit ihren Gefhrten in den Kanots, die bei dem Erfolge der
Unterhandlung alle gleich sehr interessiert waren. Hatten sie dann
endlich die eingetauschten Waren in Empfang genommen, so packten sie
sich wieder in ihre Fahrzeuge und eilten lustig, wohlbenebelt und unter
lautem Hallo! dem Strande zu.

Whrend dieser ganzen geruschvollen Szene sa nun der arme Sklave, um
welchen es gegolten hatte, auf dem Verdeck und sah sich mit steigender
Angst in eine neue unbekannte Hand bergehen, ohne zu wissen, welchem
Schicksale er aufbehalten sei. Man konnte den Unglcklichen sozusagen
das Herz in der Brust schlagen sehen; denn ebensowenig als die meisten
von ihnen je zuvor das Weltmeer, auf dem sie nun schwammen, erblickt,
hatten sie auch frherhin die weien und brtigen Menschen gesehen, in
deren Gewalt sie geraten waren. Nur zu gewi waren sie des Glaubens, wir
htten sie nur gekauft, um uns an ihrem Fleische zu sttigen.

Die Verkufer waren nicht so bald vom Schauplatz abgetreten, als der
Schiffsarzt Sorge trug, den erhandelten Sklaven ein Brechmittel
einzugeben, damit die seither ausgestandene Angst nicht nachteilig auf
ihre Gesundheit zurckwirkte. Aber begreiflicherweise konnten die
gewaltsamen Wirkungen dieser Prozedur jenen vorgefaten schrecklichen
Wahn ebensowenig beseitigen, als die Anlegung eiserner Fesseln an Hand
und Fu, wodurch man sich besonders der mnnlichen Sklaven noch enger zu
versichern suchte. Gewhnlich kuppelte man sie berdem noch paarweise
zusammen, indem man durch einen in der Mitte jeder Kette befindlichen
Ring noch einen fulangen eisernen Bolzen steckte und fest vernietete.

Verschonte man auch die Weiber und Kinder mit hnlichem Geschmeide, so
wurden sie doch in ein festes Verhltnis vorne in der Schiffsback
eingesperrt, whrend die erwachsenen Mnner ihren Aufenthalt dicht
daneben zwischen dem Fock- und groen Maste fanden. Beide Behlter waren
durch ein zweizlliges eichenes Plankwerk voneinander gesondert, so da
sie sich nicht sehen konnten. Doch brachten sie in diesem engeren
Verwahrsam nur die Nchte zu; bei Tage hingegen war ihnen gestattet, in
freier Luft auf dem Verdecke zu verweilen. Auf ihre fernere Behandlung
whrend der berfahrt nach Amerika werde ich in der Folge wieder
zurckkommen.

Der hiernchst bedeutendste Gegenstand des Handels an dieser Kste sind
die Elefantenzhne, von welchen auch der ganze Strich zwischen Kap
Palmas und tres Puntas den Namen der Zahnkste fhrt. Habe ich die
Erzhlungen der Eingeborenen richtig verstanden, so bemchtigen sie sich
dieser stark gesuchten Ware, indem sie sich in Partien von dreiig und
mehr Personen in die landeinwrts gelegenen Wlder auf die Elefantenjagd
begeben. Ihre Waffen bestehen hauptschlich in fulangen zweischneidigen
Sbelklingen, die sie von den Schiffen einhandeln und zu diesen Jagden
an langen Stangen befestigen. Haben sie ein Tier aufgesprt, so suchen
sie es entweder zu beschleichen oder treiben es mit offener Gewalt auf,
und trachten einzig dahin, ihm den Rssel, der seine vorzglichste
Schutzwehr ausmacht, an der Wurzel abzuhauen, oder sie zerschneiden ihm
die Sehnen an den Fen, um es so zum Fallen zu bringen. Ist der Feind
solchergestalt berwltigt, so wird er vollends gettet; man haut ihm
die Zhne aus, und der Rumpf bleibt als willkommene Beute fr die
Raubtiere und das Gevgel liegen.

Noch wird an einem andern Striche dieser Negerlnder, die Goldkste
genannt, einiger Verkehr mit Goldstaub oder vielmehr kleinen Krnern
dieses Metalls getrieben, das entweder aus dem Flusande gewaschen oder
von der reichen Natur dieses heien Bodens oft dicht unter dem Rasen
dargeboten wird. Doch war dies Geschft weder betrchtlich noch
sonderlich gewinnreich und pflegte deshalb dem Obersteuermann bei seinen
kleinen Nebenfahrten fr eigene Rechnung anheimgestellt zu werden, sowie
ihm zu dem Ende auch vergnnt war, den Betrag von sechshundert
hollndischen Gulden in Waren mit an Bord zu nehmen. Ich selbst hatte
mich zu diesem Privathandel mit allerlei Quincaillerien, etwa
fnfhundert Gulden an Wert, versehen.

       *       *       *       *       *

Denn auer dem Verkehre, der am Bord des Schiffes selbst stattfand,
wurden in gleicher Absicht auch noch mehrere Boote ausgerstet und
abgeschickt, welche sich oft auf mehrere Wochen lang entfernten und bis
auf fnfzig und mehr Meilen an der Kste umherkreuzten. Dieser
Bootsfahrten habe ich zwar bereits oben erwhnt, doch sei es mir
erlaubt, hier noch etwas ausfhrlicher darauf zurckzukommen.

Sobald die Guineafahrer sich dem wrmeren Himmelsstriche nherten,
begannen auch die Schiffszimmerleute die Schaluppen und Schiffsboote zu
ihrer knftigen neuen Bestimmung instandzusetzen, indem sie ein Verdeck
darauf anbrachten und alles so einrichteten, da sie See zu halten
vermochten. Holz und Planken hierzu ward schon von Holland aus
mitgenommen und zwischendecks bereitgehalten. Die Besatzung eines
solchen Fahrzeugs bestand aus zehn bis zwlf Mann unter Anfhrung des
Obersteuermanns oder eines anderen Schiffsoffiziers. Auch war es mit
einigen Drehbassen und kleinerem Handgewehr wohl versehen.

Die Bestimmung dieser Boote erforderte, stets in einiger Entfernung vor
ihrem Schiffe vorauszugehen und die Punkte, wo ein vorteilhafter Handel
zu treiben war, zu vervielfltigen, damit die gewnschte volle Ladung
schneller zusammengebracht und der Aufenthalt an diesen ungesunden
Ksten abgekrzt wrde. Sooft nun ein solches Fahrzeug seine
mitgenommenen Warenartikel oder seine Lebensvorrte erschpft oder einen
gengenden Eintausch gemacht hatte, kehrte es zurck, um sofort fr eine
neue Reise ausgerstet zu werden. Es ergibt sich daraus, wie anstrengend
und beschwerlich dieser Dienst sein mute.

Allein auch auerdem war er mit mancher Fhrlichkeit verbunden: denn
nicht selten ging ein solches Boot durch berrumpelung der Neger samt
dem Leben der ganzen Besatzung verloren, und so war hier die hchste
Vorsicht erforderlich. Nie wurden mehr als vier Verkufer zugleich auf
dem Boote zugelassen, und auch die brigen in den Kanots durfte man
nicht zu nahe herankommen lassen. Whrend also der Steuermann nebst
einem Gehilfen hinten im Fahrzeuge den Handel betrieb, stand der Rest
der Mannschaft vorn mit dem geladenen Gewehre in der Hand zu seinem
Schutze bereit, und wehrte zugleich den umkreisenden Kanots, sich nicht
ungebhrlich zu nhern.

Noch gefhrlicher wre es gewesen, die Nacht ber an dem nmlichen Orte
liegen zu bleiben, wo man sich am Abend befunden hatte. Vielmehr mute
man die Ankerstelle sorgfltig verndern, um die verrterischen
Schwarzen, die unaufhrlich auf berfall sannen, zu tuschen. Ebenso
gebot die Klugheit, keiner ihrer noch so freundlichen Einladungen zu
trauen, und am wenigsten sich in die Mndung ihrer Flsse zu wagen.

Die mnnlichen Sklaven, die man auf diesen Fahrten erhandelte, wurden
sofort unter das Verdeck gebracht, weil sie sonst nur zu leicht
Gelegenheit gefunden haben wrden, ber Bord zu springen. Im Raume aber
legte man ihnen eiserne Bgel um die Fe, die mit Ringen versehen
waren, und diese streifte man hinwiederum ber eine lange, mit beiden
Enden unten im Vorder- und Hinterteile des Bootes befestigte Kette, so
da sie wenigstens einige Schritte hin und wieder gehen konnten.
Glimpflicher verfuhr man mit den Weibern, deren Zutrauen man sich auf
eine leichtere Weise erwarb.

Noch hatte wenigstens eines dieser Fahrzeuge die Nebenbestimmung, den
aus Europa mitgebrachten Briefsack schneller als sonst htte geschehen
knnen nach dem hollndischen Hauptfort St. George de la Mina zu
frdern. Denn da die ankommenden Schiffe ihr Handelsgeschft gewhnlich
bei Sierra Leone anfingen, welches gegen zweihundert Meilen westlicher
liegt, und lngs der Kste nur gemachsam fortkreuzten, so wrde es oft
sechs bis acht Monate gewhrt haben, bevor sie selbst jenen Platz
erreichten.

       *       *       *       *       *

Diesen Auftrag erhielt auch ich, sobald wir in den ersten Tagen des
Jahres 1772 auf der Kste von Guinea angelangt waren. Zu dem Ende ward
die Barkasse mit zehn Mann unter meinen Befehlen ausgerstet und mit
Provisionen aller Art, besonders aber solchen beladen, welche in diesem
heien Klima einem schnellen Verderb ausgesetzt sein konnten. Das
Brief-Felleisen ward nicht vergessen, und so steuerte ich, nachdem ich
auch die Vorrte fr meinen eigenen kleinen Handel eingenommen hatte,
bereits am vierten Tage nach unserer Ankunft, dem Schiffe vorangehend,
gegen Osten.

Bei dieser Kstenfahrt fhrte mich mein Weg zunchst nach dem
hollndischen Fort Axim, wo ich einen Pack Briefe, europische Zeitungen
und andere Kleinigkeiten abzugeben hatte. Ich fand den dortigen
Befehlshaber, einen geborenen Hanoveraner, namens Feneckol, sehr
begierig nach Neuigkeiten aus dem gemeinschaftlichen Vaterlande, sowie
ihm hinwiederum die Nachricht, da ich ein Preue sei, Gelegenheit gab,
mich aufmerksam darauf zu machen, da Fort Axim frherhin eine Besitzung
unseres groen Kurfrsten gewesen, die erst im Jahre 1718 durch Kauf an
Holland bergegangen. Er zeigte mir auch die darber verhandelten Akten
sowie sechs alte brandenburgische Kanonen, die noch auf einer Batterie
aufgepflanzt standen. -- Habe ich anders seine Erzhlung recht behalten,
so hatte es hiermit folgende Bewandtnis.

Ursprnglich gehrte Axim den Spaniern zu. Als aber der Kurfrst
Friedrich Wilhelm, welcher dieser Macht in ihren Kriegen gegen
Frankreich Hilfstruppen in den Niederlanden gestellt, die bedungenen
Subsidien trotz aller gtlichen Unterhandlung nicht erhalten knnen,
habe er in Hamburg eine kleine Flotte ausrsten lassen, fnfhundert Mann
darauf eingeschifft, auer andern genommenen Repressalien auch Axim
angreifen und in Besitz nehmen lassen und sich dort neun Jahre lang
behauptet. Whrend dieser Zeit, wo der brandenburgische Gouverneur auch
noch das zweieinhalb Meilen stlicher gelegene Fort Friedrichsburg
gegrndet, sei von Hamburg und Emden aus ein lebhafter Handel dorthin
getrieben worden, bis diese Befestigungen die Unzufriedenheit der
benachbarten Negerstmme aufgeregt und diese die Besatzungen beider
Pltze, welche nicht genugsam auf ihrer Hut gewesen, berrumpelt und
niedergemacht htten.

In diesem Unglck, lautete die fernere Erzhlung, sei es dem damaligen
Gouverneur zwar geglckt, sich mit einigen wenigen Gefhrten in das
Pulvermagazin zu flchten; dort habe er vorgezogen, sich freiwillig in
die Luft zu sprengen, als unter den Hnden der Neger einen martervollen
Tod zu dulden. Diese htten darauf beide Forts spoliiert und dem
Erdboden gleich gemacht. Solchergestalt htten nun diese Pltze gegen
dreiig Jahre lang in Schutt und Verwstung gelegen, bis Knig Friedrich
Wilhelm I. seine Ansprche auf diese Besitzungen an Holland gegen eine
Summe von zweihunderttausend Gulden berlassen habe.

Zwei Tage nach meinem Abgange von Axim stie ein Kanot mit vier Negern
vom Lande ab und knpfte einen kleinen Handel in Goldstaub mit mir an.
Von ihnen erfuhr ich, da an diesem nmlichen Morgen ein portugiesisches
Schiff an dieser Kste gekreuzt und eine Rolle gepreten brasilianischen
Tabak gegen zwei Unzen Gold an sie vertauscht habe. Diese Art Tabak ist
in Rindsleder genht, enthlt einige und siebzig Pfund und ist eine von
den Schwarzen sehr begierig gesuchte Ware. Das Preisverhltnis aber wird
sich ergeben, wenn ich bemerke, da die Unze Goldstaub dort zu
zweiundvierzig hollndischen Gulden berechnet zu werden pflegte.

Nichts htte mir erwnschter sein knnen, als von diesem Schiffe fr
meinen eigenen kleinen Handel einige Rollen dieses Tabaks gegen meine
Kaufwaren umzusetzen. Ich erblickte auch seine Segel in einer Entfernung
von etwa anderthalb Meilen vor mir und sumte also nicht, unter
Aufziehung der hollndischen Flagge darauf zuzusteuern. Je eifriger ich
mich aber mhte, es zu erreichen, desto mehr Segel setzte es auch
seinerseits auf, um sich von mir zu entfernen. Ich scho zu mehreren
Malen einen von meinen Bllern unter dem Winde ab, um ihm mein Verlangen
nach einer nheren Gemeinschaft zu erkennen zu geben; der Portugiese
hingegen manvrierte unaufhrlich, mir durch vernderten Kurs aus dem
Gesichte zu kommen. Es schien nicht anders, als ob er sich vor mir
frchtete, ohne da ich begriff, was ein Schiff von dieser Gre wohl
von einem Fahrzeuge wie meinem zu besorgen haben knne.

Ich lie indes nicht ab bis die Nacht einbrach und die Dunkelheit mir
Einhalt gebot. Indem ich aber meinen Weg lngs der Kste fortsetzte,
hielt ich mich doch mehr seewrts und unter vollen Segeln, und meine
Hoffnung, diesem verwunderlichen Gaste dicht auf der Ferse zu bleiben,
betrog mich auch so wenig, da gleich der erste Morgenstrahl mir ihn,
kaum dreiviertel Meilen von mir, nher dem Lande zu und ber dem Winde
wieder zu Gesicht fhrte. Zugleich erblickte ich, eine Meile von mir
entfernt, das englische Fort Descowy, wo auch zwei englische Schiffe auf
der Reede vor Anker lagen.

Erpicht auf mein Vorhaben, mit dem Portugiesen zur Sprache zu kommen,
steuerte ich von neuem auf ihn zu. Allein bevor ich ihn einholen konnte,
war er schon in den Bereich der Englnder gekommen. Einer von ihnen tat
einen Schu auf den Flchtling, der nun zwar seine Flagge aufzog, aber
zugleich auch bei seinem vorigen Kurs beharrte. Zwei darauffolgende
Schsse blieben gleichfalls ohne Wirkung. Nun aber lieen beide
Englnder ihre Ankertaue fahren, verlegten dem Portugiesen den Weg und
nahmen ihn hart zwischen sich in die Mitte, worauf sie von neuem vor
Anker gingen.

Von diesem ganzen Vorgange war ich in fast unmittelbarer Nhe Zeuge
gewesen, begriff aber je lnger je weniger. Da ich indes wute, da
England und Holland in vollkommen friedlichem Vernehmen standen, so
berwog bei mir die Neugier jede anderweitige Rcksicht. Ich legte mich
zuversichtlich neben das eine englische Schiff und stieg sogar an Bord
des Portugiesen hinber, wo mir sofort eine Szene des hchsten Wirrwarrs
in die Augen fiel. Die Englnder hatten das Verdeck des angehaltenen
Schiffes erfllt, die Luken geffnet, und waren im Begriff, eine
bedeutende Partie Tabaksrollen auf das Verdeck emporzuwerfen. Der
portugiesische Kapitn knirschte mit den Zhnen und scho wtende Blicke
auf mich; seine englischen Herren Kollegen aber, obwohl sie mir etwas
glimpflicher begegneten, waren doch mit dem guten Rate fertig, mich
augenblicklich davonzupacken.

Je mehr ich sah und hrte, je wundersamer und verdchtiger erschien mir
der ganze Handel. Ich hatte nur die Wahl, entweder zu glauben, da es
zwischen der englischen und portugiesischen Regierung zu einem
pltzlichen Bruche gekommen, oder da es die Absicht der Englnder sei,
ihre bermacht hier zu einer gewaltsamen Beraubung zu mibrauchen.
Beides aber lie es noch immer unerklrt, warum der Portugiese auch mir
Ohnmchtigem so geflissentlich ausgewichen sei. Erst spterhin, als ich
zu St. George de la Mina angelangt war, sollte ich den Zusammenhang
erfahren.

Diese Ankunft erfolgte zwei Tage spter, wo ich denn sofort meinem
Auftrage durch berlieferung des Brief-Felleisens und der dazu gehrigen
Schlssel an den Gouverneur gengte. Es ward von diesem in meiner
Gegenwart geffnet und zugleich entspann sich zwischen uns eine
vertrauliche Unterhaltung, worin ich mit dem Ehrenmanne um so weniger
Umstnde machte, als sein Aufzug in einem leinenen Schlafrocke und einer
schmierigen Schlafmtze eben nicht geeignet war, einen groen Respekt
einzuflen, wie er mir denn berhaupt als eine gute grundehrliche Haut,
und was man einen alten deutschen Degenknopf nennt, erschien. Auch er
selbst schien das Zeremoniell wenig zu lieben und lud mich gutmtig ein,
ihm die Briefe sortieren zu helfen, da deren verschiedene nach den
anderen hollndischen Forts auf der Kste abzuschicken waren.

Bei diesem Geschfte gerieten wir noch tiefer ins Plaudern, und ich
erzhlte ihm, was sich mit dem portugiesischen Schiffe begeben und wovon
ich an dessen Bord Augenzeuge gewesen. Pltzlich geriet mein Mann in
Feuer und ward ganz ein anderer, als er kaum ein paar Minuten zuvor
gewesen. Das ist ein ernsthafter Kasus, sagte er mit Gravitt -- und
dem mssen wir auf den Grund kommen! -- Zugleich ntigte er mich, in ein
anstoendes Zimmer zu treten und dort den ganzen Vorfall mit all seinen
besonderen Umstnden zu Papier zu bringen. Nachdem dies geschehen war,
erffnete er mir seinen Entschlu, gleich des nchsten Morgens den hohen
Rat zu versammeln, und gab mir auf, zusamt meinem Schiffsvolke vor
demselben zu erscheinen, damit wir unsere Aussage eidlich bekrftigten,
er aber seine ferneren Maregeln danach nhme.

Dieser Vorladung gem erschien ich am andern Tage mit den Meinigen und
ward sofort auch in den Ratssaal eingefhrt, ber dessen hier kaum
erwartete Pracht ich nicht wenig erstaunte. Alles glnzte von Gold, und
Tisch und Sthle waren mit violettem Samt berzogen, mit goldenen
Tressen besetzt und mit dergleichen Fransen reich umhangen. Mein guter
Freund von gestern, der Gouverneur Peter Wortmann, strahlte mir vor
allen andern in seiner Herrlichkeit entgegen. Er sa, als Prsident der
Versammlung, an dem Sessionstische in einer gewaltigen hollndischen
Ratsherrenpercke (ein wunderlicher Staat in diesem Klima) und steckte
berdem in einer hollndischen, goldgestickten Gardeuniform, die dazu
noch von Tressen starrte. Auf eine hnliche Weise, nur etwas minder
herausgeputzt, saen der Fiskal, die Ratsherren und die Assistenten um
ihn her und machten die Feierlichkeit vollkommen.

Dennoch war der mir und meinen Leuten hier abgenommene Eid und die
wiederholte Aussage ber den Vorgang mit dem portugiesischen Schiffe nur
eine Zeremonie, und das, was geschehen sollte, schon whrend der Nacht
vllig vorbereitet. Es standen nmlich bereits zwei Kanots fertig, in
deren jedes fnfundzwanzig Soldaten und zwanzig Ruderer eingeschifft
wurden und die unmittelbar darauf, hinten und vorn mit der hollndischen
Flagge geschmckt, unter Trommel- und Trompetenklang in See stachen, um
das angefochtene portugiesische Schiff aufzusuchen und nach St. George
de la Mina zu bringen. Nichts setzte mich hierbei mehr in Erstaunen, als
diese Kanots, welche bei einer Lnge, die ber fnfzig Fu
hinausreichte, und bei einer Breite von sechs bis sechseinhalb Fu, aus
einem einzigen Baume, wiewohl von weichem und leichtem Holze, gehauen
waren. Man sagte mir, da diese Riesenbume mehrere Meilen landeinwrts
angetroffen wrden, wohin unsereiner freilich nicht zu kommen pflegt.

Mit dem ausgezogenen Staatsrocke war der Gouverneur auch wieder mein
Freund und Gnner geworden und behielt mich unausgesetzt in seiner Nhe.
Von ihm erhielt ich nun auch nheren Aufschlu ber alle jene Dinge,
die mir bisher so wunderseltsam vorgekommen waren. Er erzhlte mir, da
das Fort St. George und die andern davon abhngigen Besitzungen
ursprnglich unter portugiesischer Hoheit gestanden, von den Hollndern
aber, in ihrem ersten groen Freiheitskriege, den Spaniern, welche
damals auch Portugal sich einverleibt hatten, abgewonnen worden. Im
endlich erfolgten Frieden wren sie auch in den Hnden der jungen
Republik verblieben, und zwar noch mit der demtigenden Einschrnkung,
da forthin kein spanisches oder portugiesisches Schiff an der Kste von
Guinea Handel treiben solle, bevor es nicht vor St. George angelegt und
zehn Prozent von seiner gesamten Ladung fr die Erlaubnis eines freien
Verkehrs entrichtet htte. Bei der geringsten Hintansetzung dieser
Verpflichtung sollte jedesmal Schiff und Ladung verfallen sein, und auf
diesen Vertrag wrde auch immerfort noch um so strenger gehalten, da
England und Frankreich ihn spterhin besttigt htten.

So begriff ich denn nun, worin der portugiesische Kapitn, dem ich
begegnet war, sich strafbar gemacht und warum er gegen mich ein so bses
Gewissen verraten hatte, wie aber auch jene beiden Englnder garstig
anlaufen drften, falls er ihnen erweisen knnte, da sie auf eine
ruberische Weise zu ihm an Bord gekommen und ihn zum Handel gezwungen
htten. Und diese Ausflucht zu benutzen, setzte der Gouverneur hinzu,
wird er auch sicherlich nicht unterlassen, wie vollkommen ich auch
berzeugt bin, da er von Herzen gern mit den beiden englischen Schiffen
ein Geschft gemacht haben wrde, wenn es unter der Hand htte geschehen
knnen und Ihr nicht, als ein ungelegener Dritter, darber zugekommen
wret.

Weiter belehrte er mich, was mir eigentlich bei dieser Gelegenheit zu
tun obgelegen htte, wenn ich mit den Gesetzen und Rechten dieser
Weltgegend bekannter gewesen wre. Ich mute nmlich meine hollndische
Flagge an dem Schiffe des Portugiesen befestigen oder auch nur sie ber
die geffnete Schiffsluke decken, um dadurch Schiff und Ladung unter
ihren Schutz zu setzen. Htten dann die Englnder gewagt, auch nur
irgend etwas anzurhren, so wren sie als offenbare Seeruber in die
schwerste Verantwortung geraten; mir aber htte dann nach unseren
Gesetzen eine Belohnung von hundert Dukaten gebhrt.

Zwei Tage nachher kam die ausgeschickte Expedition mit dem ertappten
Portugiesen glcklich auf der Reede an. Zufall oder Neugierde fhrten
mich dem Kapitn bei seiner Landung in den Weg, und die grimmigen
Blicke, die er auf mich scho, lieen mich nicht daran zweifeln, da er
mich fr seinen Angeber erkannte, dessen Aussagen ihn ins Verderben
strzen wrden. Indessen mute ihn doch gleich sein erstes Verhr eines
Besseren belehrt und er gefunden haben, da im Gegenteil meine
abgegebene Erklrung zu seinem Vorteile lautete, denn er lie mich am
anderen Tage zu sich bitten, fiel mir dankbar um den Hals, wute nicht,
was er mir zuliebe tun sollte und ntigte mich, eine Rolle Tabak samt
zwanzig Pfund Zucker zum Geschenk von ihm anzunehmen.

       *       *       *       *       *

Obwohl nun mein Geschft an diesem Platze beendigt war, so hielt mich
doch Herr Peter Wortmann von einem Tage zum anderen bei sich auf; sei
es, da er irgendein absonderliches Wohlgefallen an mir gefunden, oder
da sonst Neugier und Langeweile ihn plagten, denn des Fragens, sowohl
nach meinen persnlichen Umstnden, als berhaupt nach Neuigkeiten aus
Europa, wollte kein Ende werden. Das war freilich ebenso erklrbar als
verzeihlich. Die Ansiedler in diesen afrikanischen Niederlassungen leben
so abgeschieden von der ganzen brigen Welt, da sie nur in langen
Zwischenrumen erfahren, was sich daheim und anderer Orten begeben hat.
Oft bringt ihnen ein Schiff einen ganzen Jahrgang alter Zeitungen auf
einmal, die zwar den vollen Reiz der Neuheit fr sie haben, aber ihrer
Wibegier dennoch nicht in dem Mae gengen, da ihnen nicht auch noch
manche mndliche Erluterung zu wnschen brig bliebe. Hierzu kommt,
da ein groer Teil der hier Angestellten aus deutschen Landsleuten
besteht, die insonderheit auch von ihrem lieben Vaterlande hren wollen
und darin kaum zu ersttigen sind.

In diesem Falle war nun auch der Gouverneur, der sich aufs Ausfragen
verstand, wie irgend einer, dagegen aber auch ebensowenig mit
Mitteilungen aus seiner eignen Lebensgeschichte gegen mich zurckhielt.
Er war aus Grningen gebrtig, hatte daselbst das Metzgerhandwerk
erlernt und ein Weib genommen, dessen Untreue aber ihn endlich zu dem
raschen Entschlusse gebracht, sie zu verlassen und in alle Welt zu
gehen. So war er nach Holland geraten, als gemeiner Soldat nach der
Kste von Guinea gegangen, hier allmhlich zu hheren Militrgraden
emporgestiegen und endlich nicht nur Befehlshaber im Fort St. George de
la Mina, sondern auch ber alle hollndischen Besitzungen in dieser
Weltgegend geworden. Sein Titel lautete nmlich als General-Gouverneur
ber die Westkste von Afrika.

       *       *       *       *       *

Endlich mute ich mich doch von diesem wackeren Manne trennen, der noch
einen bedeutenden Einflu auf meine Lebenslage gewinnen sollte. Er gab
mir ein besonderes Belobungsschreiben an meinen Kapitn mit, worin der
Wunsch ausgedrckt war, da dieser falls neue Kommunikationen mit dem
Haupt-Fort und der Regierung notwendig wrden, keinem anderen als mir
den Auftrag dazu geben mchte. Ich hatte indes den ntigen Ballast
eingenommen und machte mich auf den Rckweg nach Westen, um mein Schiff
wieder aufzusuchen. Die Reise war ohne besonderen Zufall, doch kann ich
nicht umhin, hierbei eines seltsamen Fundes zu erwhnen.

Wir befanden uns etwa vier Meilen vom Lande, und das Meer bot ringsumher
eine glatte Flche dar, in welcher sich die Sonne spiegelte. Zugleich
sahen wir, in weiter Ferne seewrts, von Zeit zu Zeit etwas aus dem
Wasser glnzend auftauchen, was mir anfangs etwa ein toter Fisch
deuchte, dessen silberweien Bauch die Sonne beschiene. Endlich lie
ich, von Neugier getrieben, darauf zurudern, und da fand sich's denn,
da eine viereckige Bouteille aus einem Flaschenfutter, den Hals nach
oben gekehrt und mit einem Korkstpsel versehen, im Meere schwamm.
Ringsum hatte sich ein runder Haufen Seegras angesetzt. Ich ergriff die
Flasche, mich weit ber Bord lehnend, an der Mndung, war aber nicht
imstande, sie von dem Krutergeflechte zu trennen, es bedurfte erst
meines Messers, womit ich alle diese fremdartigen Anhngsel kappte und
solchergestalt mich meiner Beute bemchtigte.

Bei genauerer Besichtigung fand sich nun, da diese Flasche etwa zu
einem Drittel (und daher ihre aufrechte Stellung) mit in Branntwein
eingemachten, aber freilich schon verdorbenen Kirschen angefllt und
vermutlich auch, als unbrauchbar, ber Bord geworfen war. Allein was sie
eigentlich in meinen Augen merkwrdig machte, war die Entdeckung, da
sich auen umher berall Schulpen und andere Muscheln fest angesetzt
hatten, die hinwiederum den Seegewchsen zu einem Befestigungspunkte
gedient, um Wurzeln darin zu schlagen und allmhlich zu einem dichten
Klumpen von ansehnlichem Umfange heranzuwachsen. Wie lange mute indes
dieses Glas nicht bereits in den Wogen umhergetrieben sein, bevor die
Natur nach und nach all diese Erscheinungen an demselben hervorbringen
konnte! Es htte verdient, mit all diesen Anhngseln von Muscheln und
Tang in einem Naturalien-Kabinette aufbewahrt zu werden.

Meinen Kapitn mit dem Schiffe fand ich noch bei Kap Mesurado, nachdem
ich lnger als vier Wochen abwesend gewesen. Bevor ich jedoch zu einer
neuen Handelsfahrt abgehen konnte, ward es fr ntig befunden, neue
Vorrte von Wasser einzunehmen und dieses Geschft mir zur Ausfhrung
bertragen. Bei dem gegenseitigen Mitrauen aber, welches zwischen den
europischen Schiffern und den Eingeborenen herrscht und tief in der
Natur des hier betriebenen Handels liegt, ist ein solcher Auftrag mit
Beschwerde und Gefahr verknpft und erfordert genaueste Vorsicht, um
nicht von den treulosen Afrikanern berwltigt, ausgeplndert und
ermordet zu werden.

Das Wasser mu jedesmal von ihnen am Lande erhandelt werden. Man
versieht sich hierzu an Bord mit allerlei kleinem Kram an Spiegeln,
Korallen, Messern, Fischangeln, Nhnadeln, Zwirn und erwartet dicht am
Seestrande, wohlbewaffnet das zufllige Zusammentreffen mit den
Eingeborenen, um mit ihnen den Preis fr jedes Fa Wasser, welches man
eben holt oder auch knftig zu holen gedenkt, zu verabreden. Das hierzu
bestimmte Boot bleibt jedesmal bis hundertzwanzig Klafter weit vom Lande
vor Anker liegen. Die ledigen Wassertonnen werden ber Bord geworfen und
die Neger strzen sich in die Brandung, um sie schwimmend ans Land zu
bringen und nach ihren Brunnen und Wasserstellen hinaufzurollen. Sind
sie hier angefllt und verstopft, so werden sie wieder an den Strand
zurckgewlzt, von zwei schwimmenden Negern in die Mitte genommen und an
das Boot gebracht, wo ihnen dann die dafr bedungenen Waren ausgeliefert
werden.

Als ich in solcher Expedition zum erstenmal das Ufer betrat, standen
bereits zwlf oder vierzehn Schwarze unseres Empfangs gewrtig, und
whrend ich mit etwa zehn meiner Begleiter vollends ins Trockene watete,
kam uns auch ihr Anfhrer entgegen, bot mir die Hand, schnitt eine Menge
wunderlicher Kapriolen und gab sich mir endlich mit den Worten Amo King
Sorgo (ich bin der Knig George) zu erkennen. Da er aber auch fr
irgend etwas Besonderes angesehen sein wollte, gab schon sein ganzer
Aufzug zu erkennen. Er war nmlich mit einer alten, zerrissenen,
linnenen Pumphose und einer weien Kattunweste ohne rmel bekleidet,
sein noch grerer Schmuck aber bestand in einer roten und weien
Schminke, womit er sich Gesicht und Hnde scheulich bemalt hatte. Mit
diesem Narren nun und seinen Untertanen wurden wir des Preises fr das
Wasserfllen einig und hielten uns auch des nchsten Tages wacker zu
unserer Arbeit.

Bei dieser Gelegenheit nahm ich am Strande eine Menge von Feldsteinen
wahr, deren wir als Ballast fr Boot und Schaluppe vielfach bentigt
waren. Ich schlo demnach mit den Negern einen neuen Handel ber eine
Bootsladung solcher Steine ab, worin zugleich die Gre derselben dahin
bestimmt wurde, da ein Mensch sie allenfalls tragen und damit hantieren
knnte. Sie suchten ihrerseits sich den Transport zu erleichtern, indem
sie ein Kanot dicht auf den Strand zogen und es fllten, soviel es
bequem tragen konnte. Dann traten je vier von ihnen an jede Seite des
Fahrzeuges, warteten eine niedrigere Welle ab und schoben es dann
schnell in die See, whrend einer behende hineinhpfte, um es vollends
an unser Boot zu geleiten und in dasselbe auszuladen.

Da geschah es, da einmal eine Woge, strmischer als die brigen, ber
das Kanot herstrzte und es augenblicklich versenkte. Sofort sprangen
die am Ufer zurckgebliebenen hinzu, schwammen nach der Stelle, wo sich
der Unfall ereignet hatte, bluten den ungeschickten Fhrmann zu unserer
groen Belustigung wacker durch, aber erregten auch ebensosehr unser
Erstaunen, als sie hierauf, einer nach dem andern, in eine Tiefe von
wenigstens zwlf bis vierzehn Fu untertauchten und, nach kurzem
Verzuge, jeder mit einem Steine von beinahe Zentnersschwere, auf der
Schulter, wieder emporkamen. Noch mehr! Mit dieser nmlichen Last
schwammen sie, wenngleich mit sichtbarer Anstrengung und blasendem Atem,
noch vierzig bis fnfzig Klafter weiter an unser Boot, um ihren Fund an
uns abzuliefern.

Noch oft bin ich Zeuge von der ungeheueren Krperkraft der Neger, sowie
von ihrer ausgezeichneten Behendigkeit und Ausdauer im Schwimmen
gewesen. Wenn sie mit ihren Kanots dicht an der einen Seite des Schiffes
lagen und jemand sich einen Spa mit ihnen machen wollte, so durfte er
ihnen nur eine tnerne Tabakspfeife zeigen und sie ber den
entgegengesetzten Bord ins Meer werfen. Alsogleich auch strzte sich
dann eine Anzahl aus dem Kanot nach in die Flut, tauchte unter dem
Schiffe weg in den Grund, und sicherlich kam irgendeiner mit der
unbeschdigten Pfeife in der Hand wieder zum Vorschein, wenngleich das
Meer auf einer solchen Stelle eine Tiefe von fnfundzwanzig bis
fnfunddreiig Klaftern hatte.

Nicht minder habe ich gesehen, wie Kinder von etwa fnf Jahren keck und
wohlgemut sich im Wasser tummelten und durcheinander schwammen; ja sogar
wie einst ein Neger einen solchen vier- oder fnfjhrigen Burschen bei
beiden Beinen ergriff und ihn, soweit er mit aller Kraft vermochte, in
die See schleuderte. Das Kind kam nach wenig Augenblicken wieder ans
Land geschwommen, und seine frohe Miene bewies, wie gering der Eindruck
gewesen, den ihm diese rohe Behandlung gemacht hatte.

Noch waren wir mit unseren Stein- und Wasser-Transporten beschftigt,
als ich eines Morgens bei guter Zeit mit dem Boote, unweit des Strandes,
zu Anker kam. Hier war indes noch kein Neger sichtbar, um uns bei
unseren Fssern Handreichung zu tun. Denn da in dieser Weltgegend die
Nchte stets zwlf Stunden whren, so khlt sich binnen dieser Zeit die
Temperatur sehr merklich ab und es weht bis acht oder neun Uhr morgens
eine ziemlich frische Luft, die den vllig nackt einhergehenden Negern
so empfindlich fllt, da sie sich nicht gerne frher aus ihren Htten
hervormachen. Ihr Kommen mute also mit Geduld erwartet werden.

Gerade dieses Warten aber verursachte uns in unserem Boote eine
Langeweile, die je lnger, je drckender fr uns wurde. Unter meinen
Gefhrten befand sich ein englischer Matrose, der sich bereit erklrte,
ans Land zu schwimmen und die sumigen Neger herbeizuholen. Htte ich
auch nicht andere Grnde gehabt, ihm meine Zustimmung zu versagen, so
wrde mich doch schon die Furcht, da ein Haifisch ihn packen knnte,
dazu bewogen haben. Inzwischen stieg unser Mimut, und der Englnder
erbot sich zu wiederholten Malen, das, wie er vermeinte, ganz
unbedenkliche Abenteuer zu bestehen. Mein Kopfschtteln dmpfte seine
Begierde nicht, bis ich endlich, mehr ermdet als billigend ihm
erlaubte, zu tun, was er nicht lassen knnte.

Alsobald warf der Mensch sein Hemd von sich, sprang ber Bord und
steuerte schwimmend dem Lande zu. Allein kaum hatte er sich zwei Klafter
weit vom Boote entfernt, so sahen wir ihn auch bereits von einem solchen
gefrchteten Tiere umkreist, bis es sich, nach seiner Gewohnheit, auf
den Rcken warf, seine unglckliche Beute ergriff und mit ihr davonzog.
Bald ragte der Kopf, bald Hand oder Fu des armen Schwimmers ber die
Wellen empor, endlich aber verschwand er ganz aus unserem Gesichte, die
wir Zeugen dieses grlichen Schauspieles hatten sein mssen, ohne
helfen und retten zu knnen. Da es, als ich wieder an Bord kam, an
einem tchtigen, aber auch verdienten Verweise von meinem Kapitn nicht
fehlte, kann man sich wohl vorstellen. Gott wird mir jedoch meine Snde
vergeben, da er am besten wei, da ich dies Unglck nicht aus
Mutwillen, sondern gnzlich wider Wunsch und Willen verschuldet.

Merkwrdig ist gleichwohl die Versicherung der Neger, die auch durch den
Augenschein besttigt wird, da keiner ihresgleichen von diesen Haien
etwas zu frchten habe.

Wird das Fleisch auch nicht gegessen, so macht man doch zuzeiten zum
Vergngen Jagd auf die Haifische, und dazu bedarf es nur eines tchtigen
Hakens von irgend einem Kistengehnge, den man an eine starke Leine
befestigt, an der Spitze aber mit einem Stcke Speck und dergleichen
kdert. Kaum hat er das Wasser erreicht, so hat auch bereits ein
Haifisch wtend angebissen, der dann emporgezogen und auf dem Verdecke
vollends gettet wird.

       *       *       *       *       *

Noch lagen wir in dieser Kstengegend vor Anker, als sich ein
hollndisches Sklavenschiff bei uns einfand und gleichfalls dicht neben
uns ankerte. Der Kapitn desselben rief uns zu, da wir ihn doch mit
unserer Schaluppe zu uns herberholen mchten. Kaum war dies geschehen
und er zu uns an Bord gekommen, als er uns die drckende Not klagte, in
welcher er sich augenblicklich befnde. Elf Mann von seiner Besatzung
wren ihm unterwegs gestorben, und noch habe er vierzehn Kranke liegen,
so da er kaum noch fnf gesunde Leute an die Arbeit stellen knne. Auch
habe er seither nicht mehr als achtzehn Sklaven eingehandelt, und wisse
vor Sorge und Verlegenheit nicht, was er beginnen solle. Sein
eigentlicher Wunsch aber war, da wir ihm einige Kpfe von unserer
Mannschaft berlassen mchten. Hieran war jedoch von unserer Seite um so
weniger zu denken, als selbst kaum irgend jemand von den Unserigen sich
zu einem solchen Tausche freiwillig verstanden haben wrde. Der einzige
Rat, den wir ihm geben konnten, war, da er suchen mchte, St. George de
la Mina je eher je lieber zu erreichen, wo das Gouvernement verpflichtet
sein wrde, sich seiner anzunehmen.

Whrend ich ihn wieder nach seinem Schiffe zurckbrachte, erzhlte er
mir, da dieses zu Middelburg in Seeland ausgerstet worden, er selbst
aber heie Harder, sei, gleich mir, ein Pommer und von Rgenwalde
gebrtig. Nun tat es mir doppelt leid um den armen Landsmann, als ich an
seinen Bord kam und berall ein Elend und eine Unbereitschaft wahrnahm,
wie sie mir noch niemals vorgekommen war. Fast mit Trnen in den Augen
trennten wir uns, und sowie ich mich von dem Schiffe entfernte, nahm ich
auch wahr, da es die Anker lichtete und unter Segel ging. Doch mochte
es kaum eine Viertelmeile Weges gemacht haben, so legte es sich abermals
uns im Gesichte vor Anker.

Mitten in der Nacht aber sahen wir von dorther Gewehrfeuer aufblitzen
und hrten neben dem Schieen auch allerlei Lrm und Gerusch, ohne zu
wissen, was wir daraus machen sollten. Endlich ward alles wieder still
und ruhig; doch als der Tag anbrach, erblickten wir jenes Schiff auf den
Strand gesetzt und von unzhligen Negern umschwrmt, deren gleichwohl
keiner whrend der zwei Tage, die wir hier noch liegen blieben, sich vom
Lande zu uns an Bord getraute, -- zur hinreichenden Besttigung unseres
Argwohns, da sie den wehrlosen Middelburger berrumpelt, die Besatzung
niedergehauen und das Schiff hatten stranden lassen, um seine Ladung
desto bequemer zu plndern.

Wenn eine solche blutige Gewalttat den Leser mit Recht emprt, so mu
dagegen notwendig in Anrechnung gebracht werden, da dergleichen
eigentlich doch nur als Notwehr oder Wiedervergeltung gegen nicht minder
abscheuliche berflle angesehen werden mssen, welche sich auch die
Europer gegen diese Schwarzen gestatten. Besonders sind die Englnder
dafr bekannt, da sich von Zeit zu Zeit in ihren Hfen einige Rotten
von Bsewichtern, fnfzehn bis zwanzig Mann stark, und aus verlaufenen
Steuerleuten und Matrosen bestehend, die bereits mit dem Gange des
Sklavenhandels bekannt sind, vereinigen, die ein kleines Fahrzeug
ausrsten, sich mit Schiebedarf und Proviant sowie mit einigen
Waren-Artikeln, wie sie zu diesem Handel gebruchlich sind, zum Scheine
versehen und so nach der Kste von Guinea steuern. Kommen hier nun die
Neger an Bord eines solchen Korsaren, um einen friedlichen Verkehr
anzuknpfen, so fallen diese Ruber ber sie her, legen sie samt und
sonders in Ketten und Banden; und haben sie der Unglcklichen
solchergestalt dreiig bis vierzig oder wie viele sie bewachen knnen,
zusammengerafft, so stechen sie damit nach Sdamerika hinber, um sie an
die Spanier oder Portugiesen loszuschlagen. Dort verkaufen sie auch ihr
Fahrzeug und gehen nun einzeln als Reisende mit ihrem ungerechten
Gewinne nach England zurck, um vielleicht unmittelbar darauf ein neues
Unternehmen dieser Art zu wagen.

Es kann nicht fehlen, da solche Raubzge dem regelmigen Handel an
der afrikanischen Kste, sowie dem gegenseitigen Vertrauen, den
empfindlichsten Nachteil bringen. Besonders verderblich aber waren sie
zu jener Zeit fr den Verkehr, welchen die Hollnder vermittelst ihrer
Boote betrieben, da die Neger diese von jenen englischen Raubfahrzeugen
nicht hinreichend zu unterscheiden vermochten. Diese Erfahrung machte
auch ich an meinem Teile, als ich, Mitte Februar, mit der Schaluppe
unseres Schiffes und begleitet von dreizehn Mann und mit sechs kleinen
Pllern wohl ausgerstet, eine neue Kstenfahrt antrat. Kurz zuvor
nmlich hatte ein solcher englischer Korsar in dieser Gegend
herumgekreuzt und mancherlei Unfug verbt. Wo ich mich also irgend
blicken lie, ward ich von den Schwarzen mit jenem verwechselt, nirgends
wollte sich ein einziger von ihnen zu mir an Bord getrauen. Kam ja hier
und da ein Kanot zum Vorschein, so hielt es sich, voll Argwohn, in einer
Entfernung von hundert und mehr Klaftern; die armen furchtsamen
Schlucker glotzten mich an, fragten, ob ich ein Englnder oder Hollnder
sei, und verlangten zum Wahrzeichen des letzteren eine hollndische
Pfeife zu sehen, als ob diese aus einem anderen Tone gebacken wre. Oft
auch sollte ich ihnen eine Flasche aus meinem Flaschenfutter zeigen,
weil sie wuten, da die englischen Handelsleute dergleichen nicht zu
fhren pflegten.

Mit solcherlei kleinen Knsten und guten Worten gelang es mir endlich
doch, drei Neger, die in einem Kanot gekommen waren, zu bewegen, zu mir
an Bord zu steigen. Sie hatten einen Elefantenzahn zu verhandeln, aber
in ihren scheuen Blicken erriet ich die Angst und den Zweifel, ob sie
bei mir auch sicher sein wrden. Nun wollte es der Zufall, da ich einen
etwas nrrischen Matrosen im Boote hatte, der sich den Spa machte,
einen von unseren Gsten um den Leib zu fassen und ihn auf die schwarzen
Lenden zu klatschen. Allein dies berma von guter Laune brachte einen
so pltzlichen und heftigen Schreck ber sie alle, da sie sich kopfber
in ihr Kanot strzten und eiligst davonmachten, ohne ihres
Elefantenzahnes zu gedenken, den sie in unseren Hnden zurcklieen. In
einiger Entfernung hielten sie indes an, huben die Hnde in die Hhe und
baten um Auslieferung ihres Eigentums.

All mein Winken und gtliches Zureden zur Umkehr war vergeblich. Je
ernstlicher mein Unwille ber das so mutwillig gestrte gute Vernehmen
war, desto weniger bedachte ich mich, nach einem tchtigen Endchen Tau
zu greifen und den Friedensstrer im Angesichte jener nachdrcklich
abzustrafen. Diese Gerechtigkeitspflege gab ihnen wenigstens den Mut,
sich, obwohl mit Zittern und Zagen, soweit zu nhern, da wir ihnen
ihren Zahn ins Kanot werfen konnten. Da sie es aber immer noch
weigerten, sich uns nher anzuvertrauen, so lieen wir sie endlich in
Frieden ihres Weges nach dem Lande ziehen.

       *       *       *       *       *

Wenige Tage spter befand ich mich vor der Mndung eines kleinen
Flusses, genannt Rio de St. Paul, aus welchem zwei Neger in einem Kanot
zu mir herankamen, um mir den Kauf von zwei Sklaven und einer Kackebobe
(junge Sklavin, die noch nicht Mutter geworden) anzubieten, die sie
daheim bewahrten und wohlfeilen Preises loszuschlagen gedchten. Doch
war die Bedingung, da ich mit dem Boote zu ihnen in den Strom kommen
mute, weil sie mit ihren Nachbarn am anderen Ufer in offener Fehde
begriffen wren, die sie sonst mit ihrer Ware nicht ungehindert
passieren lassen mchten. Wie milich mir auch dieser Antrag deuchte, so
berwog doch endlich die Betrachtung, da ich bereits seit mehreren
Tagen zu gar keinem Handel hatte kommen knnen und da hier schon einmal
etwas gewagt sein wolle. Nachdem ich also meine kleinen Pller geladen,
die Gewehre zur Hand genommen und mich in gehrige Verfassung gesetzt
hatte, ruderte ich getrost auf den Ausflu zu, whrend die beiden
Schwarzen bei mir im Fahrzeuge verblieben.

Ein paar hundert Klafter mochte ich stromaufwrts gekommen sein, wo ich
beide Ufer dicht mit Gebsch verwachsen fand und der Flu selbst eine
Krmmung machte, als ich es unter solchen Umstnden doch fr ratsam
hielt, hier vor Anker zu gehen, wie sehr meine neuen Begleiter auch in
mich drangen, noch weiter hinauf bis an ihre Heimat zu fahren. Da ich
dies aber beharrlich weigerte, gingen sie in ihrem Kanot ab und kamen
mir aus dem Gesichte. Inzwischen verging wohl noch eine Stunde, die ich
in immer gespannterer Erwartung zubrachte, als pltzlich ein Schu fiel
und gleich darauf ein gewaltiger Lrm sich erhob. Hierdurch mit Recht
beunruhigt, lie ich augenblicklich das Bootsanker aus dem Grunde
reien, das Fahrzeug seewrts umwenden, und begann das Weite zu suchen.
Gleichzeitig strzte auch einer von jenen beiden Negern vom Ufer
herwrts in den Strom, schwamm zu uns ans Boot und verlangte aufgenommen
zu werden, indem er immerfort schrie: Sie sind da! Sie sind da! und
meinen Bruder haben sie schon in ihrer Gewalt!

Kaum hatte ich indes die Strommndung erreicht und die Brandung hinter
mir, so fllte sich auch das Seeufer mit einer groen Anzahl von
schwarzen Verfolgern, die mir eine Menge von Kugeln und Pfeilen
nachschickten, jedoch ohne jemand von uns zu treffen, wogegen aber
unsere Segel verschiedene Schsse empfingen. So kam ich also noch
leidlich gut aus einem Abenteuer davon, das mir und allen im Boote den
elendesten Tod htte bringen knnen, wenn ich nur noch eine einzige
Minute gezgert htte, an meinen Rckweg zu denken. Was aber nun mit
unserem neuen Bootskameraden beginnen? -- Wre es auch nach den
hollndischen Gesetzen nicht bei Lebensstrafe verboten, ffentlichen
oder heimlichen Menschenraub zu begehen, so htte ich mich doch
nimmermehr entschlieen knnen, sein Zutrauen so schndlich zu
mibrauchen und mich fr den verfehlten Handel an seine schwarze Haut zu
halten. Nachdem ich also noch etwa eine halbe Meile lngs dem Strande
gesegelt war, gab ich ihm seinen Freipa und lie ihn wieder nach dem
Lande schwimmen, wo der arme Teufel hoffentlich in Sicherheit gelangte.

Doch ehe ich noch ganz auerhalb des Bereiches unserer Widersacher kam,
bemerkte ich mit Verwunderung, da das Boot weder gehrig steuern, noch
so rasch von der Stelle wollte, als es seiner Besegelung nach gesollt
htte. In der Meinung, da sich Kraut oder Strauchwerk am Kiel verfangen
und das Steuerruder behindert habe, lehnte ich mich, soweit wie mglich,
ber Bord, um die Seiten und den Boden des Fahrzeugs unterhalb des
Wassers zu untersuchen. Da fand ich denn, da sich Tausende von
Neunaugen festgesogen hatten, die sich in dem sen Stromwasser befunden
und mit unseren Feinden gemeinschaftliche Sache gemacht zu haben
schienen, um uns dort zurckzuhalten. Da alles losreien mit den Hnden
nicht gengte, uns von diesem Ungeziefer zu befreien, so zogen wir
endlich einige Taue unter dem Boote durch, womit wir die Tiere
allmhlich abstreiften.

Whrend ich nun meinen Verkehr bald mit mehr bald mit weniger Glck an
der Kste fortsetzte und mich dabei immer weiter vom Schiffe entfernte,
begann mir allmhlich das frische Wasser zu mangeln, ohne da ich dessen
am Lande wieder htte habhaft werden knnen. Es schien mir demnach
geraten, mich wieder nach dem Schiffe hinzuwenden; gleichwohl aber fand
ich in der Zwischenzeit von dreizehn Tagen, samt meinen Gefhrten und
den paar erhandelten Negern, Gelegenheit, die steigenden Schrecknisse
eines unauslschlichen Durstes unter diesem glhenden Himmel zu
erproben. Wer es nicht selbst erfahren hat, ist durchaus unfhig, sich
dieses Elend in seiner ganzen Gre vorzustellen. Mit dem Mangel an
frischem Wasser wurden uns auch unsere trockenen Lebensvorrte an
Erbsen, Graupen usw. unbrauchbar, denn mit Seewasser gekocht, blieben
sie hart und waren zugleich von so bitterem Geschmack, da sie stets wie
das heftigste Brechmittel wirkten. Ebensowenig konnten wir unser
Pkelfleisch ungewssert kochen und verzehren, ohne unseren grausamen
Durst noch zu steigern, und selbst unseren trockenen Zwieback vermochten
wir unaufgeweicht nicht durch den ausgedrrten Hals zu wrgen.

In diesem Drangsal erinnerte ich mich, gehrt zu haben, da der sparsame
Genu des Branntweins in solchen Fllen ein erprobtes Mittel zur
Linderung des Durstes darbiete. Allein die kleine Probe, die wir damit
anstellten, bekam uns gar bel, denn die Hitze dieses Getrnkes trieb
uns so viel Galle in den Magen, da wir selbst den Mund bestndig voll
davon hatten und darber zum Sterben erkrankten. Trotz meiner von jeher
eisernen Natur befand ich mich am elendesten unter allen und lag fast
regungslos auf dem Verdeck. Nur unsere Sklaven schienen im ganzen von
dieser Not wenig angefochten zu werden.

In der Tat aber war es bei uns aufs Hchste gestiegen, als wir in der
Ferne ein Segel erblickten und um so freudiger darauf lossteuerten, da
wir es bald fr ein hollndisches erkannten. Wir klagten dem Kapitn
unser Elend und baten um Abhilfe, erhielten aber den schlechten Trost,
da es ihm selbst an frischem Wasser fehle, doch wolle er unserem
dringendsten Bedrfnisse abhelfen; und so schickte er uns wirklich ein
Fchen, das vielleicht ein halb Anker halten mochte, herber.

Mit einer Begierde, die keine Beschreibung zult, setzte ich sofort das
Gef an den Mund, und so wohl ward mir dabei, da ich fortgetrunken
haben wrde, bis ich auf der Stelle den Tod davon gehabt, wenn meine
Leute ebenso ungeduldig es mir nicht weggerissen htten. Als nun aber
auch einer nach dem anderen sich gtlich getan, war das Wasser schier
alle geworden. Die Leute, welche es uns in ihrer Schaluppe gebracht
hatten und Zeugen von diesem Auftritte waren, konnten des Erstaunens
ber unsere ausgedrrten Kehlen und unser Elend kein Ende finden. Um so
williger erfllten sie meine Bitte, ihren Kapitn um noch einigen Vorrat
anzugehen. Ihre Verwendung war auch nicht ohne Erfolg: es ward uns ein
zweites halbes Ankerfchen zugestanden.

Solchergestalt versehen, gnnten wir uns eine neue Erquickung, indem wir
uns sofort nicht nur einen Kaffee bereiteten, sondern auch einen Kessel
mit Graupengrtze zum Feuer brachten, um endlich wieder einmal eine
ordentliche warme Speise zu genieen. Das gleiche wiederholten wir am
nchstfolgenden Tage, aber mit dem dritten war nun auch wieder unsere
Labequelle versiegt, und das vorige Fasten wre wieder an die
Tagesordnung getreten, wenn wir nicht noch des nmlichen Tages ein Kanot
mit zwei Negern angetroffen htten, mit denen ich mich ber einen
kleinen Wassertransport vom Lande verstndigte. Allein die Burschen
merkten, da wir uns in Verlegenheit befanden, und forderten fr die
Lieferung von zwei Fchen, die ich ihnen zeigte, und deren jedes etwa
dreiig Quart enthalten mochte, einen so ungeheuern Preis an Waren, da
wir dafr in Europa den kstlichsten Wein htten kaufen knnen.

Drei Tage spter erreichten wir unser lngst ersehntes Schiff, das bei
Kap la How kreuzte; aber unsere diesmalige Fahrt, die gleichwohl bis in
die fnfte Woche gewhrt hatte, war in jedem Betracht ungnstig
ausgefallen, denn wir brachten nur drei Sklaven und fnf Elefantenzhne
mit. Glcklicher war unter der Zeit das Schiff selbst in seinem Handel
gewesen.

       *       *       *       *       *

Whrend der acht Tage, die ich am Borde verweilte, um mich, mit Hoffnung
besseren Erfolgs, auf eine neue Bootsreise anzuschicken, kam ein Schiff
unter franzsischer Flagge und als Fregatte gebaut in unseren
Gesichtskreis, welches von Norden nach Sden lngs der Kste steuerte.
Sogleich auch gab mir mein Kapitn den Auftrag, mit der Schaluppe
hinberzusegeln und nach neuen Zeitungen ber Krieg und Frieden in
Europa nachzufragen, damit wir, falls unsere Nation seit unserer Abfahrt
irgend in Krieg verwickelt worden wre, unsere Maregeln desto sicherer
danach nehmen knnten. Den schon genannten franzsischen Matrosen Josef
nahm ich mit als Dolmetscher.

Dort angelangt, fand ich eine Menge von Schiffsoffizieren (oder mochten
es Passagiere in Uniform sein) vor, die meine Begrung mit Hflichkeit
erwiderten und ebenso auch meine Fragen ber ihren Kurs und wie lange
sie bereits in See gewesen, beantworteten. Indem ich auf diese Weise
vernahm, da sie vor etwa vier Wochen von Havre de Grace in See
gegangen, fiel mir augenblicklich jenes von seiner Mannschaft verlassene
Schiff ein, welches wir im vorigen Oktober in der spanischen See
angetroffen und besetzt hatten und welches gleichfalls von jenem Hafen
nach den Antillen bestimmt gewesen. Ich trug demnach meinem Dolmetscher
auf, die Herren zu fragen, ob und was ihnen von diesem Schiffe bewut
sein mchte?

Schon an ihren verwunderten Gesichtern konnte ich es spren, da sie mit
diesem Ereignisse bereits bekannt sein mten, und nun erfuhr ich von
ihnen folgende Umstnde, die mich dem vlligen Aufschlusse jener
rtselhaften Begebenheit um manches nher fhrten. Das Schiff war,
nachdem es uns so pltzlich von der Seite verschwunden, wider all unser
Hoffen glcklich in Rotterdam angekommen, wo man aus den vorgefundenen
Papieren sofort ersehen hatte, da es von Havre de Grace ausgefahren
gewesen. Diesem zufolge hatten die hollndischen Behrden sowohl an den
Handelsstand in jenem franzsischen Hafen ein Zirkulr erlassen, als
durch die Zeitungen ffentlich bekannt gemacht: Kapitn Johann Harmel
mit dem Schiffe Christina von Rotterdam habe in den spanischen Gewssern
ein franzsisches Schiff menschenleer umhertreibend angetroffen, mit
Mannschaft besetzt und nach Holland fhren lassen. Bei nherer
Untersuchung sei befunden worden, da hinten unterhalb Wassers zwei
Lcher durch das Schiff gebohrt gewesen, indem der dazu gebrauchte
Bohrer noch daneben gelegen. Die stumpfe Schneide desselben habe jedoch
verursacht, da die Spne von der ueren Plankenhaut nicht scharf
abgeschnitten worden, sich in die ffnung zurckgelegt, voll Wasser
gesogen und dadurch verhindert htten, da dieses habe eindringen und
das Schiff zum Sinken bringen knnen. Nicht minder wunderbar habe
eingedrungene Nsse das Fortglimmen einer schon brennenden, zehn Fu
langen Lunte gewehrt, deren entgegengesetztes Ende zu einem Pulverfasse
geleitet worden. Aus beiden frevelhaften Versuchen aber gehe deutlich
hervor, da das Schiff mutwillig und ohne Not verlassen worden und
entweder habe sinken oder in die Luft fliegen sollen.

Whrend nun durch diese Kundmachungen die Reeder des Schiffes
aufgefordert worden, sich zu ihrem Eigentume zu melden, hatte auch der
franzsische Kapitn desselben von Lissabon aus an sie nach Havre de
Grace geschrieben: sein Schiff sei im Meerbusen von Biscaya so leck
geworden, da er befrchtet, jeden Augenblick sinken zu mssen, als zum
Glck ein schwedischer Ostindienfahrer in seine Nhe gekommen, der sich
auf sein dringendes Bitten habe bewegen lassen, ihn und die brige
Mannschaft zu ihrer aller Lebensrettung an seinen Bord abzuholen. Dieser
sei darauf zu Lissabon angekehrt und habe sie smtlich dort ans Land
gesetzt. Er habe nicht unterlassen, hier mit seinen Leuten alsogleich
eine gerichtliche eidliche Erklrung abzulegen, die er zugleich mit
einsende.

Beide Nachrichten, welche zu der nmlichen Zeit in Umlauf kamen, lieen
es in ihrer Zusammenstellung keinen Augenblick zweifelhaft, da der
franzsische Kapitn ein abgefeimter Betrger gewesen, und auch die
darauf angestellte gerichtliche Untersuchung ergab, da er mit zwei
Mit-Reedern des Schiffs unter einer Decke gesteckt, indem sie dasselbe
zu gleicher Zeit in London, Amsterdam und Hamburg fr groe Summen
versichern lieen. Diese sahen nun ihrer gerechten Strafe entgegen; ihr
Mitschuldiger aber (wahrscheinlich unter der Hand von ihnen selbst
gewarnt) hatte es frs Klgste gefunden, sich in Lissabon unsichtbar zu
machen, ohne wieder nach seiner Heimat zu verlangen.

Fr unser Schiffsvolk ward ich, als ich mit diesen Nachrichten von der
glcklichen Bergung unserer schon verloren gegebenen Prise wieder an
Bord kehrte, ein wahrer Freudenbote: denn nun durfte jeder auf seinen
Anteil an der Prmie hoffen. Es begann sofort ein Handel ber den
anderen wegen dieser zu erwartenden Prisen-Gelder. Einige verkauften ihr
Anrecht fr wenige Flaschen Branntwein, andere fr etliche Pfund Tabak,
ohne sich um die wahrscheinliche bervorteilung zu kmmern.

       *       *       *       *       *

Nach Verlauf einiger Tage rstete ich mein Boot zu einer neuen dritten
Handelsfahrt zu; und diesmal durfte ich auch fr meinen Privatverkehr,
im Einkauf von Staubgold, gewisseren Vorteil hoffen, da wir uns nunmehr
im Angesichte der sogenannten Goldkste befanden.

So verschwenderisch hat die Natur hier ihr edelstes Metall verbreitet,
da selbst der Seesand dessen in hinreichender Menge mit sich fhrt, um
die Mhe des Einsammelns zu vergten. Wenn daher vormittags die Sonne
hoch genug gestiegen ist, um den nackten Negern die Lufttemperatur
behaglich zu machen, finden sie sich zu Hunderten am Strande ein. Dann
setzen sie sich dicht neben dem Ablauf der Wellen ins Wasser, und jeder
hlt eine tiefe hlzerne Schssel (deren die Schiffe ihnen als
Handelsware zufhren) vor sich zwischen den Knien, nachdem er sie zuvor
voll goldhaltigen Sandes geschpft. Sie wissen diese Gefe so geschickt
zu drehen, da jede anlaufende Welle darber hinsplt und etwas von dem
leichteren Sande ber den Rand mit sich fortschwemmt, whrend das Metall
sich vermge seiner natrlichen Schwere tiefer zu Boden senkt. Dies wird
so lange wiederholt, bis der Sand beinahe gnzlich verschwunden ist und
das reine Staubgold, kaum noch mit einigen fremden Krnern untermischt,
sichtbar geworden. Die Neger wissen es sodann gar geschickt und behende
in ihre kleinen Dosen aufzufassen, die wir ihnen gleichfalls zum
Verkaufe bringen. Auf diese Weise habe ich wohl selbst zum ftern
gesehen, da manche binnen acht bis zehn Stunden den Wert von sechs bis
zwlf und mehr hollndischen Stbern zuwege brachten.

Noch wei ich aus den deshalb angestellten Erkundigungen, da sie auch
weiter landeinwrts mit dem dort befindlichen goldhaltigen Kiessande auf
eine hnliche Art verfahren, indem sie diese Erdklumpen in die Nhe
eines Gewssers tragen und Erde, Sand und Kies so lange durcheinander
rhren und aussplen, bis sie zu dem nmlichen Erfolg gelangen. Hier
aber finden sich auch nicht selten bedeutendere Stckchen Goldes, selbst
von der Gre wie unser grober Seegries. Die Neger nennen es heiliges
Gold, durchbohren es, reihen es auf Fden und schmcken mit diesen
kostbaren Schnren Hals, Arme und Beine. In solchem stattlichen Putze
zeigen sie sich gern auf den Schiffen, und so trgt oft ein einziger
einen Wert von mehr als tausend Talern am Leibe.

Stellen sie ihr gewonnenes Gold auf den europischen Fahrzeugen zum
Kaufe, so werden ihnen zuvor die Tauschwaren vorgelegt und ber deren
Wert eine bereinkunft getroffen. Dieser Wert wird in Bontjes
bestimmt, oder Stckchen Goldes, etwa eine Erbse schwer und zu sechs
Stber Geldwert zu berechnen. Acht Bontjes betragen ein Entis oder einen
Taler hollndisch, und zehn Entis ein Lot, dessen Wert zu vierundzwanzig
hollndischen Gulden oder nach Unzen zu zweiundvierzig Gulden
angeschlagen wird. Die Neger ihrerseits bedienen sich hnlicher
Gewichte, welche aber gegen die hollndischen jedesmal zu kurz kommen.

Hier geht nun das Streiten und Zanken an. Immer noch fehlt etwas -- noch
etwas, und so weiter, bis man denn zuletzt unter Zanken und Streiten
doch einig wird. Betrogen aber werden die Neger endlich doch immer, wie
schlau sie es auch anfangen mgen! Mancher Weie lt sich sogar
absichtlich die Ngel an den Fingern lang wachsen, rhrt damit in dem
Staubgolde unter dem Vorwande, als werde er noch gelben Sand unter den
Metallkrnchen gewahr, umher, und kraut sich dann unmittelbar darauf
mit den Ngeln in den Haaren, um die aufgefischte Beute dort abzusetzen.
Haben sich endlich die Verkufer entfernt, so kmmt er sein struppiges
Haar mit einem engen Kamme wohl durch und bringt dadurch zuweilen zwei
und noch mehr Bontjes Goldstaub vom Kopfe. Niemand rechnet sich diese
Hinterlist zum Vorwurf. Es heit dann immer: Nun, was ist's mehr? Ist's
doch nur ein Neger, der angefhrt wird!

Nachdem ich endlich eines Morgens meine Fahrt wirklich angetreten hatte
und etwa drei Meilen vom Schiffe entfernt war, kam mir noch an dem
nmlichen Nachmittage ein kleines englisches Schiff zu Gesichte, das
ungewhnlich nahe am Strande vor Anker lag, whrend ein Teil der Segel
und des Takelwerks sich in grter Unordnung befand und wild um die
Masten peitschte. Indem ich meine Begleiter auf diese in solcher Lage
unbegreifliche Nachlssigkeit aufmerksam machte, beschlo ich, mich
diesem Fahrzeuge zu nhern, ob ihm vielleicht Hilfe vonnten sein
mchte. Bald kam ich im Heransegeln so dicht an seine Seite, da ich ihm
zurufen konnte: Warum er sich in diese gefhrliche Nhe an einem
unsichern Strande gelegt habe?

War ich bereits verwundert, so ward ich es noch vielmehr, als sich kein
einziger Weier am Borde blicken lie, dagegen aber wohl zwanzig bis
dreiig Neger auf dem Verdeck herumstanden und -gingen. Vor allem
zeichnete sich ein Kerl auf dem Hinterteile, mit einem blauen berrocke
bekleidet, durch seine Keckheit aus, indem er ein kurzes weitmndiges
Schiegewehr (wir nennen es eine Donnerbchse) in der Hand fhrte und
auf uns anlegte. Ein anderer stand vorn mit einer weien Weste ohne
rmel und lag mit seinem Gewehre ebenfalls im Anschlage auf uns. Auch
die brigen alle lngs dem Borde winkten mit den Hnden abwrts und
schrien aus vollem Halse: Go way! Go way (Packt euch!)

Was war natrlicher zu glauben, als da dies Schiff soeben in die Gewalt
der Schwarzen geraten, welche die englische Mannschaft ermordet htten
und im Begriff stnden, ihre Beute auszuplndern. Hier war es also
allerdings nicht ratsam, lange zu verweilen. Ich steuerte demnach ab
gegen den Wind: doch indem ich mich auer der Schuweite sah, fing ich
an zu berlegen, da es nicht gar ehrenvoll fr uns aussehen wrde, die
schwarzen Ruber ihr Wesen so ganz ungestrt treiben zu lassen. Ich
beriet mich mit meinen Leuten, ob nicht ein entschlossener Angriff auf
die Brut zu wagen sein mchte? Denn wenn wir gleich mit einem tchtigen
Feuer auf sie anrckten, so war ich der Meinung, da die Kerle, da sie
so dicht am Lande lagen, bald ber Bord springen und uns das Schiff als
gute Prise berlassen wrden.

Dieser Vorschlag mit so glnzender Aussicht auf Gewinn verbunden gewann
sich alsobald ihren ungeteilten Beifall. Um mir aber jede knftige
Verantwortung und ble Nachrede zu ersparen, fuhr ich fort: Ihr habt
aber auch gesehen, da wenigstens zwei von ihnen Schiegewehre fhren
und es sicherlich auch gebrauchen werden, bevor sie uns das Feld rumen.
Sollte nun einer oder der andere von uns dabei zu Schaden kommen, so
sage niemand, ich htte ihn zu dem Unternehmen gezwungen. Hier bedarf es
durchaus eines freiwilligen Entschlusses. Also: ja oder nein? Ihr
kaltbltiges Ja weckte das glimmende Feuer in mir zur vollen lichten
Flamme. -- Wir gehen drauf los und jagen die schwarzen Bestien durch
ein Knopfloch? fragte ich noch lauter und heftiger. -- Ja, das wollen
wir! scholl mir zur Antwort entgegen. -- Nun denn! Immer drauf, in
Gottes Namen!

Sofort sprang ich nun hinten in die Luke, ergriff ein kleines Pulverfa,
das sechzehn Pfund enthielt, trat ihm hastig mit einem Fustoe den
Boden ein, fllte meinen Hut mit Pulver, eilte damit aufs Deck, lud
meine sechs Bller allein, setzte auf jede Ladung zwei Kugeln und lie
ein paar angezndete Lunten in Bereitschaft halten. Den besten und
zuverlssigsten Mann setzte ich ans Ruder mit dem Befehl, da er von
vorn auf das Schiff zusteuern und dann lngs dem Borde hinwegstreifen
sollte. Das Abfeuern meines Geschtzes behielt ich mir selbst vor, um
meines Zieles desto sicherer nicht zu fehlen, wogegen meine brigen
Leute im rechten Augenblicke mit dem Handgewehre ihr Bestes tun sollten.

Wie gesagt, so geschehen! Wir steuerten so dicht auf die erhoffte Prise
los, da wir ihren Bord im Vorberfahren mit einem Bootshaken htten
entern knnen. Whrenddem gab ich zugleich aus all meinen vier Bllern
Feuer, hatte aber den Schreck, zu sehen, wie sie samt und sonders
zersprangen, weil ich sie in meinem Eifer stark berladen hatte. Was
mich jedoch auf der Stelle trstete, indem wir nun hinter das Schiff
kamen, war die gelungene Frucht meines Knallens -- der Anblick einer
guten Anzahl schwarzer Kpfe im Wasser, die bereits eifrig dem Lande
zuschwammen.

Jetzt rief ich meinen Leuten zu: Das Boot umgelegt! Nun dran! Nun
geentert! Handgewehr aufs Deck! -- Ich selbst sprang wiederum hinten in
die Luke hinab, um die Gewehre, die uns frher hinderlich gewesen wren,
schnell hervorzulangen: aber da sprudelte mir von unten ein mchtiger
Wasserstrahl aus dem Boden des Fahrzeuges entgegen. Es war nicht anders
zu erklren, als da, whrend der Pulverdampf alles erfllte, im
Vorberfahren jener Kerl mit der Donnerbchse vom hheren Hinterteile
herab gerade in die offene Luke gehalten und den Boden so unglcklich
durchschossen haben mute.

Ich trat augenblicklich mit dem Fue auf das Loch und schrie nach
irgendeinem Kleidungsstcke, um davon einen Pfropfen zu drehen und
diesen in oder auf die ffnung zu stopfen. Meine Leute aber standen alle
wie bedonnert, ohne meine Meinung zu fassen. Endlich ri ich mir selbst
das Hemd vom Leibe, wickelte es so fest zusammen als mir mglich war und
suchte dem Unheil vorlufig damit abzuhelfen. Doch wie ich nun auf das
Deck kam, nahm ich wahr, da das Boot fast bis zum Sinken tief lag und
das eingedrungene Wasser es binnen der kurzen Zeit schier bis oben
erfllt hatte. Noch empfindlicher aber ward mir dies Unglck in der
Betrachtung, da ich soeben erst mein Schiff verlassen hatte und nun
mein noch vollstndiger Vorrat von Handelswaren durchnt und nur zu
gewi verdorben worden. An die Fortsetzung des Gefechts war unter diesen
Umstnden nicht mehr zu denken, und alle unsere schon erlangten Vorteile
muten aufgegeben werden.

Ich entfernte mich also mit groem Schaden von dem Kampfplatze.
Dreiviertel Meilen weiter von hier, unter dem Winde, nahm ich ein Schiff
vor Anker wahr, auf welches ich zusegelte, bis ich neben ihm gleichfalls
den Anker fallen lie, um mein eingedrungenes Wasser auszupumpen. Der
Kapitn jenes Schiffes kam in seiner Schaluppe zu mir, weil er
wahrgenommen, da ich bei jenem Fahrzeuge geschossen und zu wissen
wnschte, was dies zu bedeuten gehabt. -- Mein Bericht setzte ihn ebenso
sehr in Erstaunen, als er mir sein Beileid bezeigte, denn ich hatte
soeben die unerfreuliche Entdeckung gemacht, da meine Waren nicht nur
smtlich unter Wasser gelegen, sondern da auch die Pulverfsser durch
das Schlingern des Bootes ihren Inhalt dem Wasser mitgeteilt und all
meine Zeugwaren vllig schwarz gefrbt hatten.

Der Kapitn bemerkte, da er das englische Fahrzeug bereits seit drei
Tagen dort habe liegen sehen. Gegen den Wind habe er nicht heransteuern
knnen; und da auch sein Boot gerade auf einer Handelsreise abwesend
sei, so habe er bisher einen unttigen Zuschauer abgeben mssen. Er
wolle mir aber mein Boot in mglichst kurzer Zeit wieder dicht machen
helfen, sich persnlich mit mir vereinigen, noch etwa zehn oder zwanzig
Kpfe von seinen Leuten mit zu Hilfe nehmen, und das englische Schiff
mit mir gemeinschaftlich angreifen und nehmen. Allein ich hatte in dem
Augenblicke den Kopf zu voll von meinem Unglcke. Ich schlug ihm daher
meine Teilnahme an der Fortsetzung dieses Abenteuers ab; und
wahrscheinlich wre es auch ebenso fruchtlos abgelaufen, denn schon am
nchstfolgenden Morgen sahen wir das englische Schiff vllig am Strande
liegen, wohin es die Schwarzen hatten treiben lassen.

Fr mich blieb nun kein anderer Rat, als mich wieder nach unserer
Christina zu wenden und eine neue Ausrstung zu verlangen. Indes mag
sich der Leser selbst eine Vorstellung davon machen, mit welch garstigem
Willkommen ich dort, nach Abstattung meines Berichtes, von meinem
Kapitn empfangen wurde, der das Unglck hatte, fast bestndig betrunken
zu sein. Er wollte mich totstechen, totschieen, oder mir sonst auf eine
neue, noch unerhrte Manier den Garaus machen. Da ich nun meinerseits
des Glaubens war, da ich vollkommen recht und pflichtmig gehandelt,
und ich den unglcklichen Zufall, der hier den Ausschlag gegeben, nicht
verantworten knnte, so mochte ich auch nicht demtig zu Kreuze
kriechen; und so gab es nun noch drei Wochen lang zwischen uns nichts
als tglichen Verdru (denn im rger sprach mein Gegner nur um so
fleiiger der Flasche zu und ward dann wie ein tolles Tier), bis wir
endlich vor St. George de la Mina anlangten, um dort unsern letzten
Handel abzuschlieen.

Hier fand ich den Gouverneur Peter Wortmann noch von den nmlichen
wohlwollenden Gesinnungen gegen mich erfllt, wie ich ihn vormals
verlassen hatte. Ich klagte ihm bei Gelegenheit mein ganzes Unglck und
meine Mihelligkeit mit dem Kapitn, der mir alle Ruhe des Lebens
verbitterte. Er dagegen hie mich guten Mutes sein, indem er ehestens
den hohen Rat versammeln wolle, wo ich volle Freiheit finden wrde, mein
Verfahren zu verteidigen. Dies geschah auch wirklich bald nachher in
einer Sitzung, wozu auer den ordentlichen Rten noch fnf hollndische
Schiffskapitne, die dort eben mit ihren Schiffen auf der Reede lagen,
mit hinzugezogen wurden. Ich erklrte vor dieser Versammlung, unter dem
Vorsitze des Gouverneurs und im Beisein Kapitn Harmels, den ganzen
Verlauf der Sache mit dem Angriffe auf das englische Fahrzeug; da ich,
was ich getan, zugunsten unseres Schiffes und unserer Leute
unternommen, welche, wenn die Besitznahme geglckt wre, nach den
Seerechten zwei Drittel der Ladung als Bergelohn zu fordern berechtigt
gewesen sein wrden. Ob mein Angriff ungeschickt geleitet worden und ob
ich ohne den empfangenen Schu mein Vorhaben nicht unfehlbar erreicht
haben wrde, berlie ich dem Gerichte zur einsichtsvollen Beurteilung.
-- Die Folge dieser Verantwortung war, da ich einstimmig und mit Ehren
freigesprochen wurde.

       *       *       *       *       *

Whrend unseres ferneren Verweilens vor diesem Platze kam eines Tages
ein hollndisches Schiff auf der Reede vor Anker, welches sofort auch
die Notflagge wehen lie und mehrere Notschsse abfeuerte. Von allen
anwesenden Schiffen konnte indes nichts zu etwaigem Beistande geschehen,
da unsere smtlichen Kapitne eben mit den Schaluppen an Land gegangen
waren und wir Steuerleute kein anderes Boot zu unserer Verfgung hatten.
Doch sahen wir bald, da vom Fort aus ein Kanot mit vier Negern abstie,
eiligst nach dem notleidenden Schiffe hinruderte und auch nach Verlauf
einer Stunde von dort wieder zurckkehrte.

Zwei Stunden spter kam dies nmliche Kanot, vom Lande aus, wieder zum
Vorschein und geradeswegs zu mir. Es brachte mir den schriftlichen
Befehl des Gouverneurs, mit diesen Negern zu ihm an Land zu fahren. Ich
befolgte diese Weisung, ohne mir's einfallen zu lassen, da meinem
Kapitn hiervon nichts gesagt worden. Indem ich aber in den groen Saal
trat, fand ich die nmliche Versammlung, vor welcher ich unlngst zu
Gericht gestanden, und auch den Kapitn Harmel an der Tafel bei einem
frhlichen Mittagsmahle sitzen. Kaum aber fate mich der letztere ins
Auge, so sprang er auf und fragte mich in rauhem Tone: was ich am Lande
zu schaffen htte? -- Statt der Antwort berreichte ich ihm das von Sr.
Edelheiten dem Gouverneur erhaltene Billett und trat whrenddessen
hinter den Stuhl des letzteren, um zu fragen, was zu seinen Befehlen
stnde?

Da ist, hub dieser an, indem er aufstand und sich zu mir wandte,
soeben der Kapitn Santleven von Vliessingen auf der Reede angelangt
und befindet sich im uersten Drangsal. Er selbst liegt krank im Bette;
seine Steuerleute sind tot; er hat daneben beinahe hundert Sklaven an
Bord, und seine Not und Verlegenheit ist dermaen gro, da er hat eilen
mssen, diese Station zu erreichen, um von den hier liegenden Schiffen
einen Steuermann zu erlangen, der die Fhrung des Schiffes bernehmen
mchte. Ich und die brigen Herren Kapitne hier wnschten ihm darin,
wie billig, zu willfahren und haben Euch, mein lieber Nettelbeck, zu
diesem Posten ersehen.

Bevor noch der Gouverneur seinen Antrag geendigt hatte, begann schon
mein Kapitn, ihn unterbrechend, dagegen aus allen Krften zu
protestieren, wie sehr auch die brigen Anwesenden bemht waren, ihn
davon zurckzuhalten. Zuletzt wandte er sich ganz wtend gegen mich und
gebot mir: Nettelbeck, Ihr verfgt Euch stehenden Fues auf mein Schiff
zurck und verseht den Dienst am Bord. Ich will und befehl' es! -- Dem
mute allerdings gehorcht werden! Ich wandte mich ruhig um und ging zum
Saale hinaus.

Kaum war ich aus der Tre, so hrte ich etwas hinter mir drein
schreiten. Es war einer von den tafelnden Kapitnen, der aufgesprungen
war, mich hastig an der Hand ergriff und mich fragte: Ich bitte Euch um
alles -- Ihr heit _Nettelbeck_? -- Ich bejahte; und nun fuhr jener noch
angelegentlicher fort: Und seid Ihr ein Kolberger? Wohnt nicht Euer
Vater dort am Markte? und habt Ihr nicht eine Schwester, die an einem
Fue hinkt? -- Ich bejahte wiederum, aber mit zunehmender Verwunderung,
teils ber diese genaue Kenntnis meiner Familie, teils ber die Absicht
all dieser Fragen. Nun denn, setzte er mit gleichem Feuer hinzu, so
mt Ihr ja auch einen Bruder in Knigsberg haben, der ein Schiff fr
eigene Rechnung fhrt? -- Der werde ich wohl selbst gewesen sein,
war meine Antwort. -- Wie? Nicht mglich! Ihr selbst? Nun denn, um so
weniger ... unterbrach er sich selbst, hielt mich noch fester und zog
mich strmisch wieder in das eben verlassene Zimmer zurck. Ich wute am
allerwenigsten, was dies alles zu bedeuten haben knnte.

Sein nchstes war nun, da er sich an den Kapitn Harmel wandte, ihn
freundlich umfing, und ihn schmeichelnd zuredete: Nicht wahr, lieber
alter Freund, Ihr gebt meinem und unser aller Drngen eine gute Statt,
und berlat diesen wackeren Mann an Santleven? Denn ich will's Euch nur
sagen: Fr alles, was Nettelbeck heit, la ich Leib und Leben; und ich
will Euch fr ihn einen meiner eigenen Steuerleute und einen befahrenen
Matrosen obenein, der es auch alle Tage werden knnte, an Bord schicken.
Topp? -- Auch die andern insgesamt umringten den zornigen Menschen und
redeten so lange auf ihn ein, bis er sich jede Ausflucht abgeschnitten
sah, und endlich mir halb ber die Achsel entgegenbrummte: So geht denn
meinetwegen zum Teufel! -- Das war und blieb mein Abschied!

Dagegen drang nun der Mann, der mir so das Wort geredet, in mich, jetzt
auch sofort mit ihm zu Kapitn Santleven an Bord zu gehen, wohin er mich
in seiner Schaluppe bringen wolle. Dies geschah auch, und indem wir nun
vom Strande abstieen, konnte ich mich der Frage nicht enthalten, woher
er eine so genaue Kenntnis meiner Familie habe, und wie er berhaupt
dazu komme, einen so warmen und freundschaftlichen Anteil an mir zu
nehmen.

Nun, erwiderte er lchelnd, das wird Euch weiter nicht wunder nehmen,
wenn Ihr hren werdet, was ich Euch zu erzhlen habe. Im Jahre 1764 fuhr
ich als Steuermann auf einem hollndischen Schiffe und hatte zwischen
Weihnachten und Neujahr das Migeschick, eine Meile von Kolberg zu
stranden und kaum das nackte Leben zu bergen. Des nchsten Tages fhrte
Euern Vater der Zufall in das Dorf und die armselige Bauernhtte, wohin
ich und meine brigen Unglcksgefhrten uns kmmerlich geflchtet
hatten. Die hellen Trnen traten ihm bei unserm Anblicke ins Auge.
Insonderheit richtete er seine Aufmerksamkeit auf mich, fragte mich ber
meine Umstnde aus und erbot sich auf der Stelle edelmtig, mich, wenn
ich wolle, mit nach Kolberg zu nehmen und fr mein weiteres Unterkommen
zu sorgen. Er habe auch zwei Shne in der See, und Gott wisse, wo und
wie auch _sie_ die Hilfe mitleidiger Seelen bedrfen knnten. Vorderhand
knne er zwar nur mich allein mitnehmen, allein auch fr die
Rckbleibenden solle baldigst Rat geschafft werden.

So kam ich, fuhr er fort, nach Kolberg in Euer vterliches Haus, wo
ich an Eures Vaters, Mutter und Schwester Seite gegessen und getrunken,
alle meine Notdurft empfangen und tausendfache Liebe und Gte genossen
habe. Eure Schwester versorgte mich mit Wsche; meine kleinsten Wnsche
wurden erfllt, und so erhielt ich von so liebreichen Hnden meine volle
Verpflegung bis ber Ostern hinaus, wo sich endlich eine
Schiffsgelegenheit fand, wieder nach der Heimat zurckzukehren. Aber
auch da noch steckte mir Euer Vater einen hollndischen Dukaten zum
Reisegelde in die Hand, und hinter seinem Rcken tat Euere Mutter mit
zwei preuischen harten Talern das nmliche. Oft genug erzhlten mir
beide von ihrem wackeren Sohne in Knigsberg; und ich hinwiederum
vertraute ihnen, da ich kein Hollnder, sondern ein preuisches
Landeskind und aus Neuwarp in Vorpommern gebrtig sei, Karl Friedrich
Mick heie und mich aus Furcht vor dem Soldatendienste auer Landes
begeben habe. Seit jenen Zeiten habe ich nun stets darauf gesonnen, wie
ich es mglich machen wollte, so viel Liebe und Gte nach Wrden zu
vergelten, und htte wohl nicht gedacht, da sich mir dazu hier an der
Kste von Afrika eine so erwnschte Gelegenheit auftun sollte. Wiewohl
ich noch immer nicht begreife, was fr ein widriges Schicksal Euch
hierher fhrt und Euere blhenden Umstnde so ganz verndert hat?

Die Antwort auf diese teilnehmende Frage mute ich dem guten Manne fr
diesmal noch schuldig bleiben, da wir soeben am Bord des Kapitns
Sandleven anlangten. Diesen fanden wir, beim Eintritte in die Kajte,
bettlgerig und in elender Verfassung. Mein Begleiter stellte mich ihm,
mit einer nachdrcklichen Empfehlung und Verbrgung, als denjenigen vor,
der ihm in Fhrung seines Schiffes und seiner Geschfte beirtig sein
solle, und auf den er sich in allen Fllen verlassen knne. Der gute
Mann streckte seine Arme nach mir aus, umfing mich inbrnstig und hie
mich von ganzem Herzen willkommen. Demnchst bergab er mir das vllige
Kommando, lie mich durch den Kapitn Mick dem Schiffsvolke vorstellen,
gab mir die ntige Einsicht in seine Papiere und Geschfte und war
solchergestalt nach Mglichkeit behilflich, da hier alles wieder mit
einem neuen Geiste und Leben beseelt wurde. Mir selbst war nicht minder
zumute, als sei ich aus der Hlle in den Himmel bergegangen.

Bevor nun mein neuer Freund mich verlie, bemerkte ich ihm, da ich auf
der Christina noch eine sechsmonatige Gage zu fordern htte; und er
versprach, da sie mir unverkrzt ausgezahlt werden sollte. Wirklich
geschah dies auch gleich am nchsten Tage mittels einer Anweisung des
Kapitns Harmel auf zweihundertsechzehn Gulden hollndisch an seine
Schiffsreeder, die Herren Rochus und Kopstdt in Rotterdam. Ebenso holte
ich meine Habseligkeiten aus dem alten in das neue Schiff ab, und war
von diesem Augenblicke an in dem letzteren vollkommen einheimisch.

       *       *       *       *       *

Nach gepflogener Beratschlagung mit meinem Kapitne wandten wir das
Schiff wiederum gegen die westlicher gelegenen Punkte, um unsere Ladung
durch fortgesetzten Handel zu vervollstndigen. Das beschftigte uns bis
in den September hinein, whrend welcher Zeit der gute Mann, zu meiner
nicht geringen Freude, sich merklich erholte und endlich auch wieder
auf dem Verdecke erscheinen konnte. Um so leichter lie sich nun auch
der Beschlu ausfhren, da ich mit dem Boote nach dem sechs Meilen von
uns entfernten hollndischen Forte Boutrou abgehen sollte, wohin wir mit
dem Schiffe zu kommen, durch Wind und Strmung verhindert wurden, und wo
sich gleichwohl vielleicht einiger Vorteil fr unsern Verkehr beschaffen
lie.

Auf dem Wege dahin erblickte ich ein Boot, das uns entgegensteuerte; und
aus dieser Richtung sowohl, als aus andern Umstnden erkannte ich
leicht, da es mit seinem Briefsacke nach St. George de la Mina zu
kommen gedenke und zu einem krzlich erst auf der Kste angelangten
Schiffe gehren msse. Dies machte mir Lust, mich ihm zu nhern und ihm
seine mitgebrachten Neuigkeiten abzufragen. Kaum aber war das Gesprch
angeknpft, so erkannte ich in dem jenseitigen Fhrer, mit
absonderlicher Verwunderung, den nmlichen Steuermann Peters, der uns in
vorigem Herbste mit der besetzten franzsischen Prise so unerwartet und
bei Nacht und Nebel davongegangen. Auch mein Gesicht ward ihm sofort
kenntlich; er rief meinen Namen, und wir verloren keinen Augenblick,
unsere Fahrzeuge aneinander zu befestigen, damit wir die tausend Fragen
und Antworten, die uns beiderseits auf der Zunge schwebten,
gegeneinander austauschen knnten.

Da er sich mit dem Schiffe glcklich nach Rotterdam hingefunden hatte,
war mir, wie der geneigte Leser wei, bereits im Mrz durch die
franzsische Fregatte zu Ohren gekommen. Allein wie er dies bei seinen
eingeschrnkten Kenntnissen vom Seewesen und ohne einen festen Punkt von
Lnge und Breite mit sich zu nehmen habe mglich machen knnen, wollte
mir ebensowenig, als da sein Verschwinden ein bloes Werk des Zufalls
gewesen sein sollte, einleuchten. Indes behauptete er doch, er habe, als
es Tag geworden, uns und die Christina weder gesehen, noch wieder
auffinden knnen, und sei also gentigt gewesen, seinen Kurs nach
Gutdnken, gegen den englischen Kanal zu einzurichten. In dieser
beibehaltenen Richtung sei er einige Tage spter auf ein englisches
Schiff gestoen, bei welchem er sich wegen der Lage und Entfernung von
Quessant befragt, aber von der Antwort wenig verstanden habe. Demnach
sei er getrost bei seinem anfnglichen Kurs geblieben, bis ihm des
nchstfolgenden Tages ein schwedisches Schiff die Auskunft erteilt, da
er Kap Landsend in Ostnordost 65 Meilen vor sich liegen habe; und dieser
willkommenen Weisung nachsteuernd, habe er denn auch, bei gnstigem
Winde, diese Landspitze des dritten Tages zu Gesicht bekommen, von dort
den Kanal hinaufgeleiert, ferner die flmischen Ksten mglichst in der
Nhe behalten, und so des fnften Tages auch glcklich Goree und die
Mndung der Maas erreicht.

Der Hafenmeister von Goree, als er zu ihm an Bord gekommen, habe ihn
alsbald wieder erkannt, da er erst vor wenigen Wochen von hier in See
gegangen. Er habe sich die brigen seltsamen, dies Schiff betreffenden
Umstnde berichten lassen, sich vor Verwunderung bekreuzigt und
gesegnet, aber auch um so weniger zulassen wollen, da er seinen Weg
stromaufwrts nach Rotterdam fortsetze, bevor nicht davon Bericht
erstattet und eine nhere Untersuchung verfgt worden. Beides sei
demnchst auf Veranstaltung des Handelshauses Rochus und Kopstdt durch
eigene Kommissarien geschehen, der Befund nach dem Haag an die Staaten
von Holland abgegangen und von dorther die Anweisung zu dem
gerichtlichen Verfahren gekommen, wovon bereits oben ausfhrliche
Meldung geschehen. Schiff und Ladung waren in der Folge gerichtlich zu
Verkauf gestellt und aus beiden ein Wert von neunundneunzigtausend
hollndischen Gulden gelst worden.

Von dieser bedeutenden Summe kamen nun, nach den hollndischen
Seerechten, zwei Drittel den franzsischen Eigentmern, ein Drittel aber
dem Schiffsvolke der Christina zu. Umgekehrt wre das Verhltnis
gewesen, wenn sich jener Hund nicht mehr als Wchter auf dem Schiffe
befunden htte, um dieses als vllig herrenlos anzunehmen, woraus denn
zu ersehen, was fr eine sonderbare Gerechtigkeit die Seegesetze auf
einem Schiffe selbst einem Hunde einrumen. Denn dieser hier verdiente
seinem Herrn durch sein Bellen, womit er uns empfing, reine
zweiunddreiigtausend Gulden!

Das Drittel, welches unserm Schiffe zufiel, kam zur Hlfte wiederum den
Reedern zugute; die andere hingegen dem Schiffsvolke, nach Magabe der
Monatsgage, die jeder zu empfangen hatte. Ob jedoch hierbei ganz nach
den richtigsten Grundstzen verfahren wurde, mag man daraus entnehmen,
da, als ich in der Folge, als gewesener Obersteuermann der Christina,
meine Forderung an diese Prisengelder in Holland geltend machte, mir
zweiundvierzig Gulden ausgezahlt wurden. -- Von Peters aber habe ich nur
noch zu erzhlen, da er demnchst auf einem Schiffe des nmlichen
Handelshauses Rochus und Kopstdt als Obersteuermann, unter Kapitn
Schleu, angestellt worden, das jetzt bei Kap Monte lag und mit dessen
Briefsack er eben auf dem Wege nach St. George de la Mina begriffen war.

Einige Tage nachher traf ich zu Boutrou ein, ohne dort fr unser Negoz
etwas Tchtiges schaffen zu knnen. berall war fr diesen Augenblick im
Handel bereits aufgerumt, und die grere Anzahl der Schiffe, als ich
nach unserm Hauptfort zurckkehrte, von dort nach Amerika in See
gegangen. Es blieb uns daher nur brig, diesem Beispiele ungesumt zu
folgen, und zu dem Ende uns fr diese Reise mit Trinkwasser und
Brennholz zu versehen.

       *       *       *       *       *

Zu Anfang Oktober endlich verlieen wir die afrikanische Kste, um
unserer Bestimmung zuvrderst den Markt von Surinam zu besuchen. Zur
Beschleunigung der Fahrt wandten wir uns erst sdlich und gingen unter
der Linie durch, um jenseits derselben die gewhnlichen sdstlichen
Passatwinde zu gewinnen, vor welchen man dann westlich und nordwestlich
hinluft, bis man von neuem die Linie passiert, um die nordstlichen
Passatwinde zu benutzen und mit ihnen die Reise zu beendigen. Die
Krankheiten und die Sterblichkeit, welche unter den Sklaven bei jeder
verlngerten Dauer der berfahrt einzureien pflegen, machen es
wnschenswert, diese auf jede Weise abzukrzen. Unsere Ladung bestand aus
vierhundertfnfundzwanzig Kpfen, worunter sich zweihundertsechsunddreiig
Mnner und einhundertneunundachtzig Frauen, Mdchen und Jungen befanden.

ber die Art, die Unglcklichen paarweise zusammenzufesseln, und ber
das zweifache Behltnis vorn im Schiffe, wo sie, jedoch beide
Geschlechter durch ein starkes Gitterwerk voneinander geschieden, den
Tag ber zubringen, ist schon oben das Ntige beigebracht worden. Vor
jener Plankenwand stehen zwei Kanonen, deren Mndung gegen das Behltnis
der Mnner gerichtet ist, und die gleich anfangs in ihrem Beisein mit
Kugeln und Karttschen geladen wurden, nachdem man ihre mrderische
Wirkung durch Abfeuern gegen einige nahe und entfernte Gegenstnde
begreiflich gemacht hat. Heimlich aber werden nachher die Kugeln und
Karttschen wieder herausgezogen und statt deren die Stcke mit Grtze
geladen, damit es im schlimmsten Falle doch nicht gleich das Leben
gelte. Denn -- die Kerle haben ja Geld gekostet!

Die Weiber und die Unmndigen haben bei Tage ihren Aufenthalt hinter der
Wand auf dem halben Deck und knnen ihre mnnlichen Unglcksgenossen
zwar nicht sehen, aber doch hren. Allen ohne Ausnahme wird des Morgens,
etwa um zehn Uhr, das Essen gereicht, indem je zehn einen hlzernen
Eimer, der ebensoviel Quart fassen mag, voll Gerstgraupen empfangen. Die
Stelle, wohin jede solche Tischgesellschaft sich setzen mu, ist durch
einen eingeschlagenen eisernen Nagel mit breitem Kopfe genau bezeichnet,
und alles sitzt ringsumher, wie es zukommen kann, um das Gef mit
Grtze, welche mit Salz, Pfeffer und etwas Palml durchgerhrt ist; doch
keiner greift um einen Augenblick frher zu, als bis dazu durch den
lauten Schlag auf ein Brett das Zeichen gegeben worden. Bei jedem
Schlage wird gerufen: Schuckla! Schuckla! Schuckla! Den dritten Ruf
erwidern sie alle durch ein gellendes Hurra! und nun holt der erste
sich seine Handvoll aus dem Eimer, dem der zweite und die brigen in
gemessener Ordnung folgen.

Anfangs geht dabei alles still und friedlich zu. Neigt sich aber der
Vorrat im Gefe allmhlich zu Ende und die letzten mssen besorgen, da
die Reihe nicht wieder an sie kommen drfte, so entsteht auch Hader und
Zwiespalt. Jeder sucht dem Nachbar die Kost aus den Hnden und beinahe
aus dem Munde zu reien. Da nun diese Szene jedesmal und bei jedem
Gefe schier in dem nmlichen Moment zutrifft, so kann man sich den
Lrm und Spektakel denken, der dann auf dem Schiffe herrscht und wobei
die Peitsche den letzten und wirksamsten Friedensstifter abgeben mu.
Diese wiederhergestellte Ruhe wird dazu angewandt, ihnen den ledigen
Eimer mit Seewasser zu fllen, damit sie sich Mund, Brust und Hnde
abwaschen. Zum Abtrocknen gibt man ihnen ein Ende aufgetrieseltes Tau
(Schwabber genannt), worauf sie paarweise zu der Swassertonne ziehen,
wo ein Matrose jedem ein Gef, etwa ein halb Quart enthaltend, reicht,
um ihren Durst zu stillen.

Nach solchergestalt beendigter Mahlzeit und nachdem das Verdeck mit
Seewasser angefeuchtet worden, lt man das ganze Vlkchen reihenweise
und dicht nebeneinander sich niederkauern und jeder bekommt einen
hollndischen Ziegelstein (Mopstein) in die Hand, womit sie das Verdeck
nach dem Takte und von vorn nach hinten zu scheuern angewiesen werden.
Sie mssen sich dabei alle zugleich wenden, und indem sie bald vor-,
bald rckwrts arbeiten, wird ihnen unaufhrlich neues Seewasser ber
die Kpfe und auf das Verdeck gegossen. Diese etwas anstrengende bung
whrt gegen zwei Stunden und hat blo den Zweck, sie zu beschftigen,
ihnen Bewegung zu verschaffen und sie desto gesunder zu erhalten.

Hiernchst mssen sie sich in dichte Haufen zusammenstellen, wo dann
noch dichtere Wassergsse auf sie herabstrmen, um sie zu erfrischen und
abzukhlen. Dies ist ihnen eine wahre Lust; sie jauchzen dabei vor
Freude. Noch wohlttiger aber ist fr sie die folgende Operation, indem
einige Eimer, halb mit frischem Wasser angefllt und mit etwas
Zitronensaft, Branntwein und Palml durchgerhrt, aufs Verdeck gesetzt
werden, um sich damit den ganzen Leib zu waschen und einzureiben, weil
sonst das scharfgesalzene Seewasser die Haut zu hart angreifen wrde.

Fr die mnnlichen Sklaven sind ein paar besonders lustige und pfiffige
Matrosen ausgewhlt, welche die Bestimmung haben, fr ihren munteren
Zeitvertreib zu sorgen und sie durch allerlei gebrachte Spiele zu
unterhalten. Zu dem Ende werden auch Tabaksbltter unter sie ausgeteilt,
welche, nachdem sie in lauter kleine Fetzen zerrissen worden, als
Spielmarken dienen und ihre Gewinnsucht mchtig reizen. Zu gleichem
Behufe erhalten dagegen die Weiber allerlei Arten Korallen, Nadeln,
Zwirnfden, Endchen Band und bunte Lppchen, und alles wird aufgeboten,
um sie zu zerstreuen und keine schwermtigen Gedanken in ihnen aufkommen
zu lassen.

Spiel, Possen und Gelrm whren fort bis um drei Uhr nachmittags, wo
wiederum Anstalten zu einer zweiten Mahlzeit gemacht werden, nur da
jetzt statt der Gerstgraupen groe Saubohnen gekocht, zu einem dicken
Brei gedrckt und mit Salz, Pfeffer und Palml gewrzt sind. Die Art der
Abspeisung, des Waschens, Trocknens, Trinkens und Abrumens bleibt dabei
die nmliche, nur wird mit allem noch mehr geeilt, weil unmittelbar
darauf die Trommel zum lustigen Tanze gerhrt wird. Alles ist dann wie
elektrisiert, das Entzcken spricht aus jedem Blicke, der ganze Krper
gert in Bewegung, und Verzuckungen, Sprnge und Posituren kommen zum
Vorschein, da man ein losgelassenes Tollhaus vor sich zu sehen glaubt.
Die Weiber und Mdchen sind indes doch die Versessensten auf dieses
Vergngen, und um die Lust zu vermehren, springen selbst der Kapitn,
die Steuerleute und die Matrosen mit den leidlichsten von ihnen
zuzeiten herum; -- sollte es auch nur der Eigennutz gebieten, damit die
schwarze Ware desto frischer und munterer an ihrem Bestimmungsorte
anlange.

Gegen fnf Uhr endlich geht der Ball aus, und wer sich dabei am meisten
angestrengt hat, empfngt wohl noch einen Trunk Wasser zu seiner Labung.
Wenn dann die Sonne sich zum Untergange neigt, heit es: Macht euch
fertig zum Schlafen unter Deck! Dann sondert sich alles nach Geschlecht
und Alter in die ihnen unter dem Verdecke angewiesenen, aber gnzlich
getrennten Rume. Voran gehen zwei Matrosen und hinterdrein ein
Steuermann, um acht zu haben, da die ntige Ordnung genau beobachtet
werde, denn der Raum ist dermaen enge zugemessen, da sie schier wie
die Heringe zusammengeschichtet liegen. Die Hitze darin wrde auch bald
bis zum Ersticken steigen, wenn nicht die Luken mit Gitterwerk versehen
wren, um frische Luft zur Abkhlung zuzulassen.

Eine Leiter fhrt zu einer ffnung in diesem Gitter, die gerade weit
genug ist, um zwei Menschen durchzulassen, und vor welcher die ganze
Nacht hindurch ein Matrose mit blankem Hauer die Wache hlt, der immer
nur paarweise aus und ein lt, was durch irgendein Bedrfnis
hervorgetrieben wird. Da indes die Rckkehrenden selten ihre
Schlafstelle so gerumig wiederfinden, als sie sie verlassen haben, so
nehmen Lrm und Geznke die ganze Nacht kein Ende, und noch unruhiger
geht es begreiflicherweise bei den Weibern und Kleinen zu. Gewhnlich
mu zuletzt die Peitsche den Frieden vermitteln.

Gewhnlich werden sechs bis acht junge Negerinnen von hbscher Figur zur
Aufwartung in der Kajte ausgewhlt, die auch ihre Schlafstelle in deren
Nhe, sowie ihre Bekstigung von den brigbleibenden Speisen an des
Kapitns Tische erhalten. Begnstigt vor ihren Schwestern, sammeln sie
nicht nur allerlei kleine Geschenke an Kattunschrzchen, Bndern,
Korallen und kleinem Kram ein, womit sie sich wie die Affen ausputzen,
sondern der Matrosenwitz gibt ihnen auch den Ehrennamen von Hofdamen,
sowie den einzelnen diese oder jene spahafte Benennung. Bei Tage aber
mischen sie sich gern unter ihre Gefhrtinnen auf dem Deck, wo jede
sofort einen bewundernden Kreis um sich her versammelt, in dessen Mitte
sie stolziert und sich den Hof machen lt.

Bekanntlich kommen alle diese unglcklichen Geschpfe beiderlei
Geschlechts ganz splitternackt an Bord, und wenn sie gleich selbst wenig
danach fragen, so hat doch der Anstand (wie sehr er auch sonst auf
diesen Sklavenschiffen verletzt werden mag) ihre notdrftige Bedeckung
geboten. Die Weiber und Mdchen empfangen daher einen baumwollenen
Schurz um den Leib, der bis an die Kniee reicht, und die Mnner einen
leinwandenen Gurt, der eine Elle in der Lnge und acht Zoll in der
Breite hlt und den sie, nachdem er zwischen den Beinen durchgezogen
worden, hinten und vorne an einer Schnur um den Leib befestigen.

Wenn sie nun gleich auf diese Weise im eigentlichsten Sinne _nichts_ mit
sich auf das Schiff bringen, so vergehen doch kaum einige Wochen oder
Monate und sie haben allesamt, besonders die weiblichen Personen, ein
Paket von nicht geringem Umfange als Eigentum erworben, welches sie
berall unterm Arm mit sich umherschleppen. Wie man sich indes leicht
denken kann, besteht dieser ganze Reichtum in nichts als allerlei
Lappalien, die sie zufllig auf dem Verdecke gefunden und aufgehoben
haben -- abgebrochenen Pfeifenstengeln, beschriebenen und bedruckten
Papierschnitzeln, bunten Zeugflecken, Stckchen Besenreis und
dergleichen Schnurrpfeifereien. Hierzu erbitten sie sich nun von den
Schiffsleuten den Zipfel eines Hemdes oder sonst eines abgetragenen
Kleidungsstckes, um ihren Schatz hineinzubndeln.

Aber nur zu oft begngt sich ihre Begehrlichkeit nicht an dem, was ihnen
das Glck auf diesem Wege zuwirft, sondern sie bestehlen sich
untereinander und da entsteht denn Klage ber Klage, als wren ihnen
alle Kleinodien der Welt abhanden gekommen. Der wachhabende Steuermann
verwaltet sodann das strenge Richteramt, veranstaltet Untersuchungen,
wobei jeder sein Bndel vorweisen und auskramen mu und wobei es seiner
Gravitt oft schwer genug wird, sich des Lachens zu enthalten, und
verfgt endlich ber den ertappten Dieb einige gelinde Peitschenhiebe.
So geht es heute, so morgen und so alle brigen Tage whrend der Dauer
der Reise; nicht anders, als ob man mit lauter Affen und Narren zu tun
htte.

       *       *       *       *       *

ber unsere diesmalige Fahrt, quer durch den Atlantischen Ozean, wei
ich nur wenig zu sagen, wenn ich nicht wiederholen soll, was hundert
Reisebeschreiber vor mir bereits erwhnt haben. Dahin gehrt das
Leuchten des Meerwassers in manchen dunklen Nchten, das Emporflattern
ganzer Rudel von fliegenden Fischen, wie wir's bei uns zu Lande an den
Sperlingen zu sehen gewohnt sind, und manches mehr. Dagegen bemerke ich,
was meines Wissens andere noch nicht angezeigt haben, da, wenn man sich
von der Kste von Guinea etwa zehn oder mehr Meilen entfernt hat, sich
das Seewasser pltzlich verndert. Es wird klarer, blauer und
durchsichtiger. Gibt es nun zugleich eine vollkommene Meerstille, wie
sie in diesem Striche nicht ungewhnlich ist, und ebnet sich dann die
Flut zu einer Spiegelflche, so gibt es einen unbeschreiblich
wunderbaren Anblick, in das kristallhelle Wasser, wie in einen dichteren
Himmel unter sich, zu schauen und es von unzhligen Fischen und
Seegeschpfen in tausend verschiedenen Richtungen wimmeln zu sehen. Man
fngt ihrer auch von allen Arten, soviel man will, doch haben sie, den
fliegenden Fisch ausgenommen, alle ein hartes, unschmackhaftes Fleisch
und werden fr wenig gesund gehalten.

Die Sklavenschiffe pflegen auf dieser berfahrt das Boot, womit sie den
Nebenhandel an der afrikanischen Kste betrieben haben, nicht wieder
einzunehmen und aufs Deck zu setzen, weil es dort den Raum fr die Neger
zu sehr beengen wrde. Wenn es daher die Witterung nur irgend
gestattet, kreuzt es neben dem Schiffe und wird gebraucht, mit
begegnenden Schiffen nhere Gemeinschaft zu pflegen. Man besetzt es
daher fortdauernd und von acht zu acht Tagen mit sieben Mann, unter
denen wenigstens einer sich etwas auf Kurs und Steuerkunst versteht, und
diese erhalten zugleich hinreichende Provisionen, um auch im belsten
Falle einer Trennung von ihrem Schiffe sich helfen zu knnen.

Ohne einigen widrigen Zufall langten wir gegen Mitte Dezember in dem
Flusse Surinam an, wo wir jedoch, in einer Entfernung von vier bis fnf
Meilen von Paramaribo, ankerten, um die Gesundheitskommission von
dorther zu erwarten, weil diese zuvor untersucht haben mu, ob nicht
etwa ansteckende Krankheiten am Borde des neuangekommenen Schiffes
herrschen, bevor die Erlaubnis zum Einlaufen gegeben werden kann. Dies
war gleichwohl unser Fall nicht, da wir (was verhltnismig sehr wenig
sagen will) binnen den vier Monaten, die ich mich nunmehr auf diesem
Schiffe befand, nicht mehr als vier von unseren Matrosen und sechs
Sklaven verloren hatten. Als daher jene Herren uns am nchsten Tage
besuchten, fanden sie kein Bedenken, uns in die Kolonie zuzulassen.

Ich fr meinen Teil hatte indes noch einen besonderen Grund mehr, ihrer
Erscheinung mit einigem Verlangen entgegenzusehen, und um dies gehrig
zu erklren, sehe ich mich gentigt, hier etwas aus meiner frheren
Lebensgeschichte nachzuholen.

       *       *       *       *       *

Im Jahre 1764, als ich noch in Knigsberg wohnte und mich in besserem
Wohlstande befand, geschah es, da ich eines Tages einen Faden Brennholz
vor meiner Tre spalten lie. Der ltliche Mann, der zu diesem Geschfte
herbeigeholt worden, schien es weder mit sonderlicher Lust noch mit
groer Geschicklichkeit zu verrichten. Ich lie mich mit ihm in ein
Gesprch ein und gab ihm wohlmeinend zu verstehen, da es mir schiene,
als wrde er mit dieser Hantierung in der Welt nicht viel vor sich
bringen. Ob er sich auf nichts anderes und Besseres verstnde? -- Seine
Antwort war, er habe es in der Welt mit viel und mancherlei versucht,
ohne dabei auf einen grnen Zweig zu kommen; aber was einmal zum Heller
ausgeprgt sei, werde nimmermehr zum Taler. -- Nun, nun, versetzte ich
scherzend, das hinderte gleichwohl nicht, da Ihr nicht noch einmal ein
groer Herr wrdet und in der Kutsche fhret! Aber an Eurer Mundart
vernehme ich, da Ihr nicht von Kind auf Knigsberger Brot gegessen
habt. Vielleicht sind wir gar Landsleute? -- Knnte wohl sein.
Irgendein Unglckswind hat mich einmal hierher nach Preuen verschlagen.
Eigentlich bin ich ein pommerisch Kind und aus Belgard. -- Ei, aus
Belgard? und Euer Name? -- Kniffel. -- Kniffel? Kniffel?
wiederholte ich nachsinnend, indem mir etwas aufs Herz scho. Und habt
Ihr noch Brder am Leben? -- Ein paar wenigstens, die aber schon vor
vielen Jahren, gleich mir, in die weite Welt gingen, ihr Glck zu
suchen, und von denen ich weiter nicht wei, wohin sie gestoben oder
geflogen sind.

Jetzt lie ich mir noch die Vornamen der Verschollenen nennen und nun
war ich meiner Sache gewi. Es waren die nmlichen Gebrder Kniffel, die
ich vormals in Surinam kennen gelernt und die sich dort zu so
bedeutendem Wohlstande emporgearbeitet hatten, whrend dieser dritte
Bruder so gut als ein Bettler geblieben. Ohne ihm darber einen Floh ins
Ohr zu setzen, ging mir doch das Ding je lnger je mehr im Kopfe herum.
Ich erfuhr auf weiteres Befragen, da er verheiratet sei und eine
einzige Tochter, ein Mdchen von sechzehn oder siebzehn Jahren, habe.
Bald auch stellte ich bei anderen Leuten Erkundigungen nach dieser
Familie an, die den Vater als einen halben Narren bezeichneten, von der
Mutter auch eben nicht sonderlich viel Gutes zu rhmen wuten, aber der
Tochter das Zeugnis eines gutartigen, lieben Geschpfes, doch ohne
Bildung und feinere Sitten, beilegten.

Nun wute ich, da die reichen Brder in Surinam ohne Kinder waren, und
ich kannte sie als so rechtliche Leute, da ich ihnen mit Gewiheit
zutrauen durfte, sie wrden gern bereit sein, etwas fr ihre arme
Verwandte zu tun, sobald sie mit der bedrngten Lage derselben bekannt
wren. Kurz es lie mir keinen Frieden, bis ich wieder der gutherzige
Tor geworden, der es nicht lassen konnte, sich in anderer Leute Hndel
zu mischen, sobald er glaubte, da es zu irgend etwas Gutem fhren
knne. Ich setzte mich also hin, schrieb an jene Herren in Surinam, wie
ich zuflligerweise mit ihrem Bruder bekannt geworden, und berlie es
ihrem Ermessen, ob sie die drftige Lage der Familie nicht in etwas
erleichtern wollten.

Der Brief ging ber Holland an seinen Bestimmungsort ab. Da es jedoch
leicht Jahr und Tag dauern konnte, bevor eine Antwort darauf zu erwarten
war, so nahm ich mich denn derweile der Leutchen an, so gut ich
vermochte, um sie von drckendem Mangel zu schtzen. Das Mdchen lie
ich etwas besser kleiden und den frher versumten Unterricht nach
Mglichkeit wieder einbringen, wobei es denn auch nicht an guten
Ermahnungen zu einem ehrbaren christlichen Wandel mangelte. So ging das
fort, bis endlich Briefe an mich einliefen, worin meine alten Gnner und
Freunde mir herzlich dankten, da ich ihnen einen langgehegten Wunsch
erfllt und ihnen ihren lngst totgeglaubten Bruder wieder zugewiesen.
Sie htten die Veranstaltung getroffen, diesem durch ein Knigsberger
Handelshaus eine jhrliche Leibrente auszahlen zu lassen, wovon sie
glaubten, da er seine brigen Lebenstage damit bequem und gemchlich
wrde ausreichen knnen.

Sodann aber erffneten sie mir ein Verlangen, worin sie wnschten und
mich aufforderten, ihnen noch nher die Hnde zu bieten. Mir sei bewut,
da sie unbeerbt lebten, und doch mchten sie gern die Freude genieen,
einen Blutsverwandten um sich zu sehen und einst ihr Vermgen in dessen
Hnde zu bergeben. Ich mchte also sehen, ob es tunlich sei, die
Tochter ihres Bruders mit Einwilligung der Eltern dahin zu vermgen, die
Reise zu ihnen nach Surinam zu unternehmen. Es sei ihre Absicht, sie an
Kindes Statt anzunehmen, und sie wrden sie mit offenen Armen und Herzen
aufnehmen. Sei sie dazu nicht abgeneigt, so wrde ich dahin zu sorgen
haben, sie auf eine sichere und bequeme Weise nach Amsterdam an das Haus
ihres dortigen Korrespondenten zu adressieren, von wo ihre weitere Reise
bers Meer in gleicher Art veranstaltet werden sollte. Da diese
Auftrge zugleich mit reichlichem Ersatze fr meine aufgewandte Mhe und
Auslagen verbunden waren, bedarf kaum einer Erwhnung.

Man kann leicht denken, mit welcher freudigen berraschung die Eltern
die Zeitung von dem hellen Glckssterne empfingen, der ihnen so
unverhofft jenseits des Meeres aufgegangen; aber auch, da die
Wohlhabenheit, in welche sie sich so auf einmal versetzt sahen, ihnen
mehr oder weniger die Kpfe verrckte. Leicht auch entschlossen sie
sich, in die Trennung von ihrem Kinde zu willigen, so wie dieses selbst
an Sinn und Neigung noch zu sehr ein Kind war, um nicht mit leichtem
Mute in den Aufruf so gtiger Verwandten einzustimmen, die es zu sich
entboten. Indes war doch auch in der Zwischenzeit in des Mdchens
uerem Wesen eine ihr sehr vorteilhafte nderung vorgegangen, und es
schien mir keinem Zweifel unterworfen, da sie sich in der Zuneigung
ihrer Oheime behaupten wrde. Es fand sich Gelegenheit, sie der Obhut
eines meiner Freunde, der ein Schiff nach Amsterdam fhrte,
anzuvertrauen. Ich wute, da sie dort glcklich angekommen war und
ebenso wohlbehalten die berfahrt nach Surinam gemacht hatte. Von dort
hatte ich die schriftlichen Danksagungen meiner Freunde empfangen, aber
spterhin war unser brieflicher Verkehr unterbrochen worden, so da ich
seit mehreren Jahren nicht wute, wie es um sie und ihr angenommenes
Kind stehen mchte. Beides hoffte ich nunmehr von den an Bord
erschienenen Gesundheitskommissarien zu vernehmen.

Leider erfuhr ich, da die Gebrder Kniffel schon vor einigen Jahren mit
Tod abgegangen. -- Aber was ist aus einem Frauenzimmer -- einer
Anverwandten aus Deutschland -- geworden, die vor nicht gar zu langer
Zeit in die Kolonie gekommen und als die mutmaliche Erbin ihrer Oheime
angesehen wurde? -- Ei, das ist sie auch wirklich geworden, war die
Antwort, und nicht nur im vollen Besitze des ganzen ungeheuren
Kniffelschen Vermgens, sondern auch gegenwrtig die Gemahlin des
Bankdirektors Mynheer van Roose und zu Paramaribo wohnhaft. -- Schmerz
und Freude wechselten bei diesen Nachrichten in meinem Gemte, doch war
ich voller Begierde, mich der Frau van Roose auf eine gute Art
vorzustellen.

Dazu fand sich gleich am nchsten Tage Gelegenheit, als wir uns im
Angesichte der Stadt vor Anker gelegt hatten, indem ich meinen
Negerjungen von einer Anzahl mitgebrachter blauer Papageien, wie sie
hier unter die Seltenheiten gehren, den schnsten auf die Hand und
einen Affen auf den Kopf nehmen, dann aber vor mir hin nach dem mir noch
von alters her gar wohlbekannten Kniffelschen Hause traben lie, wo auch
gegenwrtig die reiche Erbin noch wohnen sollte. Jetzt wimmelte es darin
von schwarzen Sklavinnen, durch deren eine lie ich der Frau van Roose
mein Verlangen melden, ihr aufwarten zu drfen.

Alsbald trat sie aus ihrem Zimmer hervor und mein erster Blick lie mich
sie wieder erkennen, obwohl sie seither stattlich ausgewachsen war. Ich
darf indes wohl gestehen, da mir, als sie so leibhaftig vor mir stand,
doch etwas wunderlich ums Herz war, und da mir's einigermaen den Atem
versetzte, als ich die Frage an sie richtete: ob es ihr nicht beliebe,
etwas von meinen afrikanischen Raritten zu kaufen? -- Anstatt mir
darauf zu antworten, fate sie mich nicht weniger scharf ins Auge, als
das meinige auf ihr haftete. Mein Gott! rief sie endlich, Gesicht und
Stimme kommen mir so bekannt vor ... Es ist unmglich, da ich Sie nicht
schon irgendwo gesehen haben sollte -- 

Ei freilich wohl! gab ich zur Antwort. -- Den alten Nettelbeck aus
Knigsberg werden Sie so ganz und gar nicht vergessen haben!

Nun entfuhr ihr ein lauter Freudenschrei; sie fiel mir mit beiden Armen
um den Hals, die hellen Trnen strzten ihr aus den Augen (und mir war's
auch nicht weit davon), bis ihr endlich im berma der Rhrung in meinen
Armen beinahe die Sinne schwanden. Darber erhob sich ein Geschrei und
Lrmen unter der schwarzen Dienerschaft, das weit umher erscholl und
endlich auch den erschrockenen Hausherrn herbeifhrte. Dieser stutzte
nicht wenig, seine Gattin in halber Ohnmacht am Halse und in den Armen
eines unscheinbaren Fremden zu erblicken. Er sprang herzu, fragte, was
es gbe, und fand sie ebensowenig imstande, ihm eine Antwort zu
stammeln, als ich selbst mich vor inniger Rhrung vermgend fhlte, ihn
zu befriedigen: Dies ist der Mann, von dem ich dir so oft erzhlt habe
-- der erste Urheber meines Glckes -- der ehrliche Nettelbeck, der sich
in Knigsberg meiner annahm. O Gott! --

Mehr konnte sie nicht sagen, weil eine neue Schwche sie anwandelte. Der
Gatte und ich nahmen sie unter beide Arme und fhrten sie in das
anstoende Zimmer zu einem Kanapee, wo denn der Aufruhr in ihrer Seele
sich allmhlich wieder beruhigte. Nun jagten sich tausend verwirrte
Fragen -- wie es mir gehe? was ich treibe? wie ich hierher nach Surinam
komme? -- und war nicht eher befriedigt, als bis ich ihr in der Krze
meine neuesten Lebensschicksale erzhlt hatte. Ebenso unersttlich war
sie in Erkundigungen nach dem Ergehen ihrer Eltern, von denen sie seit
zwei Jahren keine Kunde erhalten habe. Ich war zwar selbst bereits seit
vier Jahren von Knigsberg abwesend, doch sagte ich, was ich wute: da
ihr Vater den wunderlichen Einfall gehabt, sich den Titel als Lizentrat
zu kaufen, und da er dieses und jenes treibe, was man ihm zugute halten
msse. Jene Standeserhhung hatte er ihr wohlweislich verschwiegen, und
sie konnte nicht umhin, recht herzlich darber zu lachen, bis sie denn
endlich hinzusetzte: Ei, und warum auch nicht? Lat doch dem alten
Manne die nrrische Puppe!

Jetzt dnkte mir's Zeit, wieder aufzubrechen, aber ich ward mit
liebreichem Ungestm zurckgehalten. Vergebens suchte ich mich mit
meinen Verhltnissen als Obersteuermann zu entschuldigen, die keine gar
zu lange Entfernung vom Schiffe zulieen. Doch auch dem wuten sie zu
begegnen, indem sie nach meinem Kapitn aussandten und ihn gleichfalls
freundlich zur Tafel einluden. Dieser, der wute, was fr eine
Erkennungsszene mich am Lande erwartete, schlug es nicht aus, und seine
Gegenwart diente nur dazu, unser geselliges Vergngen noch zu erhhen.

Unter dem lebhaftesten Hin- und Herfragen bemerkte endlich Frau van
Roose, da auf den Sklavenschiffen oftmals einige Verlegenheit wegen der
Herbeischaffung frischer Mundvorrte zu entstehen pflege. Diese fr uns
zu beseitigen, wrde sie Befehl geben, da von ihren drei Plantagen
tglich so viel Lebensmittel an Bord geschafft werden sollten, als wir
irgend bedrfen mchten. Den Wert dafr knne der Kapitn mir nach einem
billigen Mastabe zugute schreiben. Da dies nun auch whrend der
vierzehntgigen Dauer unseres hiesigen Aufenthaltes zur Ausfhrung kam,
so erwuchs mir dadurch ein kleiner Vorteil von hundertvierzig Gulden;
doch noch mehr verpflichtet fhlte ich mich durch die liebevolle
Aufnahme, deren ich mich binnen dieser Zeit in dem Roosenschen Hause
fast tglich zu erfreuen hatte.

       *       *       *       *       *

Unser Hauptgeschft bestand hier indes im Verkaufe unserer schwarzen
Ware, worber ich mich mit einigen Worten zu erklren habe. Gewhnlich
erlt der Schiffskapitn bei seiner Ankunft in der Kolonie ein Zirkular
an die Plantagenbesitzer und Aufseher, worin er ihnen seine
mitgebrachten Artikel anempfiehlt und die Kufer zu sich an Bord
einladet. Bevor jedoch diese anlangen, wird eine Auswahl von zehn bis
zwanzig Kpfen, als der erlesensten unter dem ganzen vorhandenen
Sklavenhaufen, veranstaltet; man zeichnet sie mit einem Bande um den
Hals, und so oft ein Besuch naht, mssen sie unter das Verdeck kriechen,
um unsichtbar zu bleiben. Denn die Politik des Verkufers erfordert, da
nicht gleich vom Anfange an das beste Kaufgut herausgesucht werde und
dann der Rest, als sei er bloer Ausschu, in bsen Verruf komme.

Haben sich nun kauflustige Gste auf dem Schiffe eingefunden, so werden
die mnnlichen wie die weiblichen Sklaven angewiesen, sich in zwei
abgesonderten Haufen in die Runde zu stellen. Jeder sucht sich darunter
aus, was ihm gefllt, und fhrt es auf die Seite, und dann erst wird
darber gehandelt, wie hoch der Kopf durch die Bank gelten soll.
Gewhnlich kommt dieser Preis fr die Mnner auf vierhundert bis
vierhunderfnfzig Gulden zu stehen. Auch junge Burschen von acht oder
zehn Jahren und darber erreichen diesen Preis so ziemlich; ein
Weibsbild wird, je nachdem ihr Ansehen besser oder geringer ausfllt,
fr zweihundert bis dreihundert Gulden losgeschlagen; hat sie aber noch
auf Jugend, Flle und Schnheit Anspruch zu machen, so steigt sie im
Werte bis auf achthundert oder tausend Gulden und wird oft von Kennern
noch bedeutend besser bezahlt.

Ist der Handel abgeschlossen, so wird der Preis entweder zur Stelle bar
berichtigt, meist aber durch Wechsel ausgeglichen, oder es findet auch
ein Austausch gegen Kolonieerzeugnisse statt, und wenn die Kufer ihre
erhandelten Sklaven nicht gleich mit sich hinwegfhren, so bedingen sie
auch wohl ein, da der Kapitn sie im Boote oder in der Schaluppe an die
bezeichnete Plantage abliefern lt.

Zuletzt bleibt denn nun, nachdem allmhlich auch die erlesene Ware zum
Vorschein gekommen ist, wirklich nur der schlechtere Bodensatz zurck,
und um sich dessen zu entuern, mu nun der Weg des ffentlichen
Ausgebotes an den Meistbietenden beschritten werden. Zu dem Ende werden
diese Neger an dem dazu bestimmten Tage ans Land und auf einen eigenen
Platz gebracht, wo ein Arzt jeden Sklaven einzeln auf seine Tauglichkeit
untersucht. Dieser mu sodann auf einen Tisch treten; der Arzt legt
Zeugnis ab, da er fehlerfrei sei, oder da sich dieser oder jener
Mangel an ihm finde. Nun geschehen die Gebote der Kauflustigen, und so
wird, nach erfolgtem Zuschlage, bis zu dem letzten aufgerumt.

Wir hatten diesmal bei unserm Handel nur wenig Glck, was auch nicht
anders sein konnte, da nur kurz zuvor zwei Sklavenschiffe hintereinander
hier gewesen waren und den Markt berfllt hatten. Die schlechte
Erfahrung der ersten vierzehn Tage berzeugte uns daher von der
Notwendigkeit, einen vorteilhafteren Platz aufzusuchen, und unsere Wahl
fiel auf die benachbarte hollndische Kolonie Berbice.

       *       *       *       *       *

Am 1. Januar 1773 stachen wir demnach wieder in See.

Doch schon am nchsten Tage versprten wir pltzlich einen Leck von
solcher Bedeutung, da wir im vollen Ernste das Sinken frchteten und
uns mit der angestrengtesten Arbeit an den Pumpen kaum ber Wasser
erhalten konnten. Wir befanden uns hier einem unangebauten Striche der
Kste und der Mndung des Flusses Kormantin gegenber, die fnfzehn
Meilen nrdlich von Surinam liegt und bis dahin noch von keiner
europischen Macht in Besitz genommen war. Wollten wir nun nicht unser
Grab in den Wellen finden oder auf den Strand laufen und auch hier
vielleicht alles verlieren, so blieb uns nur der Versuch brig, in den
gedachten Flu einzulaufen und unseren Schaden auszubessern.

Ich ging mit der Schaluppe voraus und untersuchte die Einfahrt. Die
Mndung des Stromes war beinahe anderthalb Meilen breit und in der Mitte
vor ihr lag eine kleine Insel, niedrig und mit Rohr und Strauch
bewachsen. Das Fahrwasser fand ich bei der hchsten Flut nur dreizehn
Fu tief -- fr uns ein leidiger Umstand, da unser Schiff etwas ber
vierzehn Fu tief ging. Es galt demnach, dieses mindestens um anderthalb
Fu zu erleichtern, und zu dem Ende bedachten wir uns ebensowenig,
unseren gesamten eingenommenen Vorrat von frischem Wasser wieder ber
Bord laufen zu lassen, als unsere berzhligen Stangen und Rahen ins
Wasser zu lassen, sie zu einem Floe zu vereinigen und alles, was nur
irgend dem Verderben nicht ausgesetzt war, darauf auszuladen.

Dennoch lief uns mit der Ebbe eine so gewaltige Strmung entgegen, da
wir uns der Mndung nicht nhern durften, sondern unter Furcht und Sorge
die nchste Flut erwarten muten, und diese fhrte uns dann doch so weit
hinein, da wir Schutz vor den Wellen fanden und das Schiff dicht am
Lande auf den Grund setzen konnten. Bei der niedrigsten Ebbe stand es
vllig trocken auf einem Sandgrunde, und das hineingedrungene Wasser
lief wieder aus. Auf diese Weise machte es uns wenig Mhe, die
eigentliche Stelle des Lecks aufzufinden und gehrig wieder zu
verstopfen. Doch hielt uns diese Ausbesserung hier fnf bis sechs Tage
auf, whrend welcher Zeit uns an diesem Orte, trotz unseren fleiigen
Streifereien in der ganzen Gegend umher, auch nicht ein einziges
menschliches Wesen zu Gesichte kam, so da wir diese Ufer fr durchaus
unbewohnt halten muten.

       *       *       *       *       *

In Berbice, wo wir mit dem letzten Januar anlangten, fanden wir leider
ebenso schlechten Markt, indem bereits zwei Sklavenschiffe dort vor
Anker lagen. Wir hielten uns also auch nur drei Tage auf und steuerten
nach St. Eustaz, erreichten diese Insel in der Mitte Februars und hatten
das Glck, hier verschiedene Sklavenkufer von den spanischen
Besitzungen auf der Terra firma anzutreffen, an welche wir unsere Ladung
samt und sonders binnen drei Tagen mit Vorteil losschlugen.

Hier war es auch, wo wir mit dem Sklavenschiffe, welches mein wackerer
Freund und Landsmann Mick fhrte, wieder zusammenstieen. Er war auf der
berfahrt von Afrika gestorben und sein Steuermann traute sich nicht,
allein mit dem Schiffe nach Holland zurckzugehen. Man warf daher die
Augen auf mich, diese Fhrung zu bernehmen, und des Bittens und
Bestrmens war so lange kein Ende, bis ich mich dazu entschlo und auch
Kapitn Sandleven einwilligte, mich von seinem Schiffe zu entlassen. Wir
schieden als Freunde und mit einem Herzen voll gegenseitiger Liebe und
Achtung; ich ging in den letzten Tagen des Februars von St. Eustaz ab
und warf um die Mitte Aprils vor Vlissingen, wohin das Schiff gehrte,
glcklich die Anker. Die Reeder bewilligten mir auer meiner gebhrenden
Gage noch ein besonderes Geschenk von hundert Gulden und wrden mich
auch gern in ihrem Dienste behalten haben, wenn ich nicht geglaubt
htte, einer anderweitig erffneten Aussicht folgen zu mssen.

Es war nmlich gerade um diese Zeit, da eine englische Transportflotte
mit fnfzehnhundert Seesoldaten nach der Kste von Guinea abgehen
sollte, um die Besatzungen in den dortigen englischen Forts abzulsen.
Zugleich aber suchte man auch fr diese Expedition Seeleute und zumal
Steuermnner, welche jener Weltgegend kundig wren. Als mir ein solcher
Antrag geschah, bedurfte es keines langen Zuredens. Ich kam nach
Portsmouth, wo jenes Geschwader ausgerstet wurde, und man setzte mich
als Schiffsleutnant auf den Jupiter mit vierundsechzig Kanonen, gefhrt
von Kapitn Cappe, welcher diesem Konvoi zur Bedeckung dienen sollte. Es
schien mir schon der Mhe wert, auch einmal den _englischen_ Seedienst zu
versuchen.

       *       *       *       *       *

Schon im halben Mrz 1774 segelte die Flotte, auer dem Jupiter aus
sechs Transportschiffen bestehend, von Portsmouth aus, langte in den
ersten Tagen des Mai auf der Kste von Guinea an, schiffte nach und nach
ihre eingenommenen Truppen in den englischen festen Pltzen aus, nahm
die Reste der alten Garnisonen wieder an Bord und stach zuletzt, etwa
Mitte Juni, von Kap Coast quer ber den Ozean nach Jamaika hinber. Hier
langten wir nach sechs oder sieben Wochen glcklich an, verweilten auf
dieser Station noch einen Monat, lieen gleichwohl unsere bisherige
Begleitung, die ihre Frachten so schnell nicht einnehmen konnte, dort
zurck und erreichten im November England wieder, ohne da uns irgendwo
ein denkwrdiges Ereignis aufgestoen wre.

Meine Lust, mich im englischen Dienste umzusehen, hatte ich mit dieser
Reise vollstndig und fr immer gebt. Diese Verhltnisse und
Lebensweise waren nicht fr meinen nchternen deutschen Sinn gemacht.
Schwerlich auch kann man sich eine Vorstellung davon machen, wie rauh
und ungefgig es auf den Schiffen dieser Nation hergeht. Da ist keine
Ehre und kein Respekt, man hrt nichts anderes als Goddam! und brutale
Reden ohne Zahl. Alles, vom geringsten Matrosen an, ist gegen die
Offiziere im Widerspruch; wiewohl ich nicht zweifle, da sie dennoch,
wenn es irgend zum Schlagen kommt, untereinander einig und brav sind.
Von Ordnung habe ich auf diesen Schiffen wenig versprt. Selbst Essen
und Trinken hat keine bestimmte Zeit. Nicht selten hngt ein gekochtes
Stck Fleisch von zehn bis zwanzig Pfund am Mast, wovon sich ein jeder
abschneidet, wann und wie viel er will. Zu beiden Seiten daneben steht
das Brotfa und das Gef mit Grog (Wasser mit etwas Rum vermischt), um
die offene Tafel vollstndig zu machen. Dies Leben ging mir denn
freilich auf die Lnge zu bitter ein. Ich bat um meine Entlassung,
erhielt sie, und begab mich nach Amsterdam.

Whrend ich hier den Winter ber, wo es nichts fr mich zu tun gab, bis
in den Mrz 1775 verweilte, hatte ich Mue, ber meine Lebenslage und
was ich ferner tun und treiben sollte, reiflich nachzudenken. Ich hatte
jetzt meine vollen siebenunddreiig Jahre auf dem Nacken, hatte unter
tausend Gefahren und Mhseligkeiten und unter allen Himmelsstrichen
meine besten Jahre und Krfte im Dienste von Fremden verschwendet, und
sah immer deutlicher ein, wie wohl ich tun wrde, mit meinen Erfahrungen
meinem Vaterlande und mir selbst zu dienen. Dies brachte mich denn auch
zu dem Entschlusse, mein ferneres Fortkommen in meiner Vaterstadt, an
der ich noch immer mit ganzer Seele hing, zu suchen; demzufolge begab
ich mich nach wieder erffneter Schiffahrt als Passagier nach
Swinemnde, von wo ich mich nach Kolberg verfgte.

Eigentlich aber kam ich doch schon fr dieses Jahr zu spt, um eine
Anstellung im Seewesen zu finden. Ich begngte mich also, wieder eine
Navigationsschule zu erffnen, um junge Leute fr den Seedienst zu
bilden, denn an solchen Anstalten fehlte es damals noch gar sehr. Auch
darf ich mir das Zeugnis geben, da aus meinem Unterrichte nicht wenige
Schiffskapitne und Steuermnner hervorgegangen sind, welche sich jedes
Vertrauens berall wert erwiesen haben, und jetzt so viel ihrer noch
leben, auch schon mit Ehren graues Haar tragen. Einige von ihnen haben
in der Folge hier in Kolberg meine Stelle ersetzt und sich als Lehrer in
der Steuermannskunst verdient gemacht.

Da die Lehrlinge in solchen Schulen den Sommer hindurch den praktischen
bungen des Erlernten obzuliegen pflegen und der Unterricht meist nur
ihre migen Wintermonate ausfllt, so gab dieser auch mir nicht
hinreichende Beschftigung. Kurz, ich fhlte hier Langeweile, fhlte
aber zugleich, da ich an Geist und Leib noch keineswegs so flgellahm
geworden, um unttig hinter dem Ofen hocken zu mssen. Auf die Gefahr
also, fr wetterwendisch gehalten zu werden, will ich nur gestehen, da
mich nebenher doch immer wieder nach der eigenen Fhrung eines
tchtigen Schiffes verlangte, und da, da sich's damit nicht nach
meinem Sinne fgen wollte, meine Gedanken abermals auf Holland und die
jngst verlassene Lebensweise standen.

       *       *       *       *       *

Wer wei, was geschehen wre, wenn einige Freunde, die es mit ansahen,
wie mich der Ttigkeitstrieb verzehrte, mich nicht aufgemuntert htten,
da ich mir das Verdienst um meine Vaterstadt erwerben mchte, sie den
Sommer hindurch aus der Ferne, vom Stettinschen Haff her, und
reichlicher als es bisher der Fall gewesen, mit lebendigen Fischen zu
versorgen. So ganz zwar wollte dieses Projekt mir selbst nicht gefallen,
indes lie ich mich dazu berreden, kaufte ein Haus am Wasser, welches
die zu dieser Hantierung passende Einrichtung besa, und war nun darauf
aus, mir auch ein zu solchem Handel eingerichtetes Fahrzeug (man nennt
es eine Quatze) anzuschaffen. Zu dem Ende begleitete ich meinen guten
Freund, den Schiffer Blank, der eben nach Swinemnde steuerte, weil ich
dort oder in der Nachbarschaft mich zu meinem neuen Gewerbe am besten zu
versehen hoffte.

Ein steifer Sdwestwind wollte uns an jenen Hafen nicht sogleich
herankommen lassen, sondern trieb uns zwei oder drei Meilen weiter an
die Ksten der Insel Usedom und in die Gegend, wo einst die alte
wendische Handelsstadt Wineta im Meere versunken sein soll. Natrlich
drehte sich in solcher Nhe das Gesprch zwischen meinem Freunde und mir
um diesen Gegenstand. Man mu, sagte jener, bei der Schiffahrt sich
um so vieles und so genau bekmmern, und dieser merkwrdige Fleck ist
uns berdem so nahe gelegen, da es doch frwahr eine Schande wre, wenn
wir darber nicht mit Was und Wie und Wo sollten richtige Auskunft geben
knnen.

Das knnte ich wohl, war meine Antwort, aber doch nur auf Treu und
Glauben des hollndischen Schiffers, mit dem ich meine letzte Reise als
Passagier von Amsterdam nach Swinemnde machte. Dieser erzhlte mir,
als wir diesen nmlichen Strich hier hielten, er sei vor vier Jahren bei
jener versunkenen Stadt auf den Grund geraten und habe sein Schiff
verloren. Um so sorgfltiger habe er sich mit den Merkzeichen der Kste
bekannt gemacht, um sich knftig vor Schaden zu hten. Seht dort,
sprach er, ist ein schwarzer Berg im Westen, und weiter ostwrts liegt
ein anderer Berg von gleicher Farbe. Zwischen beiden entdeckt Ihr einen
weien Sandhgel, und gerade vor diesem, eine halbe Meile vom Lande, ist
das verwnschte Steinriff, das mich bald zum armen Manne gemacht htte.
-- Irre ich aber nicht, so stehen uns seine angegebenen Merkzeichen
dort gerade im Gesicht, und es mchte wohlgetan sein, ein wenig
aufzupassen.

Kaum war mir das Wort ber die Lippen, so stie unser Schiff pltzlich
und so hart auf den Grund, da uns die Fe unterm Leibe entglitten und
wir auf das Verdeck hinstrzten. Indem wir uns schnell besannen und um
uns schauten, berzeugten wir uns, da wir auf der nmlichen Stelle
festsaen, die den Gegenstand unseres Gesprches gegeben hatte. Denn
etwa zwanzig Klafter nrdlich vom Schiffe entdeckten wir eine ebene
Platte, die fast mit dem Wasserspiegel gleichstand, und deren Dasein uns
nur darum entgangen war, weil der Wind gerade vom Lande kam und also
schlichtes Wasser machte, da keine Brandung auf der Untiefe entstehen
konnte.

Was war indes zu tun? Der Schiffer lie flugs das Boot aussetzen, um
einen Anker auszubringen und daran das Schiff von der Bank wieder
abzuwinden. Ich selbst stieg hinein, um dies ins Werk zu setzen, und
fuhr sdlich von der Untiefe, die wir im Norden liegen sahen, abwrts.
In einer Entfernung von etwa achtzig Klaftern lie ich den Anker fallen,
erstaunte aber nicht wenig, als er noch berm Wasser stehen blieb, indem
die See hier an dieser Stelle nicht ber vier bis sechs Fu Tiefe hatte.
Der Anker mute wieder emporgebracht und nach dem Schiffe gezogen
werden.

Jetzt begann ich (was freilich frher htte geschehen sollen) rings
umher zu sondieren, um ein Fahrwasser von hinreichender Tiefe zu finden.
Es gab aber berall nichts als Klippen und Steine, dicht unter dem
Wasser; nur hinter uns war es offen, und ich sah, wir wrden uns des
nmlichen Weges zurckarbeiten mssen, den wir gekommen waren. Demnach
ward der Anker gerade nach hinten ausgebracht und die Schiffswinde in
Bewegung gesetzt, allein das Fahrzeug wollte weder wanken noch weichen.
Da wir nun mit Sandballast fuhren, so ward dessen eine ziemliche Menge
ber Bord geschafft, um das Schiff zu erleichtern, welches noch
immerfort auf den Grund stie, jedoch ohne Schaden zu nehmen.

Whrend jener Anstrengungen stieg ich abermals ins Boot, um den ganzen
Umfang dieser Bank noch weiter zu sondieren. Zuerst begab ich mich nach
der Stelle, die am hchsten und mit dem Wasser gleich lag, bestieg sie
und fand, indem ich mit den Fen tiefer scharrte, da der Grund aus
grobem Sande bestand, der mit einzelnen Brocken von Dachziegeln
untermischt war. Meines Vermutens mochte hier wohl frher ein Schiff,
mit solcherlei Ziegeln geladen, gestrandet sein und diese zu seiner
Erleichterung ber Bord geworfen haben.

Beim weiteren Umherfahren fand sich's, da diese Bank durchgehend aus
groen Steinblcken bestand, die mit vier bis fnf Fu Wasser
berflossen waren. Dazwischen gab es eine Tiefe von sechs bis sieben
Fu, und da das Wasser ziemlich klar war, lie sich die Lage der Steine
sehr wohl unterscheiden, aber durchaus keine absichtliche Anordnung und
Regelmigkeit darin entdecken. Diese ganze Steinplatte mag vielleicht
sechshundert Klafter in der Lnge und Breite haben. Zugleich aber fallen
ihre Rnder so steil ab, da, whrend jene Blcke nur auf die bemerkte
geringe Tiefe unter Wasser stehen, unmittelbar daneben der Seegrund sich
auf fnfzehn und mehr Fu vertiefte.

Es whrte fast sechs Stunden, bevor es uns gelang, wieder flott zu
werden. Whrend dieser Zeit trieb der starke Wind ein Boot vom Lande
herbei, worin sich zwei Bauernknechte, aber ohne Ruder, befanden. Statt
solcher waren sie mit ein paar Stangen versehen, womit sie ihr Fahrzeug,
sogut es angehen wollte, zu steuern versuchten, um bei uns an Bord zu
gelangen. In der Tat stieen sie auch so unvorsichtig und heftig gegen
unser Schiff an, da wir frchteten, ihr Fahrzeug wrde davon in Stcke
gehen.

Erst als wir sie an Bord hatten, wurden wir gewahr, da sie sich im
besten Sonntagsstaat befanden und mit einem gewaltigen Blumenstraue vor
der Brust im Knopfloche prangten. Auf unser neugieriges Woher? und
Wohin? nannten sie uns ihr nicht weit entlegenes Dorf und berichteten,
sie seien soeben auf dem Wege ber Feld nach der Kirche begriffen
gewesen, als sie unser Schiff auf dem Grunde sitzend erblickt htten,
und da sich zufllig in ihrer Nhe ein leeres Boot am Strande
vorgefunden, so wren sie in Gottes Namen hineingestiegen, um zu sehen,
ob sie uns damit einige Hilfe leisten knnten. Da es jedoch in dem
Fahrzeuge an Rudern gefehlt, mit denen sie ohnehin nicht umzugehen
wten, so htten sie gemeint, sich mit den vorrtigen Stangen wohl
notdrftig fortzuhelfen.

War das echt pommerisch brav und gutherzig gemeint, so mu man doch
gestehen, da es auch herzlich dumm beraten und ausgefhrt war. Denn
hatten sie nicht das Glck, vom Winde gerade gegen unser Schiff
getrieben zu werden, so kamen sie immer weiter landabwrts, waren ohne
Barmherzigkeit verloren, und kein Mensch htte auch nur einmal gewut,
wo sie hingestoben wren. Sie sahen endlich selbst ein, da sie einen
einfltigen Streich unternommen, und da wir inzwischen auch vom Grunde
glcklich wieder abgekommen waren, so banden wir ihr Boot an unserm
Schiffe fest und nahmen sie mit uns nach Swinemnde, wo es ihnen denn
berlassen bleiben mochte, wie sie wieder ihren Heimweg finden wollten.

Ich meinerseits ging von hier nach Caseburg, wo ich eine Quatze, wie ich
sie brauchte, fr vierhundert Taler erstand und, nachdem ich zugleich
eine Ladung lebendiger Fische eingenommen, mich nach dem Swinemnder
Hafen und so ber See nach Kolberg auf den Rckweg machte. Kaum aber war
ich aus der Swine und ber die Reede hinaus, und es an der Zeit, da
mein Koch Feuer anmachen sollte, so fand sich's, da der Lotse, der uns
in See gebracht, zufllig unsre Zunderbchse, womit er seine Pfeife in
Brand gesteckt, mit sich genommen hatte. Wir sahen uns dadurch ber zwei
Tage und drei Nchte ohne Feuer und Licht.

Nun machte ich mit meiner Quatze zwar noch mehrere Ausflge, aber diese
Fahrten und die ganze Hantierung waren, je lnger je weniger nach meinem
Sinne. berdem war der Absatz meiner Ware keineswegs so reiend, als man
mir vorgespiegelt hatte, und da zudem die Fische durch das heftige
Schlingern des Fahrzeuges in den Wellen hufig abstanden, so hatte ich
bei jeder Reise nur Verlust und Schaden. Ich gab also meinen Kram
beizeiten wieder auf, brachte meine Quatze nach Stettin und bot sie dort
zum Verkaufe aus. Das gelang mir aber erst nach Jahr und Tag, und ich
litt auch bei diesem Handel eine empfindliche Einbue. So kam also das
Jahr 1776 heran und fand mich wieder als Lehrer in der Steuermannskunst,
wobei ich mich, da ich tchtige und lernbegierige Schler hatte, immer
noch in meinem angemessensten Elemente befand. Auch im Winter 1777 trieb
ich diese ntzliche, wenn auch eben nicht sonderlich eintrgliche
Beschftigung.

       *       *       *       *       *

Am 28. April dieses Jahres stand ich hier in Kolberg, etwa um die
Mittagszeit, eines abzumachenden Geschftes wegen, beim Herrn Advokat
Krohn am Fenster, als mitten in unserm Plaudern pltzlich ein ganz
erschrecklicher Donnerschlag geschah, so da jener vor Schrecken neben
mir niederstrzte und wie ohne Leben und Besinnung schien. In der Tat
glaubte ich, da er vom Blitzstrahle getroffen worden, bis mein Rtteln
und Schtteln ihn endlich doch wieder auf die Beine brachte. Wo hat es
eingeschlagen? fragte er, immer noch hochbestrzt. -- Ich hoffe,
nirgends, war meine Gegenrede, oder mindestens doch nicht gezndet, da
Regen, Schnee und Hagel die Luft erfllen und alle Dcher triefen.

Allein im nmlichen Augenblicke auch strzte der Kaufmann, Herr Steffen,
welcher schrg gegenber wohnte, aus seinem Hause hervor, schlug die
Hnde berm Kopf zusammen, schrie aus Leibeskrften und richtete dabei
den Blick immer nach dem Kirchturme empor, den er jenseits wahrnehmen
konnte. Ich ahnte Unheil, lief also stracks hinber, mute aber lange
auf ihn einreden, bevor ich's von ihm herauskriegte: Mein Gott! Unsere
arme Stadt! -- Sehen Sie denn nicht? Der Turm brennt ja lichterloh! --
So war es denn auch wirklich. Die helle Flamme spritzte bei der
Wetterstange, gleich einem feurigen Springbrunnen, empor, aus den
Schallchern sprhten die Funken umher wie Schneeflocken und flogen
bereits bis in die Domstrae hinber.

Ich, herzlich erschrocken, rannte nach der Kirche und die Turmtreppe
hinan. Im Hinaufsteigen berdachte ich, wie gro das Unglck werden
msse, da wohl schwerlich jemand unternehmen werde, bis in die hchste
Spitze hinanzuklimmen, wo er in den finsteren Winkeln nicht so bekannt
sei wie ich, der ich sie in meiner Jugend so vielfltig und oft mit
Lebensgefahr durchkrochen hatte. Also nur frisch drauf und dran! rief
eine Stimme in mir, du weit hier ja Bescheid!

In der Tat wute ich auch, da droben auf dem Glockenboden stets Wasser
und Lscheimer bereit standen, aber an einer Handspritze, die hier
hauptschlich not tun wrde, konnte es leichtlich fehlen. Dies erwgend,
machte ich auf der Stelle kehrt, drngte mich mit Mhe neben den vielen
Menschen vorber, die alle nach oben hinauf wollten, flog gleich ins
erste nchste Haus und rief um eine Spritze, die aber hier wie auch im
zweiten Hause nicht zu finden war und meiner steigenden Ungeduld erst im
dritten gereicht wurde.

Jetzt wieder (die Angst und der Eifer gaben mir Flgel) zum Turme
hinauf! In der sogenannten Kunstpfeiferstube, die dicht unter der Spitze
ist, fand ich bereits mehrere Maurer und Zimmerleute, mit ihren
Meistern, die indes alle nicht recht zu wissen schienen, was hier zu tun
sei. Liebe Leute, sprach ich, indem ich unter sie trat, _hier_ ist
freilich nichts zu beginnen. Wir mssen hher hinauf. Folgt mir! --
Leicht gesagt, aber schwer getan! antwortete mir der Zimmermeister
Steffen. Wir haben es schon versucht, aber es geht nicht. Sobald wir
die Falltre ber uns heben, fllt ein dichter Regen von Flammen und
glhenden Kohlen hernieder und setzt auch hier die Zimmerung in Brand.

Das war freilich eine schlimme Nachricht! Ei, es mu schon etwas drum
gewagt sein! rief ich endlich, -- ich will hinan! Helft mir durch die
Luke. Ich will sehen, was ich tun kann! -- Sie ffneten mir die
Falltr; ich stieg hindurch, lie mir einen Eimer voll Wasser und die
Handspritze reichen und -- Nun die Luke hinter mir zu, damit das Feuer
keinen Zug bekommt! befahl ich; und indem sie das taten, sah ich zu,
was oben passierte. Eine Menge Feuerkohlen prasselte nieder; so da ich
mir den Kopf mit dem Wasser aus meinem Eimer anfeuchten mute, um nicht
aus meinen Haaren ein Feuerwerk zu machen. Um zugleich die Hnde frei zu
bekommen, schnitt ich ein Loch vorn in den Rock, durch welches ich die
Spritze steckte; den Bgel des Eimers nahm ich in den Mund und zwischen
die Zhne; und so ward denn die fernere Reise angetreten!

Die Turmspitze ist inwendig mit unzhligen Holzriegeln durchaus
verbunden, die mir zur Leiter dienen muten. Allein wohin ich griff, um
mir empor zu helfen, da fand ich alles voll glhender Kohlen; nur hatte
ich nicht Zeit, an den Schmerz zu denken, oder machte mich gegen ihn
fhllos, indem ich Kopf und Hnde zum fteren wieder anfeuchtete. Mit
alledem hatte ich mich endlich so hoch verstiegen, da mir in der engen
Verzimmerung kein Raum mehr blieb, mich noch weiter hindurch zu winden;
und hier sah ich denn den rechten Mittelpunkt des brennenden Feuers
annoch acht oder zehn Fu ber mir zischen und sprhen.

Jetzt klemmte ich den Wassereimer zwischen die Sparren fest, zog meine
Spritze daraus voll und richtete sie getrost gegen jenen Feuerkern, wo
das Lschen am notwendigsten schien. Nur beging ich die
Unvorsichtigkeit, dabei unverrckt in die Hhe zu schauen, weil ich auch
die Wirksamkeit meines Wasserstrahles beobachten wollte; darber aber
bekam ich die ganze Bescherung von Wasser, Feuer und Kohlen so prasselnd
ins Angesicht zurck, da mir Hren und Sehen verging, bis ich, sobald
ich mich wieder ein wenig besonnen hatte, das Ding geschickter anfing
und bei der Handhabung meiner Spritze die Augen fein abwrts kehrte.
Auch hatte ich die Freude, da sich bei jedem Zuge das Feuer merklich
verminderte.

Nun aber war auch der Eimer geleert! Neue Verlegenheit! Denn das
leuchtete mir allerdings wohl ein, da, wenn ich hinabstiege, weder ich,
noch sonst ein Mensch hier je wieder nach oben gelangte. Ich schrie
indes aus Leibeskrften: Wasser! Wasser her! -- bis der vorbenannte
Zimmermeister die Falltr aufschob und mir zurief: Wasser ist hier,
aber wie bekommst du es hinauf? -- Nur bis ber den Glockenstuhl
schafft mir's. Da will ich mir's selber langen, war meine Antwort, und
so geschah es auch. Jene wagten sich hher und ich kletterte ihnen von
Zeit zu Zeit entgegen, um die vollen Wassereimer in Empfang zu nehmen,
von denen ich denn auch so fleiigen Gebrauch machte, indem ich den
Brand tapfer kanonierte, da ich endlich das Glck hatte, ihn zu
berwltigen und vllig zu lschen. Wo es aber noch irgend zu glimmen
schien, da kratzte ich mit meinen Hnden die Kohlen herunter, soweit
ich irgend reichen konnte.

Jetzt erst, da es hier nichts mehr fr mich zu tun gab, gewann ich Zeit,
an mich selbst zu denken. Ich sprte, wie mir mit jeder Minute bler
zumute ward: denn das zurckspritzende Wasser hatte mich bis auf die
Haut durchnt, und zugleich war eine Hitze im Turme, die je lnger je
unausstehlicher wurde. Zwar eilte ich nun hinunter, aber indem ich gegen
die Schallcher kam, gab es einen so schneidenden Luftzug, da mir
pltzlich die Sinne vergingen. Auch wei ich nicht, ob ich auf meinen
eigenen Fen Gottes Erdboden erreicht, oder ob mich die Leute
hinabgetragen haben.

Als ich mich wieder besann, lag ich auf dem Kirchhofe, und mir zur Seite
standen die Chirurgen Wsthof und Kretschmer, die mir an beiden Armen
eine Ader geffnet hatten. Auerdem gab es noch einen dichten Haufen von
Menschen um mich her, welche von Teilnahme oder Neugierde herbeigefhrt
sein mochten. Mit meinem wiederkehrenden Bewutsein begann ich nun aber
auch erst meine Schmerzen zu fhlen. Meine Hnde waren berall verletzt;
die Haare auf dem Kopfe zum Teil abgesengt; der Kopf selbst wund und
voller Brandblasen, wo denn auch in der Folge nie wieder Haare gewachsen
sind. Nicht minder sind mir die beiden uersten Finger an der rechten
Hand, die vom Feuer am meisten gelitten hatten, bis auf diese Stunde
krumm geblieben; und so werde ich sie auch wohl mit in mein Grab nehmen
mssen.

Vom Kirchhofe trug man mich nach meiner Wohnung, wo eine gute und
sorgfltige Pflege mir dann auch bald wieder auf die Beine half. Einige
Wochen spter behndigte mir der Herr Kriegskommissr Donath eine
goldene Denkmnze in der Gre eines Doppel-Friedrichsdor, nebst einem
Belobungsschreiben, die ihm beide von Berlin zugeschickt worden, um sie
mir gegen meine Quittung zu berliefern. Das Geprge dieser Denkmnze
lie ich mir in meinem Petschaft nachstechen; sie selbst aber, nebst dem
Schreiben, bergab ich in die Hnde des Magistrats, mit dem Ersuchen,
sie bis auf meine weitere Verfgung im Rathausarchiv gut verwahrt
niederzulegen. Doch als ich nach einigen Jahren danach fragte, war das
eine wie das andere verschwunden! Es hie: das sei noch bei des
Brgermeisters R--fs Zeiten geschehen; und daran mute ich mir gengen
lassen!

       *       *       *       *       *

Im folgenden Jahre 1778 erhielt ich vom Kaufmann Herrn Hpner zu
Rgenwalde eine schriftliche Aufforderung, eines seiner Schiffe unter
meine Fhrung zu nehmen. Ich schlug ein, weil sich nicht gleich ein
besseres Engagement fr mich finden wollte; und so machte ich denn, fr
seine Rechnung, eine Reihe glcklicher Fahrten nach Danzig, Nantes und
Croisic, und war von hier wiederum nach Memel bestimmt; konnte aber, der
spten Jahreszeit wegen, diesen Hafen nicht mehr erreichen, sondern sah
mich gentigt, in Pillau einzulaufen und dort zu berwintern, wo ich aus
Langeweile wiederum eine Steuermannsschule erffnete.

       *       *       *       *       *

Hier war es, wo der Kommerzienrat Herr B--r zu Kolberg mir in
wiederholten Briefen anlag, in seinem Auftrage nach England zu gehen,
fr ihn ein Schiff zu kaufen und fr seine Rechnung damit zu fahren.
Diese Spekulation schien nicht bel ersonnen, denn in dem damaligen
Kriege Englands mit seinen nordamerikanischen Kolonien hatte es auch mit
Frankreich und Spanien gebrochen, und seine Kaper hatten sich einer so
groen Anzahl feindlicher Schiffe bemchtigt, da alle britische Hfen
damit angefllt waren. Es stand zu erwarten, da sie beim Verkauf wrden
spottwohlfeil losgeschlagen werden.

Ich trug demnach kein Bedenken, mich auf den Vorschlag einzulassen, und
forderte nur, Herr B--r mge mir fr dies Geschft eine genaue
Instruktion, sowie eine Empfehlung an seinen Korrespondenten in London
geben und mir bei diesem den ntigen Kredit bis zu einer bestimmten
Summe offen machen. Demzufolge verwies er mich an das Londoner
Handelshaus Schmidt und Weinholdt, bei welchen ich auch bei meiner
Ankunft die verlangte Instruktion vorfinden wrde. Mit Herrn Hpners
Bewilligung verlie ich also dessen Schiff, nachdem ich ihm einen andern
tchtigen Schiffer an meine Stelle vorgeschlagen hatte, und schickte
mich zu meiner Reise nach England an, wobei es jedoch meine
Privatgeschfte erforderten, zuvor noch einen kleinen Abstecher nach
Knigsberg zu machen.

Indem ich hier nun eines Tages meinen Weg zur Brse nahm, fiel es mir
zufllig bei, ber den Neuen-Graben zu gehen, wo das Haus stand, in
welchem ich in frherer und besserer Zeit gewohnt hatte. Nachdenklich
blieb ich stehen, und indem ich es betrachtete, fiel mir schwer aufs
Herz, wie ich hier doch fnf Jahre lang in Leid und Freude aus- und
eingegangen, mit so manchem Biedermann in Verkehr gestanden und mutig
ins Leben hineingeschaut habe. Und wie war das nun so ganz anders! Auf
diesem nmlichen Flecke stand ich nun als Fremdling; niemand hier, dem
mein Wohl oder Weh noch zu Herzen ging -- ich selbst ein wunderlicher
Spielball des Schicksals und nach allen Himmelsgegenden umhergeworfen!
Wahrlich, es war kein Wunder, da mir in diesen Gedanken ein paar
schwere Trnen in die Augen traten.

Herr Jemine! Sieh doch! Kapitn Nettelbeck und kein anderer! rief
pltzlich eine weibliche Stimme aus einem geffneten Fenster des
nmlichen Hauses. Indem ich emporschaute, bemerkte ich ein Frauenzimmer,
welches im Begriff gewesen zu sein schien, einen Teller mit Fischgrten
auf die Strae hinauszuschtten. Ich stutzte, konnte mich aber des
veralteten und verzerrten Gesichtes in keinem Winkel meines
Gedchtnisses besinnen. In eben dem Moment aber war sie auch bereits zu
mir herunter geeilt, ergriff mich an beiden Hnden und beteuerte: sie
lasse mich nicht; ich msse kommen und bei ihr und ihrem Manne
einsprechen. Jetzt erst scho es mir mit einemmal aufs Herz, da hier
von dem Kniffelschen Ehepaare die Rede sein mge. Und so war es auch
wirklich!

Schon in Pillau hatte ich, auf gelegentliche Erkundigung, von diesem
Paare so mancherlei vernommen, was mich nach der Erneuerung dieser alten
Bekanntschaft eben nicht lstern machte. Sie hatten mit den ihnen
ausgesetzten Geldern bel gewirtschaftet, waren berall betrogen und
steckten tief in Schulden, weil die reiche Verwandtschaft in Surinam
immer noch diesen und jenen Wucherer lockte, ihnen Kredit zu geben.
Auer dem Hause, das er bewohnte und wovon ihm vielleicht auch kein
Ziegel mehr eigen gehrte, besa der alte Tropf nichts mehr als seinen
gekauften Titel Lizentrat, den aber der Pbelwitz allgemein in den
Spottnamen Lizentrekel verkehrt hatte. Kurz, bei diesen Leuten war
weder Freude noch Ehre zu holen, und es verdro mich sogar, da sie mein
altes liebes Eigentum durch ihre Gegenwart verschimpfierten.

Indes mute ich mich schon mit hinaufschleppen lassen, und fand dort den
Titularrat hustend auf einem Bette sitzen. Ich sah mich nun in dem
Stbchen um, wo alles ein rmliches, beklommenes Ansehen hatte, und
konnte mich nicht enthalten auszubrechen: Leute, wie habt ihr
gewirtschaftet! Was habe ich gehrt? und was sehe ich jetzt selbst? Seid
ihr's wohl wert, da euch das Glck einmal so freundlich angelacht hat?
-- Beide weinten und sagten: dann wrde ich auch gehrt haben, wie sie
von ihren besten Freunden betrogen worden. -- Nun wahrlich doch nicht
ohne euere Schuld! gab ich ihnen unmutig zur Antwort -- Httet ihr die
Nase nicht stets hher getragen, als euch zukam; httet ihr Gott still
und demtig gedankt, da er euch einen ruhigen Nothafen fr eure alten
Tage erffnet; httet ihr fein zu Rate gehalten, was mehr als genglich
fr euer Notwendiges ausreichte ... und wie denn die derben Leviten
weiter lauteten, die ich glaubte, ihnen lesen zu mssen.

Sie gestanden ihr Unrecht ein und gelobten Besserung, wenn ich ihnen
nur jetzt behilflich sein wollte, einen Brief an ihre Tochter zu
besorgen, worin sie derselben ihre uerste Not vorstellen und sie um
eine letzte Untersttzung bitten wollten. Mehrmals htten sie dies
bereits auf anderen Wegen versucht, aber niemals Antwort erhalten. Die
Papiere mchten wohl nicht in ihre Hnde gelangt sein. -- Gut, so
schreibt denn! rief ich -- aber sputet euch damit: denn morgen bin ich
nicht mehr in Knigsberg. Ich logiere ...

Aber aus Sorge, da ich ihnen entschlpfen mchte, wollten sie mich
lieber nicht von der Stelle lassen und schickten gleich zu einem alten
abgedankten Hauptmann, der in allem ihr Sekretr und Ratgeber zu sein
schien. Der setzte sich sofort an das Stck Arbeit, welches mir auch
endlich mit der Bitte berliefert wurde, da ich es mit einigen Worten
zur besseren Empfehlung begleiten und ihrem Kinde treulich schildern
mchte, in welchem Elend ich sie angetroffen htte. Ich versprach alles,
was sie wollten, um nur von ihnen loszukommen; habe aber fernerhin nie
Gelegenheit gefunden zu erfahren, was weiter aus ihnen geworden und ob
sie sich in der Zukunft besser gebettet.

       *       *       *       *       *

Gleich darauf ging ich, frh im Jahre 1779, von Pillau als Passagier
nach London, und meldete mich sofort bei den dortigen Korrespondenten
meines neuen Prinzipals und empfing nun aus deren Hnden die
Instruktion, wie ich bei meinem Einkaufe verfahren sollte. Diese war
aber leider von der Art, da ich, wre sie mir frher zugekommen, keinen
Schritt vor die Tre darum gegangen sein wrde. Nur die wunderlichste
Laune konnte dem Manne alle die tausend Bedingungen eingegeben haben,
von denen ich kein Haar breit abweichen sollte. Das Schiff, das ich
erstnde, sollte von einhundertfnfzig Lasten sein, nicht grer und
nicht kleiner; es durfte nicht lter als zwei oder drei Jahre sein, ein
vollstndiges Inventarium war vorgeschrieben, aber vor allem durfte es
nicht hher als vierhundert Pfund Sterling zu stehen kommen. --

So reiste ich denn ganz England mit der Post in die Runde, nach allen
Hfen, wo nur Prisen aufgebracht worden. Ich ging nach Hull, nach
Newcastle, nach Leeds, nach Liverpool, nach Bristol, nach Plymouth, nach
Portsmouth, nach Dover: -- aber ebensogut htte ich zu Hause bleiben
knnen! Endlich stie ich in London selbst auf ein Schiff, das ich trotz
alles dessen, was ihm etwa noch mangelte, auf meine eigene Verantwortung
zu kaufen beschlo.

Indem ich nun den Herren Schmidt und Weinholdt diese Absicht erffnete
und meinen Kredit geltend machen wollte, erhielt ich die nimmer
erwartete Antwort: Lieber Nettelbeck, um Ihnen klaren Wein
einzuschenken, mssen wir Ihnen geradeheraus sagen, da wir fr B--rs
Ordre auch nicht ein Pfund zu zahlen gesonnen sind. Wollen Sie aber das
Schiff fr sich allein und auf _Ihren_ Namen erstehen und uns die
Korrespondenz und Assekuranz darber berlassen, so ist hier unsere Hand
-- wir zeichnen fr Sie, soviel Sie verlangen. Nur mit B--r wollen wir
nichts zu tun haben.

Ich bin vorzeiten, sagte ich, Herr eines eigenen Schiffes gewesen,
habe aber so ausgesuchtes Unglck damit gehabt, da ich mir's heilig
angelobt, mich nie wieder mit dergleichen zu befassen. Es taugt auch fr
keinen Schiffer, sein eigener Reeder zu sein, wenn er gleichwohl die
Korrespondenz, und was dazu gehrt, einem Fremden berlassen mu. -- Nur
warum, meine Herren, haben Sie mir von dem Mikredit, in welchem mein
Prinzipal bei Ihnen steht, nicht frher einen Wink gegeben? Wieviel
Zeit, Mhe und Kosten wren da zu ersparen gewesen!

Sie gestanden mir nun, da sie nimmer vermutet htten, ich wrde ein
solches Schiff, wie mir vorgeschrieben worden, aufzutreiben imstande
sein, und da sie es darum mit ihrer Erklrung lieber bis aufs uerste
htten wollen ankommen lassen. Ich mute mir das gefallen lassen,
erffnete ihnen aber gleich des nchsten Tages, da ich eine bequeme
Schiffsgelegenheit nach Stettin gefunden und von da nach Kolberg
abzugehen gedchte, um dem Kommerzienrat Bericht zu erstatten.

Nach Stettin? ward mir geantwortet. -- O, schn! Das trifft sich wie
gerufen: denn wir haben ein Anliegen an Sie, lieber Nettelbeck, das Sie
uns nicht abschlagen mssen. Da ist in Stettin der Kaufmann Gro, mit
dem wir in Assekuranzangelegenheiten wegen Schiffer Lickfeld verwickelt
sind, schon seit Jahr und Tag in Briefen hin und her scharmtzeln und je
lnger je weniger bereinkommen knnen. Wir sind des Handels nachgerade
herzlich berdrssig, und unser in Sie gesetztes Vertrauen lt uns
wnschen, da Sie in unserem Namen mndlich den Zwist so gut wie mglich
ausgleichen mchten. Sie sollen ber den Stand der Dinge alle Auskunft
erhalten, und da wir uns alles, was nur nicht geradezu unbillig ist,
gefallen lassen wollen, so machen Sie es mit ihm ab, so gut Sie wissen
und knnen. Ihre Vollmacht soll Ihnen auf der Stelle ausgefertigt
werden, und unser ganzer Verla steht auf Ihnen.

Gut und aller Ehren wert, was Sie mir anvertrauen und von mir
erwarten! erwiderte ich. -- Aber _kennen_ Sie den Mann auch, mit dem Sie
mir zu tun geben wollen? Dieser Gro, meine Herren, ist ein ganz
absonderlicher Patron und fngt gar leicht Feuer unter der runden
Percke. Ich entsinne mich seiner gar wohl von Anno 1764 her, wo er noch
selbst als Schiffer fuhr und einen Winter bei uns mit seinem Schiffe in
Knigsberg lag. Hatte er damals doch mit allen Leuten, mit denen er zu
verkehren kriegte, Krakeel und Prozesse; und hat er sich seitdem, wie
schwerlich zu hoffen ist, nicht gendert, so mchte ich lieber ein Kreuz
vor ihm schlagen, als mir mit ihm zu schaffen machen.

Wie ich aber auch diesen milichen Auftrag abzulehnen suchte, so ward
doch so anhaltend in mich gedrungen, da ich mir endlich die bisher
gefhrten Verhandlungen vorlegen lie; da jedoch die Sache festen Grund
hatte und der ganze Zwiespalt nur auf einem Miverstande beruhte,
einigte ich mich mit meinen Herren Kommittenten, wie weit ich gehen
sollte, empfing gengende Vollmacht und machte mich in Gottes Namen nach
Stettin auf den Weg, wo ich es mein erstes sein lie, Herrn Gro
aufzusuchen.

Dieser Mann empfing mich mit Herzlichkeit, als einen Bekannten; machte
indes groe Augen, als ich ihm den Grund meines Hierseins erffnete und
ihm meine Beglaubigung vorlegte. Hrt, Nettelbeck, sagte er, mir auf
die Schulter klopfend: Nun heie ich Euch doppelt und von Herzen
willkommen! Trgt mich nicht alles, so seid Ihr mein guter Engel, der
mir endlich einmal den fatalen Sorgenstein unterm Kopfkissen
hinwegrumen wird. Topp! Morgen um die und die Stunde machen wir die
Sache ab, heute aber kein Wort mehr davon, damit wir uns dies gute Glas
Wein nicht verderben.

So geschah es denn auch am nchsten Tage. Wie erstaunte ich, als der
Mann Vernunft annahm und Grnde gelten lie. Eine Schwierigkeit nach der
andern verschwand, und in weniger als drei Stunden war eine Vereinigung
getroffen, wie beide Teile sie nur immer wnschen konnten, das Londoner
Haus aber sie nimmer erwartet hatte. Ich forderte nun die gerichtliche
Besttigung, die gleich in den nchsten vierundzwanzig Stunden durch den
Herrn Notarius Bourwig ausgefertigt und mittels Brief und Siegel
bekrftigt wurde. Ebenso schnell packte ich meine Papiere zusammen,
schickte sie nach London, erhielt die unbedingteste Genehmigung und eine
Vergtung, wie sie dem Dienste angemessen sein mochte.

Noch zufriedener aber war Herr Gro, der mir von Stund an ein sichtbares
Wohlwollen zuwandte. Aber wo nun hinaus? fragte er mich, als ich kam,
ihm meinen Abschiedsbesuch zu machen. -- Nach Kolberg, gab ich zur
Antwort, um meinem Prinzipal B--r Red' und Antwort zu stehen. Was es
dann weiter gibt, wird die Zeit lehren. -- Hrt, lieber Nettelbeck,
fiel er mir ein, die Herren Kaufleute dort, die kenne ich! Das ist
nichts fr Euch! Aber einen Mann von _Euerem_ Schlage -- den htt' ich mir
schon lngst auf mein bestes Schiff gewnscht. Da! Die Hand eines
ehrlichen Mannes -- schlagt ein! Nehmt das Schiff, das ich hier jetzt
auf dem Stapel stehen habe.

Was soll ich's leugnen, da die Art, wie mir dieser Antrag geschah,
meiner Eigenliebe schmeichelte. Dennoch hatte ich Bedenken. Lieber Herr
Gro, erwiderte ich demnach, so ein Schritt will berlegt sein. Gnnen
Sie mir dazu eine Stunde; und wenn ich dann wiederkomme, bringe ich
Ihnen mein Ja oder Nein. -- Er war es zufrieden.

Voll Sinnens suchte ich demnach einen alten Bekannten, den Schmied
Ldtke auf, mit dem ich bereits im Jahre 1770, auf Veranlassung der
Ausrstung der kniglichen Fregatte, zu tun gehabt hatte, und der jetzt,
wie ich wute, die Eisenarbeit fr das auf dem Stapel stehende Schiff
des Herrn Gro besorgte. Er sollte mir sagen, was hier zu tun oder zu
lassen sei; und so trug ich ihm gleich warm vor, was mir auf dem Herzen
drckte. Hm! hm! gab er mir kopfschttelnd zur Antwort. Es mit _dem_ zu
wagen, knnt' ich nur meinem rgsten Feinde raten! Ihr seid beide
Hitzkpfe. Gleich ist bei euch Feuer im Dache! Ihr werdet euch keine
vierundzwanzig Stunden miteinander vertragen. Bleibt also fein
auseinander; das ist das Gescheiteste.

Ich konnte nicht anders, als ihm recht geben, und war schon auf dem
Wege, den Handel aufzusagen, als ich vor dem Hause eines Segelmachers,
Krunt, vorbei mute. Auch dieses Mannes Rat und Meinung wollte ich
mitnehmen. Ich trat zu ihm ein, trug ihm Anliegen und Bedenken vor und
berlie ihm die Entscheidung. Hrt, Freund Nettelbeck, entgegnete er,
ich kenne Euch und kenne Gro inwendig und auswendig. Ihr seid beide
ein paar herzensgute Leute -- brav, ehrlich und erfahren. Ihr beide
werdet euch ineinander schicken und passen, oder keiner in der Welt!
Wie schlimm jener auch verschrieen sein mag, so kommt es doch nur darauf
an, da Ihr seine erste tolle Hitze vorbertoben lat. In der nchsten
Viertelstunde darauf knnt Ihr ihn wieder um den Finger wickeln, wie ein
Wachs. Was ist da also noch lange zu bedenken? Ihr bekommt ein schnes,
neues und groes Schiff von 320 Last unter die Fe, womit ein Mann von
Eurer Welterfahrung schon etwas Rechtschaffenes anzufangen wissen wird.

Das klang nun freilich ganz anders, aber keineswegs unverstndig. Ich
lie es mir gesagt sein, setzte meinen Weg mit erleichtertem Herzen
fort, trat zu Herrn Gro in das Zimmer und mit drei raschen Schritten
auf ihn zu, reichte ihm die Hand und rief mit leuchtenden Augen: Glck
gebe Gott uns beiden, mein Herr Patron! -- Ja! Ist's wahr? Hab' ich
Euch? fuhr er seinerseits auf, drckte mich an die Brust und kte mich
herzlich ab. Der Notarius Helwig, welcher bei diesem Auftritte zugegen
war, wurde aufgefordert, zur Stelle einen Kontrakt aufzusetzen, welchen
mein neuer Prinzipal selbst diktierte, und wobei meines Vorteiles
keineswegs vergessen ward.

Nunmehr ging ich auf einige Tage nach Kolberg, um mich mit B--r zu
berechnen und auseinanderzusetzen; war aber bereits in der Mitte des
Juni wieder in Stettin, wo ich den Ausbau meines neuen Schiffes eifrig
betreiben half. Dieses war eigentlich zu einem Zweidecker bestimmt und
wrde als solcher in allen preuischen Hfen seinesgleichen gesucht
haben. Allein das Schiff sollte, um von den damaligen hohen Frachten zu
vorteilen, noch vor Winters in See gehen; und um keine Zeit zu
verlieren, ward beschlossen, nur ein Verdeck aufzusetzen. Dennoch konnte
es erst im Oktober vom Stapel laufen; doch war auch bereits mit dem
Kommerzienrate eine Fracht von Balken und Stabholz abgeschlossen, die
ich unverzglich nach Bordeaux fhren sollte. Den kleineren Teil
derselben nahm ich auf der Stelle ein und ging dann Mitte November auf
die Swinemnder Reede, um auch den Rest der Ladung zu empfangen.

Doch dies war in der schon so weit vorgerckten Jahreszeit ein uerst
mhseliges und langweiliges Geschft, weil der Hafen selbst bereits mit
Eis zugelegt war und jede Bootsladung Stabholz sich vom Weststrande her
erst einen Weg durch das Eis nach dem Schiffe bahnen mute, so da volle
vier Wochen ber diese Arbeit verliefen. Mit dem letzten Boote ging auch
ich selbst an Bord, um nun unmittelbar darauf in See zu stechen, whrend
bereits um das Schiff her alles mit schwimmendem Eise flutete und mit
jedem Augenblicke ein vlliges Einfrieren zu befrchten stand.

Neben mir lag auf der Reede ein Fregatteschiff, welches gleichfalls erst
in diesem Sommer in Stettin fr schwedische Rechnung ganz neu gebaut
worden und nach Gotenburg bestimmt war. Ich sah, da es sich eben fertig
machte, seinen Anker aufzuwinden und die Reede zu verlassen. Mir selbst
lag noch die letzte Bootsladung Stabholz auf dem Verdecke im Wege, die
zuvor noch beiseite gestaut werden mute, bevor ich mich bei meiner
Ankerwinde frei rhren konnte; und doch wre ich bis zum Sunde hin gern
in der Gesellschaft des Schweden geblieben, um desto leichter, wenn es
not tat, Hilfe zu leisten oder zu empfangen. Ich fuhr demnach hurtig in
der Schaluppe zu jenem Schiffe hinber und forderte den Kapitn auf,
noch eine kleine Stunde zu warten. Das wollte er aber nicht, lichtete
seinen Anker vollends und ging ab.

Kaum war er eine Meile westwrts von mir entfernt und ich gleichfalls
unter Segel, so ging der Wind nach Nordosten um. Es gab einen starken
fliegenden Sturm, der zwar mchtig frderte, aber die Luft mit einem
dicken Schneegestber erfllte, so da ich den vorausgeeilten Schweden
bald aus dem Gesichte verlor. Dies Wetter mit dicker Schneeluft hielt
bis zum andern Morgen um neun Uhr an, wo wir dicht an das Land von
Stevens kamen und, mit nicht geringer Verwunderung, die schwedische
Fregatte auf dem Strande stehend erblickten, wo die Sturzwellen sich
unaufhrlich darber her brachen, die Mannschaft aber kmmerlich in den
Masten hing.

Ich selbst hatte alle Not und Mhe, einem gleichen Schicksale zu
entgehen und ber die Landspitze von Stevens hinauszukommen. Endlich
zwar gelang es, und ich erreichte die Kiger Bucht; doch sah ich mich
gentigt, vor stehenden Segeln zu ankern und nach und nach mich vor drei
Anker zu legen. So dauerte diese peinliche Lage bis zum nchsten Morgen,
wo der Wind durch Osten nach Sden lief, und ich meine Notflagge
aufsteckte, um Hilfe vom Lande zu erhalten, denn mit meinen Leuten
allein wute ich mir lnger nicht zu raten. Glcklicherweise eilten auch
auf dies Zeichen zwei Boote mit fnfzehn Mann von Dragoe herbei, mit
deren Beistand ich, nachdem ich smtliche Ankertaue habe kappen mssen,
die Reede von Kopenhagen glcklich erreichte. Whrend ich mich hier nun
wieder instand setzte, langte auch das Volk von dem schwedischen Schiffe
an, welches gnzlich verloren gegangen war.

       *       *       *       *       *

Indes setzte ich meine Fahrt ohne weiteren Unfall fort, erreichte
Bordeaux am 28. Februar 1780, lschte meine Fracht und war stracks
darber aus, einer neuen nach Amerika habhaft zu werden, wie ich's zuvor
mit meinem Reeder verabredet hatte; denn unter der neutralen preuischen
Flagge war besonders dahin ein ungeheueres Geld zu verdienen. Bald kam
ich auch mit einem Kaufmanne aus Ostende wegen einer Ladung nach der
franzsischen Insel St. Grenada in Westindien berein. Der Kontrakt war
bis zur Unterzeichnung fertig, und ich ersuchte den Kaufmann, welcher
die Reise in Person mitmachen wollte, zu mir an Bord zu kommen und sich
mit eigenen Augen von der Gte und Dauerhaftigkeit des Schiffes sowie
von der netten Einrichtung der ihm zugedachten Kajte zu berzeugen.

Als er des anderen Tages in dieser Absicht bei mir erschien, bemerkte
ich freilich an seiner Miene, da er sich in irgendeiner Erwartung
getuscht sehen msse, ohne jedoch erraten zu knnen, woran er
eigentlich Ansto genommen. Dies sollte ich erst von meinem
Korrespondenten, Herrn Wesenberg, erfahren. Die ganze Fracht war nmlich
zurckgezogen, weil der Kaufmann gesehen hatte, da mein Schiff nur ein
Eindecker sei, welchem er weder die gehrige Sicherheit noch genugsame
Bequemlichkeit zutrauen mochte. Hiergegen half kein Protestieren; und
ich konnte mich auch um so leichter zufrieden geben, da ich unmittelbar
darauf eine Fracht von Wein und Zucker auf Hamburg gewann und mit der
Ladung bereits vierzehn Tage nach meiner Ankunft fertig ward.

       *       *       *       *       *

Zu meiner Herzenserleichterung mu ich hier das Gestndnis ablegen, da
ich mich nirgends beklommener gefhlt habe als in den franzsischen
Hfen und zu Bordeaux insonderheit. Denn wie weit ich auch in der Welt
herumgekommen, so habe ich doch in keiner Nation so viel List, Betrug
und Rnke gefunden als unter den Franzosen. Jeder, mit dem ich zu tun
bekam, htte nichts lieber gemocht als mich recht tchtig bers Ohr zu
hauen. Jetzt vollends sollte mir noch ein Stckchen von ihrer Art
widerfahren, das einen unverwstlichen Groll bei mir zurckgelassen hat.

In dem Augenblicke nmlich, da ich die Anker lichten wollte, ging ich,
wie es die Ordnung ist, in das Lotsenkontor und bat um einen Piloten,
der mich zur Garonne hinaus in See bringen sollte. Der Lotse kam an
Bord, aber so betrunken, da ich Bedenken fand, ihm die Leitung des
Schiffes anzuvertrauen. Der Mensch wollte nicht gehen, ward grob, und
ich komplimentierte ihn so etwas unsanft (jedoch ohne irgend Hand an ihn
zu legen) in sein Boot und an Land zurck. Dagegen hielt ich abermals in
dem Kontor, mit Angabe der Ursachen, um einen anderen nchternen Lotsen
an. Auch der Trunkenbold erschien dort und machte sich trefflich unntz;
doch ward mir mein Verlangen gewhrt; ich nahm den neuen Piloten mit mir
und lichtete den Anker.

Wie ich nun den Strom abwrts fuhr, so bemerkte ich bald, da ich an
einem andern Fahrzeuge einen unzertrennlichen Begleiter bekommen hatte.
Machte ich Segel, so tat es desgleichen; lie ich den Anker fallen, so
legte es sich mir in dem nmlichen Augenblicke zur Seite. Das Ding
machte uns, je lnger, je greren Spa, und wir kitzelten uns daran,
da der Franzose ohne uns den Weg gar nicht finden zu knnen schien. So
kamen wir endlich an das Fort am Ausflusse der Garonne, wo unsere Psse
visiert werden muten. Auch da war jenes Fahrzeug flink bei der Hand;
und nun wurde uns erffnet, da ich fr die Begleitung desselben bis
hierher die Summe von eintausend Livres zu entrichten habe.

Ich war bei dieser Forderung wie aus den Wolken gefallen. Fr seine
Begleitung? -- Eintausend Livres? -- Und _wozu_ diese ganz unerbetene
Begleitung? -- Die Antwort hie: Zur Beschtzung des Lotsen an Bord
gegen besorgte Gewaltttigkeiten. -- Natrlich weigerte ich mich der
Zahlung und forderte diesen Menschen auf, mir zu bezeugen, ob ihm
irgendeine Ungebhr von mir widerfahren sei. -- Er wute nur Gutes zu
sagen. Dennoch ward ohne weiteres ein Arrest auf mein Schiff gelegt. Ich
sah das, wenngleich nicht sehr ruhig, bis zum nchsten Tage mit an. Der
Arrest blieb, und meine Einreden fanden kein Gehr. Wollte ich nun an
meiner Reise nichts versumen und wegen Schiff und Ladung nicht in
Verantwortung kommen, so war es immer noch das Geratenste, diese
ungerechte Forderung zu bezahlen und sie mir, als eine echt franzsische
Geldschneiderei, zur Warnung fr die Zukunft hinters Ohr zu schreiben.

       *       *       *       *       *

Zu diesem Verdrusse gesellte sich, sobald ich endlich in See gelangt
war, ein anderer und noch grerer. Mein Schiffsvolk nmlich, durchaus
dem Soff ergeben, wollte die Gelegenheit nicht versumen, den
Weinfssern, die einen Teil unserer Ladung ausmachten, aufs fleiigste
zuzusprechen. Als ich dem zu wehren gedachte, rottierten sich die Kerle
zusammen, schlugen mit Gewalt die Luken auf, zapften die Oxhfte an und
lieen den Wein stromweise in ihre Wassereimer und Hte rinnen. In wenig
Stunden hatte sich alles toll und voll gesoffen. Von nun an hatte es
aber auch mit allem Kommando ein Ende. Die Vollzapfe waren wie wtend
und ich und der Steuermann unseres Lebens unter ihnen nicht mehr sicher.

Und so ging es fortan einen Tag wie den andern. Wir beide mochten
zusehen, wie wir konnten, damit das Schiff wenigstens einigermaen
seinen Kurs hielt. War es auch nicht geradezu Rebellion zu nennen, so
blieb es doch ein wstes Tollmannsleben, wobei weder gute noch bse
Worte anschlugen und wir paar Vernnftige die grte Gefahr und Not vor
Augen sahen, sooft Segel sollten beigesetzt oder eingenommen werden.
Endlich half Gott, wiewohl unter Angst und Schrecken, da wir bei
Cuxhaven, vor der Mndung der Elbe, anlangten. Gerade hier aber konnte
ich mich auch mit diesen Menschen unmglich weiter wagen, da man in den
Engen des Stromes immerfort zu lavieren hatte oder die Anker fallen
lassen mute. Ich beschlo also, an Land zu gehen und acht oder zehn
tchtige Leute anzunehmen, die mir nach Hamburg hinaufhelfen sollten.

Zufllig trat ich in dem rtchen zu einem Barbier ein, um mich unter
sein Schermesser zu liefern. Ich ward aber nicht blo geschoren, sondern
auch daneben so kunstmig ausgefragt, da mir das Elend mit meinem gar
nicht mehr zu ernchternden Schiffsvolke gar bald in lauter Klage ber
die Lippen trat. Vor allem erwhnte ich zweier Kerle, die sich im
eigentlichen Sinne rasend gesoffen zu haben schienen und ganz wie von
Sinn und Verstand gekommen wren. -- Nun, der Verstand wre ihnen wohl
leicht wieder einzutrichtern, versetzte der Barbier mit einer schlauen
Miene, wenn ihnen nur zuvor der Unverstand und die tollen Affekten
hinlnglich abgezapft worden. Er meinte nmlich (wie er sich darber
auf mein Befragen nher erklrte), ein tchtiger Aderla bis zur
Ohnmacht sollte diese bestialische Tollheit, wenn sie blo im Soff
ihren Grund hatte, schon zur Ordnung bringen.

Zwar nahm ich von diesem medizinischen Gutachten keine weitere Notiz;
doch als ich am andern Morgen wieder an Land wollte, um die gedungenen
Leute an Bord zu nehmen, fiel mir der Barbier und sein Heilmittel wieder
ein. Mag es den Versuch gelten! dachte ich, und wandte mich in
unbefangener Vertraulichkeit an die beiden Tollhusler, die mir eben auf
dem Verdeck in den Wurf kamen: Hrt, Kinder, ich will zum Aderlassen.
Ihr beide seht mir bestndig so rot und vollbltig aus, da es euch
gleichfalls wohl gut tun sollte. Kommt mit, dann machen wir das gleich
in Gesellschaft ab.

Die beiden Kerle schpften kein Arges aus dem Vorschlage, der ihnen
vielmehr ganz instinktmig zusagen mochte. Whrend sie nun nach meinem
Gehei auf der Hausflur des Barbiers verweilten, trat ich lachend in
dessen Zimmer und verkndigte ihm die Gegenwart meiner hirnwtigen
Patienten, an denen er nunmehr seine Kunst erproben mge. Sobald auch
nur so viel Frist verlaufen war, als zur Vollendung einiger Aderlsse
erforderlich scheinen mochte, kam ich wieder zum Vorschein, indem ich
rief: Das wre fertig; nun, Jakob, ist die Reihe an dir! Herein! --
Der Bursche kam.

Jetzt ging aber die Operation an seinem Arme im Ernste vor sich. Eine
groe Schssel fllte sich mit Blut, und der Jakob ward immer bleicher
um die Nase. Ich gab dem Manne mit dem Schnepper einen verstohlenen
Wink, da es nun wohl Zeit sein drfte, einzuhalten; allein er lie auch
die zweite Schssel vollrinnen, bis Jakob endlich besinnungslos umsank
und durch einen vorgehaltenen Spiritus wieder zu sich gebracht werden
mute. Das nmliche widerfuhr hiernchst auch seinem Zechkameraden, dem
Peter; und beide schwankten dem Schiffe so matt und entkrftet wieder
zu, da sie gefhrt werden muten und auch die folgenden vierzehn Tage
hindurch auf ihren Fen nicht stehen konnten. Zur Arbeit blieben sie
mir also binnen dieser Zeit allerdings unbrauchbar; aber auch ihre
Tollheit war gnzlich von ihnen gewichen, und des Barbiers Kunststck
hatte sich als vollkommen probat erwiesen.

Ich brauche wohl nicht hinzuzusetzen, wie sehr ich, sobald ich Hamburg
erreicht hatte, beeilt war, mir all dies widerspenstige Gesindel vom
Halse zu schaffen. Es ist wahr, ich htte sie vor den Seegerichten
anklagen knnen, und Staupbesen und Brandmark wrden ihrer gewartet
haben. Das wollte ich aber nicht, weil einige darunter in und um Stettin
zu Hause waren und Frau und Kinder hatten. Ich machte ihnen also nur die
Hlle tchtig hei, gab ihnen eine scharfe Ermahnung mit auf den Weg und
lie sie in Gottes Namen laufen.

       *       *       *       *       *

Hier in Hamburg fand sich eine neue Ladung fr mich nach Lissabon, mit
welcher ich jedoch erst am letzten August auf den Weg zu kommen
vermochte. Die Reise selbst bietet mir nichts Erhebliches fr die
Erzhlung; doch mag ich wohl eines Schrecks erwhnen, der mir noch ganz
fr das Ende derselben vorbehalten blieb. Als ich nmlich etwa sieben
Meilen nrdlich von der Mndung des Tajo gekommen war, sah ich ein
Fahrzeug mir entgegensteuern, das mit ungewhnlich vielen Menschen
besetzt zu sein schien. Unter anderen Umstnden wrde mich diese
Begegnung ziemlich gleichgltig gelassen haben, allein schon whrend
unserer ganzen Reise spukte es mir und meinen Leuten im Kopfe herum, da
wir gegen die Barbaresken und Marokkaner eine unfreie Flagge hatten, und
unser einziger Trost bestand darin, da von einem Raubzuge derselben so
weit nrdlich hinauf doch seit geraumer Zeit nichts verlautet habe.

Jetzt scho mir bei jenem Anblicke das Blut in den Kopf, denn wie leicht
war es mglich, da ein Korsar, verwegener als seine Genossen, sich
hier, an einem so vielbesuchten Punkte, auf die Lauer gelegt haben
mchte! Je genauer ich mir das Segel durch mein Fernrohr ansah, desto
mehr schpfte ich Verdacht. Ich vernderte meinen Kurs, um mich nher am
Lande zu halten; die Barke tat desgleichen. Ich setzte Segel ber Segel
auf; sie tat auch ihrerseits alles mgliche, um uns nher zu kommen.

In dieser kritischen Lage rief ich mein Schiffsvolk zusammen und sagte:
Kinder, ihr seht -- da haben wir die Bescherung! Die trkischen Hunde
haben es offenbar auf uns gemnzt und unsere Psse helfen uns hier nicht
durch. Was meint ihr? Sollen wir uns von ihnen so mir nichts dir nichts
entern lassen und vor dem Pack zu Kreuze kriechen? Ich meinesteils zge
lieber den Tod vor, als mich zeitlebens in der Sklaverei unter die
Peitsche zu ducken. Oder habt _ihr_ grere Lust dazu? Sprecht! -- Die
Kerle sahen mir das Feuer aus den Augen leuchten und wurden selber warm.
Sie meinten, es mte wacker dreingeschlagen werden, und zugleich lief
alles, die Gewehre, soviel wir deren hatten, zur Hand zu nehmen und
instand zu setzen.

Unter diesen kriegerischen Vorbereitungen war uns aber auch das Fahrzeug
so nahe auf den Leib gekommen, da es uns zurufen konnte: ob wir keinen
Lotsen nach Lissabon zu haben verlangten? -- Da hatten wir nun auf
einmal die Lsung des Rtsels! Es war eine portugiesische Fischerbarke,
und wir hatten uns ganz umsonst gefrchtet. Wenigstens wurde unsere
Bravour nun auf keine weitere Probe gestellt. Allein mit einem kleinen
Reste von Besorgnis und Mitrauen wollten wir uns diese dienstfertigen
Leute lieber doch nicht gar zu nahe kommen lassen, lehnten ihr
Anerbieten hflich ab, suchten mit guter Manier von ihnen abzukommen und
warfen gleich darauf am letzten September im Tajo die Anker.

       *       *       *       *       *

In Lissabon war ich an den alten Korrespondenten des Groschen Hauses,
Herrn John Bulkeley, adressiert und eines Tages auf dem Wege, seiner
Einladung zur Mittagstafel zu folgen. Ich mute ber einen groen
Marktplatz, wo ich bereits aus der Ferne ein groes Gedrnge von
Menschen bemerkte. In der Meinung, da es dort wohl eine ffentliche
Hinrichtung geben mchte, trat ich nher, erkannte aber bald meinen
Irrtum, da ich eines groen Zeltes ansichtig ward, von dessen Spitze, zu
meiner Verwunderung, die _preuische_ Flagge lustig im Winde wehte.

Nun mute ich natrlich genauer zusehen. Ich drngte mich mit Mhe durch
den dicksten Haufen, bis ich am Eingange des Zeltes stand, zu dessen
beiden Seiten ein paar baumhohe preuische Grenadiere in ihren hohen
blanken Spitzmtzen stattlich schilderten. Fast htte ich Lust gehabt,
die braven Landsleute hier unter fremdem Himmel treuherzig zu begren,
als ich noch zu rechter Zeit inne ward, da mich ein paar Wachspuppen
getuscht hatten und da ich hier wahrscheinlich am Eingange eines
Wachsfigurenkabinettes stand, dem diese martialischen Gesichter nur zu
einem Aushngeschilde dienten. Indes, meine Neugier war nun einmal
geweckt und ich beschlo, hineinzutreten; denn hinter solchen Trhtern,
dachte ich, msse wohl noch mehr stecken, woran ein preuisches Herz
sich erlaben knne.

Und so war es auch wirklich! So getreu und natrlich, als ob er lebte,
stand mitten inne der alte Knig Friedrich, mit einem Richterschwert in
der Hand, und vor ihm lag ein Mann mit Weib und Kindern auf den Knien,
die um Gerechtigkeit zu flehen schienen. Ihm zur Rechten war eine groe
Wage angebracht, in deren einer Schale eine Bildsule der Gerechtigkeit
thronte und die andere, die mit Papieren und Akten angefllt war, hoch
in die Hhe wog. Zur andern Seite eine Gruppe preuischer Generale und
Justizpersonen, und im Hintergrunde in groen leuchtenden Buchstaben die
portugiesische Inschrift: Gerechtigkeitspflege des Knigs von
Preuen; -- darunter aber der Name Arnold. -- Man sieht also, da
hier der Proze des Mllers Arnold gemeint war, der damals als Neuigkeit
des Tages durch ganz Europa das hchste Aufsehen erregte. Wem dennoch
das Ganze htte unverstndlich bleiben mgen, dem half ein Ausrufer
zurecht, der die Geschichte laut und pathetisch herzuerzhlen wute.

Alles horchte und schien tief ergriffen; auch mir armem Narren hmmerte
das Herz unterm dritten Knopfloch, da ich mich vor patriotischer,
freudiger Wehmut kaum zu fassen wute. Nein, es mute heraus! Ich mute
mich in den innersten Kreis hervordrngen, und so gut oder bel ich die
fremde Sprache zu radebrechen verstand, rief ich aus: _Mein_ Knig! Ich
bin Preue! -- Diese wenigen Worte fielen wie ein elektrisches Feuer in
alle Herzen. Die ganze Schar umringte mich, sank um mich her auf die
Kniee und hob gleichsam anbetende Hnde zu mir empor. Gloria dem Knige
von Preuen! rief der eine -- Heil ihm! der andere -- Heil fr die
strenge Gerechtigkeit! -- Leuchtendes Beispiel fr alle Regenten der
Erde! Heil ihm! -- Mit jedem Augenblicke vermehrte sich das Geschrei und
Getmmel.

Die Trnen drngten sich mir aus den Augen. Ich neigte mich rings herum;
ich legte die Hand aufs Herz; ich dankte stammelnd und suchte einen
Ausweg durch die immer gedrngter zusammenstrzende Menge. Zwar machten
sie mir willig Platz, aber sie folgten mir auch mit anhaltendem
Freudengeschrei: Vivat der gerechte Knig! Nie in meinem Leben fhlte
ich mich geehrter und glcklicher, ein Untertan des groen Friedrich zu
sein. Mein Herz ward mir zu schwer, ich schwankte, konnte nicht weiter
und mute mich erschpft an eine Straenecke lehnen. Nur meine erhobenen
Hnde, die ich unwillkrlich, wie zum Segnen, nach dem Volke
ausstreckte, vermochten meinen Dank auszusprechen.

Endlich wankte ich wieder die Gasse hinauf, aber mit einem Schweife von
Menschen hinter mir, der sich mit jedem Augenblicke vergrerte und den
Knig von Preuen hochleben lie. Im Hause meines Korrespondenten, in
welches ich mit Mhe flchtete, waren alle Tren und Fenster aufgerissen
und mit verwunderten Zuschauern besetzt. Umsonst fragte man mich, was
dies zu bedeuten habe. Mein bewegtes Gemt fand keine Worte. Drauen
aber stieg der freudige Tumult immer hher, und um das Volk zu beruhigen
und vom Platze zu bringen, blieb mir nichts brig, als auf den Balkon zu
treten und mich noch einmal zu zeigen. Ich dankte mit Mund und Hnden
und allmhlich verlief sich der Menschenstrom.

Hierauf erzhlte ich meinen Tischgenossen die wundersame Begebenheit,
welche ich soeben erlebt hatte, und die Arnoldsche Prozegeschichte, so
gut sie mir bekannt war. Einer von den anwesenden Kontoristen
versicherte jedoch, ber diese noch genauere Auskunft geben zu knnen,
ging hin und holte eine kleine portugiesische Flugschrift, die in einer
treuen geschichtlichen Darstellung dem gerechteren der Knige auch bei
einem entfernten Volke ein verdientes Ehrenmal setzte. -- Hieran
spiegelt euch, ihr Preuen!

       *       *       *       *       *

Einige Tage spter sprach ein portugiesischer Kaufmann mich auf der
Brse an und bat mich hflichst, zu Mittag sein Gast zu sein; nach
Verlauf der Brsenzeit werde er mir einen Wink geben, mit ihm zu gehen.
Ich sagte zu und hatte ihn im Gewhle kaum aus den Augen verloren, als
mehrere Schiffskapitne von meiner Bekanntschaft, die das mit angesehen
hatten, mich mit Fragen bestrmten, ob dieser Mann mir etwa bekannter
sei, als ihnen allen, die er gleichwohl, wie mich, zu Tische geladen
habe. Ich mute das schlechterdings verneinen und war, gleich ihnen,
ber seinen Einfall einigermaen verwundert.

Das hinderte jedoch nicht, da wir nach geendigter Brsenstunde
zusammengerufen wurden. Es waren unser neun Schiffskapitne, im
buntesten Gemische, wie die Mnner in der Pfingstepistel -- Dnen,
Hamburger, Lbecker, Schweden, Schwedisch-Pommern und Danziger. Auch
fanden wir, als wir im Hause unseres Gastgebers anlangten, dort bereits
mehrere Kaufleute versammelt und ein schmackhaftes Mahl bereitet, wobei
zugleich tapfer getrunken wurde, denn unser Wirt verstand die Kunst des
Zuntigens aus dem Grunde, und so artete es nach aufgehobener Tafel bald
in ein Bacchanal aus, wo weder Ma noch Anstand mehr beobachtet wurde.
Bei mir, der ich genau das Ma kannte, welches ich nicht berschreiten
durfte, um bei Verstand und Ehren zu bleiben, ging jedoch bald jedes
gute wie jedes bse Wort des Gastgebers verloren. Basta, und keinen
Tropfen mehr! war und blieb mein letzter Trumpf, der endlich auch
gelten mute. Weniger gut kamen die brigen Schiffskapitne weg, die
sich dergestalt bernahmen, da sie zuletzt samt und sonders unter den
Tisch sanken. Ich meinesteils hatte mich inzwischen mit den anwesenden
Kaufleuten unterhalten, bis ich, des bestialischen Anblicks mde, mich
empfahl und mich an Bord meines Schiffes begab.

Gleichwohl rieb ich mir am anderen Morgen etwas verdutzt die Augen aus,
als ich unseren gestrigen Wirt in Begleitung jener Kaufleute, welche
Teilnehmer des Gelages gewesen waren, bei mir eintreten sah. Sie
schttelten mir treuherzig die Hand und erffneten mir lachend, das
gestrige Trinkfest sei absichtlich von ihnen angestellt worden, um sich
unter uns neunen den rechten Mann auszusuchen, dem sie, als dem
solidesten und besonnensten, eine Ladung von Wert anvertrauen knnten.
Einstimmig wre ihre Wahl auf _mich_ gefallen und so frgen sie mich, ob
es mir anstnde, eine volle Ladung Tee nach Amsterdam zu bernehmen? --

Leicht kann man denken, da ich nicht nein! sagte. Tee war damals
leicht eine der reichsten Frachten, die auf Brettern schwamm, und die
nur einer neutralen Flagge, wie die meinige war, anvertraut werden
konnte, da nach und nach auch Holland in den amerikanischen
Freiheitskrieg verwickelt worden war und die Englnder alles kaperten,
was die Bestimmung nach einem hollndischen Hafen hatte und nicht eines
solchen Freipasses geno. Wir wurden zu beiderseitiger Zufriedenheit um
ein Frachtgeld von fnfunddreiigtausend Talern, fnf Prozent Havarie
und zehn Prozent Kapplakengelder einig. Sowie mein Schiff ledig war,
fing ich an, den Tee einzuladen.

       *       *       *       *       *

Whrend dieser Zeit suchte ein hollndischer Schiffskapitn namens Klock
mich an meinem Borde auf, um mich zu ersuchen, da ich ihn samt seinem
Schiffsvolk, aus vierzehn Kpfen bestehend, als Passagiere mit mir nach
Holland nehmen mchte. Da ich sein gutes und rechtliches Wesen erkannte,
so gestand ich ihm nicht nur sein Gesuch von Herzen gern zu, sondern
erbot mich auch, da er mir unterwegs von mannigfachem Nutzen sein
konnte, ihm und seinen Leuten von nun an bis zu unserer Ankunft in
Amsterdam die freie Kost, so gut ich sie selber htte, zu reichen.
Freilich war das Menschen- und Christenpflicht, aber auch mein
Patriotismus kam hier auf eine wunderliche Weise mit ins Spiel, weil ich
nicht schlechter an den armen Leuten handeln wollte, als -- der Kaiser
von Marokko. Das war so gewesen:

Kapitn Klock, der in Amsterdam zu Hause und dessen Schiff nach den
kanarischen Inseln bestimmt war, fand es wegen der politischen
Konjunkturen fr ratsamer unter der preuischen als unter seiner
vaterlndischen Flagge zu fahren. Er ging also zuvor nach Emden, gewann
dort um eine Kleinigkeit das Brgerrecht und geno von dem Augenblicke
an die Rechte und den Schutz eines preuischen Untertans. So gesichert,
stach er in See, hatte aber das Unglck, sein Schiff an der
marokkanischen Kste durch einen Sturm zu verlieren. Nur kmmerlich
rettete er sich samt seinen Gefhrten ans Land, wo sie freilich nur
Ketten und Banden zu erwarten hatten. Ein schreckliches Loch war ihr
Gefngnis, wo sie bei Maiskrnern und Wasser zwischen Tod und Leben in
schrecklicher Angst ber ihr Schicksal hinschmachteten. Denn soviel
hatte man sie verstndigt: man wisse nicht, was man aus ihnen und ihrer
ans Land getriebenen Flagge machen solle. Es sei daher die letztere an
das dreiig Meilen entfernte Hoflager des Kaisers gesandt worden und von
dorther erwarte man eine Verfgung.

Nach neun Tagen endlich erschien vor ihrem Kerkerloche ein gewaltiger
Trupp bewaffneter Mauren; ihre Banden lsten sich und sie wurden jeder
auf einen Esel gesetzt, um eine Reise anzutreten, deren Ziel sie nicht
zu erraten vermochten, wiewohl sie ahnten, da man sie tiefer
landeinwrts zu verkaufen gedenke. Diese Furcht endigte sich aber, als
sie die Hauptstadt Marokko erreichten, wo ein deutscher Jude als
Dolmetscher sich zu ihnen gesellte und sie, laut erhaltenem Befehl,
alsbald vor den Kaiser Muley Ismael fhrte. Hier wurden sie
aufgefordert, sich auszuweisen, ob sie Untertanen des Knigs von Preuen
wren. Sie standen nicht an, dies zu bejahen und sich auf ihre Flagge zu
berufen.

Wohl! lautete die durch den Dolmetscher erteilte Antwort des Frsten
-- von eurem Monarchen, seiner Weisheit und seinen Kriegen sind so
viele Wunderdinge zu meinen Ohren gekommen, da es mich mit Liebe und
Bewunderung gegen ihn erfllt hat. Die Welt hat keinen greren Mann als
ihn, als Freund und Bruder habe ich ihn in mein Herz geschlossen. Ich
will darum auch nicht, da ihr, die ihr ihm angehrt, in meinen Staaten
als Gefangene angesehen werden sollt. Vielmehr habe ich beschlossen,
euch frank und frei in euer Vaterland heimzuschicken, auch meinen
Kreuzern anbefohlen, wo sie preuische Schiffe in See antreffen, ihre
Flagge zu respektieren und sie selbst nach Mglichkeit zu beschtzen.

Des anderen Tages wurden sie auf kaiserlichen Befehl nach maurischer
Weise (wie sie auch noch in Lissabon auftraten) neu gekleidet und ihnen
eine anstndige Wohnung angewiesen. Den Kapitn aber lie Muley Ismael
fast tglich zu sich fordern, um Fragen an ihn zu richten, die sich auf
den groen Preuenknig bezogen; z. B. von welcher Statur er sei? wie
lange er schlafe? was er esse und trinke? wieviel Soldaten -- auch
wieviel Frauen er halte? und dergleichen mehr. Der gute Klock gestand,
er habe lgen mssen, wie er nur immer gekonnt, um der kaiserlichen
Neugierde nur einigermaen zu gengen, da ihm von all diesen Dingen
herzlich wenig bewut gewesen.

So hielt es bis in die dritte Woche an, da endlich der Kapitn, durch
jene Fragen immer mehr in die Enge gebracht, um seine Entlassung
anhielt, da er eilen msse, seinem Knige Rede und Antwort zu geben, wie
gndig der Kaiser seine schiffbrchigen Untertanen behandelt habe und
was fr freundschaftliche Gesinnungen er gegen ihn hege. Muley Ismael
entlie sie einige Tage darauf in Frieden und sandte sie unter sicherer
Begleitung auf Eseln nach dem Hafen St. Croix, wo bereits dem maurischen
Befehlshaber aufgegeben war, sie auf das erste abgehende europische
Fahrzeug zu verdingen und die Fracht fr sie zu bezahlen, woneben sie
zugleich mit Mund-Provisionen fr einen Monat versehen wurden. So
gelangten sie nach Lissabon und in meine Bekanntschaft.

Wer mich kennt, ermit leicht, wie gro das Interesse sein mute,
welches ich an einem Ereignisse nahm, worin die Ehre meines geliebten
Monarchen so eng verflochten war. Darum drang ich dann auch spterhin,
auf der Reise nach Amsterdam, in den Kapitn Klock, sein ganzes
marokkanisches Abenteuer in einen schriftlichen Bericht zu verfassen und
nach unserer Ankunft samt seinen Gefhrten auf dem Stadthause ber die
Wahrheit dieses Berichtes eine eidliche Versicherung abzugeben. Dies
geschah auch wirklich und ich schickte die darber aufgenommene
gerichtliche Verhandlung an meinen Patron, Herrn Gro in Stettin, ein,
mit dem Ersuchen, solche an Se. Majestt unmittelbar gelangen zu lassen.
Auch hatte dies den Erfolg, da ich, etwa nach vier Wochen, aus des
Knigs Kabinette ein Danksagungsschreiben erhielt, dem ein Berliner
Zeitungsblatt beilag, worin diese ganze Begebenheit dem Publikum
mitgeteilt worden.

       *       *       *       *       *

Doch ich kehre zu meinen eignen Erlebnissen zurck und bitte den
geneigten Leser, sich zu erinnern, da ich mich mit meinem Schiffe noch
in Lissabon befinde.

Hier war es einige Tage vor meiner beschlossenen Ausreise, als der
hollndische Konsul mich von der Brse mit nach seiner Wohnung nahm,
weil er mir etwas Hochwichtiges zu erffnen habe. Nach geendigter
Mahlzeit und unter vier Augen zeigte er mir ein kleines Pckchen vor und
sagte, es sei mit rohen Diamanten angefllt, die in Amsterdam
geschliffen werden sollten. Sein Wunsch sei, mir diesen Schatz auf mein
ehrliches Angesicht zur berbringung dahin anzuvertrauen. Es seien
dabei, nach Usance, hundertfnfzehn hollndische Gulden Fracht fr mich
zu verdienen; ich msse aber das Pckchen unablssig an meinem Leibe
tragen und mein Schiffsvolk davon durchaus nichts ahnen lassen, sowie
mir denn noch eine Menge anderer Vorsichtsmaregeln eingeprgt wurden.

Die Sache schien mir leicht und der angebotene Gewinn wohl mitzunehmen.
Ich versprach, den Tag vor meiner Abreise jenes kostbare Pckchen in
Empfang zu nehmen. Demzufolge ward es mir denn auch angesichts des
Konsuls in meine Uhrtasche eingenht und sodann ein Konnossement ber
richtigen Empfang vorgelegt, das ich zu unterzeichnen hatte. Dies
geschah auch mit leichtem Herzen; allein in eben dem Augenblicke, da ich
ber die Schwelle des Hauses meinen Rckweg nahm, ging auch meine
heimliche Angst und Sorge an, die diese ganze Reise hindurch nicht von
mir wich. Ich whnte, jeder, der mich ansah, wisse um mein Geheimnis und
gehe mit dem Gedanken um, mich zu berauben oder gar zu ermorden. Selbst
im Schlafe griff ich, sowie oft auch unwillkrlich im Wachen, nach dem
Pckchen, um mich zu berzeugen, da es noch an seiner Stelle ruhte, und
wohl kann ich sagen, da ich nie ein Geld mit grerer Unruhe meines
Herzens verdient habe.

       *       *       *       *       *

Nachdem ich nun gegen Ende Oktober in See gegangen war, gab es eine zwar
langsame, doch brigens nicht ungnstige Fahrt, die mich am 23. November
auf die Hhe des Texels fhrte. Hier hatten zwei englische Kreuzer ihre
Station, bei deren einem ich mit meinen Schiffspapieren an Bord kommen
mute. Indessen konnte deren Untersuchung nicht anders als vorteilhaft
fr mich ausfallen, denn das Schiff war preuisch, die Ladung fr
portugiesische Rechnung, beide also neutral und frei. So ward mir also
auch gestattet, in den Texel hineinzusegeln; zugleich aber gab mir der
Kapitn des englischen Linienschiffes den Auftrag, dem hollndischen
Admiral Kinsberger, der dort mit einer Kriegsflotte von elf Segeln lag,
mit seinem Grue auch seinen Wunsch zu vermelden, sich mit ihm je eher
je lieber in offener See zu besprechen. In der Tat war es unbegreiflich,
wie dieser sonst so wackere Seemann sich von jenen beiden Schiffen im
Texel dergestalt einsperren lassen konnte!

Inzwischen war der Wind nach Osten umgesprungen, und mir blieb nichts
brig, als mit der nchsten Flut gerade gegen ihn an in jenen Hafen
hineinzulavieren. Indem ich mich nun bei diesem Manver dem ersten
hollndischen Kriegsschiffe nherte, kam von diesem eine Schaluppe
hinter mir dreingerudert, aus der man mir gebieterisch zurief: Brat
auf! Brat auf! -- Mein hollndischer Lotse, den ich an Bord genommen,
hatte Lust, dem Befehle zu gehorchen; ich hingegen bedeutete ihm, da
wir in diesem Augenblicke dem Oststrande zu nahe wren, um dergleichen
wagen zu knnen; wir wollten aber das Schiff wenden, wo dann die
Schaluppe fglicher bei uns an Bord kommen wrde.

Noch waren wir in der Wendung begriffen, als letzteres schon geschah und
ein Schiffsleutnant zu uns aufs Deck stieg, der mich ziemlich barsch und
patzig zur Rede stellte, warum ich auf sein Kommando nicht aufgebrat
htte? -- Mynheer, erwiderte ich, wenn Ihr ein Seemann seid, so seht
doch da den nahen Oststrand und fragt Euch selbst, ob ich mich
mutwillig auf den Grund setzen sollte? -- Darauf war wenig mehr zu
antworten; er nderte also seine Fragen nach meinem Woher und Wohin, und
erhielt darauf richtigen und gebhrenden Bescheid, verlangte aber
demungeachtet noch nhere Auskunft, wer ich sei und wie ich heie. --
An meinem Namen, versetzte ich, kann wenig gelegen sein, und aus
meiner Flagge, die uns ber den Kpfen weht, ist zu ersehen, da ich ein
Preue bin. -- Ob ich englische Kreuzer in See getroffen htte? wollte
er weiter wissen. -- Da mgt Ihr, war meine Antwort, Euere eigenen
Augen brauchen. Ich bin ein neutraler Mann und mir kommt nicht zu, Euere
Feinde an Euch zu verraten.

Nun bestand er darauf, mit mir in meine Kajte zu gehen, um mich unter
vier Augen zu sprechen. -- Das kann ich jetzt nicht, versetzte ich
kurz angebunden. Mein Schiff ist im Lavieren. Ich mu auf Deck bleiben
und es im Auge behalten. Binnen einer Stunde gehe ich zwischen Eurer
Flotte vor Anker, und dann wird es noch Zeit sein, Euch in allem, was
not tut, Rede zu stehen. -- Wie, Ihr wollt nicht gleich diesen
Augenblick in die Kajte kommen? -- Jetzt sicherlich nicht. -- Da
ward das Brschchen hitzig, griff nach der Plempe, die es an der Seite
hngen hatte, zog blank und versetzte mir damit flach einen Streich ber
die Schulter.

Hui! das war ein Funke in eine offene Pulvertonne! Denn in dem nmlichen
Augenblicke auch packte meine Faust das Sprachrohr, das neben mir stand,
und legte es ihm so unsanft zwischen Kopf und Schulter, da das untere
Ende desselben ber Bord flog und ich das bloe Mundstck in der Hand
behielt. Zugleich griff ich in das Gef seines Degens, rang ihm diesen
aus der Hand, packte ihn am Kragen und schob ihn ber Bord die Treppe
hinab, so da er schwerlich selbst gewut hat, wie er in seine Schaluppe
gekommen sein mag. Dann langte ich ihm seine vergessene Klinge nach,
seine Leute stieen ab und die ferneren Komplimente hatten ein Ende.

Unmittelbar darauf kam ich unter die Flotte und lie den Anker fallen.
Eine andere Schaluppe kam zu mir herangerudert; der darauf befindliche
Offizier war ein vernnftiger Mann, seine Fragen hatten Hand und Fu und
ebenso waren auch meine Antworten ausreichend und bescheiden.

Am anderen Morgen ging ich, da mir der Wind noch immer entgegenstand,
mit der Flut abermals unter Segel, um noch weiter in den Texel
hineinzulavieren. Mein Lotse wollte, da wir unsere Flagge wieder
aufhissen sollten; ich jedoch war anderer Meinung. Hatten wir doch den
ganzen gestrigen Tag zwischen der hollndischen Flotte umhergekreuzt und
geankert und unsere Flagge wehen lassen, so da ihnen unmglich
unbekannt sein konnte, wes Geistes Kinder wir wren. Eigentlich aber
wollte ich meine Flagge schonen, die bei dem Wenden hin und wieder arg
zerpeitscht wurde.

Wir waren darber noch im Ratschlagen begriffen, als ein blinder Schu
nach meiner Seite her abgefeuert wurde -- die gewhnliche Mahnung,
Wimpel und Flagge zu zeigen. Da ich nun sah, da es _so_ gemeint sei,
befahl ich stracks, ihnen den Willen zu tun; allein wie sehr meine Leute
sich auch damit hasteten, erfolgte doch zu gleicher Zeit ein zweiter
scharfer Schu, dessen Kugel dicht vor mir ins Wasser aufschlug. Dann
aber fand sich auch, ehe ich mich dessen versah, eine Schaluppe ein,
deren Offizier mir einen Dukaten fr den ersten und zwei fr den andern
Kugelschu abforderte und hinzusetzte, da dies auf Befehl des Admirals
Kinsberger geschehe.

Ich gestehe, da meine Antwort etwas unmanierlich lautete, denn ich lie
ihm sagen, er mchte sein Pulver und Blei auf seine Feinde und nicht auf
eine respektable neutrale Flagge, die sich ihm genugsam kundgegeben,
verschieen. Ich betrachtete seine Schsse als einen meinem Souvern
erwiesenen Affront, ber welchen ich gehrigen Ortes Beschwerde zu
fhren wissen wrde. Da ich jetzt nach Holland hinein- und nicht
hinausginge, so wrde er mich wie ich ihn in Amsterdam zu finden wissen,
ohne da ich um Rede und Antwort verlegen wre. _Hier_ aber gedchte ich
auch nicht einen Stber zu bezahlen.

Der Leutnant, der meinen entschlossenen Sinn sah, verlangte, da ich ihm
diese Antwort schriftlich geben sollte. Ich ging mit ihm in die Kajte
und tat ihm seinen Willen, fgte aber zugleich auch den Gru hinzu, den
mir der Kapitn des englischen Kreuzers an den Admiral aufgetragen
hatte. Whrend des Schreibens musterte jener einen Berg Zitronen, die in
einem Winkel der Kajte lagen, mit lsternen Augen. Ich bat ihn, sich
davon auszuwhlen, so viel er irgend zu lassen wte -- eine
Hflichkeit, die er mit Dank annahm und benutzte, und wonach wir
beiderseits freundlich voneinander schieden. Aber auch spterhin ist von
diesem Handel auf keine Weise wieder etwas zur Sprache gekommen.

Ich selbst verga diesen Vorgang alsbald ber der Not, die ich hatte bei
dem noch immer kontrren Ostwinde, in dem engen Fahrwasser mit Lavieren
in kurzen Schlgen und unter Beihilfe der jedesmaligen Flut langsam
genug fortzurcken, hinwiederum aber mit jeder Ebbe die Anker fallen zu
lassen. Hierbei fror es zu gleicher Zeit so heftig und es kam mir so
viel Treibeis auf den Hals, da ich mich oftmals vor zwei oder auch wohl
drei Anker legen mute, um dem Andrang gehrig zu widerstehen. So whrte
es drei Tage hintereinander, ohne da es sich zum Besseren anlie; und
ich mochte mich allein damit trsten, da es vor und hinter mir noch
eine Menge von Schiffen gab, die ebenso angestrengt und vergeblich
trachteten, trotz dem Eise noch Amsterdam zu erreichen. Selbst aber als
diese nach und nach die nheren Nothfen Medemblyck, Enkhuizen und
Staveren zu gewinnen suchten, beharrte ich bei meinem Vornehmen und
hoffte, da endlich doch Wind und Wetter sich zu meinem Vorteil ndern
wrden.

Als ich mich nun solchergestalt, von allen anderen verlassen, abmhte,
dem Schicksale mein Reiseziel gleichsam abzutrotzen, traten mein
Schiffsvolk und der eingenommene Lotse zu mir, um mir vorzustellen, wie
die Gefahr des Eises wegen sich stndlich mehre und wie ratsam es sein
werde, nach dem Beispiel unserer bisherigen Gefhrten, in einen anderen
nahen Hafen einzulaufen. Jungens, entgegnete ich ihnen, wo denkt ihr
hin? Haben wir nicht ein starkes, dichtes Schiff? Sind unsere Anker und
Taue nicht haltbar? Fehlt es uns an Essen und Trinken? Und wenn die in
den anderen Schiffen furchtsame Memmen sind, die gleich beim ersten
Frostschauer zu Loche kriechen, wollen _wir_ uns ihnen darin
gleichstellen? Ich meine, wir sehen es noch eine Weile mit an, und wenn
es dann immer noch keinen besseren Anschein gewinnt, so bleibt ja Zeit
genug, uns nach einem Nothafen umzusehen. -- Diese Vorstellungen
wirkten, und sie versprachen, auch ferner ihr Bestes zu tun.

       *       *       *       *       *

Des nmlichen Nachmittags kam mir ein kleines Fischerfahrzeug von
Enkhuizen zur Seite. Drinnen sa ein alter Mann nebst seinem Jungen und
rief mir zu: Wie steht's, Kapitn, wollt Ihr auch Hilfe haben? -- Ich
gab wenig auf sein Erbieten, denn seine Flunder-Schuite sah mir nicht
danach aus, als ob sie mir sonderliches Heil bringen knnte oder das Eis
ber Seite schieben wrde, wovon die Zuydersee vor uns vollstand. Fahrt
mit Gott! rief ich ihm zu. Mit Euerer Hilfe wird mir wenig gedient
sein!

Doch zu gleicher Zeit zog mich der Lotse beiseite und gab mir zu
bedenken, da es gleichwohl nicht bel getan sein wrde, fr den Fall,
da wir uns dennoch zu irgendeinem Nothafen bequemen mten, einen Mann
an Bord zu haben, der dieser Gewsser unbezweifelt noch besser als er
selbst kundig wre, und an welchem er dann eine um so gewissere
Untersttzung finden wrde. -- Immerhin! versetzte ich, wenn wir von
dem alten Manne, der mir gar nicht danach aussieht, nur reellen Beistand
zu erwarten haben. -- Dieser, der schon von uns abgestoen hatte, ward
also zurckgerufen, kam an Bord und wurde befragt, ob ihm die
nchstgelegene nordhollndische Kste hinreichend bekannt sei, um uns im
Notfall als Lotse zu dienen?

Fast schien der alte Bursche mir meine Frage bel zu deuten. Er nahm
eine pathetische Stellung an und beteuerte: von Jugend auf sei er hier
in allen Winkeln herumgekrochen, kenne jeden Grund und jeden Stein und
wolle hier wohl die ganze hollndische Flotte bei stockdunkler Nacht
sicher vor Anker bringen. -- Gut! erwiderte ich. So mgt Ihr an Bord
bei mir bleiben! Allein auf welchen Vergleich soll ich mich mit Euch
einigen? Dringen wir durch nach Amsterdam, wie ich's hoffe, so knnt Ihr
mir keine Dienste tun; mu ich mich aber nach einer andern Zuflucht
umsehen, so wei ich wieder nicht, wie lange das whren kann und wie ich
Eure Hilfe anschlagen soll? Darum schlage ich Euch vor, da wir nach
beendigter Fahrt vier Schiedsmnner, jeder zur Hlfte, erwhlen und da
wir uns dem fgen, was diese als recht und billig beschlieen werden.
Seid Ihr das zufrieden?

Ja, war seine Antwort, aber gebt mir das schriftlich, Kapitn! --
Dies geschah auch sofort, worauf er das Papier dem Jungen einhndigte,
um mit demselben und der Schuite wieder ans Land zu steuern. Er selbst
aber war von dem Augenblicke an bei uns wie zu Hause, hatte tausend
unntze Dinge zu fragen und zu erzhlen, so da er meine Leute berall
hinderte und mir selbst beraus lstig fiel. Satt und genug, Alter!
fiel ich ihm endlich in die Rede. -- Euer Geplauder bringt mir mein
Volk aus dem Texte. Da geht hinein in die Kombse und raucht Euer
Pfeifchen in Frieden, bis ich Euch rufen lassen werde. -- Murrend tat er
meines Gebotes, hllte sich in eine Schmauchwolke und legte sich endlich
aufs Ohr, ohne zu wissen oder zu fragen, was weiter um ihn her vorging.

Inzwischen trieb whrend der Nacht und Ebbezeit, wo wir vor Anker lagen,
so ungeheuer viel Eis auf uns zu, da wir das Schiff kaum vor drei
Kabeltauen halten konnten, indem die Schollen sich immer hher
emportrmten und auf den Bug eindrangen, da das Schiff vorn auf eine
bedenkliche Weise niedertauchte und jeden Augenblick zu erwarten stand,
es werde von den Eismassen berwltigt werden und untergehen. Doch gab
Gott Gnade, da wir uns in dieser gefhrlichen Lage erhielten, bis
endlich die Flut eintrat und das Schiff sich wieder erholte, whrend
auch das Tageslicht eintrat und die Gegenstnde sicherer erkennen lie.

Nach einer solchen Erfahrung wre es vermessen gewesen, wenn ich auf
meinem Vorsatze noch htte bestehen wollen. Vielmehr wurden wir
schlssig, in den nchsten besten Hafen einzulaufen, und so war es jetzt
an der Zeit, unseren alten Lotsen hervorzurufen, der sich die Augen
wischte und die Gefahr, die uns drohte, glcklich verschlafen hatte. Ich
befragte ihn, welcher Hafen nach seiner Meinung am bequemsten zu
erreichen sein mchte? Er entschied sich fr Enkhuizen und stellte sich
ans Steuer, hielt aber einen so verkehrten Kurs, da mir und dem Lotsen
aus dem Texel die Haare zu Berge standen und wir dachten, der alte Kerl
werde das Schiff binnen weniger als fnf Minuten auf die Sandbnke
setzen und uns alle ins Unglck bringen, um vielleicht seinen
Landsleuten an dem gestrandeten Wrack eine erwnschte Prise zuzufhren.

Ihm sein Konzept zu verrcken, erklrte ich also, die Gewsser von
Medemblyck wren mir einigermaen bekannt und ich zge es vor, meinen
Weg dorthin zu nehmen und das Ntige selbst anzuordnen. Dem ersten
Lotsen gebot ich, das Bleilot zur Hand zu nehmen, dem Alten aber, der
immer noch des Plauderns kein Ende fand, sich flugs vom Verdecke nach
der Kombse zu scheren. Andere Segel wurden aufgesetzt, das Schiff
umgelegt, und so gelang es uns, nachmittags glcklich vor Medemblyck
anzulangen.

Kaum hatte ich hier einen Fu ans Land gesetzt, so bat ich die
umstehenden Leute, mir den angesehensten und wohlberufensten Kaufmann im
Orte nachzuweisen. Sie nannten mir einen Herrn Schweiger, der allgemein
fr einen Ehrenmann gelte und ehedem auch ein Schiff gefhrt habe. Ich
lie mich auf der Stelle zu ihm fhren, gewann auch flugs das Vertrauen,
da er der Mann sein werde, wie ich ihn suchte, und trug ihm mit
Darlegung meiner Umstnde den Wunsch vor, meine beiden Lotsen namens
meiner nach Recht und Gebhr zu befriedigen. Denn obwohl der Enkhuizer
meines Bednkens nicht den mindesten Anspruch fr seine unverstndige
und verkehrte Dienstleistung zu machen hatte, so hatte ich ihm dennoch
aus Mitleid mit seinen grauen Haaren ein Geschenk von zehn bis fnfzehn
Gulden zugedacht.

Beide wurden sofort gerufen und es bedurfte nur, da der Lotse vom Texel
seine Ordonnanz vorwies, um danach seine Forderung nach Fug und
Billigkeit auszumitteln. Er strich sein Geld ein, und als er dann auf
eine bescheidene Weise bemerkte, da er whrend mehrerer Tage so viel
Not und Mhe an meinen Bord ausgestanden, um sich vielleicht Rechnung
auf eine auerordentliche Vergtung machen zu knnen, unterbrach ich ihn
durch die Erklrung: Das ist allerdings wahr, Herr Schweiger. Geben Sie
dem Manne noch zwei Dukaten als williges Anerkenntnis seiner Treue und
angestrengten Fleies. -- Der Lotse bedankte sich, und das war abgetan.

Nun aber kam auch die Reihe an den alten Fischer von Enkhuizen. Sagt
an, Vater, was habt Ihr verdient? fragte mein Bevollmchtigter. Der
Kerl setzte sich nunmehr in Positur und lie sich vernehmen: Mynheer,
ich habe ein Schiff gerettet, das, wie ich wei, eine Million wert ist
und dessen Kapitn eine Fracht von hunderttausend Gulden macht.
Derowegen verlange ich nicht mehr und nicht weniger, als _fnfzehnhundert_
Gulden an Lotsengebhr, und ich hoffe, _die_ sollen mir werden.

Ich lachte dem alten Knaben ins Angesicht und fragte, ob er sich
vielleicht nur versprochen und fnf oder fnfzehn Gulden gemeint habe?
-- Er aber verneinte ernsthaft und meinte, da er wohl ein Narr sein
mte, sich damit abspeisen zu lassen. -- Nun, fiel ich ihm ein, an
Eurer Narrheit hat es wohl keinen Zweifel, denn _die_ habt Ihr bei mir an
Bord durch all Eure Handlungen klar genug erwiesen. Laut unserem
schriftlichen Akkorde mag der Ausspruch auf vier Schiedsmnnern beruhen,
oder Ihr mgt mich, wenn es Euch beliebt, verklagen. -- Polternd und
scheltend verlie er auf diese Erklrung das Zimmer.

Um jedoch meine gute Sache zu wahren, sumte ich nicht, des nchsten
Tages mich und meine Schiffsmannschaft ber die letzten Ereignisse
unserer Reise nach allen Einzelheiten gerichtlich und eidlich vernehmen
zu lassen, und insonderheit, wie ungeschickt und widersinnig sich der
vorgebliche Lotse angestellt und zu allem untauglich erwiesen. Dies
getan, brannte mir der Boden unter den Fen, den Weg nach Amsterdam zu
Lande vollends zurckzulegen, da ich mein Diamantenpckchen los wrde.
Sobald ich es dort in die rechten Hnde abgeliefert hatte, war ich wie
ein neugeborener Mensch, und da ich zugleich alle Konnossements von
meiner Ladung mit mir genommen, lie ich es meinen nchsten Gang sein,
den Kaufmann Floris de Kinder aufzusuchen, dem ich mich aus einer
frheren Lebensperiode dankbar verpflichtet hielt und mir daher auch
jetzt zum Kommissionr ersehen hatte. Ihm bergab ich meine Papiere, um
sie den Empfngern meiner Ladung vorzulegen, bei denen des anderen Tages
auf der Brse ber meine glckliche Ankunft in Medemblyck groe Freude
war.

Nach Verlauf einiger Tage, die ich in Amsterdam zubrachte, meldete mir
Herr Schweiger, da der Alte aus Enkhuizen wirklich geklagt habe und da
ein Termin zur Vernehmung angesetzt sei, wo meine Gegenwart erforderlich
werden mchte. Ich hatte diese wunderliche Geschichte schon meinem
Korrespondenten zum besten gegeben, der sie, gleich mir, als eine
Kinderei betrachtete. Indes ging ich doch nach Medemblyck ab und fand
dort eine Gerichts-Versammlung, aus fnf Personen bestehend, wobei auch
mein Widersacher nicht fehlte und seine Klage anhngig machte.
Meinerseits bergab ich die schon aufgenommene und eidlich bekrftigte
Verhandlung ber den wahren Hergang der Sache, mit der Erklrung, da,
wie wenig mir dieser Mensch auch irgend einige Dienste geleistet, ich
dennoch einer billigen Festsetzung seines Lohnes nicht entgegen sein
wolle. Man fragte mich, wie viel ich dem Manne gutwillig zu verabreichen
gedchte? -- und ich wiederholte, da ich, blo in Erwgung seines hohen
Alters, zehn Gulden um nichts und wieder nichts an ihn verlieren wolle.
-- Der alte durchtriebene Fuchs hingegen beharrte ursinnig auf seiner
ersten ausschweifenden Forderung.

Nach langem Hin- und Widerreden muten wir abtreten und der
richterlichen Versammlung Zeit und Ruhe zum Deliberieren lassen. Das
dauerte lnger als eine Stunde, wo endlich Klger und Beklagter wieder
vorgefordert wurden, um das in hoher Weisheit ausgeheckte Urteil zu
vernehmen. Es lautete dahin, da letzterer schuldig sein solle, dem
angenommenen Lotsen von Enkhuizen, sowohl fr seinen dem Schiffe
geleisteten Beistand, als wegen unverzagter Daranwagung seines Leibes
und Lebens die volle Summe von eintausendfnfhundert Gulden bar
auszuzahlen, berdem aber so lange, bis diese Zahlung wirklich geleistet
worden, fr jeden Tag eine Bue von zwei Gulden zu entrichten. Alles von
Rechtes wegen.

Ich berief mich auf meinen, mit dem alten Schelme ausdrcklich
getroffenen Vergleich und wollte die Sache an vier gewhlte
Schiedsrichter gebracht wissen. Allein man bedeutete mir, mein Gegenpart
habe jenen Akkord nicht mit unterzeichnet, daher demselben auch alle
gesetzliche Gltigkeit ermangle. Wolle ich jedoch mich in die Sentenz
des Gerichts nicht fgen, so bleibe mir allerdings unbenommen, an den
Hof von Holland zu appellieren.

In der Tat aber kannte ich dieses Gericht, das sich so unvermutet zum
Herrn meines Beutels aufwarf, gar noch nicht einmal, und es schien mir
doch der Mhe wert, deshalb ein wenig genauer nachzufragen. So erfuhr
ich denn, da die vier Brgermeister von Hoorn, von Enkhuizen, von
Medemblyck, von Edam, und noch ein Prokurator sich die Mhe genommen,
diesen hochwichtigen Fall in ihrer Weisheit zu entscheiden. Je weniger
mir aber von dieser Weisheit einleuchten wollte, desto minder konnte ich
mich auch enthalten, ihnen zu erwidern: Ihr Herren insgesamt versteht
vom Seewesen keinen Pfifferling und httet also immer zu Hause bleiben
mgen. In Enkhuizen liegt aber, wie ich hre, ein hollndisches
Kriegsschiff, warum habt ihr dessen Kapitn zu eueren Ratschlagungen
nicht mit zugezogen? In euerer Entscheidung vermisse ich alle Billigkeit
und Gerechtigkeit, und darum werde ich an erleuchtetere Richter
appellieren! -- Das gesagt, kehrte ich ihnen den Rcken und schied von
dannen.

Allernchst aber schrieb ich an Herrn Floris de Kinder nach Amsterdam,
machte ihn mit der sauberen Sentenz bekannt und trug ihm auf, die Sache
mit den Empfngern der Ladung, welche nach Usance vornehmlich den Beutel
wrden haben ziehen mssen, in genauere berlegung zu nehmen und mir
wegen der Appellation nhere Instruktion zuzufertigen. Mochte es nun
aber sein, da diese an ihrem Tee einen so erklecklichen Gewinn hatten,
um eintausendfnfhundert Gulden mit leichtem Sinn ans Bein zu binden,
oder da sie Gang und Weise der hollndischen Rechtspflege besser
kannten; -- genug, sie erteilten mir den Bescheid, ich sollte nur in
Gottes Namen die geforderte Summe zahlen, indem sie sich ihresteils die
Sentenz gefallen lieen. So war denn also das Lied am Ende.

Nach geleisteter Zahlung drckte mir's gleichwohl auf dem Herzen, mich
bei den gestrengen Herren zu befragen, auf welch Gesetz, rechtlichen
Grund oder Herkommen ihre gefllige Entscheidung sich denn eigentlich
sttze? -- Mir ward die Antwort: Es habe also und nicht anders
gesprochen werden mssen, damit, wenn hinfro Schiffe in Not kmen, bei
anderen Leuten Mut und Wille erweckt werde, den Unglcklichen mit Hilfe
beizuspringen. -- Hol' euch der Teufel mit eurer Hilfe! dachte ich,
und schttelte den Staub von meinen Fen. -- Indes schlug das
Frostwetter im Dezember wieder um, so da ich am 29. von Medemblyck
abgehen konnte, den 2. Januar 1781 vor Amsterdam anlangte und den Anfang
machte, meine Ladung zu lschen.

       *       *       *       *       *

Gegen den 24. Januar, den Geburtstag unseres groen Monarchen, trieb es
mich, diesen Tag von allen preuischen, im Hafen ankernden Schiffen
durch Aufziehung aller Flaggen und Wimpel und Abfeuerung der Geschtze
feierlich begangen zu sehen. Mein Vorschlag fand bei allen wackeren
Landsleuten freudigen Eingang. Aber einen Strau gab es mit dem
hollndischen Kurantschreiber auszufechten, der die Ankndigung dieser
Feier in seinem Zeitungsblatt, entweder aus echt hollndischem Phlegma
oder aus unvernnftiger Abneigung gegen den Knig, auf eine so
beleidigende Weise verweigerte, da ich mit dem Grobian schier
handgemein geworden wre, endlich aber mit Hilfe des preuischen Konsuls
ihn zur Rson bringen und fr seine Lsterungen zur Strafe ziehen lie.

Diese widrige Stimmung, die sich damals in Holland so allgemein uerte,
emprte mein treues Preuenherz um so mehr, als die preuische neutrale
Flagge in dem Kriege mit England der Nation die entschiedensten Vorteile
fr ihren Handel darbot, und selbst die hollndischen Schiffs-Kapitne,
welche sich dieser Flagge bedienten, durch nichts zu bewegen waren,
unserem Beispiele zu folgen und ihren Beschtzer nach Wrden zu ehren.
Solch ein Urian lag mir unmittelbar zur Seite vor Anker, und da er sich
preuische Zertifikate zu verschaffen gewut hatte, lag klar am Tage, da
er zuzeiten unseren schwarzen Adler von seinem Hinterteile hatte wehen
lassen.

Am Morgen des kniglichen Geburtstages war bei diesem meinem Nachbar
alles in tiefster Ruhe und weder Flagge noch Wimpel bei ihm zu
verspren. Erst spt hatte er sich den Schlaf aus den Augen gerieben,
aber sobald er sich auf dem Verdeck zeigte, warf ich ihm die Frage in
den Bart, ob er gleich mir und so vielen anderen rings um uns her, den
Knig von Preuen nicht auf herkmmliche Weise wolle hochleben lassen?
-- Das werd' ich wohl bleiben lassen! gab er zur Antwort, was geht
mich euer Knig an? -- Meine Erwiderung fiel, wie sich leicht denken
lt, deutsch und derb aus, allein ohne etwas darauf zu geben, wandte er
mir den Rcken und lie sich ans Land setzen.

Topp! gelobte ich mir selbst, was der Schuft zu tun nicht Lust hat,
soll dennoch von mir und in seinem Namen geschehen! -- Ich besa zwei
Gestelle Flaggen und Wimpel, wovon das seidene bereits seit
Sonnenaufgang in meinem Tauwerke prangte und flatterte; das andere
baumwollene nahm ich jetzt zur Hand, stieg mit ein paar Leuten an Bord
des Hollnders um es an seinen Masten aufzuziehen, ohne da das
Schiffsvolk, das sich an einfltigem Maulaufsperren begngte, meiner
Keckheit Einhalt zu tun versuchte. Und so wehten meine Flaggen den
ganzen Tag, ohne da jemand sich unterstanden htte, sie herabzureien,
oder da der Kapitn sich htte sehen lassen.

Indes war nicht nur meine eingebrachte Ladung in der Mitte Februars
gelscht, sondern vier Wochen spter hatte ich auch bereits wieder eine
neue Fracht nach Lissabon eingenommen, die in hundert Last Weizen,
zweihundert Tonnen schwedischen Tees und einigen tausend Edamer Ksen,
von fnf bis sechs Pfund an Gewicht, bestand. Gleich darauf machte ich
Anstalten, in See zu gehen, und war eben im Begriff, meine Anker
emporzuwinden, als ich mich gegen den Steuermann uerte: Nun, Gott sei
gedankt, da wir hier los sind, denn nie habe ich nach schon vollendeter
Reise so viel Verdru und Unannehmlichkeit erfahren, als diesmal unter
den Hollndern! -- Aber wie wenig ahnte ich, da mir schon in der
nchsten halben Stunde eine weit grere Widerwrtigkeit begegnen
sollte, als alle frheren.

Indem ich nmlich eben meine Segel aufgezogen, die Anker aber nur soweit
emporgewunden hatte, da sie noch vor dem Bug unter Wasser hingen, das
Schiff aber in die flieende Fahrt gelangte, kam eine ledige T'Gelke
[flaches Fahrzeug, auf der Zuider-See gebruchlich] gegen meine Seite in
einer Richtung angesegelt, da wir unausbleiblich zusammenstoen muten,
wofern sie nicht noch beizeiten absteuerte. Ich machte meine Leute
aufmerksam, ergriff aber zugleich auch das Sprachrohr, lief damit nach
vorn und rief dem Fahrzeuge zu: Haltet ab! Holt euer Ruder nach
Steuerbord! -- Auf dies Rufen sahen sich endlich die beiden Menschen
auf der T'Gelke, die mir bisher den Rcken gekehrt, nach meinem Schiffe
um, erkannten die Gefahr, worin sie schwebten, holten aber in der
Bestrzung das Ruder auf die Backbordseite, wodurch sie, anstatt mir
auszuweichen, gerade auf meinen Bug gerieten.

Jetzt ward das Unglck mit jedem Augenblick grer. Mein Bugspriet
verwickelte sich in das Segel und die Takelage der T'Gelke; meine Anker,
die noch unter Wasser waren, mochten wohl unter ihre Kimmung geraten,
und da mein Schiff sich bereits in ziemlichem Schusse befand, so drckte
es jenes kleinere Fahrzeug auf die Seite, bersegelte es endlich und
fuhr rumpelnd darber hin, als ob es ber eine Klippe hinweggestreift
wre. Eine halbe Minute spter kam die T'Gelke hinten in meinem
Kielwasser wieder zum Vorschein, aber gekantert und das Unterste zu
oberst schwimmend.

Ich war von Herzen erschrocken, und das um so mehr, da ich frchten
mute, da mein Schiff an seinem Boden betrchtlichen Schaden gelitten
haben mchte. Sofort lie ich zu den Pumpen greifen, doch alles war und
blieb dicht und gut, nur an meinem Bugspriet und dessen Takelage war
eine so arge Verwstung angerichtet, da ich auf der Stelle wieder den
Anker fallen lassen mute, um zur Ausbesserung zu schreiten. Inzwischen
waren auch von allen herumliegenden Schiffen Boote und Fahrzeuge
abgestoen, um die beiden Menschen zu bergen und nach der verunglckten
T'Gelke zu sehen. Ich aber konnte mich, mit meinem eigenen Schaden
beschftigt, danach nicht aufhalten, sondern eilte, wieder unter Segel
zu kommen.

Als ich nun einige Tage nachher im Texel anlangte, fand ich einen Brief
von meinem Korrespondenten, Herrn Floris de Kinder, vor, worin mir
berichtet wurde, da der verunglckte T'Gelken-Schiffer gegen mich
klagbar geworden und Schadenersatz von mir verlange. Er riet mir also,
vor dem Gerichte im Texel zu erscheinen und samt meiner Mannschaft eine
eidliche Erklrung ber den ganzen Hergang abzulegen, diese aber an ihn
einzusenden, damit jenen Ansprchen gehrig begegnet wrde. Dies
geschah, und aus der gerichtlichen Vernehmung ging genglich hervor, da
jener Schiffer nicht nur sein Unglck sich selbst zugezogen, sondern
auch mir selbst Not und Schaden verursacht habe. Der endliche Erfolg
war, da jener seine Ansprche weiter nicht verfolgte, da ich aber auch
meine eigene erlittene Einbue verschmerzen mute.

       *       *       *       *       *

Ich ging inzwischen aus dem Texel in See und hatte in den ersten drei
Wochen mit widrigen und strmischen Winden zu schaffen, die mich in der
Nordsee umherwarfen. Als ich jedoch Dover passiert hatte, wurden sie mir
gnstiger, obwohl sie bald in den strksten anhaltenden Sturm
ausarteten. Mein Schiff lief vor demselben in fliegender Fahrt mit so
unglaublicher Schnelle einher, da ich -- was vielleicht zuvor nie
erhrt worden -- den Weg von Dover nach Lissabon binnen vier Tagen
zurcklegte und also in jeder Stunde im Durchschnitt vierthalb Meilen
zurcklegte. Ein portugiesischer Kapitn, den ich als Passagier an Bord
hatte und der wegen Unplichkeit whrend dieser ganzen Zeit nicht aus
der Kajte hervorgekommen war, wollte seinen Augen nicht trauen, als er
das Verdeck bestieg und die Ufer seines vaterlndischen Tajo blhend vor
sich liegen sah. Nur in unserer Eigenschaft als Ketzer und unserer
daraus hergeleiteten nheren Verbindung mit dem Frsten der Finsternis,
vermochte er sich eine Fahrt zu erklren, die nicht durch die Wellen,
sondern durch die Luft bewerkstelligt sein msse.

Das mochte einem Manne verziehen werden, dem frh eingesogene religise
Vorurteile den Sinn befingen; allein was sollte ich sagen, als ich des
anderen Tages an der Tafel meines Korrespondenten, Herrn John Bulkeley,
mit mehreren englischen und amerikanischen Schiffs-Kapitnen
zusammentraf, denen ich von dieser Schnelligkeit meiner letzten Reise
erzhlte und dabei deutlich an ihren verzogenen Gesichtern und
blinzelnden Blicken bemerkte, wie wenig sie zumal in Erwgung der
schweren Befrachtung meines Schiffes, Glauben in meine Versicherung
setzten? Im stillen rger konnte ich kaum den nchsten Tag erwarten, wo
wir wiederum beisammen waren, um diesen schnden Zweiflern mein
mitgebrachtes Schiffsjournal vorzulegen.

Bald darauf kam ich ans Ausladen, und nachdem ich des Tees ledig
geworden, traf nunmehr die Reihe meinen bedeutenden Ksevorrat. Hierbei
aber mischte sich die Hafenpolizei von Lissabon auf eine mir
unbegreifliche Weise ein, indem sich zwei portugiesische Barken, deren
eine mit Militr besetzt war, mir zu beiden Seiten legten. Der Kse
ward, Stck fr Stck, von den bestellten Aufsehern befhlt und
berochen, ob sich nicht irgendwo eine faule oder verdchtige Stelle
zeigte. Jedes derartige Stck warf man sofort in die bewaffnete Barke,
und als ich erstaunt nach der Ursache eines so wunderlichen Verfahrens
forschte, ward mir der Bescheid: Kein Kse, der auch nur einen
gedrckten Fleck an sich habe, werde, als der Gesundheit nachteilig,
zugelassen, sondern sofort ins Wasser geworfen. Vergebens erwiderte ich,
da in aller brigen Welt gerade der angefaulte Kse seine besonderen
und hufigen Liebhaber finde; man meinte aber, dazu gehre auch ein
ketzerischer Magen, in Portugal hingegen msse aus solchem Genusse
alsobald die Pest entstehen.

Allmhlich hatte sich die als verdchtig ausgemerzte Ware in der
Kriegsbarke zu einem ansehnlichen Haufen angesammelt. Diese machte sich
demnach von meinem Borde los, entfernte sich einige hundert Klafter
abwrts und begann nun, den konfiszierten Kse ins Wasser zu werfen.
berall trieben die Stcke umher, aber ebenso bald auch machten alle
Schaluppen und Fahrzeuge in der Nhe Jagd auf eine so willkommene Beute.
Die Soldaten in der Barke suchten zwar diese Kapereien zu verhindern,
schrieen, schimpften, und machten sogar Miene, Feuer zu geben; doch
demungeachtet ward ein groer Teil von diesem Pestkse glcklich wieder
aufgefischt und hoffentlich auch ohne weiteren Nachteil fr Leben und
Gesundheit verzehrt.

Aber auch mein Weizen machte den Polizei-Offizianten Besorgnis. Denn
ihrer sieben fanden sich ein, um seine Beschaffenheit zu untersuchen.
Unglcklicherweise fanden sich nun einige zwanzig Weizenscke, die zu
uerst an den Seiten gelegen hatten und von dem feuchten Dunst im Raume
auswendig beschimmelt waren. Sofort war auch ihnen das Todesurteil
gesprochen. Sie wurden aufgeschnitten und der Inhalt kurzweg ber Bord
geschttet. Ich bewies durch den Augenschein, da der Weizen in diesen
Scken nicht den mindesten Schaden gelitten, ich klopfte ihnen sogar auf
ihre Schubscke, die sie mit diesem nmlichen, fr verpestet
ausgeschrienen Korne dick auszustopfen nicht verabsumt hatten. Sie
schttelten blo die Kpfe und entgegneten, die eingesackten Prbchen
seien nur zum Futter fr ihre Hhner bestimmt, die sich ja als ein
unvernnftiges Vieh den Tod nicht daran fressen wrden.

berhaupt sollte mein diesmaliger Aufenthalt in Lissabon nicht so
geeignet als jener frhere sein, mir eine vorteilhafte Meinung von den
Portugiesen beizubringen. Als ich eines Tages mit meinem Sohne, der mich
auf dieser Fahrt begleitete, durch eine abgelegene Gasse ging,
erblickten wir unter einem Bogengewlbe ein Muttergottesbild, vor
welchem mehrere Lichter brannten. Vor dergleichen pflegt kein guter
Katholik vorberzugehen, ohne seine Kniee zu beugen und seinen
Rosenkranz abzubeten. Zu beidem sprten wir keine Lust in uns. Ich
blickte daher sorgsam vor und hinter mich, und da ich nirgends eine
menschliche Seele gewahrte, rief ich meinem kleinen Begleiter zu, tapfer
mit mir fortzuschreiten, bevor uns jemand hier erblickte und uns
vielleicht ein bses Spiel bereitete.

Doch in dem nmlichen Augenblicke fhrte unser Unstern einen
liederlichen Gassenbuben herbei, der unsern Mangel an Andacht
wahrgenommen haben mochte, und sofort mit Hallo und Geschrei hinter uns
drein lief, Steine aus dem Pflaster aufri und uns mit Wrfen verfolgte.
Gleich in der nchsten Minute hatte sich ein ganzer Menschenschwarm
gesammelt, der auf uns einstrmte, uns mit Unflat bewarf und aus vollem
Halse den Ausruf Ketzer! Ketzer! hinter uns her ertnen lie.
Glcklicherweise konnten wir um eine Straenecke und dann wieder um eine
Ecke einbiegen, wodurch wir dem rasenden Pbel aus dem Gesichte kamen.
Zu noch besserer Sicherheit traten wir in einen, uns eben aufstoenden
Gewrzladen, wo ich eine Kleinigkeit kaufte und den aufgeregten Sturm
vollends vorberziehen lie.

Alles dies vermehrte meinen Wunsch, diesen Hafen je eher je lieber
wieder zu verlassen. Auch fand ich binnen kurzem eine anderweitige
Ladung, aus Zucker, Kaffee, Wein bestehend, die nach Hamburg bestimmt
war und mit deren Einnehmung ich mich sofort aufs fleiigste
beschftigte. Hier aber traf mich alsbald ein Verdru anderer Art, der
mich um all meine gute Laune zu bringen drohte. Es gab nmlich eine
Menge von dnischen, schwedischen und hollndischen Schiffen auf dem
Platze, welche mich um diese vorteilhafte Fracht beneideten und sie
womglich gerne rckgngig gemacht htten. Da sie nun allesamt mit den
Barbaresken in Frieden lebten, ich aber als Preue keine Trkenpsse
aufzuweisen hatte, so sprengten sie an der Brse die lgenhafte Zeitung
aus, da zwei Algierer vor der Mndung des Tajo kreuzten und auf gute
Beute lauerten.

In der Tat erreichten sie insofern ihren Zweck, da meinen Auftraggebern
unheimlich bei der Sache wurde, da sie bei mir auf keine freie Flagge
zu rechnen hatten, und einer von ihnen, der mir bereits zwei Kisten mit
spanischen Talern, als Frachtgut, in meine Kajte gegeben hatte, lie
sie zurckfordern, und zog es vor, sich mit mir auf Erlegung der halben
bedungenen Fracht zu einigen. Dagegen wute ich die brige, schon
eingenommene Ladung standhaft zu behaupten, stach mit Ausgang des Juli
in See, ohne einen Korsaren zu erblicken, und erreichte, sonder alles
weitere Abenteuer, die Elbe glcklich und wohlbehalten.

       *       *       *       *       *

Indes schien es mir gleichwohl vom Schicksal bestimmt, da ich immer
aufs neue mit Lissabon zu schaffen haben sollte; denn gleich meine
nchste Fahrt, mit allerlei Stckgtern von Hamburg, war wieder auf
diesen Platz gerichtet. Ich ging dahin im September ab, konnte aber erst
Mitte November im Tajo Anker werfen. Desto hurtiger ging es aber mit
meiner nchsten wiederum nach Hamburg bestimmten Rckreise, wo ich
bereits nach Verlauf von vier Wochen anlangte, aber nun auch, des
inzwischen eingetretenen starken Frostes wegen, mich entschlieen mute,
zu berwintern.

Im nchsten Frhling 1782 neigte sich der amerikanische Krieg immer mehr
zum Ende. -- Ein Ereignis, welches sofort auch einen sehr bemerkbaren
ungnstigen Einflu auf den bisher so lebhaft betriebenen Handel der
Neutralen uerte, und wovon ich selbst unmittelbar die Folgen sprte,
indem ich beinahe den ganzen Sommer auf der Elbe liegen blieb, ohne
irgendeine mir konvenable Fracht zu finden. Diesen mir aufgedrungenen
Miggang benutzte ich dazu, meine Papiere in Ordnung zu bringen und
mich mit meinem Patron, Herrn Gro in Stettin, ber smtliche Reisen,
die ich bisher fr ihn getan hatte, zu berechnen. Sobald dies Stck
Arbeit fertig war, schickte ich es, mit smtlichen Belegen ber Einnahme
und Ausgabe, an ihn ein, und machte ihm bemerklich, wie ich mit seinem
Schiffe, nach Abzug aller Ausrstungs- und Unterhaltungskosten, aller
Volkslhnungen, angeschafften und verbrauchten Provisionen,
Assekuranz-Prmien und auerordentlichen Kosten reine fnfunddreiigtausend
Taler fr ihn verdient habe. Was jedoch den letzteren Artikel der
extraordinren Ausgaben betreffe, so beruhigte ich mich mit seiner
eigenen langen Erfahrung im Schiffswesen, da er den Unterschied der
Zeiten nicht bersehen werde.

Diesen Rechnungen schlo ich zugleich eine bersicht meiner eigenen
Forderungen an ihn bei, die sich auf tausendsiebenhundertundeinundsiebzig
Taler und einige Groschen beliefen, mit der Bitte, mir darber einen
Revers zukommen zu lassen, den ich, um Lebens und Sterbens willen, bei
Johann Daniel Klefecker in Hamburg niederzulegen gedchte. Meine Papiere
aber wnschte ich, nachdem sie von ihm durchgesehen und gutgeheien worden,
von seiner Gte zurckzuempfangen.

Herr Gro schien jedoch bei diesem allem keineswegs die Eile zu haben,
welche meine Ungeduld bei ihm voraussetzte. Seine Antwort blieb mir bald
gar zu lange aus. Alles was mir frher von seiner unvertrglichen
Gemtsart gesagt worden, stieg mir wieder zu Kopf, und da ich noch
verschiedene Posttage wieder vergeblich geharrt hatte, konnte ich mich
lnger nicht enthalten, ihm schriftlich mein Befremden zu uern, da er
mich in dieser peinigenden Ungewiheit lasse. Erregten ihm meine
Rechnungen Mitrauen, und zweifle er an meiner Redlichkeit, so mge er
hier in Hamburg einen anderen Schiffer bestellen, damit ich mich in
Stettin persnlich ausweisen und meine Ehre sicherstellen knne.

Kaum war dies Dokument meines Unmuts auf den Weg gegeben, als mit
nchster Post ein Schreiben von Herrn Gro einlief, das mich in der
innersten Seele beschmte. Er uerte sich darin: Mein lieber Sohn, ich
bin mit Ihnen, wie mit Ihren Rechnungen und Handlungen, herzlich zufrieden.
Fr Ihre treuen und ehrlichen Dienste bersende ich Ihnen hierneben als
Geschenk einen Wechsel von tausend Mark Hamburger Banko, den Sie sogleich
ziehen mgen, damit Sie Geld fr sich in Hnden haben. Demnchst erhalten
Sie den verlangten Revers ber tausendachthundertundeinundsechzig
Taler, die Sie bei mir zugute haben.

Hier gab es jedoch eine Differenz von neunzig Talern in dem letzteren
Posten, die, so sehr auch alles brige mich freute, nur in einem
Rechnungsfehler meines Patrons ihren Grund haben konnte und also
ehebaldigst ausgeglichen werden mute. Indem ich mein Buch zu Hilfe
nahm, konnte ich ihm sogar auch die Gelegenheit nachweisen, wo ich
diesen sich doppelt angerechneten Vorschu von neunzig Talern in Stettin
verausgabt hatte. Ich machte ihn also schriftlich hierauf aufmerksam,
und bat, mir einen anderen, um soviel niedriger gestellten Revers zu
behndigen. Er aber antwortete mir: Allerdings habe ich mich in meiner
Rechnung versehen, allein nicht in Ihrer Rechtschaffenheit; und so soll
es mit meinem zuerst ausgestellten Revers sein Bewenden behalten.

       *       *       *       *       *

Inzwischen hatte ich diesem Ehrenmanne, als bereits der Juli
herangelaufen war, gemeldet, da mir's unertrglich fiele, mit seinem
Schiffe hier noch lnger unttig auf der Brenhaut zu liegen und es im
Hafen verfaulen zu sehen. Er mchte mir demnach gestatten, Ballast
einzunehmen und nach Memel zu gehen, wo ich eine Ladung fichtener Balken
fr eigene Rechnung einzunehmen und diese in Lissabon abzusetzen
gedchte, die dort, meiner Erfahrung nach, mit Vorteil abzusetzen sein
wrde. Als Rckfracht liee sich, im schlimmsten Falle, wiederum eine
Ladung Seesalz einnehmen und nach Riga verfhren.

Herr Gro stand nicht an, diese Vorschlge zu genehmigen. Ich nahm, da
ich meine Leute schon im Winter entlassen, neues Hamburger Schiffsvolk
an und trat, Mitte August, die Reise nach Memel an. Als wir zur Elbe
hinaus und gegen Helgoland kamen, ging der Wind in Westnordwest, und es
war regnerisches und strmisches Wetter. Mein Steuermann hatte, wie ich
mit Leidwesen bemerkte, etwas zu tief in die Flasche gesehen. Ich
wollte dem Ding abhelfen, lie einen Teekessel mit Wasser und Wein
aufsetzen und reichte ihm davon einige Tassen zur Ernchterung: allein
das schien ihn fast noch mehr zu benebeln. Um 8 Uhr abends teilte ich
die Wachen ein, demzufolge der Steuermann und das halbe Volk die erste
bis Mitternacht bernehmen sollten, und wobei ich den ersteren anwies,
auf keinen Fall stlicher als Nordost zu steuern, um nicht auf Land zu
geraten, bei dem allermindesten Vorfall aber, der sich ereignen knnte,
mich sofort zu wecken.

Zwar begab ich mich hierauf in meine Kajte zur Ruhe, doch war mein
Gemt zu voll von Unruhe und bser Ahnung, als da ich htte Schlaf
finden knnen. Ich warf mich hin und her im Bette; horchte nach jedem
Gerusche, das auf dem Verdeck ber mir laut ward, und hrte endlich den
Mann am Ruder in die Worte ausbrechen: Nein, es geht doch toll auf
diesem Schiffe her! Kein Licht beim Kompa; kein Steuermann auf dem
Deck. -- Ich wei selbst nicht mehr in der Finsternis, welchen Strich
ich halten soll.

Es war mir bei diesen angehrten Stoseufzern, als ob mich der Donner
rhrte. Ich fuhr mit gleichen Fen aus dem Bette und sprang aufs
Verdeck. Was steuert Ihr auf dem Kompa? fragte ich den Menschen und
erhielt eine konfuse Antwort, aus welcher ich jedoch vernahm, da ihm
der Wind das Licht, welches sonst regelmig neben dem Kompa in einer
Laterne brennt, ausgeweht habe. Daneben sprte ich deutlich, da uns der
Wind von hinten kam, anstatt er hchstens den Backbord htte treffen
sollen. -- Wo ist der Steuermann? -- Der lag in seiner Koje,
schnarchte und wute von seinen Sinnen nichts!

Fast htte eine so rasende Unordnung mich auch um die meinigen gebracht!
Ich machte Lrm unter dem Volk; es mute Licht gebracht werden, und als
ich damit den Kompa beleuchtete, ersah ich mit Todesschrecken, da das
Schiff gegen Sdosten, gerade auf die Kste zu, anlag. Ohne einen
Augenblick zu verlieren, griff ich zur Ruderpinne, wandte das Schiff
durch Sden nach Westen und lie gleich darauf das Bleilot auswerfen,
welches nicht mehr als vier Klafter Tiefe anzeigte. So lag es denn am
Tage, da wir nur noch ein paar Minuten lnger in jenem verkehrten Kurs
htten fortsteuern drfen, und wir wren ohne Rettung auf den Strand
gegangen, wo wir vielleicht Schiff und Leben eingebt htten.

Aber auch jetzt noch blieb es fr die ersten Augenblicke zweifelhaft, ob
alle unsere Anstrengungen uns aus dieser Gefahr wieder loshelfen wrden.
Sobald ich endlich diese berzeugung gewonnen hatte, schien es mir
ntig, ein Beispiel zu statuieren. Ich holte den Taugenichts von
Steuermann bei den Haaren aus seiner Kammer hervor, gab ihm ein paar
Futritte, wie er's verdient hatte, und hielt zugleich auch der brigen
Mannschaft eine Strafpredigt, woran sie meinen Ernst abnehmen mochte.

Von jetzt an gab es nichts als widrige Winde, die uns volle vierzehn
Tage hindurch ntigten, in der Nordsee und bei Skagerrak umherzukreuzen.
Was aber meinen Unmut noch hher steigerte, war der widerspenstige Sinn
meines Schiffsvolks, der sich, je lnger je ungescheuter, offenbarte.
Kam es zu verdienten Verweisen und Ermahnungen, so hie es immer: Pah!
Wir sind Hamburger und keine Preuen! Wir kennen unsere Rechte; so mu
man uns nicht kommen! -- Was mich jedoch am meisten verschnupfte, war
eine gegen allen Seemannsbrauch streitende Gewohnheit, die sie gegen
meinen Willen in Gang zu bringen suchten. Sie lagen nmlich bei Tag und
Nacht ber ihren Tee- und Kaffeekesseln, und so oft ich in die Kombse
sah, hingen oder standen acht oder zehn solcher Maschinen bei einem
Feuer, woran man vielleicht einen Ochsen htte braten knnen -- ein
Unwesen, wobei nicht nur unser Kohlenvorrat unntz verschwendet, sondern
auch dem Schiffe bestndige Gefahr durch verwahrlostes Feuer drohte.

Als mir dieser Unfug endlich zu arg ward, tat ich ihnen ernstliche
Vorhaltung, da dies gegen alle gute Ordnung sei und fortan abgestellt
bleiben msse. Es solle dagegen mein eigener groer Kessel fortwhrend
am Feuer stehen, und was ich selbst nicht gebrauchte, mchten sie nehmen
und unter sich einteilen. Allein auch das war in den Wind geredet, und
mit dem Tee- und Kaffeegesff blieb es beim alten. Fast gewann es den
Anschein, als ob man Lust habe, sich um meine Anordnungen gar nicht mehr
zu kmmern.

Eines Abends, nach Endigung des Gebets, hie ich der Mannschaft noch
etwas sitzen zu bleiben, und mit ebensoviel Ernst als Gte deutete ich
ihnen meinen festen Willen an, da das Kunkeln mit den vielen Teekesseln
von Stund an ein Ende haben msse. Sie hingegen pochten, unter Lrm und
Geschrei, nach gewohnter Weise, da sie Hamburger wren und keine
Preuen, und sich ihr Recht nicht nehmen lassen wrden. Ich hielt jedoch
an mich und sagte mit mglichster Ruhe: Ihr wit nun meinen Willen, und
das ist genug!

Am nchsten Morgen um 8 Uhr stieg ich, meiner Gewohnheit gem, in den
Mastkorb, mich umzusehen. Indem ich dabei meine Blicke zufllig nach
unten richtete, nahm ich wahr, da mein ganzes Volk, den Bootsmann und
den Koch an der Spitze, wie verabredet, in einer Reihe, und jeder seinen
Teekessel in der Hand, von hinten nach der vorderen Luke zuschritten, um
sich im Raume mit frischem Wasser zu versehen. Dies sehen und mich am
nchsten besten Tau an den Hnden herunterlassen, war das Werk eines
Augenblicks. Glcklich gelangte ich so aufs Verdeck, bevor sie noch die
Luke erreichten, und mit fester Stimme rief ich: Was ist das? Was soll
das? -- indem ich zugleich dem Bootsmann wie dem Koch die Teekessel aus
den Hnden ri und weit hinaus ber Bord ins Meer schleuderte.

Hui, das hie in ein Wespennest gestochen! Die Kerle schlossen einen
dichten Kreis um mich her, und schrien wie unsinnig: Schlagt zu!
Schlagt zu! -- doch keiner hatte das Herz, der erste zu sein. Diese
Unschlssigkeit gab mir Zeit, mich durch sie hindurchzuwinden und mit
starken Schritten nach meiner Kajte zu eilen, wiewohl alsobald auch
der helle Haufe mit einem frchterlichen Halt auf! Schlag zu! Halt
fest! mich auf dem Fue dahin verfolgte. Doch gelang mir's, die
Kajtentr hinter mir zuzuschlagen und den Riegel von innen
vorzuschieben.

In der Tat war nun meine Lage bedenklich genug: mein Leben sowohl wie
die Erhaltung des Schiffes standen hier auf dem Spiele. Sinnend und in
strmischer Bewegung ging ich auf und nieder, um ber irgendeine
durchgreifende Maregel zu meiner Rettung mit mir einig zu werden. Ich
erinnerte mich endlich, da ich, einige Reisen frherhin, in Hamburg
einen Abdruck des dort geltenden Schiffs- und Seerechts gekauft und bei
mir an Bord hatte, sowie, da ich dasselbe zum ftern durchblttert und
mir mehrere Punkte angestrichen hatte, worber Volk und Schiffer am
leichtesten und gewhnlichsten miteinander zu zerfallen pflegen, falls
ich irgend einmal in einen hnlichen Zwist geraten sollte.

Ungesumt holte ich dies Buch aus seinem Winkel hervor, schlug den
gesuchten Artikel nach, und fand folgendes verzeichnet:

     Einem Schiffer steht frei, seine Leute zu zchtigen, und es darf
     keine Gegenwehr geschehen. Sollte aber ein Schiffsmann sich
     unterstehen, seinen Schiffer zu schlagen oder sonst zu mihandeln:
     so wartet seiner der Galgen, nach Hamburger Recht. -- Ebenso nach
     englischem und hollndischem Seerecht. -- Nach dnischen und
     schwedischen Gesetzen wird der Verbrecher mit der Hand an den
     Galgen genagelt, um 6 Stunden daran zu stehen, bis ihm das Messer,
     womit er angenagelt ist, wieder herausgezogen worden. -- Nach
     preuischem Seerecht wird er 6 Monat in Eisen an die Karre
     geschmiedet.

Ich zeichnete nunmehr diese Gesetzstelle an, legte das Titelblatt mit
den grogedruckten Worten Hamburgisches Schiffs- und See-Recht
aufgeschlagen auf den Tisch, und meinen kurzen aber gewichtigen
Rohrstock daneben, und zog nun die Glocke, die den Kajtenjungen mit
seiner Frage: Was zu Dienst? herbeirief. -- Der Bootsmann soll zu
mir kommen. -- Eine Minute spter trat der Geforderte zuversichtlich
in die Kajte, deren Tr ich sofort hinter ihm ins Schlo warf.

Kannst du Deutsch lesen, Bursche? fragte ich ihn, indem ich ihm dicht
auf den Leib trat. -- Hm, ich werde ja! Was soll's damit? lautete die
Antwort. -- So tritt her und lies diesen Titel. Das sind die Gesetze,
wonach deine Vaterstadt dich und deinesgleichen richtet. Und nun lies
und beherzige hier auch _diesen_ Artikel. -- Er sah den Paragraphen
berhin an und fuhr dann heraus: Hoho, das ist nur Wischewsche! --
So, guter Kerl? Nun, so will ich dir zeigen, was Wischewsche ist, und
damit griff ich nach dem spanischen Rohr und walkte ihn durch aus
Leibeskrften. Das bse Gewissen erlaubte dem Buben nicht, sich ttlich
zu widersetzen, sondern er taumelte nur sthnend aus einem Winkel in den
anderen, um meinen Streichen zu entgehen. So geschah es, da mein
Strafgericht in dem engen Raume der Kajte ebensowohl die umher
angebrachten Glasschrnke samt den darin befindlichen Glsern und Tassen
traf, was ich aber in meinem brennenden Eifer nicht achtete.

Endlich, da ich meinen Arm erlahmt fhlte, stie ich den Taugenichts mit
den Fen zur Kajte hinaus, riegelte die Tr hinter mir zu und nahm mir
nun etwas Zeit zum Verschnaufen. Der Anfang zur Wiederherstellung meiner
Autoritt war glcklich gemacht und damit zugleich ein schwerer Stein
von meinem Herzen gefallen. Die Kerle steckten in keinen reinen Schuhen
und fingen an, bei meiner Entschlossenheit perplex zu werden. Ich durfte
nun aber auch nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern sie muten
noch gewichtiger fhlen, da ich ihnen gewachsen war. Sobald ich mich
demnach ein wenig erholt hatte, zog ich abermals die Schelle und lie
nunmehr auch den Koch vor mich fordern.

Der Schelm mochte nun wohl schon erfahren haben, was seiner wartete. Er
leistete also zwar Gehorsam, beobachtete aber die kluge Vorsicht, die
Tr nur gerade so weit zu ffnen, da mir Nase und Augen sichtbar
wurden. Nher, Schurke! donnerte ich ihm entgegen; er hingegen suchte
mich zu begtigen und bat: O, lieber Kapitn, lat es doch gut sein!
-- Ich wiederholte mein Gebot; da er aber gleichwohl die Tr in der Hand
behielt, warf ich ihm mein Rohr an den Kopf, und er sah dabei seine
Gelegenheit ab, die Tr zuzuschnappen und sich aufs Verdeck
zurckzuziehen. -- Auch der zweite Feind war nun aus dem Felde
geschlagen; jetzt kam es noch darauf an, einen entscheidenden
Hauptschlag zu vollfhren und die Kerle durch pltzlichen Schreck
vollends zu unterjochen.

Ich berlegte im Auf- und Abgehen, da, je lngere Zeit ich bei dem
anhaltenden Gegenwinde bedrfen wrde, um den Sund zu erreichen und mein
rebellisches Volk durch obrigkeitlichen Beistand zu Paaren zu treiben,
leicht in den nchsten Augenblicken sich etwas ereignen knnte, was
seinen gesunkenen frechen Mut wieder hbe und das bel rger machte. Am
gescheitesten also schien mir's, den nchsten norwegischen Nothafen
aufzusuchen und dort Recht und Gerechtigkeit zu fordern.

Hierzu entschlossen, nahm ich meinen Schiffshauer unter den Arm, kam
festen Schrittes auf das Verdeck hervor und gebot dem Manne am Ruder:
Pa auf, Junge, und steuere Nordnordost! -- Das gesamte Schiffsvolk
stand auf einem Haufen versammelt und steckte die Kpfe zusammen. Als
ich ihnen aber zurief, nach vorn zu gehen und die Segel nach dem Winde
zu ziehen, verrichteten sie diese Arbeit pnktlich und in sichtbarer
Gemtsbewegung. Nur der Steuermann, der sich bei dem ganzen Vorgange wie
ein Dummbart abseits gehalten, trat jetzt mit der verwunderten Frage zu
mir heran: Ei, Kapitn, wo denn nun hin? -- Wie? rief ich in Gift
und Galle, Ihr seid Steuermann und begreift das nicht? Nach Norwegen
geht der Kurs, und dort geradezu auf den Galgen los. Will ich meines
Lebens und Schiffes sicher sein, so mssen binnen hier und drei Tagen
ein paar Rebellen hoch in der Luft baumeln!

Das smtliche Volk hatte diese Drohung, wie es meine Absicht war, mit
angehrt. Ich hrte ihr Geflster und sah, wie sie untereinander etwas
ernstlich zu bereden schienen. Noch konnte ich nicht erraten, was sie im
Schilde fhrten. Um aber auf alles gefat zu sein, zog ich meinen Hauer
blank, trat mitten unter sie und fragte gebieterisch: was sie wollten?
-- Der Bootsmann nahm fr sie das Wort, dem sie nach und nach alle
beifielen, und gestand mit Zerknirschung, sie htten sich bereilt und
vergangen, bten mich um Vergebung und versprchen, sich hinfro besser
gegen mich zu betragen.

Ei wohl! entgegnete ich ihnen -- Respekt und Gehorsam gegen mich
verstehen sich wohl von selbst. Aber was ich wegen des Vergangenen ber
euch beschliee, darber werde ich mich allerdings noch besinnen mssen.
Jetzt an die Arbeit! -- Fr mich selbst aber zog ich nunmehr in
Erwgung, da, da die Kerle dergestalt zu Kreuze gekrochen, die Fahrt
nach Norwegen nur eine unntige Zeitversplitterung sein und es besseren
Vorteil versprechen werde, in See zu bleiben und meine Reise mglichst
zu beschleunigen. Indem ich sie also aufs neue zusammenberief, erklrte
ich ihnen, da ihr bser Handel vorerst mit dem Liebesmantel zugedeckt,
wenngleich nicht ganz vergeben sein solle, was sich zu seiner Zeit
weiter ausweisen werde.

Demnach nderte ich meinen Kurs wieder nach Osten gegen das Kattegatt,
bis mich in der Nacht vom 2. zum 3. September ein dermaen schrecklicher
Sturm aus Nordosten berfiel, wie ich ihn kaum jemals erlebt habe und
wie er in dieser beengten Meeresgegend verdoppelte Gefahr drohte. Am
Abend vorher zhlte ich in meinem Gesichtskreise, auf etwa zwei Meilen
umher, nicht weniger als zweiundvierzig Segel, die gleich mir nach dem
Sunde steuerten. Der Sturm verstrkte sich aber von Stunde zu Stunde, so
da ich endlich keinen einzigen Lappen Segel fhren konnte und mit jeder
Woge frchten mute, auf eine blinde Klippe zu stoen, welche hier
meilenweit vom Lande zu Hunderten umhergest sind. Doch Gott erhielt uns
wunderbarlich; am nchsten Morgen aber waren von jenen zweiundvierzig
Schiffen nah und fern nicht mehr als vierzehn zu erblicken und gewi
ging der grte Teil der fehlenden in dieser entsetzlichen Nacht
zugrunde. Fr uns Gerettete hingegen stieg alsbald wieder ein
freundliches Wetter auf, das uns glcklich nach dem Sunde fhrte.

       *       *       *       *       *

Hier nicht lnger, als unumgnglich notwendig, zu verweilen, gab es noch
einen geheimen Grund. Ich hatte meinem Vater schon von Hamburg aus nach
Kolberg geschrieben, da ich auf dieser Reise alles daransetzen wrde,
mich der Reede meiner Geburtsstadt dergestalt zu nhern, da ich die
Freude haben knnte, ihn und die Meinigen im Vorberfahren auf einige
Stunden bei mir am Borde zu begren. Ich wollte dabei an einem roten
Stender kenntlich sein, den ich am Vordertop wrde wehen lassen, und ich
bat ihn und alle guten Freunde, mir diesen gehofften Genu nicht zu
verderben.

In der Tat wollten mir auch Wind und Wellen so wohl, da ich, obgleich
erst zum 29. September, mich auf der Kolberger Reede zeigen konnte. Da
es gerade ein Sonntag war, so befanden sich nicht blo meine erbetenen
Gste, sondern auch noch anderweitige zahlreiche Bekannte auf der Mnde,
welchen der Besuch an meinem Schiffe eine gelegene Lustpartie schien,
und die mir daher, vielleicht hundert Kpfe stark, gern gesehen, an
meinem Borde zusprachen. Bei dem schnen Wetter ging ich gar nicht
einmal vor Anker, sondern blieb mit Hin- und Herkreuzen unter Segel.
Kajte und Verdeck wimmelten von bekannten Gesichtern und frhlichen
Menschen, bis endlich abends alles wieder zu Lande fuhr, und ich darf
mit Wahrheit sagen, da ich diesen Tag fr einen der vergngtesten
meines Lebens achte.

Nach genommenem Abschiede erhielt ich einen guten steifen Wind, der mich
schon zu Abend des anderen Tages ins Angesicht von Memel brachte. Hier
aber hatte er sich allmhlich in einen Sturm verwandelt, der es den
Lotsen unmglich machte, zu uns heranzukommen, und keck, wie ich war,
unternahm ich mir's, auf meine eigene Gefahr auf den Hafen zuzusetzen.
Das Wagestck lie sich auch gut genug an, bis ich zwischen die beiden
Haken kam, wo sich's fand, da das Fahrwasser viel zu westlich lief, als
da ich mich mit diesem Winde dagegen wenden konnte. Zwar machte ich, da
hier Not an Mann ging, den verzweifelten Versuch, allein das Schiff
wollte dem Steuer nicht lnger folgen und trieb augenscheinlich gerade
auf den Nordhaken zu.

Jetzt stand, mit der Entschlieung des nchsten Augenblicks, unser Leben
und alles auf dem Spiele. Ich ergriff ein Beil, kappte flugs das Bogreep
und die brigen Leinen, woran der Anker sich hielt und der nun mit
seinem ganzen vollen Gewichte in den Grund fiel. Nun hatte das Schiff
fr den Moment den fehlenden festen Sttzpunkt gefunden; es schwang sich
um den Anker, und kaum hatte es sich auf diese Weise nach Wunsch
gewandt, so hieb ich mit einem krftigen Streiche auch das Ankertau
entzwei, lie den Anker stehen und kam glcklich und ohne Schaden wieder
in See, bis des andern Tages der Wind nrdlicher ging und ich in aller
Gemchlichkeit den Hafen erreichte.

Obwohl nie ein Freund tyrannischer Hrte in meinem Kommando, und auch
hier nicht von einer besonderen Rachsucht getrieben, glaubte ich es doch
sowohl mir selbst als dem allgemeinen Besten schuldig, meine
Schiffsmannschaft wegen ihrer angezettelten Meuterei bei dem Seegerichte
in Memel sofort nach meiner Ankunft anzuklagen. Die Sache ward
untersucht und der Spruch fiel dahin aus, da dem Bootsmann als
Rdelsfhrer hundert Stockprgel in zwei Tagen, dem Koch fnfzig und
noch einem Matrosen fnfundzwanzig zugezhlt werden und sie ihrer
verdienten Gage verlustig gehen sollten, welche den seefahrenden Armen
zuerkannt wurde. Nach empfangener Strafe aber sollten sie ber die
nchste preuische Grenze gebracht werden.

Laut dieses Urteils wurden sie sogleich in die Militrwache abgefhrt
und an dem bestimmten Tage ein paar Unteroffiziere beordert, die Sentenz
an ihnen zu vollziehen. Ich meinesteils erachtete es fr gut und
wohlgetan, mein briges Schiffsvolk mit herbeizufhren, um Zeugen der
Exekution zu sein und sich darin zu spiegeln. Die drei Kerle traten
ziemlich keck aus dem Wachloche hervor und schienen den Korporalstock
wenig zu frchten, bis man sie aufs Hemd entkleidete und daneben der
warmen Ftterung beraubte, wodurch sie sich zu schtzen vermeint hatten.
Hoffentlich drang nun der wohlverdiente Denkzettel durch die neunte
Haut; ich aber, froh, ihrer los und ledig zu sein, nahm wieder in ihre
Stelle drei englische Matrosen an, welche von einem Schiffe in Libau
heimlich abgegangen waren.

       *       *       *       *       *

Gehrte jenes Strafgericht zu den Unannehmlichkeiten meines Aufenthaltes
in Memel, so war mir hier doch auch eine zweifache herzliche Freude
durch lebhafte Rckerinnerung an meine Jugendzeit vorbehalten. Nicht nur
fand ich ganz unvermutet in dem Post- und Bankdirektor W** meinen
einstmaligen treuen Taubenfreund wieder, dessen ich eingangs dieser
meiner Lebensgeschichte unter einem bei weitem nicht so stattlich
klingenden Titel gedacht und der mich mit voller alter Herzlichkeit
aufnahm, sondern auch mit dem ehemaligen Kolberger Kaufmann Seeland traf
ich hier zufllig zusammen, dessen Drtchen mir einst, nach meinem
verunglckten Turmritt, eine unvergeliche Semmel zugesteckt hatte, und
die ihn auch jetzt auf dem Wege nach der Insel Oesel begleitete, wo der
gute verarmte Mann bei seinem Sohne, einem dort wohnenden Prediger,
Zuflucht und Untersttzung suchte. Wie dauerte mich, um meiner
jugendlichen Wohltterin willen, das Schicksal dieser Familie! Aber wie
machte mich's jetzt auch glcklich, da ich meinem dankbaren Herzen
seinen Willen lassen konnte!

brigens machte ich in Memel fr meinen Patron ein noch besseres
Geschft, als ich gehofft hatte, indem ich, anstatt eine Ladung fr
eigene Rechnung einzunehmen, Gelegenheit fand, mit Herrn Kaufmann
Wachsen eine leidlich gute Fracht auf Lissabon ber eine Partie
Schiffsmasten, fichtene Balken und Stangeneisen abzuschlieen. Zufllige
Umstnde verhinderten jedoch, da ich vor Anfang November nicht klar
werden konnte, und dann hatte ich, des frh eingetretenen Winters wegen,
Mhe, durch das Eis in See zu gelangen. berdem noch trieben mich
widrige Winde fast drei Wochen in der Ostsee umher, bevor ich in den
Sund kam, nun aber mit gnstigerer Fahrt die Nordsee erreichte.

Allein auf die Dauer eines solchen erwnschten Wetters war in dieser
vorgerckten Jahreszeit freilich nicht zu rechnen und wirklich gab es
auch schon in den ersten Tagen des Dezembers wieder kontrren Wind und
Sturm, wobei wir rings um uns her mancherlei Schiffstrmmer, Masten,
Stangen, Ruder und ein umgekehrtes Boot treiben sahen. Noch auffallender
aber war uns der Anblick eines Schiffes, etwa eine Meile nrdlich vor
uns, dem der groe Mast fehlte und das noch mancherlei andere Spuren von
Zertrmmerung zeigte.

Abends um acht Uhr, als wir des widrigen Windes wegen uns gegen Norden
legen muten und ich eben die Wache hatte, meldete mir der Ausgucker,
da er nahe vor uns ein Schiff gewahr werde. Ich lie sofort eine
Laterne aushngen und erwartete, da auch jenes, wie es Brauch ist, ein
gleiches tun werde, damit wir nicht zu nahe aneinander gerieten und uns
beschdigten. Es geschah aber nicht; ich lief indessen so dicht vorber,
da ich trotz der Dunkelheit deutlich erkennen konnte, wie ihm der groe
Mast fehlte und die See schumend ber Bord hinstrzte. Es war also ohne
Zweifel das nmliche Schiff, welches wir schon tags zuvor erblickt
hatten, und deuchte mir von ziemlicher Gre zu sein, aber steuerlos auf
seiner Last zu treiben.

Im Vorbersegeln rief ich es zu wiederholten Malen durch das Sprachrohr
mit Holla! Holla! an, erhielt jedoch keine Antwort und mute daraus
schlieen, da es von seiner Besatzung verlassen worden. Dies regte nun
allmhlich allerlei wunderliche Gedanken in mir auf, die sich endlich in
die Vorstellung auflsten, das herrenlose Wrack mit dem grauenden Morgen
wieder aufzusuchen, es ins Schlepptau zu nehmen und nach Norwegen zu
fhren, von dessen Ksten wir nur einige und zwanzig Meilen entfernt
waren. Der Wind zur Fahrt dahin wehte gnstig, und fr die aufgewandte
Zeit und Mhe schien ein so bedeutender Fund, auch ohne Rcksicht auf
die etwaige Ladung, uns gengend entschdigen zu knnen.

Bei dem Wechsel der Wache um Mitternacht teilte ich diesen Anschlag dem
Steuermanne mit, der meiner Meinung beistimmte und mit dem ich nunmehr
fr die brige Nacht einen solchen Kurs verabredete, da wir hoffen
konnten, uns bei Tagesanbruch wieder in der Nhe jenes Schiffes zu
befinden. In der Tat auch erblickten wir es kaum eine halbe Meile vor
uns unter dem Winde. Obwohl nun das Wetter ziemlich strmisch war,
setzten wir doch sofort unser groes Boot aus, und indem wir uns mit
unserem eigenen Schiffe dem Wrack bis auf eine Entfernung von etwa
achtzig Klaftern nherten und mit dem Boote ein Kabeltau auslaufen
lieen, versuchte ich, nebst den mit mir genommenen sechs Matrosen,
unser mglichstes, dort an Bord zu gelangen.

Freilich ward dies Wagestck bald um so schwieriger, da wir's nicht
verhindern konnten, hinten unter dem Schiffe vorbergetrieben zu werden,
whrend dieses von den Wogen aufs heftigste gewlzt wurde und wir jeden
Augenblick befrchten muten, mit unserm Boote und dem schweren Ankertau
in den Grund zu versinken. Endlich gelang es uns zu entern, das Ende des
Taues zu befestigen und uns auf unserer Prise ein wenig umzusehen. Es
war eine greuliche Zerstrung darauf vorgegangen, und sicherlich htte
das Schiff lngst sinken mssen, wenn es nicht mit Holz und Balken
geladen gewesen wre.

Nachdem wir auf diesem Schiffe das Ntigste besorgt hatten, kehrten wir
nach unserm eigenen zurck, hingen das andere Ende des Schlepptaues in
unser Hinterteil und richteten nunmehr mit unserer neuen Last den Kurs
auf Norwegen zu. Freilich hatten wir, da der Wind von hinten krftig in
unsere Segel blies, uns Rechnung gemacht, den Weg dahin rasch
zurckzulegen, allein unsere nachgeschleppte Prise ging so tief und
drckte so schwer, da wir binnen einer Stunde kaum eine Viertelmeile
fortrckten. Doch beharrten wir den ganzen Tag und die darauffolgende
Nacht in unserm Beginnen.

Mit meiner Morgenwache aber, in der Stille der Dmmerung, stiegen mir
wiederum allerlei Grillen in den Kopf, die mir diesen Handel je lnger
je bedenklicher machten. Ich erwog, was fr eine langsame und mhselige
Schlepperei dies abzugeben drohte, wie kurz in dieser Jahreszeit die
Tage, und wie es gleichwohl, wenn wir nach Norwegen herein wollten,
unumgnglich erforderlich sein werde, schon zur frhesten Morgenzeit
nahe am Lande zu sein, um nicht unser eigenes Schiff den Klippen
preiszugeben, die sich meilenweit lngs der Kste in dichter und starrer
Saat hinziehen. berdem war auf den Bestand von Wind und Wetter keinen
Augenblick zu rechnen, und so schien es am geratensten, ein Unternehmen
lieber freiwillig aufzugeben, welches, selbst im glcklichsten Falle,
ein unangemessenes Zeitversumnis erforderte, leicht aber auch mich
gegen meinen Reeder und Befrachter einer schweren Verantwortlichkeit
blostellen konnte.

Ich erffnete beim Wechsel der Wache dem Steuermanne auch diese meine
vernderte Ansicht samt ihren Grnden und beschlo nun, mit ihm
gemeinschaftlich das Schlepptau sofort wieder abzulsen und das Wrack
seinem Schicksale zu berlassen. Noch whrend der Ablsung fiel es mir
indes bei, da es doch wohl recht und billig wre, uns fr unsere
vergebliche Mhe und Zeitverlust durch irgend etwas, das uns ntzen
knnte und hier doch nur den Wellen schmhlich preisgegeben war,
schadlos zu halten. Mir fielen die Anker, welche noch alle unversehrt am
Buge hingen, ins Auge. Ich befahl demnach, unser Tau in den grten
derselben einzuknpfen, die Leinen und Reepe, die es hielten, zu kappen
und es fallen zu lassen, damit es jenseits von unserem Schiffe wieder
emporgewunden werden knnte.

Dies geschah; wir stiegen in unser Boot zurck und lieen das Wrack
treiben, ohne da es uns mglich gewesen wre, weitere Kundschaft
einzuziehen. Nur so viel hatten wir bemerkt, da es ein groes
hollndisches Fltschiff war, hinten den Namen Dambord und auch ein
angemaltes Damenbrett im Spiegel fhrte. Einige Tage spter trafen wir
auf einen Hollnder, der nach dem Texel wollte und dem ich zurief, da
ich in der und der Gegend ein Schiff seiner Nation als ein Wrack
treibend gesehen, welches den Namen Dambord fhrte. Er mge solches,
wenn er nach Amsterdam kme, an der Brse bekannt machen.

       *       *       *       *       *

Ohne ferneres denkwrdiges Begebnis langten wir in der Hlfte des
Januars 1783 glcklich zu Lissabon wieder an und ankerten zufllig neben
einer amerikanischen Fregatte von vierundvierzig Kanonen, deren Kapitn
mir einige Tage spter gesprchsweise als ein Deutscher, namens Johann
Ollhof, genannt wurde. Wundersam fiel dieser Name mir auf, da ich mich
erinnerte, im Jahre 1764 einen Matrosen Johann Ollhof im Dienste gehabt
zu haben, der mir in Amsterdam, mit meinem guten Willen, entlief, und
von dem ich seitdem nie wieder gehrt hatte. Wie sich das damals begab,
mag mir mit wenigen Worten zu erzhlen erlaubt sein.

Ich war zu jener Zeit im Begriff, mit meinem Schiffe von Amsterdam
wieder nach der Heimat zurckzukehren, als der gedachte Mensch, der ein
sehr guter Junge und vom Treptower Deep gebrtig war, an einem Samstag
zu mir in die Kajte trat und mich bei Himmel und Erde beschwor, ihn
hier freizulassen; denn wenn er wieder in seine Heimat msse, erwarte
ihn der leidige blaue Rock und dann sei er zeitlebens eine unglckliche
und verlorene Kreatur. -- Hrt, Johann, war meine Antwort, ich mag
Euer Unglck nicht, will aber brigens von dem, was Ihr tut oder nicht
tut, nichts wissen. -- Er verstand mich und erwhnte noch seiner
Monatsgage von einundzwanzig Gulden, die er bei mir gut habe. -- Nun,
unterbrach ich ihn, morgen ist ja Sonntag, wo wohl einige von unseren
Leuten werden an Land gehen und auch Geld fordern wollen. Dann lt sich
weiter davon sprechen.

Der Sonntagmorgen kam, mit ihm drei meiner Matrosen, denen auch Johann
sich angeschlossen hatte, um sich Urlaub zum Erlustieren und auch Geld
dazu von mir zu erbitten. Ich entlie sie mit der Ermahnung, keine
Hndel anzufangen und bei guter Zeit sich wieder am Borde einzustellen.
Jeder erhielt ein paar Gulden; doch als Johann seinen vollen Lohn
forderte, stellte ich mich zum Scheine befremdet, bis er mir erklrte,
da er seinen Geschwistern daheim allerlei Geschenke zugedacht habe, die
er dafr einzukaufen gedenke. Allein am Abend kamen zwar die brigen
alle, nur mein Johann Ollhof nicht zum Vorschein. Natrlich gab ich mir
auch keine sonderliche Mhe, seiner wieder habhaft zu werden, und so
blieb er seinem guten oder bsen Geschicke berlassen.

Jetzt, da ich mich eben im Gewhle der Lissaboner Brse befand, hrte
ich einen Kaufmann laut nach dem Kapitn Johann Ollhof rufen, den ich
selbst in dem dichten Haufen nicht gewahr zu werden vermochte. Doch sah
ich gleich darauf eine Figur nach jenem sich hinwenden, in welcher ich
mit freudigem Erschrecken trotz der glnzenden Uniform, des Degens und
der Schrpe augenblicklich meinen ehemaligen Deserteur erkannte. Wie
htte ich mich enthalten knnen, mit rascher Bewegung und der Frage auf
ihn zuzutreten: Ist's mglich? Johann Ollhof, seid Ihr es? --
Verwundert sah er mir scharf ins Gesicht, erkannte mich im nchsten
Moment nicht minder und fiel mir mit dem Freudenruf um den Hals:
Kapitn Nettelbeck -- _Sie_ finde ich hier wieder?

Nun gab es unzhlige Fragen, die mir seine mancherlei Glckswechsel und
sein schnelles Steigen im Seedienste der jungen Republik erklrten. Er
drang in mich, am Nachmittage zu ihm an Bord zu kommen, wohin er mich
abholen lassen wolle. Dagegen bestand ich darauf, da es ihm, dem
jngeren, wohl geziemen wrde, mir den ersten Besuch zu machen. Auch
htte ich ein Schiff unter den Fen, auf welchem ich mich nicht schmen
drfte, einen so lieben Gast zu empfangen. Er gab mir recht und
versprach, bei mir zu erscheinen.

In der Tat legte seine Schaluppe, mit zwlf ausgeputzten Ruderern, zur
bestimmten Zeit an meine Seite, und er kam, von einigen seiner Offiziere
begleitet, zu mir an Bord, wo das Verdeck zum Teil mit in der Ausladung
begriffenen Eisenstangen angefllt lag, wie denn berhaupt mein Schiff
ein wenig tief ging. Kaum angekommen, machte er hierber seine Bemerkung
und rief: Mein Gott, Freund, wie knnen Sie doch Ihr Leben auf so einem
Kasten wagen? -- Ich will nicht leugnen, da dieser Hochmut mich ein
wenig verdro und da ich mein Schiff nicht verachten lassen wollte.
Darum versetzte ich: Johann Ollhof, mir deucht, da Ihr, solange Ihr
noch ein Preue hieet, wohl nie das Glck gehabt, auf einem solchen
Schiffe, wie dieses, zu fahren.

Er nahm es hin; ich aber, obwohl ich es in der stattlichen Aufnahme
meiner Gste an nichts ermangeln lie, fhlte mich doch verstimmt. Ja,
selbst als er beim Abschiede freundlich bat, seinen Besuch aufs
baldigste zu erwidern, brach der innere Groll unaufhaltsam hervor in dem
Gestndnisse: Ich bin nicht gut auf Euch zu sprechen, Kapitn! denn Ihr
habt mir mein Schiff verachtet. -- Demungeachtet wiederholte er seine
Einladung nur um so herzlicher, und bat zugleich um Verzeihung wegen
seiner unschuldigen uerung: allein Herz und Sinn hatten sich bei mir
von ihm abgekehrt; ich konnte mich nicht entschlieen, zu ihm an Bord zu
gehen, und habe ihn auch nicht wiedergesehen.

       *       *       *       *       *

berdem gab es bald allerlei Verdrielichkeiten, die meinen Sinn auf
andere Dinge lenkten. Gerade damals lag eine starke englische
Kriegsflotte im Tajo; ich aber hatte drei englische Matrosen im Dienste,
welche am Lande mit ihren Landsleuten von jener Flotte hufig
zusammenkamen und sich ohne Zweifel durch deren gute und bequeme Lage
verleiten lieen. Denn eines Tages traten sie unerwartet zu mir in die
Kajte mit der Erklrung, da sie es vorzgen, unter ihren Landsleuten
auf der Flotte zu dienen, daher sie ihre Entlassung von meinem Schiffe,
aber auch ihre rckstndige Lhnung (fr jeden wohl ber sechzig Taler)
forderten.

Kinderchen, erwiderte ich ihnen -- ihr steht alleweile auf einem
preuischen Schiffe und in preuischem Dienste; seid also auch
vorderhand nicht Englnder, sondern Preuen. Da ich euch eure Lhnung
auszahle, oder gar, da ich euch frank und frei gebe, daran ist gar
nicht zu denken. -- Freilich mochten sie sich durch diesen Bescheid
nicht sonderlich befriedigt fhlen; und so geschah es denn wohl auf
ihren Betrieb, da wenige Tage nachher ein Offizier von der britischen
Flotte an meinem Borde erschien, mit dem Auftrage von seinem Admiral,
die augenblickliche Auslieferung von drei geborenen englischen
Untertanen von mir zu verlangen, die sich, wie er erfahren habe, auf
meinem Schiffe befnden, und deren vllige Entschdigung fr den
bisherigen Dienst zugleich erfolgen msse.

Ich beobachtete bei diesem sonderbaren Vortrage ein ruhiges Schweigen;
lie aber in der Stille die preuische Flagge ber unsern Kpfen
aufziehen, die ich meinem Gaste zeigte, indem ich hinzufgte: Sehen
Sie, mein Herr, unter _dieser_ Flagge stehen jene drei Leute in Dienst;
und ich kenne kein Gesetz, das mich verpflichtete, sie hier in einem
fremden Hafen, daraus zu entlassen. Jede weitere Prozedur des Herrn
Admirals werde ich erwarten.

Eine Zitation vor das portugiesische Seegericht ging bald darauf an
mich ein, um meine Sache, im Beisein des Admirals, der gleichfalls
erscheinen wrde, zu verantworten. Jetzt ward also der Handel ernsthaft,
und ich hielt es fr geraten, zu unserm Preuischen Gesandten, dem Herrn
von Heidecamp, zu gehen, dem ich die Lage der Dinge vortrug, und um
Verhaltungsmaregeln bei ihm nachsuchte. Sein Ausspruch war: da, falls
ich nicht gutwillig wollte, niemand mich zwingen knnte, die Leute
freizugeben; noch weniger, ihnen ihre Lhnung auszuzahlen, welche nach
Recht und Gesetz dann erst fllig sei, wann mein Schiff wieder einen
preuischen Hafen erreicht habe. Zugleich unterrichtete er mich genau,
wie ich mich vor Gericht zu verhalten htte, und fgte hinzu, fr alles
brige sollte ich ihn sorgen lassen, indem er gesonnen sei, bei dem
Termine gleichfalls in Person zu erscheinen.

Dies geschah nun gleich am nchsten Tage. Wir fanden den englischen
Admiral mit zwei Flottenkapitns bereits vor, und er erffnete die
Verhandlung durch das bestimmte Begehren, die drei britischen Untertanen
in seinen Dienst ausgeliefert zu erhalten. Meine verweigernde Antwort
sttzte sich auf die Grnde, welche ich schon angefhrt habe. Ja ich war
so keck, gegen ihn zu bemerken: Ohne Zweifel befnden sich auf seiner
Flotte viele geborene preuische Untertanen, gleichwohl stnde noch
dahin, ob er sich fr verpflichtet halten wrde, diese auf mein
Verlangen ihres Dienstes zu entlassen?

Topp! rief er feurig aus -- ich gebe drei Preuen von meiner Flotte
in die Stelle der drei Englnder! -- Ein Erbieten, entgegnete ich,
das aller Ehren wert ist, wenn ich nur hoffen drfte, anstatt der
tchtigen Leute, die mir abgefordert werden, etwas Besseres als den
Ausschu der ganzen Flotte zurckzuempfangen; und mit dem ist mir nicht
geholfen. -- Sofort auch nahm der Gesandte das Wort; und da ich sah,
da der Handel anfing, zu einer Ehrensache zwischen ihm und dem Admiral
auszuschlagen, so konnte ich den ferneren lebhaften Wortwechsel mit
Seelenruhe anhren, bis zuletzt das Gericht die Matrosen schuldig
erkannte, auf meinem Schiffe zu verbleiben, bis sie in den nchsten
preuischen Hafen abgelhnt werden knnten.

So war nun zwar dieser Strau glcklich und mit Ehren ausgefochten;
allein einige Tage nachher erfolgte, was ebensosehr zu erwarten, als
schwer zu verhindern war. -- Diese drei Kerle machten sich heimlich aus
dem Staube und gingen auf die Flotte zu ihren Landsleuten ber, ohne auf
ihre im Stiche gelassenen Monatsgelder zu achten. Mochten sie laufen!
Ich konnte ihrer entraten!

       *       *       *       *       *

So wie ich nun meine Ladung in diesem Hafen lschte, entstand auch die
Verlegenheit, in dieser ungnstigen Jahreszeit (es war mitten im Winter)
nicht sofort wieder eine vorteilhafte Fracht zu finden. Nach Sden, ins
mittellndische Meer, durfte ich mich aus Mangel an Trkenpssen, nicht
wagen, und in der Nord- und Ostsee hatte der Frost die Schiffahrt
geschlossen. Ich mute also, bis in den Monat Mrz, die Hnde
notgedrungen in den Scho legen und, da mir auch dann noch keine Fracht
nach meinem Sinne angeboten wurde, mich entschlieen, eine Ladung Salz
fr eigene Rechnung zu kaufen und nach der Ostsee zu verfhren.

Hiermit war ich noch beschftigt, als sich ein Sturm aus Westen erhob,
der mehrere Schiffe, und unter diesen auch ein unbeladenes
portugiesisches Schiff, welches uns einige hundert Klafter weit ber dem
Winde lag, von den Ankern trieb. Dies letztere rckte dem meinigen
gerade auf den Hals, und da es so gut als ganz sich selbst berlassen
war, (denn nur zwei Jungen befanden sich am Borde), so hatten wir Mhe,
es nur so weit abzulenken, da es endlich uns zur Seite zu liegen kam.
Gleichwohl war bei dem anhaltenden Unwetter nicht zu verhindern, da es
unaufhrlich gegen unsern Bug stie und drngte, wodurch bei mir die
gerechte Besorgnis entstand, da beide Schiffe davon groen Schaden
nehmen knnten, wenn jenes nicht bald seine Stellung vernderte und
unter Windes von uns gebracht wrde.

Dies stellte ich meinem Schiffsvolke vor, und wir beschlossen alsogleich
Hand an ein so ntiges Werk zu legen. Indem wir aber hierzu insgesamt an
den portugiesischen Bord hinbersprangen, ergriff jene beiden Jungen,
die von unserer Absicht nichts wuten, ein Todesschrecken. Sie erhoben
ein Geschrei aus voller Kehle, welches auch nicht ermangelte, ihre
Landsleute von fnf oder sechs der nchstgelegenen Fahrzeuge im Hui! auf
ihr Verdeck herbeizulocken. Dies Gesindel nahm sich nicht die Zeit, uns
anzuhren oder sich mit uns zu verstndigen, sondern augenblicklich galt
es ein wildes Zuschlagen auf uns mit Knitteln, Handspaten und
Bootshaken, so da wir gentigt waren, auf unser Schiff
zurckzuflchten.

Doch auch hiermit nicht zufrieden, verfolgten uns unsere bermchtigen
Gegner auf unser eigenes Verdeck und trieben uns, je lnger je mehr, in
die Enge. Mein Steuermann erhielt einen Schlag, da er zu Boden strzte
und ich nicht anders glaubte, als da ihm der Rest gegeben worden. Ich
selbst mute mein Heil in der verriegelten Kajte suchen, so wie meine
Leute gentigt waren, sich im Raume zu bergen und in ihrem Roof zu
verschlieen, um nicht ferneren Gewaltttigkeiten ausgesetzt zu sein.
Endlich stie nun zwar die wilde Rotte wieder nach ihren Schiffen ab:
aber der Portugiese blieb zu meiner Seite liegen und fuhr fort, die
ganze Nacht hindurch sich gegen mein Schiff abzuarbeiten und an der
Verkleidung desselben zu reiben.

Die Folgen zeigten sich gleich morgens an ihm selbst, indem ganze
Planken in Stcken von seiner Seite hinwegtrieben, der Fockmast aber
ber Bord gefallen war, und das ganze Gebude, wie ein zerschelltes
Wrack, sich seitwrts neigte. Allein auch ich selbst bemerkte an dem
meinigen mehrere Beschdigungen, die mir um so mehr Galle ins Blut
trieben, je leichter sich dies alles htte vermeiden lassen, wenn das
Recht und die Vernunft nicht der verstandlosen Gewalt htten weichen
mssen.

Hher noch stieg freilich diese Galle, als einige Stunden spter der
portugiesische Kapitn des Schiffes zu mir an Bord kam. Es fand sich,
da ich ihn einigermaen kannte, indem er verschiedentlich mit mir im
Kontor meines Korrespondenten, Herrn Bulkeley, zusammengetroffen war und
an dessen Tische gespeist hatte. Sein Name war Sylva. Pochend fuhr er
auf mich ein, ihm fr den an seinem Schiffe erlittenen Schaden gerecht
zu werden; und nur mit Mhe migte ich mich zu der gelassenen Antwort:
da, wenn er es mit der gehrigen Mannschaft besetzt gehalten, Schaden
und Unglck entweder nicht stattgefunden haben, oder doch geringer
ausgefallen sein wrden. Er war aber nicht in der Verfassung, Vernunft
anzunehmen, sondern fuhr drohend und scheltend wieder an Land.

Kaum aber waren ein paar Stunden verlaufen, so lie er sich abermals bei
mir blicken, und war diesmal von einer Art Gerichtsperson oder Notarius
begleitet, der mir einen langen schriftlichen Aufsatz von anderthalb
Bogen vorlegte, mit dem Ansinnen, da ich meinen Namen unterzeichnen
mchte. -- Unter eine Schrift in einer Sprache, die ich nicht
verstehe? gab ich zur Antwort. -- Mit nichten, meine Herren! Geht
damit, wenn es euch beliebt, zum Preuischen Konsul. Dort werde ich mich
gleichfalls finden lassen.

In der Tat war sofort mein nchster Gang zu diesem Konsul, namens
Schuhmacher, gerichtet, um ihn von dem unangenehmen Vorfalle vollstndig
zu unterrichten und mich mit ihm zu beraten. Sein Gutachten fiel dahin
aus, da ich nachmittags mit meinem Schiffsvolke vor ihm erscheinen
sollte, um in Gegenwart eines Notarius ber den wahren Verlauf der Sache
eidlich vernommen zu werden. Auf dem Rckwege stie ich auf meinen
Korrespondenten Bulkeley, und nachdem ich in dessen Kontor getreten,
benachrichtigte er mich, da soeben Kapitn Sylva ihm ber das bewute
Ereignis eine schriftliche Erklrung vorgelegt, die er auch
unbedenklich mit meiner Namensunterschrift versehen habe.

Wie? rief ich, hoch verwundert -- unterschrieben mit _meinem_ Namen?
_Unterschrieben_ ohne mein Wissen und Einwilligung? -- Von diesem
Augenblicke an, Herr, hren Sie auf, mein Korrespondent zu sein, und
bevor ich meinen Fu aus Ihrem Hause setze, fordere ich, da Sie mir den
Abschlu meiner Rechnung vorlegen. -- Er zauderte, ich aber erklrte
ihm so bestimmt, ich wrde ohne Abrechnung nicht vom Platze weichen, da
er sich endlich meinem Verlangen fgen mute.

Es war notwendig, den Konsul augenblicklich von diesem Schurkenstreiche
in Kenntnis zu setzen. Wie vollkommen aber sein Betragen diesen Namen
verdiente, entwickelte sich erst nachher, da es an den Tag kam, da
dieser nmliche Bulkeley Reeder des Schiffes war, welches Kapitn Sylva
fhrte. -- Ruhig, mein Freund! trstete mich der Konsul. -- Treffen
Sie nur schleunige Anstalt zur gerichtlichen Vernehmung Ihrer Leute, und
lassen Sie mich dann fr das brige sorgen. -- Jenes ward auch gleich
am nchsten Morgen mit allen Frmlichkeiten bewerkstelligt; und whrend
ich das Original dieser Erklrung in des Konsuls Hnde niederlegte,
versumte ich nicht, durch den Notarius eine beglaubigte Abschrift
ausfertigen zu lassen, die ich fr mich selbst zurckbehielt.

Noch erklrte ich meinem wackeren Beschtzer meine Absicht, binnen zwei
oder drei Tagen die Anker zur Abfahrt zu lichten, da ich aber von
meinem Widersacher jede Art von Schikane und also auch wohl eine
Beschlagnahme meines Schiffes bis zu ausgemachter Sache erwarten mte.
Dann, erwiderte er, bin _ich_ es, der Kaution fr Sie leistet, und wenn
Sie abgesegelt sind, den Proze fr Sie fhrt. -- So getrstet nahm ich
nun in aller Gemchlichkeit den Rest meiner Salzladung ein, und ging des
dritten Tags darauf unter Segel, ohne da es auch einem Menschen nur
einfiel, mir etwas in den Weg zu legen.

In die Stelle der entlaufenen drei Englnder, die mir zu meiner vollen
Bemannung fehlten, glckte mir's noch am Tage vor meiner Abreise, zwei
schwedische Matrosen hnlichen Schlags zu erhalten, daneben aber auch
noch einen dienstlosen Englnder auszukundschaften, den ich in seiner
Schlafstelle aufsuchte und fr meinen Dienst annahm. Freilich mute ich
ihn bei seinem Wirte erst mit einem vollen Monatsgehalte auslsen; doch
gerade darauf mochte der Kerl spekuliert haben, denn kaum war er mit mir
auf der Strae, so versuchte er, mir wieder zu entlaufen, so da ich
hinter ihm drein schreien mute, bis er von anderen Leuten festgehalten
wurde, ich mich seiner versichern und ihn in meine naheliegende
Schaluppe bringen lassen konnte.

Es war begreiflich, da der Mensch sich unter diesen Umstnden auf
meinem Schiffe wohl nicht sonderlich gefallen mochte. Das bewies er auch
am nchsten Morgen, wo wir in See gehen wollten, indem er sich der Lnge
nach aufs Verdeck streckte, nicht arbeiten mochte und krank zu sein
vorgab.

       *       *       *       *       *

Als wir zum Tajo herausgekommen waren, machten wir die unangenehme
Entdeckung, da unser Schiff viel Wasser einlie. Anfangs meinten wir,
da, da wir so lange ledig gelegen und hohen Bord gehabt, die Fugen
mancher Planken durch die Sonnenhitze voneinander getrocknet sein
mchten, und da diese Nhte unter Wasser bald wieder zuquellen wrden.
Allein der Leck nahm so berhand, da wir das Schiff bald mit beiden
Pumpen kaum ber Wasser halten konnten. Zudem stand der Wind vom Lande,
und es war also unmglich, wieder in den Hafen zurckzusteuern.

In dieser Not lag uns alles daran, den schadhaften Fleck auszufinden, um
ihn zu stopfen. Man wei, wie klar und durchsichtig die Gewsser des
atlantischen Ozeans in dieser Gegend sind, und da man darum ziemlich
deutlich auch in eine grere Tiefe sehen kann. Da fand ich denn
endlich, da an der Seite, und ungefhr vier bis fnf Fu tief unter
Wasser die Spne von der ueren Haut abstanden. -- Also wohl unstreitig
ein Andenken an unser Zusammenstoen mit jenem portugiesischen Schiffe
und die Ursache unseres immer bedenklicher werdenden Lecks!

Je unmglicher es war, da wir unser Schiff mit den Pumpen so ber See
tragen konnten, desto unerllicher mute ein Pflaster ber die wunde
Stelle befestigt werden. Ich lie sogleich eine Zitronenkiste
zerschlagen, zerschnitt meine Bettdecke, teerte und talgte sowohl diese
als jenen Kistenboden an beiden Seiten, heftete beide mit kleinen Ngeln
aneinander, bohrte am Rande acht oder zehn Lcher, steckte in jedes
derselben einen greren Nagel, den ich, damit er nicht herausfiele, mit
etwas Werg umwickelt hatte, und sann nun darauf, wie dies Pflaster an
die rechte Stelle zu bringen wre.

Es gab kein anderes Mittel, als da einer von meinen Leuten sich
entschlsse, sich rittlings auf dem vierarmigen Bootsanker zu befestigen
und unter Wasser bis zu dem Leck hinabzulassen, das prparierte Brett
auf den zerstoenen Fleck zu passen und mit dem an die Hand gebundenen
Hammer schnell, ehe ihm der Atem entginge, festzuklopfen. Ich schlug
dies der Mannschaft vor, allein keiner hatte Lust zu dieser Wasserfahrt.
Ich bot dem, der es wagen wrde, eine Monatsgage, niemand meldete sich,
sie zu verdienen. Ich stellte ihnen aufs nachdrcklichste vor, da, wenn
sie dies kleine Wagnis so sehr scheuten, wir ja doch ohne Barmherzigkeit
alle ersaufen mten. Ich bat, ich flehte, ich schalt und drohte, aber
die feigen Seelen sahen mich verdutzt an und blieben bei ihrem
Kopfschtteln.

Nun denn, sagte ich endlich, so will ich selbst der Mann sein, der
sein Leben fr euch _H...r_ in die Schanze schlgt! -- Dieser Entschlu
entstand auch um so weniger aus Prahlerei, da ich als junger Bursche mit
meinen Spielkameraden das Schwimmen und Untertauchen fleiig gebt hatte
und oftmals unter dem Wasser geblieben war, bis die Bestehenden langsam
dreiig zhlten. Hoffentlich hatte ich diese kleine Kunst in den drei
Dutzend Jahren nicht ganz wieder verlernt, und sollte ich denn _doch_
ertrinken, so konnte mir die Art und Weise wohl ziemlich gleich gelten.

So nahm ich also getrost meinen Platz auf dem Bootsanker, dessen Tau
meine Leute oben in die Hnde fassen und mich daran in die bezeichnete
Tiefe hinablassen muten. Nach meiner Anweisung sollten sie von dem
Augenblicke an, wo ich mit dem Munde unter Wasser kme, sekundenmig zu
zhlen anfangen und mich, wenn sie bis fnfundzwanzig gekommen wren,
hurtig wieder emporziehen. Ich meinesteils hastete mich soviel ich
vermochte; zwei bis drei tchtige Schlge auf jeden Nagelkopf, und das
Brett sa an der rechten Stelle fest; whrend der Zug des Wassers nach
innen das brige tat, die Fasern der Decke in die offenen Fugen dicht
einzusaugen. Kurz, ich war fertig, aber die droben dachten noch immer an
kein Hinaufziehen. Endlich nach einigen Sekunden brachten sie mich
wieder an Gottes freie Luft, und so war das Abenteuer glcklich
bestanden!

Nun kam es darauf an, zu erfahren, was wir damit gewonnen hatten. Wir
eilten an die Pumpen, die nunmehr das eingedrungene Wasser bemeisterten
und sichtbar verminderten. Der Leck hatte wirklich so abgenommen, da
wir uns getrauen durften, mit einer Pumpe die See zu halten. Wunderbar
aber blieb unsere Rettung nicht minder, als wenn, wie mir ein Beispiel
bekannt geworden, ein hnlicher Leck durch eine, in die offene Fuge
eingeklemmte Flunder gestopft ward; oder wenn ein Schiffer von meiner
Bekanntschaft im Danziger Neufahrwasser den seinigen nur dadurch
unschdlich machte, da er vorbedchtig lngs den Seiten des Schiff eine
Menge Torf-Mull ins Wasser schtten lie, welches sich durch den
unmerklichen Wasserzug in alle Ritzen und Spalten der Planken
festsetzte.

       *       *       *       *       *

Als wir in den Kanal gelangten, stieen wir auf ein englisches
Kriegsschiff, welches meine Schiffspapiere zu sehen verlangte. Ich
erwiderte, da ich zur Vorzeigung an meinem eigenen Borde bereit wre.
So kam denn ein Offizier zu mir herber; doch whrend er in der Kajte
die geforderte Untersuchung anstellte, machte sich mein oben erwhnter
englischer Matrose an seine Landsleute in der Schaluppe, und in welchem
Sinne er mit ihnen gesprochen, ergab sich, als ich meinen Gast aus der
Kajte zurckbegleitete, da jene Englnder ihrem Leutnant meinen
Matrosen vorstellten, der wider seinen Willen hier zurckgehalten wrde,
Lust htte, auf jenem englischen Schiffe zu dienen.

Den Menschen nehm' ich auf der Stelle mit, wandte sich der Offizier an
mich, Ihr habt kein Recht an ihn. -- Nun, war meine Antwort, so will
ich doch sehen, wer mir in offener See auch nur meinen schlechtesten
Kajtenjungen, wider meinen Willen, wegnehmen soll. Dazu fehlt es Ihnen
an Fug und Recht. -- Doch der Matrose hatte nicht fr gut gefunden, das
Ende unseres Wortwechsels abzuwarten, sondern war bereits in die
Schaluppe gesprungen. Ich bedachte mich keinen Augenblick, ihm dahin
nachzufolgen, und war darber her, ihn, wie sehr er sich auch strubte,
an Bord zurckzuziehen, bis auch der Leutnant herabkam und verlangte,
da ich die Schaluppe verlassen sollte.

Natrlich weigerte ich mich, und selbst als er drohte, da er abstoen
und nach seinem Schiffe fahren werde, versicherte ich, da ich gesonnen
sei, _ohne_ meinen Matrosen nicht vom Flecke zu weichen. Schleppe er mich
dann aber nach dem Kriegsschiffe hinber, so bliebe das meinige und
alles, was demselben begegnen knne, auf _seine_ Gefahr und Verantwortung.
Indes setzten sie wirklich mit der Schaluppe ab, und ich behielt kaum
die Zeit, meinem Steuermanne zuzurufen, da er sich, solange ich nicht
wieder an Bord kme, in der Nhe des Kriegsschiffes halten mchte.

Sobald wir auf diesem angekommen und der Handel dem Kapitn vorgetragen
war, erklrte dieser, der Kerl sei ein Brite und er werde ihn auf seinem
Schiffe behalten. Dann, mein Herr, entgegnete ich ihm, mgen Sie auch
_mich_ hier behalten, denn ich bleibe, wo mein Matrose ist, und mein
Schiff dort schwimmt oder sinkt von diesem Augenblicke an auf Ihr
Risiko. Tun Sie nun, was Ihnen beliebt! Totschlagen knnen Sie mich
nicht vor so vielen Augen, und alles brige werde ich erwarten.

Diese Festigkeit schien den Kapitn doch einigermaen stutzig zu machen.
Er ging mit einigen Offizieren abseits in die Kajte -- wahrscheinlich,
um sich mit ihnen nher zu beraten; dann aber, als sie wieder zum
Vorschein kamen, stie der eine und andere von ihnen meinem aufstzigen
Matrosen in die Zhne und in die Rippen, und so wieder in die Schaluppe
hinein, worauf ich ungentigt folgte und mit meinem Ausreier wieder an
mein Schiff gebracht wurde. Damit jedoch diesem sein Frevel nicht ganz
ungestraft hinginge, ward ich mit meinem Steuermanne einig, ihn mit
Hnden und Fen an die groe Spille festzubinden und so sein Gat durch
jeden von unseren Leuten mittels eines Endchens Tau mit einer Anzahl
wohlgemessener Hiebe heimsuchen zu lassen. Die Kur schien auch fr die
fortgesetzte Reise nicht ohne gute Wirkung zu bleiben.

       *       *       *       *       *

Seitdem wir die Ksten von Dover und Calais aus dem Gesichte verloren
und abwechselnde, aber meist strmische Winde uns elf Tage lang in der
Nordsee umhergeworfen hatten, whrend welcher wir weder Jtland noch
Norwegen oder sonst ein Land erblickten, wagten wir es dennoch, im guten
Glauben an unsere gefhrte Schiffsrechnung und einige angestellte
astronomische Beobachtungen, uns mit dem Senkblei in der Hand um die
gefhrliche Spitze von Skagerrak ins Kattegat hineinzutasten. Es
glckte; aber gerade hier berfiel uns nunmehr auch ein schrecklicher
Sturm aus Norden, der so hart in unser dicht eingerefftes Fock- und
Vormarssegel blies, da bald die Fetzen davon in den Lften
umherflogen.

Nach diesem Verluste wollte sich unser Schiff nicht mehr vor dem Winde
steuern lassen, sondern ward unter den Wind gedreht. Es sollte eine
andere neue Focke untergeschlagen werden, allein das Schiff arbeitete
und schlenkerte in der brausenden, kochenden See voll blinder Klippen so
gewaltig, und der Sturm hielt mit soviel Ungestm an, da wir alle kaum
die Augen aufschlagen konnten. Das neue Focksegel ward zwar aus der
Segelkammer hervorgezogen und an die Rahe geschlagen; allein sowie diese
in die Hhe ging, peitschte auch jenes mit seinen Zipfeln dergestalt um
sich, da es in den nchsten Augenblicken ebenfalls in Lappen
davongefhrt wurde. Ich schrie, ich bat, ich fluchte meinem Volke
entgegen, das oben auf den Masten sa, die Fuste wie brave Kerle zu
rhren und das Segel unter die Rahe zu bringen. Endlich stieg ich selbst
in die Hhe und berzeugte mich, da es schlechterdings unmglich sei.

In diesem Augenblicke ward geschrien: Brandung leewrts! Das war die
Minute der Entscheidung! Denn da das Schiff dem Ruder nicht mehr folgen
mochte, so ward hier alle Kunst des Steuerns zu schanden! Wir wurden mit
sehenden Augen in unseren Untergang hineingetrieben und standen nach
wenigen Augenblicken auf einem Steinfelsen fest. Sogleich auch strzte
die strmende See in furchtbaren Wogen ber unser Schiff hinweg, da der
Schaum bis hoch an die Mastkrbe emporspritzte, indes jenes durch die
gewaltigen Ste am Boden durchlchert wurde und voll Wasser lief. So
war denn an ein Wiederabkommen von dieser Klippe und an Rettung des
Schiffes gar nicht mehr zu denken!

Dieses Unglck traf uns am 11. Mai, abends um neun Uhr. Auf dem Verdecke
konnten wir uns, der berflutenden Brandung wegen, nicht mehr halten,
sondern waren alsogleich smtlich auf die Masten geflchtet. Ich selbst
und sechs Mann hingen oben am Besanmast, whrend die brigen acht Mann
den groen Mast erklettert hatten. Ein Wunder wre es wohl nicht
gewesen, wenn wir alle die Besinnung verloren htten, indes blieb mir
doch soviel Gegenwart des Geistes, da ich unsere Lage richtig ins Auge
fassen und den einzig mglichen Ausweg zu unserer Rettung gewahr werden
konnte. Ich stellte demnach meinen Unglcksgefhrten vor, wie unser Heil
darauf beruhe, da wir unsere Schaluppe in unsere Gewalt bekmen. Einige
von ihnen, die die rstigsten wren, sollten sich ein Herz fassen,
herniederzusteigen und die Taue, woran dieselbe auf dem Verdecke
festgebunden stehe, zu zerhauen, nachdem sie ein oder mehrere lngere
Taue daran festgeknpft haben wrden, deren Enden wir brigen oben am
Maste sicher zu halten gedchten. Brche dann gleich das Schiff und die
Schaluppe wrde ber Bord gesplt, so knnte sie uns dennoch von den
Wellen nicht entfhrt werden; oder mchte sie sich auch voll Wasser
gefllt, oder gar das Unterste nach oben sich gekehrt haben, so wrden
wir sie gleichwohl nahe zu uns heranziehen, ausschpfen und zu unserer
mglichen Bergung instandsetzen knnen.

Durch diese Vorstellungen gewonnen, kletterten auch sofort drei wackere
Kerle hinab, lsten die Schaluppe vom Verdecke ab und jeder von ihnen
versah sie hinwiederum mit seinem dazu mitgenommenen Taue, deren
entgegengesetzte Enden sie glcklich wieder zu uns in die Hhe brachten.
Nun aber dauerte es kaum noch eine Stunde, als eine ungewhnlich hohe
Sturzwelle ber das Verdeck hinschlug, das Fahrzeug weit mit sich hinaus
ber Bord schleuderte, den Boden nach oben umkehrte, aber die Gegenkraft
der Angst, womit wir, koste es was es wolle, die Taue festhielten, nicht
zu berwltigen vermochte.

Um elf Uhr brach, wie wir lngst gefrchtet hatten, unser Schiff in der
Mitte auseinander; der Fock- und groe Mast strzten ber Bord --
letzterer jedoch in einer so glcklichen Richtung, da er auf das
Hinterteil zufiel und dergestalt dicht neben uns hinstreifte, so da die
an demselben klebenden acht Menschen zu uns heranklettern konnten. So
war denn die volle Mannschaft von vierzehn Kpfen hinten bei mir auf
dem Besanmaste beisammen. Durch das Bersten des Schiffsrumpfes aber
hatte sich das Hinterteil, worauf wir uns befanden, dergestalt gelst,
da es in eine starke Bewegung geriet und mit jeder Sturzwelle
wechselsweise bald sich seitwrts weit aufs Wasser legte, bald wieder in
die Hhe hob. Man mag daraus ermessen, wie bel uns dabei oben auf dem
schwanken Maste zumute geworden!

In dieser hchsten Not schien denn kein lngeres Zaudern ratsam. Wir
zogen die Schaluppe an ihren Tauen nher zu uns heran, kehrten sie nicht
ohne groe Mhe wieder um, hoben sie mit ihrem Vorderteile soweit in die
Hhe, da ein Teil des Wassers, womit sie gefllt war, sich daraus
verlief, und nachdem wir, sowie wir der Reihe nach hineinstiegen, den
Rest mit unseren Hten vollends hinausgeschpft, schnitten wir endlich
alle Taue, die uns noch am Schiffswrack festhielten, in Gottesnamen los
und kamen glcklich aus dem Labyrinthe voll brandender Klippen in
offenes Wasser zu treiben, whrend wir die vier in der Schaluppe
festgebundenen Ruder zur Hand genommen und uns dadurch instandgesetzt
hatten, notdrftig vor dem Winde zu steuern.

Oft zwar fllten ungestme Schlagwellen unser Fahrzeug fast bis zum
Sinken mit Wasser an, doch waren wir unermdet und auch zahlreich genug,
es augenblicklich mit unseren Hten wieder hinauszuschaffen, zwar stets
unseren Tod dicht vor Augen sehend, aber auch einmtig entschlossen,
unsere letzte angestrengte Kraft zu seiner Abwehr aufzubieten. So
trieben wir demnach von ein Uhr nachts bis zum Vormittag des 12. Mai,
wohin Wind und Wellen wollten, bis wir endlich die Insel Anholt vor uns
zu Gesicht bekamen und hier an der Ostspitze, unweit des Feuerturmes,
wiewohl mit neuer Lebensgefahr, gegen ein Uhr nachmittags auf den Strand
setzten.

       *       *       *       *       *

Mein erstes war, mich in den trockenen Ufersand auf die Knie zu werfen
und dem Barmherzigen droben mit heiglhender Seele fr die wunderbare
Erhaltung des Lebens zu danken. Dann aber stiegen freilich auch trbe
Gedanken bei mir auf. Mein schnes gutes Schiff war verloren! Wre mir
ein Freund gestorben, so htte mir sein Verlust nicht nher gehen
knnen.

Doch wie manches ging in dieser unglcklichen Nacht mit meinem Schiffe
verloren! Zwar mein Reeder war gedeckt. Ich hatte den Auftrag von ihm,
so oft ich aus einem Hafen abging, das Schiff durch Besorgung des Hauses
Joh. Dav. Klefecker in Hamburg, assekurieren zu lassen. Es war demnach
auch jetzt fr eine Summe von zwanzigtausend Talern oder vierzigtausend
Mark Hamburger Banko versichert. Da nun dieses Schiff mit vollem Zubehr
neu nur zweiundzwanzigtausend Taler gekostet hatte, die Ladung Seesalz
aber nur einen Wert von tausendfnfhundert Talern hatte, so lie sich
wohl absehen, da der Verlust des Schiffes ihm keinen wesentlichen
Schaden zufhren wrde.

Anders aber war die Sache fr mich selbst, und ich durfte wohl gestehen,
da dieser Schiffbruch mein eigenes, eben wieder aufkeimendes Glck
vllig vernichtete. Meinen Erwerb an festem Gehalt als Schiffer hatte
ich stets bei meinem Patron stehen lassen und dieser war mir nun
allerdings unverloren; allein ein Schiffskapitn hat, auf vollkommen
rechtmiger Weise, noch so mancherlei Gelegenheit zu allerlei
Nebenverdiensten; ihm kommen Kajtenfracht und Kapplacken [Gratifikation
vom Empfnger der Ladung] zugute, und nicht leicht verlt er einen
Hafen, ohne zugleich auch auf irgendeinen kleinen Handel zu seinem
Privatvorteile spekuliert zu haben, der um so besser einschlagen kann,
da er Frachtgelder und Assekuranzprmien daran erspart. Alle diese
kleinen Ersparnisse hatte ich immer wieder aufs neue in Waren angelegt,
und so war nach und nach mein Privatverkehr zu dem Umfange gediehen, da
ich diesmal beinahe den Wert von elftausend Gulden an Bord fhrte.
Alles dies ging nun mit dem Schiffe unwiederbringlich zugrunde! Ich
hatte mir's alle diese Jahre ganz vergeblich sauer werden lassen!

Als wir genauer um uns sahen, erblickten wir auf der Landspitze neben
dem Feuerturme ein einzelnes Haus, auf welches wir zuschritten und darin
den Feuerinspektor, seine Frau und zwei zur Unterhaltung des Feuers
erforderliche Knechte vorfanden. Erschpft von soviel Anstrengungen und
niedergedrckt von Sorge und Kummer, sank ich gleich nach der ersten
Begrung auf ein dastehendes Bett und verfiel in ein halbwaches
Hinbrten, aus welchem ich mich mehrere Stunden lang nicht zu ermuntern
vermochte. Gleichwohl hrte ich es whrend dieses fieberhaften Zustandes
wie im Traume mit an, da die Wirtsleute sich mit meinem Volke ber
unsere Umstnde unterhielten, da dabei erwhnt wurde, unser Schiff habe
nach Stettin zu Hause gehrt, und da darauf die Hausfrau sich als meine
Landsmnnin bezeichnete.

Ihre dadurch geweckte nhere Teilnahme gab sie mir kund, indem sie mit
gebratenem Geflgel an mein Bett trat und mich einlud, davon zu
genieen. Wie? rief ich, mich ermunternd -- Federwild auf dieser
Insel, wo kein Strauch, kein Grashalm, sondern nur der nackte Flugsand
sich zeigt? Das ist doch wunderbar! -- Bei weitem nicht so sehr, als
ich glaubte, ward mir zur Antwort. Auf den Abend sollte mir das Rtsel
gelst werden, wie sie imstande wren, in den Wintermonaten ganze Krbe
voll Geflgel nach Kopenhagen zu schicken.

Aber auch das Rtsel unserer Landsmannschaft bat ich die gefllige Frau,
mir zu erklren, und so erfuhr ich, da sie in Berlin geboren, in ihrem
vierzehnten Jahre nach Kopenhagen bei der Silberdienerei auf dem
Schlosse in Dienst gekommen und dann mit dem kniglichen Silberdiener
verheiratet worden sei, als dieser durch Anstellung zum Feuerinspektor
auf Anholt seine lebenslngliche Versorgung erhalten habe.

Abends, als das Feuer auf dem Leuchtturme angezndet worden, sah ich nun
freilich, wie von Zeit zu Zeit, von dem hellen Scheine angelockt,
zahlreiche Schwrme von Vgeln aller Art herbeiflogen und, von dem Feuer
geblendet, diesem so naheflatterten, da sie, an Flgeln und Federn
versengt, zu Boden fielen und mit Hnden gegriffen werden konnten.

Nachdem wir uns hier zwei Tage lang von unseren erlittenen schweren
Mhseligkeiten bei diesen freundlichen Gastgebern erholt, aber sie auch
beinahe rein ausgezehrt hatten, wofr ich ihnen eine angemessene
Anweisung nach Kopenhagen ausstellte, ward es freilich wohl hohe Zeit,
unseren Stab weiterzusetzen. Auf dem stlichen Ende der Insel, wo sie am
breitesten ist, lag noch das einzige hier vorhandene Fischerdrfchen von
etwa fnfzehn Htten, dem ein Schulze, hier Drost genannt, vorstand. An
diesen hatte ich bereits tags zuvor geschrieben, da wir als
Schiffbrchige auf seinen obrigkeitlichen Beistand zu unserem weiteren
Fortkommen rechneten. Ich wrde zu einer bestimmten Zeit mit einem
Gefolge von vierzehn Kpfen bei ihm erscheinen und eine bereitgehaltene
tchtige Mahlzeit, ein Fahrzeug zur berfahrt nach Helsingr und
ausreichenden Proviant fr drei Tage -- alles gegen Bezahlung --
vorzufinden erwarten.

Statt dessen wurden wir von diesem Manne mit einer so abschreckenden
Klte empfangen und fr alle unsere Bedrfnisse war so wenig irgend
einige Sorge getragen, da es mir sehr verzeihlich erschien, wenn wir
zuvrderst auf gut soldatisch seinen wohlgefllten Speiseschrank in
Requisition setzten, seiner Rauch- und Brotkammer fr den uns ntigen
Seeproviant zusprachen und endlich das grte unter den am Strande
liegenden Fischerbooten zu unserer Reise in Beschlag nahmen und mit den
vorgefundenen Gertschaften zutakelten -- alles das im Beisein sowohl
des bestrzten Drosten, der seine gelieferten Lebensmittel selbst
schtzen mute und dafr schriftliche Anweisung empfing, als des
Booteigentmers, der, gern oder ungern, mit uns an Bord ging, um uns
nach Helsingr zu fhren und dort seine Bezahlung zu empfangen. Dieser
war es denn auch, der uns unterwegs gestand, uns sei das Gercht
vorausgegangen, da wir eine Bande Seeruber wren, die nicht das Kind
im Mutterleibe verschonten.

Am 18. Mai erreichten wir Helsingr, wo ich, um die Zahlung der
Assekuranz zu sichern, sofort darauf bedacht war, im Gefolge meiner
geborgenen Mannschaft vor Gericht eine eidliche Erklrung ber die
Umstnde des Unglcks niederschreiben zu lassen. Meine Leute empfingen
ihre Lhnung, und so ging alles nach allen Himmelsgegenden auseinander,
-- freilich, wie wir gingen und standen, denn von dem Schiffe hatten wir
keine Faser gerettet. Ich selbst mute mich, bevor ich von Helsingr
abreiste, von Haupt zu Fu neu bekleiden, wenn ich mich vor Leuten
wollte sehen lassen knnen.

Ich wrde mir's nicht verzeihen knnen, wenn ich hierbei mit
Stillschweigen berginge, was mir mit einer Jdin begegnete, in deren
Trdelbude ich ein neues Hemd zu kaufen im Begriff stand. Den
geforderten Preis aufzhlend, beantwortete ich ihr zugleich einige
Fragen, welche ihre Neugier an mich richtete, durch Hindeutung auf
meinen neulichen Schiffbruch, aus welchem ich nicht einmal meine
Kopfbedeckung gerettet htte. Meine Erzhlung lockte ihr Trnen ins
Auge, sie schlug die Hnde zusammen und rief: So soll mich doch Gott
bewahren, da ich Geld von Ihnen fr das Hemd nhme! -- Vergebens
versicherte ich ihr, da es, nun ich erst am Lande wre, keine Not mit
mir habe; sie steckte mir das zusammengeraffte Geld in die Hand und das
Hemd in den Busen, und als ich jenes dennoch auf den Ladentisch legte
und mit Dank meines Weges ging, lief sie mir nach, um es mir wieder
aufzuntigen, so da ich sie endlich bitten mute, auf der Strae kein
Aufsehen zu erregen, und mit einem gerhrten Hndedrucke von ihr
schied.

       *       *       *       *       *

Nun ging ich baldmglichst als Passagier mit einem Schiffe nach Stettin,
um meinem Patron Rede zu stehen. Wir rechneten miteinander ab; ich
empfing meine rckstndigen Gelder und begab mich nach Kolberg, um ber
mein weiteres Tun zu einem Entschlusse zu kommen. Es wurden mir
verschiedene Schiffe zur Fhrung angeboten, allein die nchsten Jahre
nach dem amerikanischen Kriege waren fr Handel und Schiffahrt so
ungnstig, da unsereiner bei seinem Handwerke ferner weder Ehre
einlegen, noch seinen Vorteil absehen konnte. So gab ich denn, in
Erwgung, da die bessere Halbschied meines Lebens bereits hinter mir
liege, das ganze Seewesen auf und war darauf bedacht, mich in meiner
lieben Vaterstadt auf eine stille, brgerliche Nahrung mit Bierbrauen
und Branntweinbrennen, wie es mein Vater seither getrieben hatte,
einzurichten.

Nach dreiviertel Jahren etwa, als ich allen Seegedanken lngst entsagt
hatte, auch mein werter Freund und Patron Gro bereits mit Tod
abgegangen war, kam mir ein Schreiben von dessen Schwiegersohne und
Nachfolger, Herrn Bone, zu, das mich auf einmal wieder in die alten
Sorgen zurckstrzte. Er meldete mir, es sei von Lissabon ein Wechsel
auf beinahe dreitausend Taler eingelaufen, als Ersatzsumme fr das
Schiff des Kapitns Sylva, welches ich bersegelt und zugrunde gerichtet
haben sollte, daher ich doch hierber nhere Auskunft mitteilen mchte.

Man kann leicht denken, wie ich erstaunte, da man jenem Vorfalle auf
dem Tajo eine solche Wendung zu geben gedachte. Das Vorgeben mit der
bersegelung war eine offenbare grobe Erdichtung. Hatte das
portugiesische Schiff Schaden genommen oder war es endlich darber
zugrunde gegangen, so mochte der Kapitn lediglich seine eigene
Nachlssigkeit und seinen Mangel an Aufsicht anklagen; und sollte von
einem Schadenersatze die Rede sein, so wre ich, auf den jenes Schiff
zugetrieben kam, whrend ich selbst ruhig vor Anker lag, solchen zu
fordern ungleich mehr berechtigt gewesen. Dieserwegen berief ich mich
auf die gerichtliche Aussage meiner Mannschaft, wovon das Original in
den Hnden des preuischen Konsuls zurckgeblieben, whrend meine
mitgenommene beglaubigte Abschrift mit meinem verunglckten Schiffe
leider ein Raub der Wellen geworden war.

Aber nicht zufrieden, dies mit der ntigen Ausfhrlichkeit
zurckberichtet zu haben, reiste ich selbst nach Stettin, um jede noch
etwa mangelnde Auskunft zu erteilen. Der Wechsel ward demnach mit
Protest zurckgesandt und wir hielten den Sturm fr abgeschlagen. In der
Tat vernderte man nun auch in Lissabon die Art des Angriffes, denn nach
Verlauf eines halben Jahres lief von dort eine Aufforderung an den
Magistrat in Kolberg ein, mich, den Schiffer Nettelbeck, in dieser Sache
zu einer Entschdigung von dreitausend und einigen hundert Talern
obrigkeitlich anzuhalten. Da diese Summe nach portugiesischem Gelde in
Rees ausgedrckt war, deren dreihundert auf einen preuischen Taler
gehen, so paradierte demnach in jener Eingabe eine Forderung von beinahe
einer Million Rees, welche das Publikum meiner guten Vaterstadt
treuherzig mit ebensoviel Talern verwechselte und nun billig die Hnde
ber den Kpfen zusammenschlug, da der Nettelbeck tausendmal mehr
schuldig sei, als er Haare auf dem Kopfe habe!

Es versteht sich wohl, da ich bei meiner gerichtlichen Vernehmung die
nmlichen Grnde geltend machte, welche ich bereits Herrn Bone an die
Hand gegeben hatte. Damit aber noch nicht befriedigt, reiste ich
abermals nach Stettin, um ihm wiederholt zu raten, da er sich nach
Lissabon an den Preuischen Gesandten wenden und die dort niedergelegte
eidliche Erklrung einziehen lassen mchte, um den Proze auf diesem
festen und sicheren Grund zu fhren.

Den Proze aber leiteten nunmehr die Lissaboner bei dem Seegerichte zu
Stettin ein; der Spruch fiel dahin aus, da wir Beklagte zur Bezahlung
eines Schadens _nicht_ anzuhalten wren. Es ward von dieser Sentenz an die
Knigliche Kriegs- und Domnenkammer appelliert, welche sie jedoch in
zweiter Instanz besttigte. Auch hiermit begngten sich unsere Gegner
nicht, sondern gingen an die dritte Instanz, in das Revisorium. Endlich,
nach einem halben Jahre, schickte mir Herr Bone den Revisionsspruch zu,
der dahin lautete: Die Reeder des Stettiner Schiffes htten den Schaden
zu vergten, brigens aber wiederum Regre an ihren Schiffer zu nehmen.

Wie mich ein so unerwarteter Ausgang dieses Prozesses in Erstaunen,
Unwillen und gerechten rger setzen mute, ist leicht zu begreifen.
Herrn Bone verbarg ich meine Empfindlichkeit nicht, da er verabsumt
hatte, die sprechendsten Beweismittel herbeizuschaffen, und da ich
allein nunmehr, wie es schiene, unter dieser Vernachlssigung leiden
sollte. Aus meinen Papieren knne ich dartun, da ich seinem
Schwiegervater mit diesem Schiffe reine einundvierzigtausend Taler
verdient htte, und so mge denn sein Billigkeitsgefhl entscheiden, ob
und welche Ansprche er noch ferner an mich zu machen gedenke? -- zumal
da mein Gewissen mich von aller Schuld in jener Sache losspreche. Mte
es jedoch zwischen uns zu einem Prozesse hierber kommen, so wrde ich
mich zu verantworten wissen.

Bei alledem war mir aber nicht gar wohl zumute. Ich ward endlich
schlssig, mich nach Lissabon zu begeben und dem Dokumente, auf welchem
hier alles beruhte, an Ort und Stelle nachzuforschen. Vorlufig aber gab
ich dem Makler Brdermann in Hamburg, den ich kannte, den Auftrag, sich
bei den zuletzt von Lissabon eingekommenen Schiffern nach Leben und Tod
des dortigen Preuischen Gesandten und Konsuls genau zu erkundigen und
mir zugleich auf einem etwa binnen Monatsfrist dahin abgehenden Schiffe
einen Platz als Passagier zu bestellen.

Mein braver Patron Gro hatte auer dem Kaufmann Bone noch drei andere
Schwiegershne, smtlich Schiffer, als Erben seines bedeutenden
Vermgens hinterlassen. Diese alle kannten mich seit langen Jahren und
hatten mir stets Beweise ihrer Zuneigung und Achtung gegeben. An diese
nun wandte ich mich jetzt schriftlich und ersuchte sie um eine
bestimmte Erklrung, ob die Groschen Erben gesonnen wren, einen Proze
gegen mich anzustrengen? Solchenfalls aber mchten sie damit nicht
sumen, indem ich auf dem Sprunge stnde, nach Lissabon zu gehen und mir
neue und hinreichende Beweismittel zu verschaffen.

Die Ehrenmnner gaben mir zur Antwort: sie kennten mich und glaubten mir
aufs Wort, da ich eine gerechte Sache htte und Bulkeley so gut als
Sylva ein paar Schurken wren. Ich mchte die Lissaboner Reise nur
unterlassen, indem smtliche Grosche Erben unter sich bereingekommen
wren, jeden Proze und Anforderung gegen einen Mann aufzugeben, der
ihrem Hause so ttig und redlich gedient und ihm so ansehnliche Summen
erworben habe.

So mag sich denn nun hier die Geschichte meiner Seereisen und Abenteuer
schlieen. Wohl aber mag ich auch sagen: Gott hat groe Dinge an mir
getan, der Name des Herrn sei gelobet!

       *       *       *       *       *

Nun bin ich denn also aus einem Seemanne ein Landmann und ehrsamer
Kolbergischer Pfahlbrger geworden, und was einem solchen begegnen kann,
ist nicht so abwechselnd und ausgezeichnet, da es eine ausfhrlichere
Erzhlung verdiente. Sind in der Folge meines Lebens Verhltnisse
eingetreten, wo mein Name fr einige Augenblicke aus der Dunkelheit
hervorgetreten zu sein scheint, wozu Natur und Schicksal mich wohl
eigentlich bestimmt hatten, so fhle ich doch gar wohl, wie wenig es
gerade _mir_ geziemen wrde, ber diese Periode und ber mich selbst zu
sprechen, wo das, was mir Schuldigkeit und Brgerpflicht zu tun geboten,
leicht als Prahlerei erscheinen knnte.

Findet sonst irgend jemand -- sei er Freund oder Feind -- Neigung und
Beruf, von mir zu schreiben, so sage er, was Wahrheit ist. Mir selbst
gengt an dem Bewutsein, fr mein Vaterland, fr meinen Knig und fr
jeden Menschen getan zu haben, was die schwachen Krfte eines einzelnen
vermochten. Wre ein wenigeres geschehen, so wrde ich mir's zum Vorwurf
rechnen. Meinen heimlichen Feinden mu ich gestatten, im stillen ber
mich zu richten und mich zu verurteilen. ffentlich aber werden sie
schwerlich gegen mich auftreten, um meine Ehre anzutasten, die ich bis
zu meinem letzten Atemzuge darein setzen werde, ein Verehrer meines
Knigs, ein getreuer Untertan, ein dankbarer Sohn meiner geliebten
Vaterstadt, ein exemplarischer Brger, der Freund meiner Freunde und im
groen wie im kleinen ein ehrlicher Mann zu sein.




Dritter Teil


Was ich frher, als ich am Schlusse des zweiten Teiles meiner
Lebensgeschichte die Feder niederlegte, weder gedacht noch gewollt, soll
dennoch Wirklichkeit werden -- ich soll sie wieder aufnehmen, um dem
freundlichen Leser auch noch diejenigen Lebensereignisse mitzuteilen,
die mir nach meinem fnfundvierzigsten Jahre zugestoen sind. So
wnschen und verlangen es so manche, denen ich fr ihre Liebe gern
dankbar werden mchte -- dankbar aber vornehmlich auch meinem Schpfer,
welcher mir bis hierher Leben, Kraft und Gesundheit schenkt und mich
vielleicht nur _dazu_ noch gebrauchen will, da ich doch sonst der Welt
wohl nur wenig mehr ntzen kann. Mein Bedenken, von den neueren Zeiten
und von meinem eignen kleinen Anteil an den Welthndeln zu reden, ist
auch nicht mehr das nmliche wie vormals: denn einmal kennt mich nun der
Leser schon genug, um zu wissen, da mir's nirgends um die Person,
sondern immer nur um die Sache zu tun ist, und wird mir also auch nicht
leicht Ruhmredigkeit vorwerfen, wo ich nur der Wahrheit die Ehre gebe;
und dann frs andre knnte es hier und da doch auch wohl zutreffen, da
etwas zu Nutz, Lehre und Warnung jetziger und knftiger Zeiten mit
unterliefe. Hauptschlich aber drngt es mich, einem Manne, obwohl er
meiner zu seinem Lobe nicht bedarf, weil ihn die Welt, sein Herz und
seine Taten genugsam preisen, -- dem Manne, der in der Nacht der Trbsal
ber meiner Vaterstadt zuerst wie ein schner leuchtender Stern des
Heils aufgegangen ist -- die schuldige Anerkennung widerfahren zu
lassen. Nein, ich will ihn nicht loben: aber meine getreue Erzhlung
selbst soll sein Lob sein!

       *       *       *       *       *

Von der See hatte ich meinen Abschied genommen; hatte mich auf ihr und
in der Fremde genugsam herumgetummelt, um mir die Hrner abzulaufen, und
hielt es nunmehr fr das Gescheiteste, mich an eine stille brgerliche
Nahrung zu halten, wie es mein Vater und meine Vorvter auch getan
hatten: denn der bisherige Hang zum Seeleben war eigentlich nur mit dem
_mtterlichen Blute_ auf mich gekommen, und es schien ganz gut und recht,
mich wieder zur _vterlichen Weise_ zu wenden. Da nun auch mein ererbtes
Huschen ganz zum Betrieb von Bierbrauen und Branntweinbrennen
eingerichtet war und mir diese Hantierung sowohl zusagte, als auch ein
ehrliches Auskommen versprach, so bedachte ich mich nicht lange, sie
gleichfalls zu ergreifen; habe auch manche liebe Jahre hindurch mein
leidliches Auskommen dabei gefunden. Ich ward also Kolberger Brger,
hatte meinen besonderen Verkehr mit den Landleuten umher und rhrte mich
tchtig, um das, was ich ergriffen hatte, nun auch ganz und aus einem
Stcke zu sein.

Aber es mochte doch wohl sein, da es entweder mit dem Hrner-Ablaufen
noch nicht seine volle Richtigkeit hatte, oder da sonst noch fr meine
dreiviertel Schock Jahre zu viel Regsamkeit und Eifer in mir war, oder
endlich lag es und liegt noch zu tief in meiner Natur, da ich keine
Unbilde -- treffe sie mich oder andre -- statuieren kann: -- genug, ich
lief mit dem einen wie mit dem andern oft genug an; und ohne da ich es
wollte und wnschte, mag es auf diese Weise leicht gekommen sein, da
meine lieben Mitbrger, die es meist gemchlicher angehen lieen, mich
mitunter fr einen unruhigen Kopf verschrieen, und dem es in Guinea
unter der Linie vielleicht gar ein wenig zu warm unterm Hute geworden.
Von dem allem mu ich einige Prbchen beibringen, die es beweisen
mgen, da ich noch immer der alte Nettelbeck war.

Erst also von meinem Unbedacht! -- Der See mit genauer Not entronnen,
dachte ich, da es nun mit dem Ersaufen weiter keine Not haben sollte;
und doch war ich auch als Landratte ein paarmal nahe daran, einen nassen
und elenden Tod durch eigne Schuld zu finden.

       *       *       *       *       *

Es war im Dezember 1784, als mich einst mein Gewerbe nach Henkenhagen,
einem Dorfe, dritthalb Meilen von Kolberg, fhrte. Ich war zu Pferd und
nahm den Weg dahin lngs dem Strande, als dem ebensten und gelegensten.
Schon verdrielich, da mein Knecht den Gaul nicht nach meinem Sinne
gestriegelt, und da dieser bei meinem scharfen Ritt unter dem Bauche
heftig schumte und schmutzig aussah, vermeinte ich beidem abzuhelfen,
wenn ich ein Eckchen in die See ritt, um ihn von den Wellen absplen zu
lassen. Es war windiges Wetter und das Meer strmisch. Sowie indes die
nchste Welle zurcktrat, ritt ich ihr trockenen Fues nach und lie sie
wieder heranrollen, und ritt danach wieder ein Eckchen und meinte nun
genug zu haben.

Nun aber kam unversehens eine hhere Sturzwelle, die sich dicht vor
meinem Pferde donnernd und schumend brach. Es wurde davon scheu, bumte
und wandte sich, so da nun eine neue Woge nicht nur ber unsern Kpfen
zusammenschlug, sondern auch, da sie uns von der Seite fate, uns mit
Gewalt zu Boden warf. Ich hielt mich gleichwohl fest in Sattel und
Bgeln. Als jedoch die See nach wenigen Augenblicken wieder zurcktrat,
richtete sich das Pferd mit mir empor, bis abermals eine Welle uns
heimsuchte, die es dergestalt blendete, da es, anstatt dem Zgel zu
folgen und nach dem Strande umzukehren, vielmehr seeeinwrts kollerte
und bald auch den Grund unter seinen Fen verlor. Whrend wir nun
schwimmend mehr unter als ber dem Wasser krabbelten, ward mir doch der
Handel endlich bedenklich. Ich suchte die Fe aus den Steigbgeln
loszubekommen, warf mich vom Pferde herab und schwamm dem Lande zu, das
ich auch glcklich erreichte. Doch Hut und Percke waren verloren
gegangen.

Den ersteren sah ich noch in der Ferne treiben. Rasch warf ich den Rock
vom Leibe und watete und schwamm ihm nach, bis ich ihn glcklich
erreicht hatte. Abermals im Trockenen, schaute ich nun auch nach meinem
Gaule um, der es mir glcklich nachgetan, aber, wild und scheu geworden,
im vollen Sprunge landeinwrts lief. Ich eilte ihm nach und sah bald von
den hohen Sanddnen herab, da einige Leute bereits damit beschftigt
waren, ihn einzufangen. Als ich nun endlich herankam und sie mir mein
Tier berlieferten, stand ich da, vllig durchnt, den Hut auf dem
kahlen Kopfe (ein kurzgeschorener Schdel aber war damals etwas
Lcherliches) und bedachte bei mir selbst, was weiter zu tun sei? Doch
ich meinte, ich sei ja wohl fter schon na gewesen, warf mich aufs
Pferd und trabte, als sei nichts geschehen, nach Henkenhagen zu.

Indes mu ich doch ziemlich verstrt ausgesehen haben, denn alle Leute,
die mir begegneten, sperrten die Augen auf und fragten, was mir begegnet
sei? Ich dagegen hielt mich mit keiner langen Antwort auf, bis ich das
Dorf erreichte; aber als ich nun vom Pferde steigen wollte, fhlte ich
mich von Nsse und Klte so erstarrt, da ich mich nicht zu regen
vermochte. Ob nun das, was ich tat, das Gescheiteste war, wei ich
nicht; aber anstatt den nchsten warmen Ofen zu suchen, machte ich mit
meinem Gaule auf der Stelle rechtsum kehrt und sprengte im gestreckten
Galopp nach Kolberg heim, wo ich mein Abenteuer mit einer achttgigen
Unplichkeit bezahlte, ohne jedoch dadurch klger zu werden.

       *       *       *       *       *

Denn noch in dem nmlichen Winter versuchte ich es fast noch
halsbrechender, indem ich in einem zweispnnigen Jagdschlitten ber Land
fuhr. Es gab ein dichtes Schneegestber, so da man nur wenige Schritte
deutlich sehen konnte. Bei der Mhle zu Simtzel hatte ich einen stark
angeschwollenen Bach zu passieren, wo jetzt berdem in der gewhnlichen
Furt viele zusammengetriebene Eisschollen zu erwarten waren. Dies zu
vermeiden, lie ich meinen Knecht absteigen, um sich umzusehen, ob etwa
oberhalb der Mhle eine Brcke vorhanden sei. Er rief mir zu, da er
eine solche gefunden, und ich hie ihm dicht vor den Pferden
voranschreiten, um mir als Wegweiser zu dienen. So folgte ich dem
Menschen gedankenlos zu einem bergange, der nicht eine Brcke, sondern
ein Steg ohne Gelnder war, aus zwei nebeneinandergelegten Balken
bestand, die hchstens achtundzwanzig Zoll in der Breite betragen
mochten. In der Lnge aber hielten sie leicht sechsunddreiig bis
vierzig Fu, und das Gewsser rauschte ungestm darunter hindurch.

Mitten auf dieser wunderlichen Passage, indem sich die Pferde (wie sie
nicht anders konnten) heftig drngten, strzte das eine rechts hinab in
die Strmung. Es war ein Glck, sowohl da der Schlitten dabei quer auf
die Balken zu stehen kam, als da bei dem Sturz des Tieres smtliche
Strnge rissen; noch ein greres aber, da gerade der Mhlbursche
zufllig neben dem Mhlwehr stand, der augenblicks die Schleuse
niederlie und dadurch das reiende Gewsser zum Stehen brachte. Nun
wurde der Schlitten samt mir und dem noch angeschirrten Pferde mit Not
und Mhe von den Balken herabgebracht, whrend das andre sich im Wasser
wlzende endlich auch das Ufer gewann.

Nun stand alles, was in der Mhle war, um mich her und fragte, wie ich
so unsinnig habe sein knnen, mich und mein Leben mit einem solchen
Zweigespann auf zwei elende Balken zu wagen? Da war nun wenig darauf zu
antworten, als da ich durch das Schneetreiben am Sehen verhindert und,
mich auf meinen Fhrer verlassend, die Gefahr nicht eher inne geworden,
bevor ich mitten drinnen gesteckt. Hinterdrein bei ruhigerem Nachdenken
habe ich aber nur zuviel Grund zu dem Argwohn gefunden, da der heillose
Bube mich wohl absichtlich dahin gelockt haben knne, um mir mit guter
Manier den Garaus zu machen; denn wenige Tage spter entlief er aus
meinem Dienste, und es fand sich, da er mich betrchtlich bestohlen
hatte.

       *       *       *       *       *

Zu einer andern Zeit sa ich in voller Gemtsruhe daheim vor meinem
Rasierspiegel mit dem Messer in der Hand, als der Kmmereidiener, ein
aufgeblasener wster Mensch, zu mir eintrat und mit lallender Zunge
etwas daherstotterte, was ich nicht verstand, was aber wohl ein
obrigkeitlicher Auftrag an mich sein sollte. Indem ich ihn verwundert
und schweigend darauf ansah, aber sofort merkte, da er sich einen
derben Rausch getrunken, mochte er sich durch diesen meinen prfenden
Blick beleidigt fhlen, und stie einige Grobheiten aus, die ich dadurch
erwiderte, da ich die Zimmertr ffnete und meinen torkelnden Urian
bat, sich beliebigst hinauszutrollen. Dem aber schwoll der Kamm noch
mehr; es kam zu unntzen Redensarten, und da ich damals noch in meinem
Tun und Lassen ziemlich kurz angebunden zu sein pflegte, so machte ich
auch hier nicht viel Federlesens, sondern packte ihn mit derber
Seemannsfaust am Kragen und schob ihn bei seinem Struben etwas
unsuberlich auf die Gasse hinaus. Mag auch wohl sein, da er dabei,
denn mit dem Piedestal war's ohnehin unrichtig, auf die Plastersteine zu
liegen kam und sich den Mund blutig fiel, whrend ich mir nichts dir
nichts an mein unterbrochenes Geschft zurckkehrte.

Nun aber war auch sofort Feuer im Dache. Ich hatte einen ganzen
wohledlen Magistrat in seinem Diener beleidigt, und eine solche
Ungebhrlichkeit konnte nicht ungeahndet bleiben! Mochte ich vielleicht
ohnedem schon nicht wohl angeschrieben stehen, so war dies nun ein
neuer Frevel, wo die ganze obrigkeitliche Autoritt mit ins Spiel zu
kommen schien und einmal ein Exempel statuiert werden mute! Gleich des
andern Tages also bekam ich eine Vorladung vom Magistrat, am nchsten
Morgen im Rathause zu erscheinen.

Inzwischen hatte es der Zufall gefgt, da bei einem Gange durch die
Stadt meine Augen auf das Mauerwerk der Kupferschmiedsbrcke fielen, wo
ich wahrnahm, da beide Stirnmauern, auf welchen das Geblke der Brcke
ruhte, in sehr schadhaftem Zustande und die eine derselben sogar zum
Teil niedergeschossen sei; so da durch das nchste, etwas schwere
Fuhrwerk, das hinberpassierte, leicht ein Unglck entstehen knnte.
Dies hatte ich auch sofort nach Brgerpflicht dem Stadtdirigenten,
Landrat Selert, angezeigt, der sich von der vorhandenen Gefahr
berzeugte und die Brcke sperren lie. Daneben hatte ich ihm
vorgeschlagen, da es zur Erneuerung des Gemuers keines kostspieligen
Gerstes bedrfte, wenn man nur einen Bagger-Prahm von der Mnde
herbeischaffte und unter die Brcke brchte. Er billigte das, und ich
hatte den Prahm auch wirklich herbeigeholt und unter der Brcke
befestigt. Die Maurer aber waren seitdem darauf mit ihrer Arbeit
beschftigt.

Indem ich nun auf dem Wege nach dem Rathause war, um meine Strafsentenz
zu empfangen, sah ich schon aus der Ferne, da das Wasser im
Persantestrom durch einen hartstrmenden Nordwind hoch aufgestaut war,
und als ich zur Brcke gelangte, fand ich es dort in solcher Hhe
angeschwollen, da der Prahm bis dicht unter die Balken der Brcke
emporgehoben worden und jeden Augenblick zu befrchten war, er mchte
die ganze Brcke abtragen und davonfhren, wenn er nicht ungesumt unter
ihr weggebracht werden knnte. Im Weitergehen ging ich mit meinen
Gedanken zu Rate, auf welche Art hier wohl zu helfen sein mchte,
wiewohl doch mein stiller Groll, je nher ich dem Rathause kam, mir je
mehr und mehr zuflsterte: Du bist ja doch wohl ein rechter Tor, dich
mit solcherlei Anschlgen zu plagen! Hast du doch von all deinem Besttun
nichts als rger zum Lohn.

Als ich in die Ratsstube eintrat, war mein Verklger schon vorhanden,
etwas nchterner zwar als vorgestern, aber auch nur um so fertiger mit
dem Maul; zumal da er bald wahrnahm, da die Herren ihm den Rcken
steiften, indem sie mir mit etwas unhflichen Vorwrfen das, was ich
getan, als eine Verachtung der Obrigkeit auslegten. Ich dagegen fhrte
meine Sache nach der Wahrheit; es wurde hin und her gestritten, und der
Herr Sekretarius hatte seine volle Arbeit mit Protokollieren ... Siehe!
Da flog unversehens die Tr auf, und mit Schrecknis im Angesichte kam
der Stadtzimmermeister Kannegieer hereingestrzt und rief: Meine
Herren, es wird ein groes Unglck geschehen. -- Die Brcke wird samt
dem Prahm davongehen. Ich bin nicht mehr imstande gewesen, ihn darunter
hervorzubringen, und noch steigt das Wasser mit jeder Minute. Kommen Sie
selbst, Herr Landrat, und berzeugen sich, da das Unglck nicht mehr
abzuwenden ist.

Beide eilten hinaus, und mit dem Protokoll hatte es einstweilen einigen
Stillstand. Da wandte sich denn der zweite Brgermeister, Roloff, an
mich und sagte: Nettelbeck, Sie pflegen ja sonst wohl in manchen Dingen
guten Rat zu wissen, zumal wo es in Ihr eigentliches Element einschlgt,
wie hier. Sagen Sie doch -- was ist dabei zu tun?

Ich meine, dem ist bald abgeholfen, war meine kurze Antwort. -- Man
bohrt ein Loch in den Prahm und lt ihn soweit voll Wasser laufen, bis
er sich hinlnglich gesenkt hat, um wieder unter der Brcke
hervorzugleiten.

Kaum waren diese Worte ausgesprochen, so ri der Brgermeister hastig
das Fenster auf und schrie den Weggehenden drunten zu, augenblicklich
zurckzukehren. Und indem sie eintraten, hub er an: Nettelbeck schlgt
soeben ein gutes Mittel vor, die Brcke zu retten. -- Ich aber wandte
mich zu dem Zimmermeister: Nehm' Er einen zweizlligen Bttcherbohrer
und bohr' Er damit ein Loch in den Boden des Prahms, dann wird so viel
Wasser hineinlaufen, da dieser sich um einen oder ein paar Fu senkt
und Spielraum genug gewinnt, unter der Brcke durchzugleiten. Damit er
aber bei seiner Last von Kalk, Lehm und Mauersteinen nicht gar auf den
Grund versinke, so mu das Loch auch zu rechter Zeit wieder verstopft
werden knnen, und dazu wird man sich im voraus mit einem langen,
hlzernen Pfropf zu versehen haben.

Eh' ich noch geendet, rief der Zimmermeister mit flammenden Augen: Das
geht! Wahrhaftig, das geht! -- Herr Landrat, bleiben Sie in Gottes Namen
hier, nun soll dem Dinge bald geholfen sein.

Jetzt gab es um den Ratstisch her abermals eine Stille bevor mein
Protokoll wieder beginnen wollte; dann aber stand der Brgermeister
Roloff von seinem Stuhle auf, sah all die Ratsherren nach der Reihe an
und sagte: Meine Herren -- Den Mann sollten wir strafen? -- Was meinen
Sie? -- Alles still, bis auch der Landrat aufstand und sich zu meinem
Widerpart wandte: Ein andermal, guter Freund, wenn Magistratssachen an
Brger zu bestellen sind, gescheh' es nchtern, mit Vernunft und mit
Bescheidenheit. Die Sache ist hiermit abgetan, und Sie, Herr Nettelbeck,
gehen in Gottes Namen und mit unserm Dank nach Hause.

       *       *       *       *       *

Wiederum und nicht lange danach begab sich's, da kurz vor der
Weihnachtszeit ein Glckner in der Stadt vermit wurde, nachdem er
-- vielleicht etwas angetrunken -- auf die Lauenburger Vorstadt geschickt
worden, um als Kirchendiener fllige Landmiete einzufordern. Zwar hatte
er gegen die Abendzeit den Heimweg wieder angetreten, aber wo er zuletzt
geblieben, war auf keine Weise zu ermitteln. Endlich, am Nachmittag des
heiligen Abends vor Weihnachten, erscholl das Gercht, der arme Mensch
liege unweit der zweiten kleinen Brcke, tot im Wallgraben, mitten im
Rohr, wohinab er von dem steilen, mit Glatteis berzogenen Walle
gepurzelt sein mochte.

Voll Mitleids lief ich hinzu und fand bereits die Brcke mit unzhligen
Menschen aus allen Stnden besetzt, welche alle nach dem Ertrunkenen
hingafften, ohne irgend eine hilfreiche Hand anzulegen. Aber, liebe
Leute, -- wandte ich mich an einige nchststehende Brger -- warum
wird der Leichnam nicht herausgeschafft? Wir wollen da nicht lange
sumen -- kommt und helft mir! -- Allein sie verzogen die Muler,
murmelten etwas, das so klang, als wollten sie sich damit nicht
unehrlich machen und dem Henkersknechte vorgreifen, und einer nach dem
andern zog sich sachte von mir ab. Weil ich nun sah, da auf einem
andern Fleck Landrat und Brgermeister und wer sonst noch vom Rate
beisammenstanden, trat ich an sie heran und bat, da sie's doch mglich
machten, den toten Krper aus dem Wasser zu ziehen. -- Mein Gott!
versetzte der Landrat, es will's ja keiner! -- Gut, so will ich's,
war meine Antwort. -- Ich allein aber schaffe nichts. Meine Herren, gebe
Einer von Ihnen ein gutes Beispiel und helfe mir. -- Ich sah einen nach
dem andern darauf an, aber meine Rede dnkte ihnen spttisch und sie
kehrten mir den Rcken. -- Nun wurde ich warm und griff einen
geistlichen Herrn, den die Neugierde auch herbeigefhrt hatte, am
Rockrmel: Topp, Herr! Wenn _keiner_ will und ein fhlbares Herz hat, so
machen _wir_ beide uns getrost ans Werk! -- Ich? ich? stotterte er --
mein Gott, dazu bin ich nicht imstande -- und somit ri er sich von mir
los und entfernte sich eiligst. Mir aber lief endlich auch die Galle
ber. Ich schickte ihnen allen einen derben Seemannsfluch nach und begab
mich in grollendem Unmute nach Hause.

Kaum ein paar Stunden darauf erfuhr ich durch meinen Sohn, da endlich
den beiden Bettelvgten von Magistrats wegen befohlen worden, den
Ertrunkenen aus dem Graben zu holen. Weil aber die Stelle bei
fortwhrendem Glatteise wirklich einigermaen gefhrlich und es alte
steife Kerle waren, so fiel das Experiment so unglcklich aus, da der
eine gleichfalls kopfber neben dem Glckner ins Wasser strzte und auf
der Stelle ersoff. Das war im Angesichte von mehr als hundert Menschen
geschehen, deren keiner einen Finger rhrte, das neue Unglck zu
verhten oder wieder gut zu machen.

Nun lie mich's noch weniger ruhen als vorher. Ich eilte dem Platze zu,
mitten in das Gedrnge, das jetzt noch dichter zusammengestrmt war.
Liebe Leute, rief ich -- jetzt endlich werdet ihr doch in euch
gegangen sein und euch schmen, da solch ein Skandal vor euren Augen
hat geschehen knnen? -- Kommt! helft! Lat uns wieder gut machen so
viel noch mglich ist! -- Waren sie mir aber vorher schon, sobald sie
mich erblickten, ausgewichen, so wollte mir jetzt noch weniger jemand
standhalten. Da konnte ich mir denn freilich nicht anders helfen und las
ihnen eine Epistel, die von den derbsten war. Wie? rief ich, seid ihr
Menschen? seid ihr Christen? Seid ihr wohl wert, da Gott seine Sonne
ber euch aufgehen lt? Bei Heiden und Trken und in Lndern, die
nichts von Gott und Jesu Christo wissen, hilft und rettet doch einer den
andern, wenn es um Leib und Leben gilt!

Darauf griff ich einen Schnfrber an, der mir eben in den Wurf kam. --
Was meinst du? Wenn du oder ich dort lgen, wo diese Unglcklichen
liegen, wolltest du oder ich erst von unehrlichen Hnden herausgezogen
sein? -- Dazu gebe sich ein andrer her, aber ich nicht! antwortete er
mir trotzig und ging seines Weges. Ich schalt, ich tobte, aber damit war
nichts ausgerichtet. Ich mute meinen Ingrimm in mich schlucken und
rannte nach Hause, um nur von der ganzen Historie nichts mehr zu sehen
und zu hren. Da kam ein Bote, der mich eiligst zum Landrat beschied.
Noch voll rgers lie ich ihm zurckmelden: Erst mge er nur sorgen,
da er die Toten aus dem Graben schaffte. Es sei morgen hoher Festtag
und darum um so ntiger, da der unchristliche Spektakel ein Ende
kriegte. -- Eben diese Betrachtung aber mochte es wohl sein, was den
Herren bange machte und was auch den Brgermeister zur nmlichen Stunde
bewog, mich zu ihm bitten zu lassen. In der Tat hatten beide, als ich
nach einigem abgekhlteren Besinnen mich zu dem Gange entschlo, ein und
das nmliche Ansinnen, und ersuchten mich mit den freundlichsten Worten,
sie aus dieser Verlegenheit zu ziehen und der Stadt die Schande zu
ersparen. Nun waren sie zwar selbst Zeugen, wie wenig ich mit meinem
gutwilligen Eifer ausgerichtet, indes verhie ich ihnen doch, es von
neuem zu versuchen und mein Bestes zu tun.

Indem ich nun wieder zu der Brcke kam, stberte mein bloer Anblick,
als wre ich der Knecht Ruprecht gewesen, alles auseinander, was da noch
stand und Maulaffen feilhatte. Sie mochten sich wohl vor einer neuen
Strafpredigt frchten. An Ort und Stelle sann und sann ich nun, wie das
Ding am schicklichsten anzugreifen und wie vor allen Dingen ein
tchtiger Kumpan zu finden sei, der seine Hand mit anlegte. Da kam im
glcklichsten Momente, von diesem allem noch nichts wissend, mein guter
alter Freund, der Brauer Martin Blank, ehemals mein Seekamerad, von
einem Gange auswrts dahergeschritten. Dem erzhlte ich nun mit kurzen
Worten, was mich auf dem Herzen drckte, und schlo damit: Bruderherz,
du bist ein Mann von meinem Schlage: _du_ wirst mir helfen! -- Ja, das
will ich! war seine Antwort, indem er seinen Mantelrock abzog und auf
das Brckengelnder warf. Ich ging voran und er folgte.

Der Abhang des Walles war steil und schlpfrig und unten am Rande des
Grabens lie sich nur mit Mhe fuen. Mein Gefhrte mute mich oben am
Kragen halten, whrend ich mich niederbog, den nchsten Leichnam zu
erfassen; aber wenig fehlte, da ich das Gleichgewicht verlor und der
dritte unten im Graben war. Weil denn aber an dieser bsen Stelle nichts
auszurichten war, mute vom Torschreiber eine Leine geholt werden, die
wir um die toten Krper schlangen und womit wir sie nach einer
zugnglicheren Stelle zogen, bis sie denn endlich glcklich aufs
Trockene gebracht wurden.

Darber war es Abend geworden und mein Freund, der nunmehr nach Hause zu
eilen hatte, berlie mir die Sorge, die Toten vollends an einen
schicklichen Ort zu schaffen. Mir fiel die Kalkkammer der St.
Georgenkirche auf der Vorstadt bei, wo sie vorerst niedergelegt werden
konnten, um nach den Feiertagen christlich beerdigt zu werden. Aber ehe
sie dahin gelangten, mute ein Bauer, der noch spt mit seinem Fuhrwerke
aus der Stadt kam, von der Torwache angehalten und halb in Gte, halb
mit Gewalt bewogen werden, sie bis dahin aufzuladen. Selbst der Kster,
den ich herauspochte, machte eine bedenkliche Miene, ihnen das Pltzchen
zu gnnen, und griff erst nach den Kirchenschlsseln, als ich mir's
herausnahm, mit einem Wrtchen von Absetzung zu drohen.

       *       *       *       *       *

Neben meinen Berufsgeschften machte ich mir von Zeit zu Zeit auch noch
andre Sorgen, die ich mir wohl htte sparen knnen, wenn ich sie nicht
als meine Spielpuppe betrachtet htte. Man wird sich erinnern, da zu
Anfang des Jahres 1773 unser Sklavenschiff, eines empfangenen Lecks
wegen, gentigt gewesen, in den Flu Kormantin, zwischen Surinam und
Berbice, einzulaufen, und wie ich damals dort eine ungemein fruchtbare,
aber noch von keiner europischen Macht in Besitz genommene Landschaft
vorgefunden. Flugs wirbelte mir auch dieser letztere Umstand im Kopfe
herum, der preuische Patriotismus ward in mir lebendig und ich sann und
sann, warum denn nicht _mein_ Knig hier ebensogut wie England und
Frankreich seine Kolonie haben und Zucker, Kaffee und andre
Kolonialwaren eben wie jene anbauen lassen sollte? Je lnger ich mir das
Projekt ansah, desto mehr verliebte ich mich darein, und zugleich meinte
ich, da ich selbst wohl der Mann sein knnte, Herz und Hand zur
Ausfhrung daranzugeben.

Darum lie mir's auch, als ich nach Kolberg zurckgekehrt war, keine
Ruhe, bis ich meinen Plan umstndlich zu Papier gebracht hatte. Ich
dachte, wer ihn lse und nur irgend zu Herzen nhme, mte mir auch in
meinen Vorschlgen beipflichten, und so packte ich ihn mit einer
alleruntertnigsten Vorstellung zusammen und schickte mein Schokind
unmittelbar an den alten Friedrich ein, der zuletzt doch immer das Beste
bei der Sache tun mute. Hatte ich jedoch geglaubt, da vor die rechte
Schmiede zu kommen, so war ich gleichwohl arg betrogen, denn meine
Eingabe blieb ohne Antwort und so lie sich wohl daraus schlieen, da
der Knig das Ding nicht mit _meinen_ Augen angesehen und weiter auf ihn
nicht zu rechnen sein werde. Also war ich auch gescheit genug, ihm
weiter keinen Molest damit zu machen.

Nur mir selbst wollte die schne preuische Kolonie am Kormantin noch
immer nicht aus Sinn und Gedanken weichen! Ich putzte mir das Luftschlo
noch immer vollstndiger im einzelnen aus, und da ich wohl erwog, da
der Anbau des Landes ohne Negersklaven nicht zu bewerkstelligen sein
werde, so verband ich damit zugleich die Idee einer Niederlassung an der
Kste von Guinea, wo ja schon hundert Jahre frher der groe Kurfrst
und seine Brandenburger festen Fu gefat gehabt und von wo die neue
Kolonie mit schwarzen Arbeitern hinreichend versorgt werden knnte. So
wurde mir mein Projekt von Tag zu Tag lieber, obgleich ich meine
Gedanken fr mich behielt und auf knftige bessere Zeiten rechnete; denn
was der knigliche Greis von der Hand gewiesen hatte, das konnte ja
leicht bei seinem Nachfolger einst eine gnstigere Aufnahme finden.

Als daher Friedrich der Einzige die Augen geschlossen und Friedrich
Wilhelm auf seinem Wege zur Huldigung in Knigsberg durch Pommern zog,
nahm ich flugs meinen alten Plan wieder vor und pate es so ab, da ich
dem Knige in Krlin unter die Augen kam und ihm mein Memorial
berreichte. Kaum liefen einige Wochen ins Land, so hatte ich meinen
Bescheid, des Inhalts: Da Se. Majestt fr den entworfenen Plan zu
einer Seehandlung nach Afrika und Amerika auf Hchstdero eigne Rechnung
zwar nicht entrieren mge, inzwischen die gemachten Vorschlge der
Seehandlungs-Soziett zugefertigt und derselben berlassen habe, ob sie
darauf sich einzulassen ratsam finde.

Das lie sich hren, die Herren von der Seehandlung konnten ja vielleicht
geneigt sein, Vernunft anzunehmen. Aber was geschah? -- In noch krzerer
Frist ging, nicht von jener Soziett, sondern von dem Kniglich
Preuisch-Pommerschen Kriegs- und Domnenkammerdeputationskollegium zu
Kslin die Resolution bei mir ein: Da Se. Knigl. Majestt geruht htten,
auf jene Vorschlge nicht zu reflektieren, so knne auch besagtes Kollegium
sich auf das weit aussehende Handelsprojekt nicht einlassen. Spterhin
habe ich in Erfahrung gebracht, da die Englnder am Flusse Kormantin eine
Niederlassung mit dem gedeihlichsten Erfolge gegrndet haben.

       *       *       *       *       *

Ich hatte aber Gelegenheit genug in der Nhe, wo ich zum Guten raten und
mich ums allgemeine Beste einigermaen verdient machen konnte. So war es
etwa gleich ein Jahr nachher (1787), da die Kolberger Kaufmannschaft
mir die Ehre antat, mich zum Verwandten des Seglerhauses aufzunehmen. Es
ist dies nmlich ein stdtisches Kollegium, welches aus fnf Kaufleuten
und drei der angesehensten Schiffer besteht und das Seegericht bildet,
vor welchem alle Schiffahrtssachen, sowohl nach dem Preuischen Seerecht
als nach den Usanzen, in erster Instanz entschieden werden. Diese
Auszeichnung konnte ich nicht zurckweisen, und so geschah es dann, da
gleich in der zweiten oder dritten Session ein Schiffer, vom Kolberger
Deep gebrtig, und ein Steuermann ebendaher, aufgefordert wurden, ein
Protokoll zu unterzeichnen. Der Schiffer kratzte seinen Namen mit Not
und Mhe auf das Papier, sein Gefhrte aber erklrte, da er des
Schreibens vllig unkundig sei, und begngte sich, seine drei Kreuze
hinzumalen, wobei ihm die groe Brotschnitte, die er zu seiner
Bekstigung zu sich gesteckt, beinahe aus dem Busen entfallen wre.

Ich kann nicht leugnen, da ich mich hierbei tief in die Seele dieser
ehemaligen Standesgenossen schmte. Wes das Herz voll war, des ging auch
der Mund ber, und so bat ich meine Herren Beisitzer, es doch reiflich
zu Herzen zu nehmen, wie schlechte Ehre wir Preuen einlegten, wenn so
oft Landsleute von diesem Schnitte vor einem auswrtigen Seegerichte
stnden, und was fr Gedanken Hollnder und Englnder wohl von unserm
Seewesen fassen mchten? Das Wenigste wre, da fremde Handelsleute sich
auf alle Weise hten wrden, solchen unwissenden Menschen Schiffe und
Ladungen anzuvertrauen, und da darber die ganze preuische Reederei in
Mikredit und Verachtung geraten knnte. Andrer Orten wrde kein
Steuermann oder Schiffer zugelassen, bevor er in einem Steuermannsexamen
erwiesen htte, da er seiner Kunst und Wissenschaft vollstndig mchtig
geworden. Sie wten auch, da ich noch immer fortfhre, mich mit dem
Unterrichte junger Seeleute zu beschftigen, und so lge mir denn daran,
da sie die Gte htten, mit nchstem einer Prfung meiner Lehrlinge
beizuwohnen und sich von ihren Fortschritten in der Steuermannskunst zu
berzeugen.

Das geschah auch wirklich und die Herren fanden ein solches Wohlgefallen
an der Sache, da auf der Stelle beschlossen wurde, es solle fortan auf
hiesigem Platze kein Schiffer oder Steuermann angenommen und vereidet
werden, bevor er nicht seine Tchtigkeit durch ein wohlbestandenes
Examen nachgewiesen. Und so ist es seitdem auch fortdauernd hier
gehalten worden.

Um die nmliche Zeit etwa befand sich das hiesige Knigliche Lizentamt
in einiger Verlegenheit wegen eines hinreichend tchtigen
Schiffsvermessers, der sich auf die Berechnung der Tragkraft der
Fahrzeuge verstnde und wieviel Lasten sie laden und ber See fhren
knnten. Denn bisher hatten ein paar subalterne Lizentbeamte dieses
Geschft versehen, aber so unwissend und ungeschickt, da die von ihnen
vermessenen Fahrzeuge stets zu gro oder zu klein befunden wurden,
woher es denn auch an Streitigkeiten zwischen dem Lizent und den
Schiffern nie abri. Zufllig mochte es nun bekannt geworden sein, da
ich mich auf dieses Geschft verstnde, und so geschah mir von der
oberen Zollbehrde der Antrag, mich solcher Verrichtung anzunehmen. Mehr
der Ehre als des kleinen Nutzens wegen lie ich mich dazu willig finden,
legte hier im Hafen an einigen Schiffen, die bereits in Danzig und
Knigsberg vermessen waren, meine Probe ab und ward demnchst von der
Kniglichen Regierung zu Stettin in Pflicht genommen und besttigt, ohne
mir trumen zu lassen, da ich dadurch den Groll meiner beiden Vorgnger
in diesem Amte erregt haben knnte.

Das erste Schiff, das mir zur Berechnung vorkam, war ein kleines,
englisches, scharf gebautes Fahrzeug, auf zwei Decke eingerichtet,
Kajte, Roof und Kabelgat mit im Raume versenkt, so da in letzterem nur
wenig zur Belastung brigblieb. Meine Berechnung ergab eine
Belastungsfhigkeit von nicht mehr als sechsunddreiig Lasten zu
fnftausendsiebenhundertundsechzig Pfund, wie damals gebruchlich war.
Whrend jedoch mein Attest hierber an die Regierung abging, hatten
meine beiden Widersacher das Schiff gleichfalls nach ihrer Weise in
aller Stille vermessen, die Trchtigkeit desselben auf fnfundfnfzig
Lasten berechnet und darber gleichzeitig einen Bericht nach Stettin
abgesandt, worin ich ebensosehr der Unwissenheit als der Unredlichkeit
beschuldigt wurde.

So gelangte denn bald darauf ein gefhrlich besiegeltes Schreiben an
mich, worin die Stettiner Herren mich zur Verantwortung zogen. Ich
begngte mich, Ri samt Berechnung einzupacken und um eine strenge
Prfung meines Verfahrens zu bitten, mit dem Beifgen, da brigens
diese Arbeit, wie sie meine erste gewesen, auch meine letzte bleiben
werde. Nun war man doch dort so vernnftig oder so billig gewesen, unsre
beiderseitigen Aufstze in Danzig und Knigsberg einer neuen Berechnung
unterwerfen zu lassen, wobei die Richtigkeit des meinigen, sowie die
Falschheit des andern ans Tageslicht kam. Meine Angeber wurden
angewiesen, sich fernerhin in mein Geschft nicht zu mischen, mir aber
ward angetragen, dieses wiederum zu bernehmen. Solches habe ich denn
auch gern getan und dieses Amt bis zum Jahre 1821 mit Ehren verwaltet.

Ernstlicher aber war es um das Jahr 1789 und weiterhin mit einem Streite
gemeint, den die Kolberger Brgerschaft unter sich auszufechten hatte
und wobei ich unmglich ruhiger Zuschauer bleiben konnte. Aber freilich,
ich _wollte_ auch nicht, da es darauf ankam, himmelschreiende Mibruche
aufzudecken und abzustellen, die unter dem Scheine des Rechts ohne alle
Scheu ausgebt wurden. Es gab nmlich in Kolberg nach der damaligen
stdtischen Verfassung ein Kollegium, genannt die Fnfzehn-Mnner, weil
es aus Fnfzehn der angesehensten Mnner bestand, und welches
ursprnglich die Gerechtsame der Brgerschaft bei dem Magistrate zu
vertreten hatte und dessen Gutachten in stdtischen Angelegenheiten
gehrt werden mute. Allmhlich aber hatten diese Fnfzehn-Mnner
angefangen, ihr Ansehen mehr zu ihrem Privatnutzen als zum allgemeinen
Besten geltend zu machen, und wie die Menschen nun einmal zum Bsen
immer fester zusammenhalten als zum Guten, so war auch hier schon seit
lange eine enge Verbrderung entstanden, sich einander zu allerlei
heimlichen Praktiken den Rcken zu steifen und durchzuhelfen. Da waren
denn Depositenkassen angegriffen, Scheinkufe angestellt, Gemeindegut
liederlich verschleudert und andre Greuel mehr begangen worden.

Ich schme mich nicht, zu bekennen, da ich der erste war, der dem Fasse
den Boden ausstie, und als ein paar wackere Mnner, der Zimmermeister
Steffen und der Gastwirt Emmrich, auf meine Seite traten, so brach ich
los und machte eine lange Reihe von Ungebhrlichkeiten, Veruntreuungen
und krummen Schlichen, die in der letzten Zeit verbt worden, vor
Gericht anhngig. Es kam darber zu einem langen und verwickelten
Prozesse, wobei die ganze Last auf uns drei zurckfiel, die wir von
gemeiner Brgerschaft als Worthalter mit Vollmacht hierzu versehen
waren. Keine Art von Rnken und Rabulistereien blieb gegen uns
unversucht, so da der Rechtsstreit dadurch beinahe vier Jahre hindurch
verschleppt wurde. So wie ich mir die Sache zu Herzen nahm, hatte ich
whrend dieser ganzen Zeit keine ruhige Stunde, und oft htte ich gern
mit Feuer und Schwert dreinfahren mgen, wenn das heillose Gezcht immer
ein neues Mntelchen fr seine aufgedeckte Bosheit zu erhaschen suchte.
Endlich aber kam doch die unsaubere Geschichte zu einem noch leidlichen
Schlusse, demzufolge das Kollegium der Fnfzehn-Mnner gnzlich
aufgelst wurde, um neuerwhlten Zehn-Mnnern Platz zu machen, welche
als Reprsentanten der Brgerschaft die nmlichen Befugnisse haben
sollten, ohne die nmliche Macht zum Bsestun von ihnen zu erheben. Man
bewies mir das Vertrauen, mich in die Zahl dieser zehn Brgerreprsentanten
aufzunehmen, und ich habe dieses Ehrenamt auch mit Lust und Eifer bis zum
Jahre 1809 bekleidet, wo die neue Stdteordnung andre und verbesserte
Einrichtungen herbeifhrte.

Hier mag der Ort sein, meine huslichen und ehelichen Verhltnisse mit
einigen Worten zu berhren, wiewohl diese Lebenserfahrungen gerade
diejenigen sind, deren ich mich nicht erinnern darf, ohne sehr
schmerzliche Empfindungen in mir zu erwecken; denn als Ehemann und als
Vater ist mir erst sehr spt mein besserer Glcksstern erschienen. Zwar
war auch der erste Anschein zu beiden gnstig genug, als ich im Jahre
1762 mich, wie ich schon frher erzhlt habe, in Knigsberg zum Heiraten
entschlo. Ich war ein flinker und lebenslustiger Bursche von
vierundzwanzig oder fnfundzwanzig Jahren und mein junges Weib mochte
eben nur sechzehn zhlen, allein alles stand gut und glcklich um uns,
und solange wir dort lebten und ich als Schiffer ab- und anfuhr, gab es
die friedsamste Ehe von der Welt. Von drei Kindern, die sie mir gebar,
blieb indes nur ein Sohn am Leben, der nmliche, der mich in den letzten
vier Jahren meines Seelebens als unzertrennlicher Gefhrte begleitete.

Nach sieben Jahren, als mir in Stettin der knigliche Schiffsdienst so
schnell verleidet worden, brachte meine zufllige Anwesenheit in Kolberg
und der Wunsch meiner damals noch lebenden Eltern mich zu dem
Entschlusse, meinen Haushalt von Knigsberg, wo mir's eben auch nicht
besser hatte glcken wollen, nach meiner Vaterstadt zu verlegen. Whrend
ich noch damit umging, meldete mir ein alter Hausfreund, da meine Frau,
von welcher ich seit beinahe neun Monaten entfernt gelebt, glcklich
eines Knbleins genesen; doch als sie nach vollendeten Sechswochen auf
meinen Ruf mit Kind und Kegel in Kolberg anlangte, prsentierte sie mir
ein kleines Mdchen von zwei Monaten. Man mag sich's denken, da ich mir
mchtig die Stirn rieb und ein wenig verdutzt in die Frage ausbrach:
Aber wie hat sich der Junge so auf einmal in ein Mdchen verwandelt?
-- Da fiel die Snderin mir und meinen Eltern weinend zu Fen und
bekannte, was sich nun lnger nicht verheimlichen lie, da der
Hausfreund mir noch etwas mehr gewesen, da er, um mich Entfernten zu
tuschen, mir meines Weibes Niederkunft um einige Wochen frher, als sie
wirklich erfolgt war, gemeldet und es nur in der Angabe des Geschlechts
so arg versehen habe. Die bende Magdalena bat indes mit erhobenen
Hnden so flehentlich um Vergebung, da ich sowohl wie meine Eltern
dadurch bewegt wurden und das Geschehene in Vergessenheit zu stellen
versprachen. In der Tat mochte hier Schweigen und Verzeihen auch wohl
das beste sein, was sich tun lie, wenn ich gleich die unglckliche
Frucht dieses Fehltritts dadurch gesetzlich fr mein Kind erklrte.

Nun versuchte ich mich, wie man wei, wiederum fnf Jahre in fremden
Weltteilen, whrend welcher Zeit Frau und Kinder von meinen Eltern
ernhrt wurden. Doch als ich nach Holland heimgekehrt war, belehrten
mich Briefe von guten Freunden, da die Ungetreue neuerdings auf Abwege
geraten, die nicht ohne lebendigen, doch bald darauf wieder verstorbenen
Zeugen geblieben, und nun erforderte denn allerdings mein guter Name die
Scheidung, welche auch unverzglich durch die Gerichte vollzogen wurde.
Ich behielt meinen Sohn, sie aber kehrte mit ihrer Tochter nach
Knigsberg zurck, von wo an ich, unter meinen nachmaligen Irr- und
Kreuzfahrten, sie und ihr Schicksal gnzlich aus den Augen verlor.

Erst im Jahre 1787, nachdem ich bereits wieder in Kolberg zur Ruhe
gekommen, erfuhr ich, da die Unglckliche dort im Elend gestorben und
ihre von aller Welt verlassene Tochter mich flehentlich bitte, mich
ihrer zu erbarmen. Was kann auch das arme Geschpf fr die Snden
seiner Mutter? dachte ich bei mir selbst, und so machte ich auch flugs
Anstalt, lie das Mdchen dort kleiden und sorgte fr Reisegeld, um sie
nach Kolberg kommen zu lassen und in mein Haus aufzunehmen. Leider aber
mute ich bald bemerken, da Blut und Gemt der Dirne sich ganz nach
mtterlicher Weise hinneigten. Allein die schrfere Zucht, zu der ich
dadurch gentigt wurde, behagte ihr nicht; sie entzog sich heimlich
meiner Aufsicht, schweifte in der Irre umher, fhrte ein unsittliches
Leben und bereitete mir viele Jahre hindurch ein reiches Ma von Verdru
und Sorge.

Allein auch der bessere Sohn, der mein einziger Trost war, sollte mir
zuletzt nur Herzeleid und Trnen bereiten. Er hatte sich fr den
Handelsstand bestimmt und im Jahre 1793 seine Lehrlingszeit in dem
Kontor des Herrn Kaufmann Pagenkopf zu Stralsund glcklich berstanden,
und war zu mir heimgekehrt, als eine Krankheit ihn berfiel, die sein
junges Leben dahinraffte. Meines Lebens Lust und Freude ging mit ihm zu
Grabe!

Ich stand nun einsam und verlassen in der Welt und wute nicht, fr wen
ich mir's in derselben noch sauer werden lassen sollte. Zwar hatte meine
Nahrung leidlichen Fortgang, aber doch betrog mich mein Gesinde, wo es
wute und konnte. Ich sah, es fehlte am rechten festen Kern im inneren
Haushalt, und das fhrte mich endlich auf den Gedanken, es noch einmal
im Ehestande zu versuchen. So warf ich denn im Jahre 1799 meine Augen
auf eine Schifferswitwe in Stettin, die ich von frherer Zeit her als
eine ordentliche und rechtliche Frau zu kennen glaubte. Die Verbindung
kam auch zustande, aber nun erst gingen mir die Augen auf. Die fromme
Witwe hatte gern ihr Ruschchen und hielt es eifrig mit mancherlei
andern Dingen, die den Ehefrieden notwendig stren muten. An ein
Zusammenhalten des ehrlich Erworbenen war nun lnger nicht zu denken,
vielmehr sah ich den unvermeidlichen nahen Untergang meines kleinen
Wohlstands vor Augen. Es war ein saurer Schritt -- aber was blieb mir
anders brig, als eine abermalige Scheidung?

Alle diese widrigen Erfahrungen erffneten mir aufs neue nichts als
trbe Aussichten in die Zukunft. Kaum gehrte ich noch irgendeinem
Menschen an. Ich war nachgerade ein alter Mann geworden, und fhlte ich
gleich mein Herz noch frisch und meinen Geist lebendig, so wollten doch
die stumpf gewordenen Knochen nicht mehr gut tun. Meine eignen Geschfte
wurden mir gleichgltig, und noch gleichgltiger der Gedanke an Erwerb,
so da ich mich fast einen Verschwender htte nennen mgen. Die paar
Jahre, die mir noch brig waren, dachte ich mich wohl so hinzustmpern,
und wenn nur noch der Sarg ehrlich bezahlt worden, mchte man mich immer
auch hinstecken, wo meine Vter schliefen, -- fr den brigen kleinen
Rest wrden dann schon lachende Erben sorgen. Ohnehin war mein Huschen
mein grter und beinahe einziger Reichtum, und dieses hatte ich, um
doch noch etwas Gutes fr meine Vaterstadt zu stiften, in meinem
Testamente dem Seglerhause, dessen ltester ich seit dem Jahre 1793
geworden war, zum Eigentum vermacht, dergestalt, da oben die
Versammlungen des Kollegiums gehalten werden, unten aber eine bedrftige
Kaufmannswitwe lebenslngliche freie Wohnung finden sollte.

Auf solche Weise, indem Jahr an Jahr sich hinzog, war auch das unselige
von 1806 herbeigekommen. Mir, als feurigem Patrioten, der die alten
Zeiten und unsres groen Friedrichs Taten noch im Kopfe hatte, blutete,
gleich so vielen, das Herz bei der Zeitung von dem entsetzlichen Tage
von Jena und Auerstdt und seinen nchsten Folgen. Ich htte kein Preue
und abtrnnig von Knig und Vaterland sein mssen, wenn mir's jetzt, wo
alle Unglckswellen ber sie zusammenschlugen, nicht so zu Sinne gewesen
wre, als mte ich eben jetzt auch Gut und Blut und die letzte Kraft
meines Lebens fr sie aufbieten. Nicht mit Reden und Schreiben, aber mit
der Tat, dachte ich, sei hier zu helfen, -- jeder auf seinem Posten,
ohne sich erst lange, feig und klug, vor- und rckwrts umzusehen! Alle
fr einen, und einer fr alle -- darauf war mein Sinn gestellt, und es
htte ja keine Ehre und Treue mehr unter meinen Landsleuten sein mssen,
meinte ich, wenn nicht Tausende mir gleich gefhlt htten, ohne es
ebensowenig als ich in lauten prahlenden Worten unter die Leute zu
bringen.

Als nun Magdeburg und Stettin, die beiden Herzen des Staates, gefallen
waren und die ungestme franzsische Windsbraut sich immer nher und
drohender gegen die Weichsel heranzog, da lie sich's freilich wohl
voraussehen, da bald genug auch die Feste Kolberg an die Reihe kommen
wrde, die dem Feinde zwar unbedeutend erscheinen mochte, aber ihm doch
zu nahe in seinem Wege lag, als da er sie ganz htte bersehen sollen.
Das tat er auch wirklich nicht, allein er hatte sich diese letzte Zeit
her bei unsern Festungen eine Eroberungsmanier angewhnt, die kein
Pulver, sondern nur glatte Worte kostet; und damit war er frwahr auch
noch frher bei der Hand, als ein Mensch es htte erwarten sollen.

Kaum war nmlich Stettin bergegangen, so machte sich von dorther, aus
einer Entfernung von sechzehn Meilen, ein franzsischer Offizier als
Parlamentr auf den Weg und erschien (am 8. November) bei uns in
Kolberg, um die Festung zur bergabe aufzufordern. Gleichzeitig ward der
knigliche Domnenbeamte, der auf der Altstadt, unter den Kanonen des
Platzes, wohnte, entboten, in Stettin zu erscheinen und dem
franzsischen Gouvernement den Huldigungseid zu leisten. Auf beiderlei
Ansinnen (das mindestens fr unsern Festungskommandanten als eine
Ehrenrhrigkeit htte gelten knnen), erfolgte zwar eine abschlgige
Antwort, allein es ist wohl sehr gewi, da der Franzose, anstatt allein
zu kommen, nur einige wenige Hunderte zur Begleitung htte haben drfen,
um in diesem Augenblicke unaufgehalten zu unsern Toren einzuziehen. Dies
scheint unglaublich und ist doch buchstbliche Wahrheit! Ich, der ich
nicht Soldat bin, kann und will nur urteilen, soweit ein gesundes Paar
Augen und ein schlichter Menschenverstand ausreicht. Das brige mag dem
Ermessen des Lesers anheimgestellt bleiben.

Dieser denke sich den Ort als ein miges Stdtchen von noch nicht
sechstausend Seelen, an dem rechten Ufer des kleinen Flusses Persante
gelegen, welcher nur an seinem Ausflusse in die Ostsee einige Hundert
Schritte hinauf schiffbar ist, wo er, eine halbe Viertelmeile von der
Stadt, einen Hafen fr geringere Fahrzeuge bildet. Die daran belegenen
Wohnungen und Speicher heien die Mnde, und zwischen Stadt und Mnde,
ebenfalls am stlichen Ufer, zieht sich eine Vorstadt, genannt die
Pfannschmieden hin. Diese dankt ihren Ursprung wie ihren Namen der
Benutzung einiger reichhaltigen Salzquellen, welche sich gegenber nahe
an der westlichen Stromseite finden, wo auch die Salzsiedereien und ein
in westlicher Richtung sich weit durch das Siederfeld erstreckendes
Gradierwerk angelegt sind.

Die Stadt selbst bildet ein stumpfes Viereck und wird an den drei
Landseiten von einem Hauptwall und sechs Bastionen eingeschlossen. Nahe
Auenwerke von Wichtigkeit sind hier nicht vorhanden, aber der Platz
gewinnt nichtsdestominder eine bedeutende Strke durch einen breiten
morastigen Wiesengrund, welcher sich ununterbrochen von Sden nach
Nordosten dicht umherzieht, keine Annherung durch Laufgrben gestattet
und berdem durch Schleusen tief unter Wasser gesetzt werden kann. Erst
jenseits erhebt sich nach Sden die Altstadt, nach Osten der Hoheberg
und der Bollenwinkel, und nach Nordost der Wolfsberg, von wo aus die
Stadt beschossen werden kann, daher sie eigentlich die Verwandlung in
ein groes verschanztes Lager erfordern wrden, um alsdann, mit einer
hinlnglichen Truppenzahl besetzt, den Platz von dieser Seite
unangreifbar zu machen. Allein nur der Wolfsberg als der gefhrlichste
Punkt war mit einer Schanze versehen, auf dem Mnder Kirchhofe war eine
Batterie angelegt und den Eingang des Hafens deckte an der Ostseite ein
starkes Werk, das Mnder-Fort. Die Westseite der Stadt lehnt sich an
die Persante, zwischen welcher und dem aus ihr abgeleiteten Holzgraben
die Neustadt, und an diese noch weiter westlich sich anlehnend, die
Gelder-Vorstadt mit verschiedenen Befestigungen und Auenwerken umgeben
ist, whrend am unteren Einflusse des Holzgrabens die Morastschanze
die Verbindung mit dem Mnder-Fort sichert. In weiterer Entfernung,
sdwestlich, kann eine Erhhung, der Kauzenberg genannt, der Festung
nachteilig werden, weshalb auch frherhin dort Verschanzungen angelegt,
aber seither wieder verfallen waren.

Noch war die entschlossene und glckliche Gegenwehr in jedermanns
Andenken, welche der tapfere Kommandant, Oberst v. Heyden, hier in drei
aufeinanderfolgenden Belagerungen der Russen und Schweden, zu Land und
Meer, in den Jahren 1758, 1760 und 1761 bestanden hatte, und wie er auch
das drittemal nicht durch Waffenmacht, sondern durch Hunger zur bergabe
gezwungen worden. Diese Erfahrungen von der Wichtigkeit und Festigkeit
des Platzes hatten auch den Knig Friedrich bewogen, ihn im Jahre 1770
durch verschiedene neue Werke verstrken zu lassen; Kenner wollten
jedoch behaupten, da diese erweiterten Anlagen ihrem Zwecke nur
ungengend entsprchen. Man hatte immer an Kolberg getadelt, da es zu
klein sei, um als Festung bedeutend zu werden und eine betrchtliche
Garnison zu fassen; aber es gab kasemattierte Werke; es gab 600-700
Brgerhuser innerhalb der Wlle, die ntigenfalls bis zu 20 und 30
Menschen fassen konnten und gefat haben, und so lebe ich des festen
Glaubens, da Kolberg gegen noch so groe Feindesmacht mit Ehrlichkeit,
mit genugsamem Proviant, mit gehriger Einrichtung der berschwemmung
und mit Sicherheit von der Seeseite sich zu halten vermge.

Allein wie sah es doch im Herbste 1806 mit allem, was zu einer
rechtschaffenen Verteidigung gehrte, so gar trbselig aus! Seit
undenklicher Zeit war fr die Unterhaltung der Festung so gut wie gar
nichts getan worden. Wall und Graben verfallen, von Palisaden keine
Spur. Nur drei Kanonen standen in der Bastion Pommern auf Lafetten und
dienten allein zu Lrmschssen, wenn Ausreier von der Besatzung
verfolgt werden sollten. Alles brige Geschtz lag am Boden, hoch vom
Grase berwachsen, und die dazu gehrigen Lafetten vermoderten in den
Remisen. Rechnet man hierzu die unzureichende Zahl der Verteidiger,
sowie ihre unkriegerische Haltung (denn die tchtigere Mannschaft war
ins Feld gezogen), die allgemeine Entmutigung, welche noch tglich durch
die herbeistrmenden Flchtlinge und tausend sich kreuzende
Unglcksbotschaften genhrt wurde, und den notorischen Mangel an den
ntigsten Bedrfnissen fr den Fall einer Belagerung, so behaupte ich
sicherlich nicht zuviel, wenn ich meine, da ein rascher kecker Anlauf
in jenen ersten Tagen mehr als hinreichend gewesen wre, den
Kommandanten in seinen eignen Gedanken zu entschuldigen, da er keinen
ernstlichen Widerstand gewagt habe.

Dieser Kommandant war damals der Oberst v. Loucadou, ein alter
abgestumpfter Mann, der seit dem bayrischen Erbfolge-Kriege, wo er ein
Blockhaus gegen die sterreicher mutig verteidigt hatte, zu dem Rufe
gekommen war, ein besonders tchtiger Offizier zu sein. Spterhin hatte
er nur wenig Gelegenheit gehabt, seine Reputation zu behaupten, und
gegenwrtig war der Geist verflogen oder hing noch so blind an dem alten
Herkommen, da er sich in der neuen Zeit und Welt gar nicht
zurechtfinden konnte. Das war nun ein groes Unglck fr den Platz, der
ihm anvertraut worden, und ein Jammer fr alle, welche die dringende
Gefahr im Anzuge erblickten und ihn aus seinem Seelenschlafe zu erwecken
vergebliche Versuche machten.

Natrlich konnte solch ein Mann uns kein groes Vertrauen einflen.
Whrend alles, was Militr hie, seinen trgen Schlummer mit ihm zu
teilen schien, fhlte sich die ganze Brgerschaft von der lebhaftesten
Unruhe und Besorgnis ergriffen; man beratschlagte untereinander, und
weil ich einer der ltesten Brger war, der den Siebenjhrigen Krieg
erlebt und in den frheren Belagerungen neben meinem Vater freiwillige
Adjutantendienste beim alten braven Heyden verrichtet hatte, so whlte
man mich auch jetzt, das Wort zu fhren und, als Reprsentant gesamter
Brgerschaft, mich mit dem Kommandanten ber die Maregeln zur
Verteidigung des Platzes genauer zu verstndigen.

Nach dem alten Glauben, da Ruhe die erste Brgerpflicht sei, und was
nicht Uniform trage, auch keinen Beruf habe, sich um militrische
Angelegenheiten zu bekmmern, knnte es freilich sonderbar und anmaend
erscheinen, da wir Brger in die Verteidigung unsrer Stadt mit
dreinreden wollten, aber bei uns in Kolberg war das anders. Von ltester
Zeit her waren wir die natrlichen und gesetzlich berufenen Verteidiger
unsrer Wlle und Mauern. Vormals schwur jeder seinen Brgereid mit
Ober- und Untergewehr, und schwur zugleich, da diese Armatur ihm eigen
angehre, schwur, da er die Festung verteidigen helfen wolle mit Gut
und Blut. Die Brgerschaft war in fnf Kompagnien verteilt, mit einem
Brger-Major an der Spitze, und wo es dann im Ernst gegolten, hatte der
Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht und wesentlichen Nutzen
von ihrem Dienste gezogen. In Abwesenheit der Garnison, wenn diese in
Friedenszeiten zur Revue ausrckte, besetzten sie die Tore und Posten;
und noch immer versammelten sie sich zuweilen mit Erlaubnis des
Kommandanten aus eignem Antriebe in der Maikuhle -- weniger freilich zu
kriegerischen bungen, als um sich in diesem lieblich gelegenen Wldchen
zu vergngen.

Von diesen rtlichen Verhltnissen hatte indes der Oberst v. Loucadou
entweder nie einige Kenntnis genommen, oder sie waren ihm, als eine
vermeintliche Nachffung des Militrs, lcherlich und zuwider. Das
erfuhr ich, als ich einige Tage nachher mich ihm vorstellte und im Namen
meiner Mitbrger ihm erffnete: Da wir, mit Gott, entschlossen wren,
in diesen bedenklichen Zeitluften mit dem Militr gleiche Last und
Gefahr zu bestehen. Wir stnden im Begriff, uns in ein Bataillon von
sieben- bis achthundert Brgern zu organisieren, die mit vollstndiger
Rstung versehen wren, und bten, uns vor ihm aufstellen zu drfen,
damit er Musterung ber uns halte, demnchst aber uns unsre Posten
anzuweisen, wir wrden unsre Schuldigkeit tun.

Ein Major v. Nimptsch, der daneben stand, lie mich kaum ausreden,
sondern fuhr auf mich ein: Aber, Herr, was geht das _Ihn_ an? -- wogegen
der Oberst sich begngte, den Mund zu einem satirischen Lcheln zu
verziehen und mir zu erwidern: Immerhin mchten wir uns versammeln und
aufstellen.

Das geschah alsobald. Wir traten mit unsern Offizieren armiert auf dem
Markte in guter Ordnung zusammen, und nun begab ich mich abermals zum
Kommandanten, um ihm anzuzeigen, da wir bereit stnden und seine
Befehle erwarteten. Seine Miene war abermals nicht von der Art, da sie
mir gefallen htte. Macht dem Spiel ein Ende, ihr guten Leutchen!
sagte er endlich, geht in Gottes Namen nach Hause. Was soll mir's
helfen, da ich euch sehe? -- So hatte ich meinen Bescheid und trollte
mich. Als ich aber kundbar machte, was mir geantwortet worden, ging
diese unverdiente Geringschtzung jedermann so tief zu Herzen, da alles
in wilder Bewegung durcheinander murrte und sich im vollen Unmut
zerstreute.

Immer aber noch nicht ganz abgeschreckt ging ich bald darauf wieder zum
Obersten mit einem Antrage, von welchem ich glaubte, da er seinem
militrischen Dnkel weniger anstig sein werde. Es sei vorauszusehen,
sagte ich, da es bei der Instandsetzung der Festung zu einer krftigen
Gegenwehr, besonders auf den Wllen, vieles zu tun geben drfte, um das
Geschtz aufzustellen, zu schanzen und die Palisaden herzustellen. Die
Brgerschaft sei gern erbtig, zu dergleichen, und was sonst vorkme,
mit Hand anzulegen, soviel in ihren Krften stehe, und sei nur seines
Winks gewrtig. -- Die Brgerschaft! und immer wieder die
Brgerschaft! antwortete er mir mit einer hlichen Hohnlache, ich
will und brauche die Brgerschaft nicht.

Konnte es nun wohl fehlen, da solche uerungen nicht nur unser Herz
von dem Manne gnzlich abkehrten, sondern da auch sogar allerlei bser
Argwohn sich bei uns einfand, der durch die ganz frischen Exempel, wie
unsre Festungskommandanten zu Werke gegangen waren, nur noch immer mehr
genhrt wurde? Wer brgte uns vor Verrterei? vor heimlichen
Unterhandlungen? vor feindlichen Briefen und Boten? -- Man kam darin
berein, da es die Not erfordere, vor solcherlei Praktiken mglichst
auf unsrer Hut zu sein. Zu dem Ende whlten wir in der Stille unter uns
einen Ausschu, dessen Mitglieder sich zu zweien bei Tag und Nacht an
allen drei Stadttoren, je nach ein paar Stunden, ablsten, um dort auf
alles, was aus- und einpassierte, ein wachsames Auge zu behalten.

Inzwischen wurden nun doch von seiten der Kommandantur einige schlfrige
Anstalten getroffen, wenigstens sah man auf den Wllen die Kanonen auf
Kltze legen, da es sich fand, da die Lafetten zu sehr verfault waren,
um sie tragen zu knnen. Auch an der Palisadierung ward hier und da
gearbeitet, aber es war nichts Tchtiges und Ganzes. Als ich jedoch
wahrnehmen mute, da es hiermit sein Bewenden hatte und da zur ueren
Verteidigung gar keine Hand angelegt wurde, machte ich mich nach
Verabredung mit meinen Freunden abermals zum Obersten, um ihn aufmerksam
darauf zu machen, welche gute Dienste uns in den frheren Belagerungen
insonderheit eine Schanze auf dem Hohen Berge, etwa eine Viertelmeile
von der Stadt, geleistet htte, um den Feind nicht in Schuweite
herankommen zu lassen. Noch wren die berbleibsel derselben berall
erkennbar, und wenn er nichts dawider habe, seien wir bereit, diese
Verschanzung eiligst wiederherstellen.

An das alte hhnische Gesicht, das er hierzu machte, war ich nun schon
gewhnt und lie es mich auch nicht irren. Desto merkwrdiger aber kam
mir die Antwort vor, die ich endlich erhielt. Was auerhalb der Stadt
geschieht, lie er sich vernehmen, kmmert mich nicht. Die Festung
innerlich werde ich zu verteidigen wissen. Meinetwegen mgt ihr drauen
schanzen, wie und wo ihr wollt. Das geht mich nichts an! -- Demnach
taten wir nun, was uns unverboten geblieben, und taten es mit
allgemeiner Lust und Freude. Nicht nur, was Brger hie, zog nach der
Bergschanze aus, sondern auch Gesellen, Lehrjungen und Dienstmgde waren
in ihrem Gefolge. Da ich einst noch das alte Werk gesehen hatte, so gab
ich an, wie bei der Arbeit verfahren werden sollte, verteilte und
ordnete die Schanzgrber und zog selbst mit einem Hohlkarren und der
Schaufel voraus, um ein ermunterndes Beispiel zu geben. Als mir jedoch
alles immer noch viel zu langsam ging, eilte ich zurck nach der
Lauenburger Vorstadt, um der Arbeiter noch mehrere, teils durch
gtliches Zureden, teils durch bare Bezahlung aus meiner Tasche,
herbeizufhren. So gelang es uns denn, ein Werk auszufhren, das sich
schon durfte sehen lassen und dem fr diesen Augenblick nur die
Besatzung fehlte. Mangelte es uns aber dermalen auch an Truppen, so war
doch gewisse Hoffnung vorhanden, da die Garnison verstrkt werden wrde
und da dann allstndlich ein Bataillon hier einrcken knne.

Eine andre Sorge, die den Verstndigeren unter der Brgerschaft gar sehr
am Herzen lag, war die frhzeitige und ausreichende Anschaffung von
Lebensvorrten fr den Fall einer feindlichen Einschlieung oder
Belagerung, denn bis jetzt waren Dreiviertel der Einwohner gewohnt, von
einem Markttage zum andern zu zehren. Und wovon wollte die Besatzung
leben? Ich hielt es also fr wohlgetan, und hatte auch in meinem Amte
als Brger-Reprsentant den Beruf dazu, Haus bei Haus in der Stadt
umzugehen und die Bestnde an Korn und Viktualien, zumal bei den
Bckern, Brauern und Branntweinbrennern, sowie auch die Vorrte der
letzteren an Branntwein aufzunehmen. Ebenso begab ich mich auf die
nchst umhergelegenen Drfer, und unter dem Vorwande, als sei ich
gesonnen, Korn und Schlachtvieh aufzukaufen, wie beides mein Gewerbe mit
sich brachte, erfuhr ich, was jeden Orts in dieser Gattung vorhanden
war. Alles dieses brachte ich in ein Verzeichnis und berzeugte mich
solchergestalt, da wir nur wrden zugreifen drfen, um fr Mund und
Magen auf eine lange Zeit hinaus genug zu haben.

Aber dies Zugreifen konnte nicht von seiten der stdtischen Behrden,
sondern mute von der Kommandantur ausgehen und auf militrischem Fu
betrieben werden. Ich nahm also meine Verzeichnisse in die Hand, ging zu
Loucadou, legte ihm ein Papier nach dem andern vor und bat ihn,
schleunige Anstalten zu treffen, da diese Vorrte gegen Erteilung von
Empfangsscheinen in die Festung geschafft wrden. Denn wenn der Feind
sich ber kurz oder lang nherte und diese Ortschaften besetzte, so
wrde ohnehin alles von ihm geraubt und sein Unterhalt dadurch
erleichtert werden. Auf diese gutgemeinte Vorstellung ward ich jedoch
von dem Herrn Obersten hart angelassen, und er erklrte mir kurzweg: Zu
dergleichen Gewaltschritten sei er nicht autorisiert. Jeder mge fr
sich selbst sorgen. Was seine Soldaten anbetrfe, so wre Mehl zu Brot
in den Magazinen vorhanden. -- Aber, wandte ich ihm ein, der Mensch
lebt nicht vom Brot allein. Ihr Mehl liegt in Fachwerksspeichern, und
die Magazine stehen alle an einer Stelle zusammengehuft und dem
feindlichen Geschtze ausgesetzt. Die erste Granate, die hineinfllt,
kann ihr Untergang werden. Wre es nicht sicherer, diese Vorrte in
andre und mehrere Gebude zu verteilen? -- Pah! pah! war seine
Antwort, die Brgerschaft macht sich groe Sorge um meinetwillen. --
Vergebens bat ich ihn nun noch, sich wenigstens meine Papiere anzusehen
und sie in genauere Erwgung zu ziehen. Er aber, als htte die Pest an
denselben geklebt, raffte sie eilfertig zusammen, drckte sie mir wieder
in die Hnde und versicherte: Er brauche all den Plunder nicht, und
damit Gott befohlen!

Es mag hierbei nicht unerwhnt bleiben, da bei all meinen Unterredungen
mit diesem Manne sich auch wie von ungefhr seine Kchin, Haushlterin,
oder was sie sonst sein mochte, einfand und ihren Senf mit dareingab.
Mochte ich nun dies oder jenes vortragen und mein Bedenken so oder so
uern, -- flugs war das schnippische Maul bei der Hand: Ei, seht doch!
Das wre auch wohl ntig, da sich noch sonst jemand darum bekmmerte!
Der Herr Oberst werden das wohl besser wissen. -- Diese Unverschmtheit
wurmte mich oftmals ganz erschrecklich, und ich hatte Mhe, in meinem
Ingrimm nicht loszubrechen. Jetzt aber lief das Fa einmal ber, ich
sagte dem Weibsbilde rein heraus, wie mir's ums Herz war, und zog mir
dadurch den Herrn und Beschtzer auf den Hals, so da ich, um es nicht
zum uersten kommen zu lassen, hurtig meine Papiere ergriff und mich
entfernte.

Um den Magistrat und seine Anstalten stand es ebenso klglich. Es
geschah entweder gar nichts, oder es geschah auf eine verkehrte Weise,
und wer etwa noch guten und krftigen Willen hatte, ward nicht gehrt.
Mit einem Worte: man lie es darauf ankommen, was daraus werden wollte,
und es war an den Fingern abzuzhlen, da unser Untergang das Fazit von
der heillosen Betrung sein wrde.

In Kolberg -- das sah ich wohl -- war auf keine Hilfe mehr zu hoffen;
geholfen aber mute werden! Ich entschlo mich also in Gottes Namen und
der winterlichen Jahreszeit zum Trotz, unsern guten unglcklichen, so
schlecht bedienten Knig unmittelbar selbst in Knigsberg, Memel, oder
wo ich ihn finden wrde, aufzusuchen und ihm Kolbergs Lage und Not
vorzustellen. Von dem Kaufmann Hpner mietete ich ein groes Boot, unter
dem Vorwande, damit nach der Insel Bornholm hinberzustechen, und ebenso
berredete ich insgeheim unter guter Bezahlung einen Seefahrer, der
vormals als Matrose unter mir gedient hatte, mich auf dieser gewagten
Unternehmung zu begleiten. Das Fahrzeug ward in den erforderlichen Stand
gesetzt, notdrftiger Proviant nach der Mnde hinausgeschafft und nur
noch ein gnstiger Wind erwartet, um unverzglich in See zu stechen.

Gerade in diesem Augenblicke traf der Kriegsrat Wisseling von Treptow in
Kolberg ein; ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte,
und der sich nebst andern, die gleich ihm zur pommerschen Kriegs- und
Domnenkammer gehrten, von Stettin entfernt hatte, um sich dem Feinde
nicht zu Werkzeugen seiner landverderblichen Operationen herzuleihen,
dagegen aber in den noch unbesetzten Gegenden der Provinz die Verwaltung
fr knigliche Rechnung so lange als mglich im Gange zu erhalten.
Wisseling war mein Freund, und es tat mir wohl, alle meine Klagen,
Sorgen und Bedenken in sein redliches Herz auszuschtten. Er sah
zugleich selbst und mit eignen Augen, wie es hier zuging, und fhlte
sich darber nicht weniger bekmmert. Als ich ihm das Geheimnis meiner
geplanten Reise entdeckte, mibilligte er das Wagestck, setzte aber
sogleich auch hinzu: Vertrauen Sie mir Ihre Papiere an, und alles, was
sonst noch zu einer vollstndigen bersicht der Verhltnisse des Platzes
fehlt, lassen Sie uns in einem gemeinschaftlichen Aufsatze bearbeiten:
Ich bernehme es, mich selbst zu Lande zum Knige zu begeben und mein
mglichstes zu tun, damit hier bessere Anstalten getroffen werden. Tun
und wirken Sie derweilen hier, was in Ihren Krften steht. So Gott will,
wird es uns gelingen, dem Knige den Platz zu retten. -- Ich blieb auf
sein Wort und er reiste ab.

       *       *       *       *       *

Tglich und stndlich strmten bei uns noch Versprengte von unsern
Truppen ein, die teils weiter nach Preuen zogen, teils eine Zuflucht
bei uns suchten, um sich von ihren Strapazen zu erholen oder ihre Wunden
auszuheilen. Unter den letzteren befand sich auch der Leutnant v. Schill,
vom Regiment Knigin-Dragoner, der, schwer am Kopfe verwundet,
nicht weiterkommen konnte. Der Zufall machte uns bald miteinander
bekannt. Er war ein Mann nach meinem Herzen, einfach und bescheiden,
aber von echtem deutschen Schrot und Korn, und so brauchte es auch
keiner langen Zeit, da er mir ein volles Vertrauen abgewann. Wie konnte
ich ihm aber dieses schenken, ohne zugleich ihm unsre ganze
verzweiflungsvolle Lage zu schildern, meine Klagen ber Loucadou in sein
Herz auszuschtten und daneben meine Wnsche ber so manches, was zur
Erhaltung der Festung zu veranstalten sei, gegen ihn laut werden zu
lassen?

Alles was ich ihm sagte, machte je mehr und mehr seine Aufmerksamkeit
rege, und es mag wohl sein, da es auch den Entschlu in ihm erzeugt
oder befestigt hat, in Kolberg zu bleiben und sich hier ntzlich zu
machen. Sobald er wieder ein wenig zu Krften gekommen war, besahen wir
uns gemeinschaftlich den Platz und seine Umgebungen. Wir trafen dabei in
dem Urteile zusammen, da es zuletzt hauptschlich auf den Besitz des
Hafens und die Behauptung der Schiffsverbindung mit Preuen und unsern
Verbndeten ankommen werde. Hinwiederum war die Maikuhle der Schlssel
des Hafens, und dies angenehme Luftwldchen, welches sich hart vom
Ausflusse der Persante westlich eine Viertelmeile lngs den Uferdnen
der Ostsee hinstreckt, mute um jeden Preis festgehalten werden. Dennoch
war bis diesen Augenblick zur Verschanzung dieses entscheidenden Punktes
noch keine Schaufel in Bewegung gesetzt worden. Man verlie sich auf das
Mnder-Fort und die Morastschanze, die aber beide unzureichend waren,
den Feind, sobald er sich hier einmal festgesetzt hatte, aus diesem ihm
unschtzbaren Posten zu vertreiben.

Wahr ist es, es wrden fnfzehnhundert Mann dazu gehrt haben, ein hier
anzulegendes Auenwerk zu besetzen und vollkommen sicherzustellen; das
aber hinderte uns nicht, den Gedanken zu fassen, da hier beizeiten
wenigstens etwas -- sei es auch nur gegen den ersten Anlauf -- geschehen
knne und msse, und da dann die Not wohl das brige tun werde. Woher
aber Hnde nehmen, um dort auch nur einige leichte Erdaufwrfe zustande
zu bringen? -- Noch hatte Schill nur erst einige wenige Leute um sich
gesammelt, die er zu seinen jetzt beginnenden Streifereien in die Ferne
nicht entbehren konnte; Geldmittel waren noch weniger in seinen Hnden,
und von Loucadou war vollends fr diesen Zweck nichts zu erwarten. Auf
sein Zureden und die Versicherung, sich fr meine knftige Entschdigung
eifrigst zu verwenden, entschlo ich mich, ohne lngeres Bedenken, meine
paar Pfennige, die ich im Kasten hatte, vorzustrecken.

Demzufolge trieb ich auf der Gelder-Vorstadt und allen nchstumliegenden
Drfern Tagelhner und Husler, soviel ich deren habhaft werden konnte,
zusammen, versprach und zahlte guten Lohn und verwandte auf diese Weise
gegen 400 Taler aus meiner Tasche. Tag und Nacht schanzten und
arbeiteten wenigstens sechzig Menschen eine geraume Zeit hindurch an
diesen Befestigungen, nach dem von Schill dazu entworfenen Plane. Weder
der Kommandant noch sonst jemand fragte und kmmerte sich, was wir da
schafften, und so blieb es auch meinem Freunde berlassen, diese
Schanzen mit seinen Leuten in dem Mae, als sich diese aus den
Ranzionierten freiwillig um ihn sammelten, immer strker zu besetzen.
Allein um sie dort festzuhalten, mute auch fr Lhnung und Mundvorrat
in gengender Menge gesorgt werden. Vorerst fiel diese Sorge _mir_ anheim,
solange mein Beutel dazu vorhielt, oder meine Kche und mein
Branntweinlager es vermochten.

Inzwischen war auch der Kriegsrat Wisseling aus Preuen glcklich wieder
und mit sehr ausgedehnten Vollmachten vom Knige zurckgekehrt. Sein
Eifer, verbunden mit rastlosester Ttigkeit, brachte _sofort_ neues Leben
in das ganze Administrationsgeschft. Ganze Herden Schlachtvieh, lange
Reihen von Getreidewagen zogen zu unsern Toren ein, und Heu und Stroh in
reichem berflusse fllte die Futtermagazine, oder ward in den Scheunen
der Vorstdter untergebracht. Fr diese gezwungenen Lieferungen erhielt
der Landmann nach dem Taxwerte Lieferungsscheine, die knftig eingelst
werden sollten und mit denen er gern zufrieden war. In der Stadt wurde
geschlachtet und eingesalzen und die Bden der Brgerhuser mit
Kornvorrten aller Art beschttet. -- So konnte Kolberg allgemach fr
notdrftig verproviantiert gelten, whrend zu hoffen stand, da das
Fehlende im nchsten Frhling bei wieder erffneter Schiffahrt durch
Zufuhr zur See zu ersetzen sein mchte.

       *       *       *       *       *

Neuen Trost gab es, als bald darauf, vom Knige geschickt, der Hauptmann
von Waldenfels, ein junger ttiger Mann, bei uns auftrat, um als
Vize-Kommandant dem Obersten v. Loucadou zur Seite zu stehen und dessen
Kraftlosigkeit zu untersttzen. Brav, wie sein Degen, aber noch nicht
von Erfahrung geleitet, begann dieser seine neue Laufbahn, gleich in den
ersten Tagen des Januars 1807, durch eine gewagte Unternehmung auf das
neun bis zehn Meilen weit entlegene Stdtchen Wollin, um sich durch
Vertreibung der dort stehenden Franzosen eine freie Kommunikation mit
Schwedisch-Pommern zu erffnen. Wahrscheinlich wre der nchtliche
berfall, wozu er einen bedeutenden Teil der Besatzung Kolbergs
brauchte, gelungen, wenn nicht an Ort und Stelle Fehler begangen worden
wren, die seinen bereilten Rckzug mit einem Verluste von mehr als
hundert Mann zur Folge hatten.

Dieser erste Fehlschlag war um so nachteiliger, da er ohne Zweifel den
Vize-Kommandanten hinderte, das geistige bergewicht ber Loucadou zu
behaupten. Denn wenn auch in unsern Verteidigungsanstalten durch ihn
unendlich viel Gutes gewirkt wurde und er mit dem alten grmlichen Manne
darber manchen Kampf zu bestehen hatte, so mute er doch auch ebenso
oft dessen Eigensinne nachgeben. Wir hatten also an ihm den Mann noch
nicht, den wir brauchten.

Auch Schill, der im Januar vom Knige zur Organisierung eines Freikorps
frmlich autorisiert worden war und von allen Seiten gewaltigen Zulauf
fand, war ein von Loucadou sehr ungern gesehener Gast, dem dieser daher,
wo er nur konnte, Hindernisse in den Weg legte; sei es, da der Name,
welchen der junge Mann sich so schnell erworben, sein Ansehen zu
beeintrchtigen drohte, oder weil dessen Ttigkeit seinem eignen
Schlendrian zum stillen Vorwurf gereichte. Schlimm war es immer, da
ihre beiderseitigen Befugnisse keine scharfe Abgrenzung gegeneinander
hatten, whrend sie doch von gleichem Punkte aus und gemeinschaftlich
handeln sollten. Nur lie sich der wackere Parteignger, bei all seiner
ihm natrlichen Bescheidenheit, nicht so leicht unterjochen, und er fand
auch noch immerdar Spielraum, wenn es ihm bei uns zu beklommen ward,
sich auerhalb der Festung zu tummeln. Zudem stand sein Ruf nun einmal
fest, und selbst als sein berfall gegen Stargard (am 16. Februar) ihm
milang und er bald darauf in Naugard einen empfindlichen Unfall erlitt,
konnte er sich mit unverletzter Ehre nher gegen Kolberg zurckziehen.

Seine Absicht bei jenem Zuge war gewesen, das vom Marschall Mortier aus
Schwedisch-Pommern entsandte Korps des Divisionsgenerals Teulli,
welches zur Berennung unsres Platzes bestimmt war, auseinanderzusprengen
und uns noch einige Zeit lnger Luft zu verschaffen. Da der Streich
nicht geglckt war, so drang nun jener franzsische Heerhaufe ungesumt
nach und ward nur durch Schills krftig behauptete Stellung bei
Neubrck, halben Wegs zwischen Treptow und Kolberg, acht volle Tage
aufgehalten. Jetzt war also das langerwartete Ungewitter im nahen
Anzuge, und da man endlich den Ernst sprte, besann man sich auch, da
der Kauzenberg ein gelegener Posten sein wrde, dem Feinde das nhere
Vordringen von dieser Seite zu erschweren. Eiligst ging man daran, die
im Siebenjhrigen Kriege hier aufgeworfenen Befestigungen, deren sich
noch einige Spuren fanden, zu erneuern.

       *       *       *       *       *

Wohl war es hierzu an der Zeit gewesen, denn schon am 1. Mrz
bemchtigte sich der Feind des Passes bei Neubrck und zeigte sich zwei
Tage spter am Kauzenberge, whrend eine andre Abteilung den Weg am
Strande ber Kolberger Deep einschlug und ihr Absehen augenscheinlich
auf die Maikuhle gerichtet hatte. Eben hierher aber hatte sich auch nach
der Verdrngung von jenem Passe ein Teil des Schillschen Korps geworfen,
welches nicht nur den Feind entschlossen zurckwies, sondern von jetzt
an auch fortwhrend diesen Posten besetzt hielt, dessen hohe Wichtigkeit
immer besser erkannt wurde. Ernsthafter aber war, gleich am folgenden
Morgen, ein neuer feindlicher Versuch gegen die Schanze auf dem
Kauzenberge, den man mit Hilfe einiger Verstrkungen aus der Festung und
nach einem vereinzelten Gefechte in der Nhe von Pretmin glcklich
vereitelte. Eigentlich aber hatte dieser Angriff nur den Marsch der
Hauptmacht verdecken sollen, welche sich gleichzeitig von Neubrck
sdstlich gegen Gro-Jestin wandte, bei Krlin die Persante passierte
und bis zum 10. Mrz sich bis Zernin und Tramm herumgezogen hatte, um
Kolberg auch von der Ostseite einzuschlieen.

Jetzt konnte uns die frher hergestellte Schanze auf dem Hohen Berge von
Nutzen werden, daher sie auch unverzglich noch weiter ausgebessert und
einiges Geschtz darin aufgefahren wurde. Da sich's aber berechnen lie,
da der Feind bei Tramm nicht stehenbleiben, sondern sich auch nach dem
Dorfe Bullenwinkel und dem groen Stadtwalde, der Kolberger Busch
genannt, ausbreiten wrde, so war es von dringender Notwendigkeit, ihn
von der Lauenburger Vorstadt, die hierherwrts gelegen ist, in
mglichster Entfernung zu halten. Ich wute, da dies wie vormals durch
eine auf dem Damme nchst der Ziegelscheune zu errichtende Schanze am
zweckmigsten geschehen konnte, und da diejenigen, denen es eigentlich
zugekommen wre, sich dieser Sache nicht annehmen wollten, so bewog ich
die Brgerschaft, auch zu dieser Arbeit freiwillige Hand anzulegen,
sobald der Feind im Westen der Stadt wirklich erschienen war und nun
auch von der entgegengesetzten Seite augenblicklich erwartet werden
durfte. Am 5. Mrz griffen wir das Werk gemeinschaftlich an, schanzten
Tag und Nacht unverdrossen und hatten auch die Freude, es schon am 9.,
noch vor Erscheinung eines Franzosen, vollendet zu sehen.

Whrend wir noch mit dieser Arbeit beschftigt waren, lie sich der
Kommandant vom Hauptmann v. Waldenfels bewegen, uns in Gesellschaft des
letzteren, des (Gott erbarme sich's!) Ingenieur-Kapitns Dring und
einiger andern dort auf dem Platze zu besuchen. Es war seit der ganzen
Zeit das erste Mal, da er sich auer den Toren der Stadt blicken lie.
Anstatt uns aber in unserm Fleie durch irgendein freundliches Wort
aufzumuntern, machte er unser Vornehmen mit spttischem Lachen als
Kinderspiel verchtlich. Indem aber noch weiter unter den Herren von der
Haltbarkeit der Festung hin und her gesprochen wurde und die Meinungen
verschieden ausfielen, konnte ich mein Herzpochen nicht lnger zhmen,
sondern nahm das Wort und rief: Meine Herren, Kolberg _kann_ und _mu_ dem
Knige erhalten werden; es koste was es wolle! Wir haben Brot und
Waffen, und was uns noch fehlt, wird uns zur See zugefhrt werden. Wir
Brger sind alle fr einen Mann entschlossen, und wenn auch all unsre
Huser zu Schutthaufen wrden, die Festung nicht bergeben zu lassen.
Und hrten es je meine Ohren, da irgend jemand -- er sei Brger oder
Militr -- von bergabe sprche, bei jedes Mannes Wort! dem rennte ich
gleich auf der Stelle diesen meinen Degen durch den Leib, und sollte ich
ihn in der nchsten Minute mir selbst durch die Brust bohren mssen! --
So gingen wir fr diesmal, halb lachend, halb erzrnt, auseinander.

       *       *       *       *       *

Bis zum 13. Mrz hatte der Feind seine Umzingelung des Platzes
vollendet, doch war die Einschlieung nicht so genau, da nicht immer
noch einige Nachrichten von auen her durch flchtende Landleute zu uns
durchgedrungen wren, die uns das dichtere Zusammenziehen der
franzsischen Truppen ankndigten. Sptere Reiterpatrouillen, welche
Schill veranstaltete, bettigten diese Gerchte. Immerhin blieb uns
lngs dem Strande, zumal nach Westen hin, noch manche verstohlene
Verbindung mit der Nachbarschaft, fast die ganze Zeit der Belagerung
hindurch, brig, und auch zu Wasser lie sich jeder beliebige Punkt der
Kste heimlich erreichen.

Plnkeleien an der Ostseite leiteten einen Angriff gegen die Schanze auf
dem Hohen Berge ein, welche dem Feinde unbequem zu sein schien. Von
beiden Seiten rckten immer mehr Truppen ins Gefecht, bis bei dem
heftigeren Andrngen unsrer Gegner gegen Abend den Unsrigen nur brig
blieb, sich fechtend gegen die Stadt zurckzuziehen. Die drei Kanonen in
der Schanze wurden mit abgefhrt und gerettet, aber der Feind sumte
nicht, sich in dem Werke festzusetzen, welches ihm noch hartnckiger
htte streitig gemacht werden sollen. Ich selbst war bei dem ganzen
Gefechte zugegen gewesen und sah, da bei dem Rckzuge mehrere von
unsern Leuten tot oder verwundet auf dem Felde liegen blieben. Es
jammerte mich besonders der letzteren, und so wagte ich mich, mit einem
weien Tuche in der Hand, gegen die feindlichen Vorposten und bat, da
mir erlaubt werden mchte, diese Gebliebenen nach der Stadt abholen zu
drfen. Nach langem Hin- und Herfragen ward mir dies endlich
zugestanden. Ich eilte demnach in die Vorstadt zurck, nahm drei mit
Stroh belegte Wagen mit mir und fuhr mit ihnen, unter dem Geleite
einiger franzsischer Soldaten, auf dem Felde umher, wo ich neun
Verwundete und fnf Tote auflas und mit mir fhrte. Die letzteren wurden
sogleich auf dem nahen St. Georgen-Kirchhofe beerdigt, die ersteren aber
in ein Lazarett abgeliefert. Von da an machte ich mir's zu einem
besonderen und lieben Geschfte, unsern Verwundeten auf diese Weise
beizustehen, und habe oft selbst Wagenfhrer sein mssen, wenn es in ein
etwas lebhaftes Feuer hineinging und die Knechte sich aus Angst
verliefen.

Gleichzeitig mit der Schanze auf dem Hohen Berge hatten unsre Belagerer
auch die Anhhen der Altstadt besetzt, ohne dort einigen Widerstand zu
finden, und waren uns dadurch in eine bedenkliche Nhe gerckt. Beide
Verluste machten es nun um so dringender, die berschwemmungen, wie
berall um die Festung her, so besonders nach diesen zunchst bedrohten
Punkten hin zu bewirken. Schon von Anfang an hatte ich mir mit den
Voranstalten hierzu viele Mhe gegeben und teils auf eigne Kosten, teils
durch Mitwirkung der Brgerschaft wirklich auch soviel erreicht, da ich
hoffen konnte, eine weite Flche so unter Wasser zu setzen, da an kein
Durchkommen zu denken wre.

Dies ging nun nicht ohne vieles Widerstreben von seiten der Eigentmer
der Wiesen und Lndereien ab, denen das Schicksal einer solchen
berschwemmung bevorstand. Um dieser Katzbalgereien berhoben zu sein,
wandte ich mich an Waldenfels, machte ihn an Ort und Stelle mit der
ganzen Einrichtung der Schleusen und Aufstauungen bekannt und forderte
ihn auf, von seiten der Kommandantur das Weitere zu veranlassen. So sehr
er von der Ntzlichkeit der Sache berzeugt war, wagte er's doch nicht,
sie fr seinen eignen Kopf auszufhren, ich aber wollte ebensowenig
etwas mit dem Obersten zu tun haben. Endlich aber berredete er mich
doch, diesem die Sache gemeinschaftlich vorzustellen.

Als wir nun vor ihn kamen, fand sich sofort auch das vorbelobte
Weibsbild ein und begann tapfer mit dareinzureden. Nun war auch meine
Geduld am Ende und ich bedeutete sie kurz und gut, da es ihr nicht
zukme, hier ihre unverlangte Weisheit feilzuhalten. Das Ding aber, das
sich auf seinen Herrn verlie, machte mir ein schnippisch Gesicht und
wre mir wohl gern mit allen zehn Fingern ins Gesicht gefahren, wenn ich
es nicht fein suberlich beim Kragen genommen und zur Stubentre
hinausgeschoben htte, wie es recht und billig war. Darber geriet aber
wiederum der Herr Kommandant in Hitze. Er griff nach dem Degen und wrde
ihn ohne Zweifel gegen mich gezogen haben, wre ihm nicht mein Begleiter
in den Arm gefallen mit den Worten: Beruhigen Sie sich! Nettelbeck hat
recht getan. -- Er kam zur Besinnung, aber mit dem Vorschlage zur
berschwemmung blieb es wie es war. Dagegen geschahen einige
Kanonenschsse aus der Festung -- die ersten, welche gegen den Feind
gelst wurden, und mit welchen also auch die Geschichte der Belagerung
anheben mag.

An dem nmlichen Tage (den 14. Mrz) hatten die Franzosen schon frh das
Drfchen Bullenwinkel -- ich wei nicht, ob aus Frevelmut, oder um
irgendeinen militrischen Zweck dadurch zu erreichen -- im Rauche
aufgehen lassen. War es nun, da unser Kommandant ihnen in dieser Kunst
nicht nachstehen wollte, oder da er wirklich befrchtete, der Feind
mchte sich in der Lauenburger Vorstadt festsetzen, -- genug, er
beschlo, diese gnzlich abzubrennen: Niemand von den zahlreichen
Bewohnern hatte sich einer solchen gewaltsamen Maregel versehen,
niemand war in diesem Augenblicke darauf vorbereitet -- am wenigsten,
da dem dazu erteilten Befehle die Ausfhrung so unmittelbar auf dem
Fue folgen werde. Keine halbe Stunde Zeit ward den Unglcklichen zur
Rettung ihrer Habe gestattet; viele muten wie sie gingen und standen
ihr Eigentum verlassen. Hundert Familien wurden in wenigen Minuten zu
Bettlern und suchten nun in der ohnehin ziemlich beengten Stadt ein
kmmerliches Unterkommen.

Man fragte sich damals, und das mit gutem Rechte, warum, wenn doch
einmal gesengt und gebrannt sein sollte, diese Maregel nicht schon
frher die Altstadt getroffen habe, die im unmittelbaren Bereiche des
Feindes lag, der sich zwischen den Gebuden derselben einnistete und uns
durch seine hinter denselben angelegte Wurfbatterie in der Folge so
nachteilig wurde? Als der Fehler aber einmal begangen war, blieb jeder
Versuch zur Abhilfe vergeblich. Selbst alle Mhe, die wir uns gaben, die
Altstadt durch unser Geschtz zu demolieren oder in Brand zu stecken,
leistete die ganze Belagerung hindurch nicht, was wir davon erwarteten.
-- Was indes hier versumt war, suchte der Rittmeister von Schill an
seiner Seite in der Maikuhle nach Mglichkeit wieder gut zu machen,
indem er sich in diesem wichtigen Posten immer fester setzte, Fleschen
anlegen lie, Wolfsgruben grub und Verhacke veranstaltete. Die
Beschtzung des Platzes von dieser Seite blieb nun gnzlich seiner
Sorgfalt berlassen.

       *       *       *       *       *

Der feindliche Anfhrer mute indes seine am 13. Mrz errungenen
Vorteile wohl selbst fr bedeutend genug halten, um zu glauben, da uns
der Mut zu fernerem Widerstande dadurch gebrochen worden. Es erschien
also am 15. vormittags um zehn Uhr am Mhlentore ein franzsischer
Parlamentr in einem mit vier Pferden bespannten, niedergelassenen
Wagen. Der Kutscher fuhr vom Sattel; den Bock nahm ein Trompeter ein,
und zwei Nobelgardisten, wie die Puppen gekleidet und mit Gewehr und
vlliger Rstung versehen, gingen zu beiden Seiten des Wagens einher. In
diesem ungewhnlichen Aufzuge und unter einer schmetternden Fanfare
rasselte das Vlkchen zur Stadt herein und hielt dann pltzlich vor dem
Hause des Kommandanten, der den Parlamentr in der Haustre empfing, ihm
freundlich die Hand bot und dann ihn in sein Zimmer fhrte, welches
sofort hinter ihnen verschlossen wurde.

Nach und nach versammelten sich viele Offiziere der Garnison auf der
Flur des Hauses, unter welche auch ich mich mischte. Alle waren von
jener Erscheinung mehr oder weniger berrascht und auf den weiteren
Erfolg gespannt. Alle fragten wir uns untereinander, ob denn sonst
keiner von den Offizieren bei der gegenwrtigen Unterredung in dem
verriegelten Zimmer zugegen sei? Ich wandte mich an den Oberst v. Britzke,
der auch unter dem Haufen stand: Herr, Sie sind der nchste an
Rang und Alter. Ihnen gebhrte es am ersten, mit anzuhren, was da
unterhandelt wird. Sprengen Sie die Tr! -- Er zuckte die Schultern und
niemand von den Anwesenden sprach ein Wort. Mich aber berfiel innerlich
eine unbeschreibliche Angst und Sorge. Die Erinnerungen an Stettin,
Kstrin und Magdeburg standen mir wie finstere Gespenster vor der Seele.
Ich lief, den Vize-Kommandanten aufzusuchen, der jetzt allein noch
Unheil verhten konnte.

Vergebens irrte ich in der ganzen Stadt und auf den Wllen umher, den
wackeren Mann zu erfragen. Bald sagte man mir, er sei auf der Mnde,
beim Hafen, und ich schickte Boten ber Boten aus, ihn schleunigst
herbeizurufen; -- bald wieder hie es, er sei bei den Verschanzungen auf
dem Wolfsberge beschftigt. Aber whrend ich auch dorthin Eilboten
abfertigte, war die Zeit bis fast um zwei Uhr abgelaufen, und ohne ihn
erwarten zu knnen, trieb es mich wieder nach dem Kommandantenhause, wo
Unheil gebrtet wurde.

In der Zwischenzeit aber hatten Trompeter, Kutscher und Nobelgarden, die
mir smtlich nicht so aussahen, als ob sie in diese Kleider gehrten,
sich nach Belieben und ohne Aufsicht in der Stadt zerstreut -- man
mchte denn _das_ Aufsicht nennen wollen, da ein Unteroffizier von der
Garnison, namens Reischard, ein geborner Sachse, sich wie von ungefhr
zu ihnen gesellte und sie, wie man wissen wollte, auch auf den Wllen
herumgefhrt hatte. Dieser Mensch war brigens in den letzten Zeiten
vielfltig bei den Arbeiten an den Verschanzungen und beim
Palisadensetzen als Aufseher gebraucht worden. Er konnte also ber die
Lage und Beschaffenheit der Werke wohl einige Auskunft geben.

Endlich, nach langem peinlichem Harren ward von dem Kommandanten aus dem
Fenster gerufen, des Parlamentrs Wagen vorfahren zu lassen. Beide
Herren traten Hand in Hand aus dem Zimmer hervor, verweilten aber noch
einige Zeit in der Haustre, weil noch etwas an dem Wagen in Ordnung zu
bringen war. Unter uns Umstehenden gab es auch einen Ansbachischen
Offizier auer Diensten, der so ziemlich das Aussehen eines Abenteurers
hatte, sich seit einiger Zeit in der Stadt umhertrieb und auch jetzt
sich, man wute nicht wie und warum, hier eingedrngt hatte. Dieser nun
trat mit einer gewissen Zuversichtlichkeit auf den franzsischen
Unterhndler zu und begrte ihn; beide ergriffen einander bei der Hand
und drngten sich durch uns alle hindurch, um auf den Hof zu gelangen,
wo sie so lange und angelegentlich miteinander sprachen.

Hier wurde ich nun warm und ereifert. Ich fate den Kommandanten am Arm
und zog ihn nach, indem ich rief: Herr Oberst, was die beiden dort
abzumachen haben, das mssen _Sie_ auch wissen! -- Er folgte mir wie ein
Schaf; sowie wir aber nherkamen, verbeugten sie sich beiderseits
hflichst und gingen auseinander, worauf auch der Parlamentr in den
Wagen stieg und davonkutschierte. Erst eine halbe Stunde nachher kam der
Hauptmann v. Waldenfels fast atemlos herbeigeeilt, und ich und andre
erzhlten ihm, was hier vorgegangen. Der Mann geriet ganz auer sich,
da so etwas in seiner Abwesenheit hatte geschehen knnen. Man erfuhr
auch nachher, da Loucadou und der Vizekommandant einen harten
Wortwechsel gehabt und sich frmlich miteinander berworfen hatten. In
all diesen Vorgngen war viel Unbegreifliches, zumal nach zwei Tagen
jener Unteroffizier Reischard unsichtbar geworden und zum Feinde
bergegangen war.

       *       *       *       *       *

Gleich am 16. Mrz machte der Feind vormittags den ersten Versuch, ob
die Stadt aus der eroberten Schanze auf dem Hohenberge mit Wurfgeschtz
zu erreichen sein werde. Er schickte uns also einige Granaten zu, die
aber entweder schon in der Luft platzten oder unschdlich in den
Stadtgraben fielen. Nichtsdestoweniger ward abends um acht Uhr ganz
unvermutet Feuerlrm geschlagen, und -- das Haus des Kommandanten stand
in vollem Brande! Alles lief zum Lschen herbei; doch mancher
verstndige Brger brachte dieses Ereignis mit dem gestrigen Parlamentr
in eine sehr bedenkliche Verbindung.

Voll von bengstigenden Gedanken, entschlossen sich unser dreizehn,
sofort eine Runde rings um die Stadtwlle zu machen und die
Verteidigungsanstalten nachzusehen. berall auf den Batterien, wo
Kanonen und Pulverwagen standen, riefen wir wiederholt und berlaut die
Schildwachen an, aber nur selten ward uns Antwort, und auf unsrer langen
Runde trafen wir nicht mehr als _sieben_ Mann unter dem Gewehre!

So etwas berstieg alle unsre Gedanken und Begriffe! Wir erachteten es
fr dringende Notwendigkeit, dem Kommandanten davon schleunigste Anzeige
zu machen. _Der_ aber war lngst aus seinem brennenden Hause geflchtet
und hatte sich in das Posthaus einquartiert. Auch dort suchten wir ihn
auf und lieen ihm durch seine Ordonnanz hineinsagen: Die
Brgerpatrouille wolle ihn sprechen, um etwas Hochwichtiges anzumelden.
Wir empfingen hierauf den Bescheid: Der Herr Oberst habe sich bereits
zur Ruhe begeben und lasse sich heute nicht mehr sprechen. -- Was fr
eine unerhrte Seelenruhe bei einem Festungskommandanten, der den Feind
vor den Toren hat und dessen Haus in vollen Flammen steht! Dieser Brand
wurde brigens gegen drei Uhr morgens gelscht; wir Brger setzten unsre
Umgnge die ganze Nacht fort und der Feind hielt sich ruhig.

Hier mute Rat geschafft werden, und so bedachte ich mich nicht lange,
sondern ging noch am nmlichen Morgen ans Werk, um aus der ganzen Flle
meines beklommenen Herzens an den Knig selbst aufs Papier hinzuwerfen,
was mir in diesen letzten Tagen, sowie manches Frhere, unrecht und
bedenklich vorgekommen. Ich wei noch, da dieses Schreiben mit den
unterstrichenen Worten endigte: Wenn Ew. Majestt uns nicht bald einen
andern und braven Kommandanten zuschicken, sind wir unglcklich und
verloren! -- Diese Vorstellung schlo ich in eine Adresse an den
Kaufmann Wachsen zu Memel, einen geborenen Kolberger, ein und ersuchte
ihn, die Einlage womglich an den Knig persnlich zu bergeben. Es fand
sich aber zur Absendung nicht eher eine Gelegenheit, als am 22. Mrz, da
Schiffer Kamitz mit einer Anzahl Gefangener nach Memel in See ging.
Dieser lieferte denn auch mein Paket richtig an seine Adresse ab und von
Wachsen erfuhr ich, da der Monarch dasselbe aus seinen Hnden selbst
empfangen und gndig aufgenommen habe.

       *       *       *       *       *

Da am 17. Mrz abermals ein Feuer in der Kommandantur hervorbrach,
konnte eine irgendwo noch verborgen gebliebene Glut zur Ursache haben;
allein die Gemter waren einmal zum Argwohne aufgeregt und merkten nur
an, da heute so wenig als gestern um die Zeit, da das Feuer
aufgegangen, irgendein feindliches Gescho in Ttigkeit gewesen sei.

Bis zum 19. Mrz beschftigten sich die Belagerer vornehmlich mit
Einrichtung ihrer Lager, mit Festsetzung in der Altstadt und mit
Schlagen einer Verbindungsbrcke ber die Persante in der Nhe von
Rossentin; und je mehr sich Truppen hierherwrts bewegten, um so weniger
war es zu bezweifeln, da ihre Absichten auf Gewinnung der Schanze auf
dem Kauzenberge gerichtet seien, die ihre Besatzung abwechselnd aus der
Festung erhielt. Am frhen Morgen jenes Tages fand der Angriff wirklich
statt. Es gab das erste anhaltende Feuer aus grobem Geschtz und kleinem
Gewehr. Anfall und Verteidigung waren in gleichem Mae heftig, aber nur
zu bald mute die Besatzung der bermacht weichen, und auch das weiter
zurckliegende Dorf Sellnow ging verloren, ohne da die nachrckende
zahlreiche Verstrkung vermochte, dem Feinde seine Vorteile wieder zu
entreien. Dies war fr uns ein sehr empfindlicher Verlust, denn nur von
der Position von Sellnow aus war die Stadt auf dieser Seite angreifbar.

Rasch und besonnen hingegen benutzte der Feind auf der Stelle seine
erlangten Vorteile, ging in das Siederland vor, setzte sich hinter das
Gradierwerk und zeigte sich selbst vor dem Galgenberge. Rechtshin aber
griff er zugleich unsre Schanze auf dem Strickerberge, hart an dem Damme
vor dem Geldertore gelegen, mit solchem Nachdruck an und ward dabei
durch sein Flankenfeuer von der Altstadt her so gut untersttzt, da das
Feuer aller unsrer Batterien, wie heftig es auch unterhalten wurde,
dagegen kaum ausreichte. Abends gegen sechs Uhr muten die Grenadiere,
welche bis dahin die Schanze mit Entschlossenheit verteidigt hatten,
sich durch eine Abteilung Freiwilliger des Schillschen Korps ablsen
lassen, und diesen glckte es, sich darin noch achtundvierzig Stunden zu
behaupten -- ja noch gleich in der nchsten Nacht eine neue Schanze
nchst dem weien Kruge (dem letzten Hause der Geldervorstadt)
aufzuwerfen, wodurch der Damm noch besser bestrichen und die Feinde an
der Annherung verhindert wurden.

Allerdings stand nun die genannte Vorstadt in naher und dringender
Gefahr, berwltigt und dann der Festung sehr nachteilig zu werden.
Loucadou war darum auch sogleich mit dem Befehle zum Abbrennen bereit.
Diesmal aber fand seine rcksichtslose Hrte einen edelmtigen
Widerstand an dem Rittmeister v. Schill, welcher die Unntzlichkeit
jeder bereilung bei der Ausfhrung dieser Maregel dartat, solange die
vorliegenden Schanzen noch von seinen Leuten verteidigt wrden, fr
deren Mut und Ausdauer er sich verbrgte. Der Kommandant sah sich fr
den Augenblick gentigt nachzugeben, und Hunderte von Menschen fanden
dadurch Zeit, alle beweglichen Trmmer ihres Vermgens rckwrts in
Sicherheit zu flchten. Erst als dies geschehen war, trat die
unabwendbare Zerstrung ein und die Schanzen wurden verlassen.

       *       *       *       *       *

Es fehlte jedoch viel, da Loucadou hierdurch selbst zur Besinnung
gekommen wre. Er sah in Schills Benehmen nur einen strflichen Mangel
an Subordination und machte ihm harte Vorwrfe, welche einen Wortwechsel
nach sich zogen und mit einem Zimmerarrest endigten, dem der Gekrnkte
sich geduldig unterzog. Aber nicht so geduldig nahmen Soldaten und
Brger auf, was fr eine Ungebhrnis ihrem Liebling widerfahren sei. Es
entstand ein Gemurmel, ein Reden, ein Fragen, ein Durcheinanderlaufen,
das mit jeder Minute lauter und strmischer wurde. Eine immer
gedrngtere Masse sammelte sich auf dem Markte und es war nicht
undeutlich die Rede davon, Schill mit Gewalt zu befreien und den
Kommandanten fr das, was er getan, persnlich verantwortlich zu machen.

Ich erfuhr alsbald, was im Werke sei; allein war ich gleich nicht
weniger entrstet, als jeder andre, so entging mir doch nicht, von
welchen unseligen Folgen hier jede Gewaltttigkeit sein wrde. Vielmehr
kam alles darauf an, diese Volksbewegung zu stillen. Ich warf mich
schnell unter die Menge, bat sie, Vernunft anzunehmen und vor allen
Dingen Schills eigne Meinung zu vernehmen. Diese zu hren, sei ich jetzt
auf dem Wege begriffen. Sie mchten also ruhig meine Wiederkunft
erwarten. Das ward denn auch angenommen.

Als ich zu dem Gefangenen kam und ihm sagte, wie die Sachen stnden,
erschrak er heftig, und mich an beiden Hnden ergreifend, rief er:
Freund, ich bitte Sie um alles, stellen Sie die guten Menschen
zufrieden! Aufruhr wre das letzte und grte Unglck, das uns begegnen
knnte. Sagen Sie ihnen, ich sei nicht arretiert, ich sei krank -- kurz,
sagen Sie, was Sie wollen, wenn die Leute sich nur zur Ruhe geben. --
Ich gelobte ihm das, weil er es wollte und weil es das beste war, und
eilte nach dem Markte zurck. Kaum konnte ich mich durch das tosende
Gedrnge schlagen. Vor dem Kuhfahlschen Hause trat ich auf eine Erhhung
und forderte, da man mich hren solle. Kinder! rief ich dann, ich
komme von unserm Freunde. Aus seinem eignen Munde wei ich's: er hat
nicht Arrest, wie ihr glaubt, sondern hlt sich wegen Unplichkeit in
seinem Zimmer. Euch insgesamt aber bittet er durch meinen Mund, wenn ihr
ihm je Liebe bewiesen habt, da ihr jetzt ruhig auseinandergeht. Binnen
wenigen Tagen hofft er so vollkommen hergestellt zu sein, da er selbst
unter euch erscheinen und euch fr eure Anhnglichkeit danken kann. Wer
also ein guter Brger und sein Freund ist, der geht nach Hause.

Diese Rede war nicht zierlich, aber verstndlich, und machte um so mehr
den besten Eindruck, da sie von dem Superintendenten Baarz, der neben
mir stand, wiederholt und weiter ausgefhrt wurde. Die guten Leute kamen
glcklich zur Besinnung, und als die Angeseheneren sich ruhig wegbegeben
hatten, fehlte es nicht, da auch der Pbel sich allgemach verlief.
Loucadou verhielt sich bei diesem Vorgange ganz still, als htte er kein
Wasser getrbt, was ihm auch gar sehr zu raten war. Schills Arrest aber
blieb ein leeres Wort, das stillschweigend zurckgenommen wurde. Denn da
Schill seine Gegenwart in der Maikuhle und bei den Vorposten notwendig
fand, tat er, was die Umstnde erforderten, und Loucadou stand nicht an,
zu erklren: Auerhalb der Festung mge er schalten, wie er's fr gut
befinde.

       *       *       *       *       *

Noch hatte die eigentliche Belagerung kaum ihren Anfang genommen, d. h.
es waren noch keine Laufgrben erffnet, keine Batterien angelegt und
die Stadt noch kaum beschossen, und dennoch hatten wir bereits durch
Saumseligkeit und Unverstand von unsern Vorteilen so viel eingebt, als
nur nach einem langen und hartnckigen Angriff und einer ebensolchen
Gegenwehr zu entschuldigen gewesen wre. Wir hatten nur, wenn ich so
sagen mag, den Instinkt der Furcht, und dieser leitete uns ganz richtig,
indem er uns zuflsterte, da wir um unsers letzten Heils willen uns
nicht vom Meere abdrngen lassen drften. Darum wandte man von jetzt an
eine stets grere Sorgfalt auf die Befestigung der Maikuhle, deren
zuvor noch immer mit einiger Schonung behandelte Bume jetzt zum Teil
niedergehauen wurden. Aber auch ostwrts des Hafens verlie man sich
nicht mehr allein auf das Mnderfort und die wohlgelegene Schanze auf
dem Mnder Kirchhofe, welche noch durch eine, zwischen beiden angelegte
Redoute auf dem sogenannten Baumgarten verstrkt wurde, sondern
richtete auch eine ganz besondere Aufmerksamkeit auf den noch stlicher
gelegenen Wolfsberg, der dem Andringen des Feindes lngs dem Strande
einen Damm entgegenstellte. Diese wichtige Anhhe, welche auf ihrer
flachen Kuppe einen Raum von mehr als hundert Schritten im Durchmesser
darbietet, wurde nach und nach in ein geschlossenes Werk von
ausnehmender Strke verwandelt und darum auch fr die Folge der
Belagerung beraus wichtig. Von den Erhhungen bei Bullenwinkel kann sie
zwar bestrichen werden, aber die dazwischen liegenden Radewiesen
erschweren gleichwohl jede Annherung.

Hierherwrts schien aber jetzt noch der Blick des Feindes ungleich
weniger, als auf den Gewinn der Maikuhle geheftet zu sein. Nicht nur
hatte er neuerdings eine Flobrcke in noch grerer Nhe bei der
Altstadt ber den Strom geschlagen, um sich den bergang zu erleichtern
und seine Truppen schnell auf jeden Punkt zu werfen, sondern vom 22. bis
24. Mrz erfolgten auch tglich Rekognoszierungen, die selbst bis gegen
den Strand vorzudringen suchten und sich endlich in Neu-Werder oder den
sogenannten Spinnkaten festsetzten. Diese leichten Angriffe gegen die
Maikuhle wurden den 26. und 30. Mrz ohne bedeutenden Erfolg wiederholt
und bereiteten einen ernsthafteren vor, zu dessen Ausfhrung man
vielleicht nur die Ankunft des Marschalls Mortier abwartete, welcher
endlich am 5. April bei dem Belagerungskorps eintraf und sein
Hauptquartier in Zernin nahm. Ebendaselbst hatte weiland auch der
russische General Romanzow das seinige aufgeschlagen.

Nun erkannte auch die patriotische Brgerschaft ihre steigende
Verpflichtung, Mhe, Not und Gefahr mit der im ganzen so wackeren
Garnison noch mehr als bisher zu teilen. Sie erbot daher dem
Kommandanten nochmals ihre Mitwirkung zum inneren Festungsdienste,
Beziehung der Hauptwache und Ausstellung der ntigen Posten auf dem
inneren Walle sowie an den Toren. Diesmal ward auch, da Not beten lehrt,
ihr guter Wille besser anerkannt und gerne angenommen. Sie trat also
diesen Dienst mit dem 25. Mrz an und hat ihn auch bis ans Ende hin mit
lobenswerter Treue und Pnktlichkeit versehen.

       *       *       *       *       *

Mancher Leser drfte sich vielleicht wundern, da bisher immer nur von
der Brgerschaft die Rede ist, ohne irgend einiger Wirksamkeit des
Magistrats auch nur mit einem Worte zu gedenken. Wer aber nichts tut und
leistet, von dem ist freilich auch wenig oder nichts zu melden, und das
war hier leider von Anfang an der Fall. Auch jene Herren htten sich
verdient machen knnen, wenn sie sich nur die Mhe htten nehmen wollen,
aus ihrem gewohnten Schlendrian ein wenig herauszugehen. Und in diesem
Schlendrian lie auch der Kommandant sie ruhig gehen, so wie er selbst
sich gehen lie. An Energie und Kraft war nicht zu denken, was ihnen
nicht gerade vor den Fen lag, hteten sie sich wohl, aufzunehmen.
Dadurch fiel denn alle Last der ffentlichen Geschfte um so mehr auf
die, denen es ihr Feuereifer nicht zulie, in solcher Zeit der Not
stille zu sitzen. Solch ein Kernmann war der, jetzt als Senator
pensionierte Stadtsekretr Aue, der immer und berall auf dem Platze
war, wo Rat und Hilfe erfordert wurde, daher er auch das Unglck hatte,
durch eine Granate verwundet zu werden. Auch der Kriegsrat Wisseling,
der sich des ganzen Proviantierungsgeschfts annahm, tat in diesem
Wirkungskreise, was einem redlichen Patrioten zukommt und alles Lobes
wert ist.

Ich spreche nicht gern von dieser dunklen Schattenseite in dem Gemlde
unsrer Kolberger Belagerung, habe aber auch nicht Lust, der Wahrheit
etwas zu vergeben. Um also ein fr allemal darber wegzukommen, bemerke
ich, da spterhin, als wir's mit einem Manne zu tun hatten, der den
Umstnden gewachsen war, unter Trommelschlag ffentlich bekannt gemacht
wurde: Jeder Angestellte solle sich auf seinem Posten finden lassen oder
kassiert sein. Anderseits gaben viele Kaufleute und sonst ausgezeichnete
Personen, unter denen gleichwohl Herr Dresow samt einigen andern eine
rhmliche Ausnahme machte, das bse Beispiel, sich aus der Stadt, sobald
sie beschossen wurde, nach der Mnde oder wohl gar nach Bornholm zu
flchten. Da waren sie freilich auer dem Schusse, aber auch fr das
allgemeine Beste auer Wirksamkeit, und das ist's, was ich ein bses
Beispiel nenne.

Scharmtzel und Plnkeleien zwischen den Vorposten, kleine Ausflle und
berrumpelungen waren seither mit abwechselndem Glcke an der
Tagesordnung, kosteten aber doch immer einige brave Leute, deren Abgang
uns noch fhlbarer geworden sein wrde, wenn uns nicht, sowohl auf einem
dnischen Schiffe als auf mehreren Booten von Rgenwalde, kampflustige
Razionierte zu Hunderten zugestrmt wren. Aber auch der Feind
verstrkte sich von Tag zu Tag, sein Wurfgeschtz fing an zu spielen und
richtete hier und da Verheerungen an, und insonderheit empfanden wir die
nachteiligen Wirkungen seiner so nahe gelegenen Batterien auf der
Altstadt. Um uns vor diesen mehr Ruhe zu verschaffen, hatten wir den 3.
April es darauf angelegt, die vorgehenden Gebude in Brand zu schieen.
Unsre Bomben und Granaten zndeten auch wirklich, allein da jene keine
zusammenhngende Masse bildeten, so griff das Feuer nicht um sich und
unser Pulver war vergeblich verschossen.

       *       *       *       *       *

Auch am 5. April machten uns die franzsischen Granaten von dort her von
Zeit zu Zeit unangenehme Besuche, als ich mich mit hundert und mehr
Menschen auf dem Markte befand, wo der Kommandant den Brgern Befehle
austeilte, die mir sehr wenig angemessen erschienen. So hatte er
geboten, da alle Hausdcher hoch mit Dnger belegt werden sollten, um
das Durchschlagen der Bomben zu verhten, ebenso da berall das
Straenpflaster aufgerissen werden sollte, um gleichfalls jene Geschosse
unschdlicher zu machen. Nun habe ich zum Unglck eine Gattung von
schlichtem Menschenverstand, die zu keiner Absurditt gutwillig
schweigen kann. Ich war also auch hier so vorwitzig, meinen doppelten
Zweifel zu uern; einmal, ob der anbefohlene Dnger auf unsern Dchern,
die durchgngig eine Neigung von mehr als 45 Grad htten, wohl lange
haften drfte, und dann, ob die Granaten auch wohl vor so bedeckten
Dchern, nach deren bekannter leichten Konstruktion, sonderlichen
Respekt beweisen mchten? Auch erinnerte ich daran, da die Stadt ehedem
zu dreienmalen, und zwar heftig genug, mit Bomben gengstigt worden,
ohne da man gleichwohl ntig gefunden htte, das Pflaster zu rhren.
Dies schiene hier bei unsern engen Gassen sogar schdlich und
hinderlich, weil dann bei entstandener Feuersgefahr weder Spritzen noch
Wasserkufen einen Weg durch die Steinhaufen und den umgewhlten Boden
wrden finden knnen. Es mchte also wohl der beste Rat sein,
dergleichen gelehrte Experimente hier beiseite zu setzen und uns nur
tapfer unsrer Haut zu wehren.

Whrenddessen zogen einige feindliche Granaten ihren Bogen, schlugen
nicht weit von uns durch die Dcher der Huser, platzten und richteten
Schaden an. Fast zu gleicher Zeit fuhr eine Bombe kaum zwanzig oder
dreiig Schritte weit von unserm Kreise nieder, zersprang, beschdigte
aber niemand. Bei dem Knall sah sich der Oberst mit etwas verwirrten
Blicken unter uns um und stotterte: Meine Herren, wenn das so fortgeht,
so werden wir doch noch mssen zu Kreuze kriechen! -- Mehr konnte er
nicht hervorbringen.

So etwas sehen und hren lie mich meiner nicht lnger mchtig bleiben,
und ich tat einen Schritt, den ich jetzt selber nicht gut heie, obwohl
ich mir dabei der reinsten Absicht bewut bin. Ich fuhr gegen ihn auf
und schrie: Halt! Der erste, wer er auch sei, der das verdammte Wort
wieder ausspricht von 'zu Kreuze kriechen' und bergabe der Festung, der
stirbt des Todes von meiner Hand! -- Dabei fuhr mir der Degen, ich wei
nicht wie, aus der Scheide, und mit der Spitze gegen den Feigling
gerichtet, setzte ich hinzu zu allen, die es hren wollten: Lat uns
brav und ehrlich sein oder wir verdienen wie die Memmen (eigentlich
brauchte ich wohl ein andres Wort) zu sterben!

Der Landrat Dahlke, mein Nebenmann, fate mich von hinten und zog mich
von Loucadou zurck, whrend dieser vom Kaufmann Schrder verhindert
wurde, seine Hnde zu gebrauchen, die gleichfalls nach der Klinge
griffen. Seine Zornwut kannte keine Grenzen mehr. Arretieren! schrie
er mit schumendem Munde, gleich arretieren! In Ketten und Banden! --
Da sich indes alles um ihn zusammendrngte, der Landrat aber mich aus
allen Krften von ihm entfernte, so mute er wohl glauben, da man mich
ins Gefngnis davonfhre, und so kamen wir einander aus dem Gesichte.
Ich aber, ein wenig zur Besinnung gekommen und mit mir altem Knaben
nicht aufs beste zufrieden, ging nach Hause, um zu erwarten, was in der
tollen Geschichte weiter erfolgen wrde.

Alles dies hatte sich vormittags zugetragen. Gleich nachmittags aber
berief der Kommandant den Landrat zu sich und erklrte ihm seinen
Willen, ber mich ein, aus dem Militr und Zivil zusammengesetztes
Kriegsgericht halten und mich des nchsten Tages auf dem Glacis der
Festung erschieen zu lassen. Der Landrat, der es gut mit mir meinte,
erschrak, machte Vorstellungen und gab zu bedenken, welch einen
gefhrlichen Eindruck eine solche Prozedur auf die Brgerschaft machen
knnte, so da er fr den Ausgang nicht gutsagen wolle. Loucadou
beharrte indes auf seinem Sinn, und jener entfernte sich unter der
Versicherung, da er nicht verlange, damit zu schaffen zu haben.

Kaum hatte nun der Landrat auf dem Heimwege in seiner Konsternation
einigen ihm begegnenden Brgern erffnet, was der Kommandant mit mir
vorhabe, so geriet alles in die grte Bewegung; alles nahm meine
Partei, und wer mir auch sonst vielleicht nicht gnstig war, wollte doch
einen Brger und Landsmann nicht so schmhlich unterdrcken lassen. Der
Haufen sammelte sich und ward mit jeder Minute grer. Er wlzte sich zu
Loucadous Wohnung, umringte ihn, und die Wortfhrer bestrmten ihn so
lange im Guten und im Bsen, bis sie seine Entrstung einigermaen
milderten oder vielleicht auch ihn ahnen lieen, da er hier kein so
leichtes Spiel haben werde. Gut! gut! rief er endlich, so mag der
alte Bursche diesmal laufen. Ht' er sich nur, da ich ihn nicht wieder
fasse! -- So ging alles friedlich auseinander, whrend ich selbst, der
ich mich ruhig innehielt, den Tumult und das Laufen des Volkes zwar
durch mein Fenster bemerkte, aber doch weiter kein Arges daraus hatte,
da es mich so nahe angehen knnte. Selbst die ich fragte, blieben mir
die Antwort schuldig, und erst des andern Tages erfuhr ich aus des
Landrats Munde, wie schlimm es auf mich und mein Leben gemnzt gewesen.

       *       *       *       *       *

Wie es aber auch gekommen wre, so glaube ich doch, da ich unter dem
Militr Freunde genug gefunden htte, die alles, was sich verantworten
lie, angewandt haben wrden, die Sache zu meinem Vorteil ins Gleiche zu
richten. Auch meine ich wohl, es einigermaen um sie verdient zu haben,
da ich keine Mhe scheute, ihre Lage nach Mglichkeit zu erleichtern.
Zumal die Umstnde des Schillschen Korps in der Maikuhle waren
beklagenswert. Die armen Leute waren dort tglich und stndlich auf den
Beinen, weil der Feind sie unaufhrlich in Atem erhielt. Tag und Nacht
waren sie unter freiem Himmel, ohne je, wie andre doch zuweilen, von
ihrem Posten abgelst zu werden und unter Dach und Fach zu kommen. An
regelmige Lhnung war gar nicht und an Lieferung von anderweitigen
Unterhaltungsmitteln nur hchst selten zu denken. Gleichwohl zeigten
sich diese Schillschen Leute, in denen der Geist ihres Anfhrers lebte,
uerst willig und brav. Bei jedem Trommelschlage waren sie, oft nur mit
einem Schuh oder Strumpf an den Beinen, die ersten auf dem Sammelplatze,
und diesen ttigen Eifer kann ich von einigen andern Truppengattungen
nicht rhmen.

Um nun so brave Leute in ihrer Not zu untersttzen, so wei Gott, da
ich fr meinen Teil getan habe, was nur mglich war. Ein Tonnenkessel
fr Kartoffeln und andres Gemse kam bei mir nie vom Feuer, und die
bereitete Speise ward ihnen hinausgefahren. Oftmals habe ich den ganzen
Fleischscharren und alle Bckerlden auskaufen lassen, oftmals bin ich
Haus bei Haus gegangen und habe gebeten, da fr meine Schillschen
Kinder in der Maikuhle zugekocht werden mchte. In der Tat betrachteten
sie mich auch als ihren Vater und nannten mich ihren Brot- und
Trankspender, und wenn ich mich in der Nhe der Lagerposten zeigte, ward
ich gewhnlich mit kriegerischer Musik empfangen. Nicht selten zuckelte
ich, wenn sie zu irgendeinem Angriff ins Freie hinausrckten, auf meinem
Pferdchen neben ihnen her und suchte ihnen trstenden Mut einzusprechen;
oder ich stimmte, ob ich gleich nicht von sangreicher Natur bin, mit
meiner Rabenkehle das Liedchen an: Haltet euch wohl, ihr preuischen
Brder! wobei alle lustig und guter Dinge wurden. Auch wuten sie, da,
wenn es Verwundete oder sonst ein Unglck geben sollte, ihr alter Freund
schon in der Nhe zu finden sein werde.

Jede Art von Ermunterung war aber auch fr diese braven Truppen um so
notwendiger, da sie in diesem Zeitraume der Belagerung die schwerste
Last derselben fast allein zu tragen hatten, denn schon vom 5. April an
hatten die Franzosen tgliche und immer ernstlichere Unternehmungen
gegen die Maikuhle versucht, waren aber jedesmal mit blutigen Kpfen
zurckgewiesen worden, wobei die Festungsartillerie sie in der rechten
Flanke wacker mitnahm, so oft sie sich in den Bereich derselben
verirrten. Meist aber gingen ihre Angriffe von dem Punkte von Alt- und
Neu-Werder aus, indem sie, wie z. B. am 9. und 10. April, vielleicht
tausend und mehr Menschen dazu verwandten. Hier legte ihnen jedoch das
groe Torfmoor, welches sich bis zum Kolberger Deep hin erstreckt und
nur auf wenigen Dmmen zugnglich ist, so groe Hindernisse entgegen,
da es ihnen nie gelingen wollte, mit einer bedeutenden Macht
durchzudringen.

Allein der feindliche Anfhrer wollte keineswegs aufhren, um den Besitz
der Maikuhle zu ringen. Schon am 11. zogen starke Truppenabteilungen
ber die Verbindungsbrcke bei der Altstadt nach Sellnow hinber, und am
nchstfolgenden Tage entwickelte sich vor Neu-Werder eine Macht von
wenigstens ein paar Tausend Kpfen, die einen hrteren Stand als jemals
befrchten lie. Schill wartete jedoch diesen Angriff nicht ab, ging dem
Feinde mit ein paar Kanonen und seinem gesamten Korps entgegen,
verwickelte ihn in den Morast und benutzte die unter ihm entstandene
Unordnung so rasch und glcklich, da auf dem verwirrten Rckzuge
Alt- und Neu-Werder fr den Feind verloren gingen und er bis an seine
feste Stellung bei Sellnow zurckgetrieben wurde. Es ging dabei scharf
her, und unsre Leute bewiesen einen Mut, der nicht genug zu loben ist.

Vier Kompagnien der Besatzung rckten whrend des Gefechts vor das
Gelder-Tor hinaus, und es ist nicht zu leugnen, da sie, indem sie dem
Feinde Besorgnis fr seine Flanke und seinen Rcken erregten, nicht
wenig dazu beitrugen, seinen Rckzug zu beschleunigen. Htten jedoch
eben diese Truppen, vielleicht noch durch einige Mannschaft mehr
untersttzt, sich etwas weiter hervor und einen entschlossenen Anfall
auf Sellnow selbst und die dahinterliegende Schanze gewagt, so wrden
die Vorteile dieses Tages eine noch entschiedenere Gestalt angenommen,
die gnzliche Zersprengung des Feindes bewirkt und den Wiedergewinn des
Kauzenberges zur Folge gehabt haben. Das wurde auch von den Franzosen in
Sellnow selbst so lebhaft befrchtet, da dort bereits zum Abzuge
eingepackt war. Das war es aber auch, was Schill zu wiederholten Malen
und aufs dringendste vom Kommandanten forderte, als er noch am Abende
den Entschlu fate, den Angriff seinerseits von Werder aus
fortzusetzen. Allein Loucadou hatte keine Ohren fr diesen Vorschlag,
sei es nun, da er, seiner alten Ansicht getreu, auerhalb der Wlle
nichts aufs Spiel setzen wollte oder da sein tief gewurzelter
Widerwille gegen Schills Person und berlegenen Geist ihm nicht
gestattete, zu irgendeiner Idee, die von diesem ausging, die Hnde zu
bieten. Genug, der gnstige Augenblick ward versumt und kehrte nie
wieder!

       *       *       *       *       *

Drei Tage nachher, am 15. April, schiffte der Rittmeister v. Schill sich
auf einem Fahrzeuge ein, das nach Schwedisch-Pommern abging. Das
neuerlichste Miverstndnis mit dem engherzigen Kommandanten trug wohl
vornehmlich die Schuld, da jener wackere Mann in einer so schwlen
Stickluft nicht lnger auszudauern vermochte. Ohnehin war sein ins Groe
strebender Geist nicht fr die engen Verhltnisse eines belagerten
Platzes gemacht, aber dennoch wrde er wie bisher seinen Platz ehrenvoll
ausgefllt haben, wenn man seiner Kraft nicht Hemmketten angelegt htte.
Aber indem er sich jetzt von uns entfernte, geschah es nur, um uns aus
der Ferne desto wirksamere Hilfe zu gewhren. Von Anfang an waren seine
Entwrfe dahin gerichtet gewesen, sich in Pommern ein Kriegstheater zu
errichten, von wo aus Stralsund und Kolberg sich zu wechselseitiger
Untersttzung die Hnde bten. Nun waren aber in den letzten Tagen auf
allerlei Wegen die gnstigsten Nachrichten bei uns eingekommen, wie
nicht nur der Knig von Schweden das gegen ihn operierende franzsische
Korps ber die Peene zurckgedrngt habe, sondern auch mit einem Teil
seiner Macht auf Swinemnde vordringe und im Begriff sei, auch Wollin
von den Feinden zu subern, also wohl gar unserm Platze wieder Luft zu
verschaffen. Nun erwiesen sich diese Nachrichten zwar in der Folge zum
Teil ganz anders, aber doch waren sie ermunternd genug, um einen Mann
von Schills feuriger Seele zu dem Entschlusse zu begeistern, den guten
Willen der Schweden an Ort und Stelle gegen den gemeinschaftlichen
Widersacher in Bewegung zu setzen. Um diese Absichten konnten und
durften indes nur wenige wissen, und je mehr also seine Entfernung als
die Folge seiner Zwistigkeiten mit Loucadou erschien, um so
schmerzlicher und unmutiger war das allgemeine Bedauern.

       *       *       *       *       *

In diesen Tagen war es, wo ich mit dem bekannten Heinrich v. Blow einen
sonderbaren Auftritt erlebte. Man wei, da es beim Ausbruche des
Krieges fr angemessen befunden wurde, diesen in seiner Originalitt
verkommenen Mann zu uns nach Kolberg zu schaffen, wo er einige Zeit
verblieb; von vielen als ein Wundertier angestaunt, von andern mit
unbilliger Geringschtzung behandelt, aber immer noch im Genu einer
leidlichen Freiheit, wie Staatsgefangene sie genieen knnen. Leider
suchte er nun in dieser letzten Zeit, und so auch bei uns, seine Grillen
in der Flasche zu ersufen; und so war er eines Abends im trunkenen Mute
auf der Strae in Verdrielichkeiten geraten, worber eine
Brgerpatrouille hinzukam und ihn wegen geleisteten Widerstandes auf der
Hauptwache in einstweiligen Verwahrsam brachte.

Man kann denken, da er gegen eine solche Maregel mancherlei
dreinzureden hatte. Ich kam zufllig dazu, hrte sein Toben und ermahnte
ihn, sich zu migen und zu fgen. In eben dem Mae aber mehrte sich
seine Ereiferung, und pltzlich hub er an, in gutem Englisch seinem
verbitterten Herzen auf eine Weise Luft zu machen, wobei Knig und
alles, was preuisch war, gar bel wegkam. Hatte er sich aber vielleicht
darauf verlassen, da seine Zuhrer ihn nicht verstehen wrden, so war
er um so mehr verwundert, als ich, der ich diese Lsterung nicht lnger
geduldig anhren konnte, ihm in gleicher Sprache bedeutete: da, wenn
er jene Worte zu deutsch ber seine Lippen gehen lasse, ich ihm nicht
dafr brgen mchte, ob sie ihm nicht Kopf und Kragen kosten sollten. Er
werde also wohltun, sich Zaum und Gebi anzulegen.

Kaum hrte der Wtende die ersten englischen Silben aus meinem Munde, so
ward er urpltzlich ein ganz andrer Mann. Er fiel mir entzckt um den
Hals, kte mich und beteuerte, fr alles was nur einen englischen Klang
habe, lasse er Leib und Leben. Sofort auch waren und blieben wir die
besten Freunde; da ihm indes sein Unmut immer wieder von neuem aufstieg,
so forderte er Feder und Papier, um an den Kommandanten zu schreiben und
Beschwerde ber die ihm widerfahrene Behandlung zu fhren. Beides ward
ihm gereicht, um seine Lebensgeister zu beruhigen. Die Feder tanzte auch
lustig auf dem Papiere hin, und man sah wohl, es war sein Handwerk.
Indem ich aber von Zeit zu Zeit ber seine Schulter hin in das
Geschreibsel schielte, nahm ich bald wahr, da der Inhalt, voll
Schmhungen und harter Vorwrfe, nicht dazu gemacht war, ihm an Loucadou
einen Patron und Gnner zu erwerben. Um also ferneres Unheil zu
verhten, und da die Blattseite eben voll war, sagte ich: Nun ist's
wohl Zeit, auch Sand darauf zu streuen, -- nahm das volle Tintenfa und
go es ber die Pastete her. Er stutzte; alles lachte. Endlich lachte er
mit, schttelte mir die Hand, und sein rger war vergessen.

       *       *       *       *       *

Seit dem letzten milungenen Versuche auf die Maikuhle geschahen nur
hier und da einige Angriffe auf unsre Vorpostenkette, um unsre
Aufmerksamkeit zu beschftigen. Dagegen wagte der Feind sich, ohne da
wir Kunde davon erhielten, in diesen Tagen an ein Unternehmen, das khn
und gro genug aufgefat war, um, wenn die Ausfhrung glckte, uns mit
all unsern bisherigen Verteidigungsanstalten, im eigentlichsten
Wortverstande, aufs Trockene zu bringen. Es sollte nmlich der Persante
ein andres Bett gegraben und sie in den Kampschen See abgeleitet werden.
Das Werk wurde gro und krftig angefangen; aber bald stie man auf
Schwierigkeiten, die man nicht erwartet hatte, und so ward die Sache
bald wieder aufgegeben, und wir sahen uns von einer Sorge befreit, ehe
sie uns noch hatte beunruhigen knnen: denn freilich stand hier die
Wirksamkeit unsres ganzen berschwemmungssystems auf dem Spiele, und
selbst unser Hafen wre, wenn auch nicht bis auf den Grund
ausgetrocknet, doch durch den nchsten Seesturm bis zur vlligen
Unbrauchbarkeit versandet worden.

In der Beschieung der Festung schien es dem Feinde bis gegen Ende April
immer noch kein recht lebendiger Ernst zu sein, was ohne Zweifel seinen
Grund im Mangel von hinreichendem Schiebedarfe hatte. Sowohl Haubitzen
als Mrser waren nur von kleinem Kaliber und erreichten darum auch nicht
immer ihr Ziel, oder taten doch, nach Verhltnis, nur geringen Schaden.
Ein paarmal ward es von der Schanze des Hohen-Berges her versucht, ob
das Feldgeschtz bis in die Stadt hinein zu tragen vermge: aber nur
vier Kanonenkugeln gelangten bis dahin und beschdigten einige Dcher.
Auch ward dies fruchtlose Feuer von dem schwereren Geschtze unsrer
Wlle bald zum Schweigen gebracht.

Htte sich das letztere doch nur eben so wirksam gegen die feindlichen
Wurfbatterien auf der Altstadt bewiesen, deren zerstrende Wirkungen uns
mit jedem Tage empfindlicher trafen und uns nicht nur den Ruin unsrer
Huser, sondern auch manchem Gesundheit und Leben kosteten. Zwar
vereinigte sich unsre Artillerie am 23. April, nach dieser Seite hin, zu
einer neuen lebhaften Anstrengung, die Einscherung der dortigen
Gebude, die uns so viel Herzeleid machten, zu vollenden: aber es war
nicht zu bewerkstelligen; und dies schlug den Mut der Menge merklich
nieder. Die Geringschtzung gegen unsern unfhigen Kommandanten ging
allmhlich in wirklichen Ha und Feindseligkeit ber, und das nur um so
mehr, da es so manchen wrdigen Offizier unter der Besatzung gab, der
das Herz auf dem rechten Fleck und viel Einsicht und berlegung hatte,
aber sein Licht unter den Scheffel stellen mute. Ich nenne hier nur den
Ingenieurleutnant Wolf, der spter nach Glogau versetzt wurde, den
Platzmajor Zimmermann, jetzt Kommandant von Wolgast, und den in seinem
Fache beraus geschickten und ttigen Artillerieleutnant Post, jetzigen
Major und Postmeister in Treptow. Sie alle, und nicht wenige andre mit
ihnen, taten, was in ihren Krften stand und was Loucadous Eigensinn und
Dnkel ihnen nur irgend gestattete.

       *       *       *       *       *

Desto sehnschtiger waren meine Hoffnungen auf Memel gerichtet: denn in
meiner Seele lebte ein unberwindliches Vertrauen, da der Klageschrei,
den ich bereits vor einem Monat dahin hatte ertnen lassen, das Ohr des
Knigs erreicht haben werde. Unsre Verbindung nach jenem Platze hin war
nun nach und nach immer lebendiger geworden. Der Kaufmann Schrder hatte
vier oder fnf Schiffe, gro und klein, von zweihundertachtzig bis
sechzig Last, in unserm Hafen mig liegen, und diese waren nunmehr und
spterhin unaufhrlich zwischen Kolberg und Memel unterwegs; bald mit
Kriegsgefangenen, deren wir uns dorthin entledigten, bald auch wohl nur
mit einem einzigen Briefe, wenn es eine besonders wichtige Angelegenheit
betraf. Fr eine jede solche Fahrt, die jezuweilen, bei gnstigem Winde,
in fnf bis sechs Tagen hin und zurck getan wurde, ward dem Eigentmer
die Last mit acht bis neun Talern bezahlt und Proviant fr drei Wochen
unentgeltlich mitgegeben. Es wurden auf solche Weise zweiundsiebzigtausend
Taler verdient.

Und nun rckten allmhlich auch unsre Wnsche der Erfllung immer nher.
Am 26. April erschienen zwei jener Schiffe auf der Reede, welche das
zweite pommersche Reservebataillon, siebenhundert Kpfe stark, in Memel
eingeschifft hatten und unsrer Besatzung als willkommene Verstrkung
zufhrten. Unser war also keineswegs vergessen worden, sondern es
geschah zur Hilfe fr unser Bedrngnis, was die Not des Augenblicks
zulie. Als die Truppen des nchsten Tages ans Land gesetzt wurden,
erschien auch von der andern Seite her ein Schiff von Schwedisch-Pommern
mit einer guten Anzahl Ranzionierter, welche der dorthin abgeschickte
Hauptmann v. Blow in Stralsund gesammelt und organisiert hatte. Und
wahrlich! solcher ermunternden Erscheinungen bedurften wir auch in
diesem Augenblicke mehr als jemals, da eben kurz zuvor (den 25. April)
die sichere Kunde bei uns eingegangen war, da das lngst erwartete
schwere Belagerungsgeschtz im feindlichen Lager eingetroffen sei. Jetzt
erst drohte also der Kampf um Kolbergs Besitz seinen vollen Ernst zu
gewinnen!

Diesen Ernst zeigten die Franzosen ihrerseits sofort am 29. April auch
dadurch, da sie unter dem Schutze der Hohen-Bergschanze, halben Weges
von dort gegen die Stadt, eine Schanze aufwarfen, und ebenso eine
zweite, in der Richtung von Bullenwinkel her, zu errichten begannen. Sie
in dieser Nhe zu dulden, wre hochgefhrlich gewesen; allein es schien
nicht, als ob unser, nach beiden Punkten hin gerichtetes Geschtz die
Arbeiten sonderlich hinderte. Da nun zu jeder krftigeren Maregel
Loucadou der Mann nicht war, und ich auch mir mit ihm nichts zu schaffen
machen wollte, so eilte ich, den Vizekommandanten aufzusuchen und ihm
meine neuen Besorgnisse ans Herz zu legen.

In der Stadt fand ich meinen Mann nicht, aber es wurde mir gesagt, er
befinde sich wegen eines von Danzig angekommenen Schiffes am Hafen, und
ich war im Begriff, ihm dahin zu folgen, als er mir bereits auf der
Brcke des Mnder-Tores begegnete. Neben ihm ging ein Mann, den ich
nicht kannte, und der mit dem Schiffe gekommen zu sein schien. Dieser
Fremde, ein junger rstiger Mann von edler Haltung, gefiel mir auf den
ersten Blick, ohne da ich wute warum? Da indes mein Anbringen an den
Vizekommandanten eilig war, zog ich ihn bei der Hand etwas abwrts, um
es ihm, des fremden Mannes wegen, ins Ohr zu flstern. Waldenfels aber
lchelte zu meiner Vorsicht und sagte: Kommen Sie nur, in meinem
Quartier wird ein bequemerer Ort dazu sein.

Als wir dort angekommen und unter sechs Augen waren, wandte sich der
Hauptmann zu mir mit den Worten: Freuen Sie sich, alter Freund! Dieser
Herr hier -- Major von Gneisenau -- ist der neue Kommandant, den uns der
Knig geschickt hat; -- und zu seinem Gaste: Dies ist der alte
Nettelbeck! -- Ein freudiges Erschrecken fuhr mir durch alle Glieder
und die Trnen strzten mir aus den alten Augen. Zugleich zitterten mir
die Knie, ich fiel vor unserm neuen Schutzgeiste nieder, umklammerte ihn
und rief aus: Ich bitte Sie um Gotteswillen, verlassen Sie uns nicht;
_wir_ wollen Sie auch nicht verlassen, solange wir noch einen warmen
Blutstropfen in uns haben, sollten auch all unsre Huser zu Schutthaufen
werden! So denke ich nicht allein, in uns allen lebt nur ein Sinn und
Gedanke: Die Stadt darf und soll dem Feinde nicht bergeben werden!

Der Kommandant hob mich freundlich auf und trstete mich: Nein, Kinder!
Ich werde euch nicht verlassen. Gott wird uns helfen! -- Und nun wurden
sofort einige Angelegenheiten besprochen, die wesentlich zur Sache
gehrten, und wobei sich sofort der helle umfassende Blick unsres neuen
Befehlshabers zutage legte, so da mein Herz in Freude und Jubel
schwamm. Dann wandte er sich zu mir und sagte: Noch kennt mich hier
niemand. Sie gehen mit mir auf die Wlle, da ich mich etwas
orientiere. -- Das geschah. Ich fhrte ihn auf dem Wall und den
Bastionen herum und zeigte ihm von hier aus die feindlichen Stellungen
und Schanzen. Was auf den Wllen war und vorging, sah er selbst. Zuletzt
kamen wir auch an die Inundationsschleuse. Ich zeigte ihm den ganzen
Zusammenhang und Umfang dieser Einrichtung, und wieviel dadurch noch fr
die Sicherstellung des Platzes geschehen knne: denn was bis jetzt
dadurch bewirkt worden, war meist heimlich von mir geschehen, weil der
Einspruch der Grundeigentmer bisher nicht zu besiegen gewesen war.
Jetzt aber sah ich mir freiere Hand gegeben, und ward sogar frmlich
beauftragt, mich dieses Geschfts mit besonderer Sorgfalt anzunehmen.

Gleich des nchsten Tages stellte der neue Kommandant sich selbst, auf
der Bastion Preuen, der Garnison als ihren jetzigen Anfhrer vor, und
diese Feierlichkeit begleitete er mit einer Anrede, die so eindrucksvoll
und rhrend war, wie wenn ein guter Vater mit seinen lieben Kindern
sprche. Alles ward auch dadurch dergestalt erschttert, da die alten
brtigen Krieger wie die Kinder weinten und mit schluchzender Stimme
ausriefen: Sie wollten mit ihm fr Knig und Vaterland leben und
sterben. Darauf machte er sie mit den Grundstzen bekannt, nach welchen
er sie befehligen werde, wessen sie sich von ihm zu versehen htten, und
was er von ihnen erwarte. Tausend Stimmen jauchzten ihm im freudigen
Tumult entgegen.

Am 1. Mai lie er sich zunchst die Zivilbehrden und
Brgerreprsentanten vorstellen, hielt auch an uns eine nachdrucksvolle
Rede, worin er uns verschiedene zweckmige Anordnungen vorschlug, und
wodurch ihm aller Herzen so gewonnen wurden, da sie begeistert und mit
Handschlag erklrten, sie wollten Leben und Vermgen willig in seine
Hnde legen. -- Und frwahr, ein neues Leben und ein neuer Geist kam
nunmehr, wie vom Himmel herab, in alles, was um und mit uns vorging.

In welcherlei Weise das erste Zusammentreffen des alten und des neuen
Kommandanten stattgefunden, davon konnte freilich im Publikum nichts
Gewisses verlauten, nur lie sich voraussetzen, da der edle Sinn des
Neuangekommenen seinem Vorgnger jedes unangenehme Gefhl, das in dieser
Vernderung lag, nach Mglichkeit erspart haben werde. Zwar wohnte er
die ersten paar Tage noch mit Loucadou in dem nmlichen Hause, aber ohne
weitere Gemeinschaft mit ihm zu pflegen. Auch blieb letzterer noch die
ganze Zeit der Belagerung hindurch in Kolberg; doch ohne weiter
ffentlich zum Vorschein zu kommen, und die Sptter meinten, er habe
diese Zeit benutzt, um nun ruhig auszuschlafen. Des Knigs Gnade hatte
ihn brigens seines Dienstes mit dem Charakter als Generalmajor und mit
einer hinlnglichen Pension entlassen. Er setzte sich alsdann in Kslin
zur Ruhe und ist dort einige Jahre nachher gestorben.

       *       *       *       *       *

Da der Feind fortfuhr, an der neuen Schanze am Sandwege mit
angestrengtem Eifer zu arbeiten, so hatte unser neuer Kommandant gleich
in der nchsten Nacht einen Ausfall gegen diese angeordnet, der von
einem Trupp Grenadiere und Jger, etwa hundert Mann stark, in
mglichster Stille, von der Lauenburger Vorstadt aus, unternommen wurde.
Ich schlo mich dem Zuge mit zwei in der Vorstadt aufgegriffenen Wagen
an, um erforderlichenfalls unsre Toten und Verwundeten aufnehmen zu
knnen. Die berrumpelung erfolgte mit geflltem Bajonett im
Sturmschritt, und es lag nur daran, da die Schanze noch nicht
geschlossen war, wenn es der darin befindlichen Besatzung gelang, bis
auf wenige Gefangene, zu entkommen. Wir selbst hatten ebensowenig
Verlust, erbeuteten aber vieles Arbeitszeug, welches, nachdem es dazu
benutzt worden, um den Aufwurf mglichst wieder zu zerstren, auf meine
Wagen geladen und in die Festung geschafft wurde.

Unter unsern Gefangenen befand sich ein Mensch, den anfnglich niemand
in seinem vernderten Rocke erkannte, bis ich mich endlich auf seine
Gesichtszge besann. Es war der nmliche Unteroffizier Reischard, der
vor etwa sechs Wochen, als eines heimlichen Einverstndnisses hchst
verdchtig, zum Feinde bergelaufen war. Ich mu gestehen, da mir wegen
dieses ehrlosen Buben seither nicht wenig bange gewesen war. Er kannte
jeden Zugang zu unsrer Festung und verstand einiges vom
Fortifikationswesen, daher er nicht nur bei uns zu dergleichen Arbeiten
gebraucht worden war, sondern auch, als besonders ortskundig, jetzt bei
den Franzosen die Aufsicht bei Erbauung dieser Schanze am Sandwege
gefhrt hatte.

Der pltzliche Anblick des Verrters setzte mich in Wut. Ich schrie den
Grenadieren zu, sie sollten den Schndlichen wie einen tollen Hund
niederstoen, und erzrnte mich noch heftiger, als sie mir dies
verweigerten, weil sie ihm einmal Pardon gegeben. Jetzt wollte ich
selbst ihm ans Leben, und griff hier und dort hin nach einem Bajonett,
das mir aber mit Glimpf vorenthalten wurde. Ich mute es mit ansehen,
da man ihn lebendig zur Stadt brachte. Je unwerter er mir aber
erschien, da ihn die Erde trge, desto eifriger waren nun auch meine
Vorstellungen bei dem Kommandanten, dem Bsewichte seinen verdienten
Lohn am Galgen auszuwirken und ihn zu einem abschreckenden Beispiele fr
alle seinesgleichen zu machen. Allein auch hier berwog das menschliche
Gefhl die strenge Gerechtigkeit. Von einem mitleidigeren Gesichtspunkte
ausgehend, begngte sich sein edler Richter, ihn zur Kettenstrafe und
Aufbewahrung im Stockhause zu verurteilen. Dort blieb er noch vier oder
fnf Jahre gefangen, worauf man ihn lausen lie; und noch diese Stunde
bettelt er in der Gegend umher.

       *       *       *       *       *

Je enger die Stadt seither eingeschlossen worden, um so weniger blieb
auch der Kavallerie des Schillschen Korps der erforderliche Spielraum,
sich mit der sonst gewohnten Ttigkeit zu tummeln. Loucadou, dem
berhaupt das ganze Korps ein Dorn im Auge war, hatte schon frher auf
die Entfernung jener Reiterei, nach Schills Abzuge, gedrungen; und diese
hatte auch einen Versuch gemacht, sich nach Preuen durchzuschlagen. Da
jedoch alle Mglichkeit dazu verschwand, war sie aus der Gegend von
Stolpe wieder nach Kolberg zurckgekehrt und zehrte sich nun in sich
selber auf. So fand es denn Gneisenau am angemessensten, den Rest dieses
Korps, der etwa noch 130 Mann betrug, zu Schiff nach Schwedisch-Pommern
berfhren zu lassen, wo es aufs neue in Wirksamkeit treten konnte. Die
nmlichen hheren Befehle, welche ihn dazu bestimmten, hatten auch den
Abzug der brigen Schillschen Truppen angeordnet; allein der Kommandant
selbst sowohl, als die Brgerschaft, hatten sich zu lebendig von ihrem
Nutzen berzeugt, um nicht gegen diese neue Bestimmung gemeinschaftlich
einzukommen. Sie blieben also noch und behaupteten ihren Posten nach wie
vor in der Maikuhle. Ohnehin hatten die Operationen des schwedischen
Korps in Vorpommern seither eine minder gnstige Wendung genommen.
Anstatt ber Swinemnde und Wollin unsern Belagerern in den Rcken zu
fallen und uns Luft zu machen, waren diese unsre Verbndeten wieder bis
unter die Kanonen von Stralsund zurckgedrngt worden, und wir sahen
nunmehr jede in sie gesetzte Hoffnung verschwunden.

       *       *       *       *       *

Als einiger Ersatz jedoch fr diese schmerzlich empfundene Vereitelung
erschien in diesen Tagen eine schwedische Fregatte von sechsundvierzig
Kanonen, der Fhrmann genannt, und legte sich auf unsrer Reede vor
Anker. Sie war angewiesen, uns in unsrer Verteidigung von der Seeseite
zu untersttzen. Dies tat sie in der Folge auch wirklich, indem sie die
Arbeiten des Feindes an der Ostseite in seiner rechten Flanke
beunruhigte und aufhielt. Sie wrde dies wirksamer vermocht haben, wenn
entweder der Wind zu allen Zeiten ermglicht htte, sich dem Strande
genugsam zu nhern, oder wenn ihr Feuer weiter landeinwrts getragen
htte. berhaupt war sie zu gro und ging zu tief, um an dieser Kste
von gleichem Nutzen zu sein, wie eine ungleich kleinere englische Brigg
von achtzehn Kanonen, die sich ihr nach einiger Zeit zugesellte und mit
ihr gemeinschaftlich manvrierte.

Anderweitige dankenswerte Hilfe kam uns am 7. Mai durch ein Schiff von
Knigsberg, welches uns das dritte neumrkische Reservebataillon, zur
Ergnzung der Besatzungstruppen, herbeifhrte, sowie schon kurz zuvor
vierhundertsechzig Ranzionierte, die in Vorpommern wieder bewaffnet
worden, auf schwedischen Schiffen anlangten. Die Garnison wurde durch
dies alles auf eine Zahl von sechstausend dienstfhigen Kpfen gebracht,
und hat auch diesen Belauf nie berschritten; wogegen mit Sicherheit
anzunehmen ist, da gegen das Ende der Belagerung zwanzig- bis
vierundzwanzigtausend Franzosen vor unserm Platze unter den Waffen
standen. Die Desertion unter unsern Truppen war im ganzen gering; nur im
Anfange gingen besonders mehrere Polen zum Feinde ber. Dagegen fanden
sich wenigstens ebensoviele, wenn nicht noch mehr Ausreier, zumal von
den deutschen Bundestruppen, bei unsern Vorposten ein.

       *       *       *       *       *

Zunchst beschrnkten sich fortan die Feindseligkeiten auf
Vorpostengefechte und auf einzelne Granatenwrfe, besonders von der
Altstadt her. Noch am 7. Mai zndete eine der letzteren in einem Hause,
auf dessen Hofe wir eine Batterie gegen jene Vorstadt errichtet hatten.
Es ging dadurch das erste whrend dieser Belagerung durch feindliches
Geschtz verursachte Feuer auf, das unsre recht guten Lschanstalten
dennoch erst zu unterdrcken vermochten, nachdem es noch einige
Hintergebude ergriffen und verzehrt hatte. Sobald der Feind die Wirkung
jenes Wurfes bemerkte, unterlie er nicht, zur Verhinderung des
Lschens, immer noch mehr Schsse nach diesem Punkte zu richten, so da
bis spt in die Nacht vierundachtzig geworfene und geplatzte Granaten
gezhlt wurden. Unsre Artillerie beantwortete sie mit einer mehr als
doppelten Anzahl von Schssen. Am 15. Mai gelangte die schwedische
Fregatte zum erstenmal zu einiger Ttigkeit, indem sie dem Feinde, der
sich nrdlich am Stadtwalde zeigte, zweiundvierzig Kugeln zuschickte.

Da indes die Unttigkeit der Belagerer nur scheinbar war und neue
wichtigere Entwrfe von ihnen vorbereitet wurden, ging genugsam aus den
lebhaften Bewegungen hervor, welche von Zeit zu Zeit in ihren Stellungen
bemerkt wurden. Das Hauptquartier des Generals Teulli, welcher nach dem
Abgange des Marschalls Mortier zur groen Armee den Oberbefehl wieder
bernahm, war nher von Zernin nach Tramm verlegt worden, wohin groe
Zge beladener Wagen von Treptow ihre Richtung nahmen. Faschinen wurden
nach allen Seiten hin gefahren; man erblickte hufig die feindlichen
Offiziere auf Rekognoszierungen begriffen, und von Tramm aus ward
Geschtz von groem Kaliber in die Verschanzungen gefhrt.

Um diese Bewegungen noch genauer zu beobachten, verlangte der Kommandant
einen Brger, der des Terrains um die Stadt vollkommen kundig wre und
auch einige militrische Kenntnisse bese, und hatte die Absicht,
denselben auf den groen Kirchturm zu postieren. Ich schlug hierzu den
Brauer Roland vor, welcher sich auch gern willig finden lie und von
seinen gemachten Bemerkungen, nach Erfordernis, Bericht abstattete;
whrend der Schiffer Busch es bernahm, von dort aus ein gleich
wachsames Auge auf den Hafen und die See zu haben und gleichfalls
Meldungen zu machen. Zu dem Ende brachte ich an dem Turme eine Winde mit
einem Kstchen an, worin Fragen und Antworten auf und nieder befrdert
wurden, und eine Schildwache unten erhielt die Maschine im Gange. Bald
blieb dieser Posten nicht ohne Gefahr, da der Feind jene Spher gewahr
geworden war und nun hufig die Turmspitze zum Zielpunkte seiner
Artillerie machte.

Endlich am 17. Mai geschahen von der Schanze auf dem Hohen-Berge die
ersten sieben Probeschsse aus dem dort aufgefhrten schweren
Wurfgeschtze. Trotz der ansehnlichen Entfernung verfehlten diese Bomben
ihres Zieles nicht, denn eine derselben ttete einen Grenadier mitten in
der Stadt vor der Hauptwache. Die Wirksamkeit des nunmehr zu erwartenden
Bombardements stand uns also klar vor Augen.

Allein Schlimmeres noch, als wir ahnten, stand uns von des Feindes
Ttigkeit bereits in der nchsten Nacht auf den 18. Mai bevor, indem er
die Schanze auf dem Wolfsberge berfiel und strmte. Die Gegenwehr der
Unsrigen, so brav sie war, blieb dennoch der berzahl und dem
wohlgeleiteten Angriffe nicht gewachsen. Ein Teil fiel, ein Teil ward
gefangen und das Auenwerk ging verloren! Auf jede Weise aber war
dieser Verlust zu bedeutend und der Nachteil, wenn ein so wichtiger
Punkt in Feindes Hnden bleiben sollte, zu empfindlich, als da unser
Kommandant nicht schnell und mit Anstrengung jeder Kraft darauf gesonnen
htte, sich wiederum Meister davon zu machen. Die grere Hlfte der
Besatzung ward aufgeboten, in Kolonnen gebildet und zum Angriffe
gefhrt. Einem solchen Anfalle widerstanden die Franzosen ebensowenig.
Die Schanze kam wieder in unsre Hnde. Gewi war der feindliche Verlust
an Toten und Verwundeten nicht geringer als der unsrige, der sich auf
hundertsechzig Mann belief. Fortan aber ward dieser so blutig behauptete
Posten mit dreihundert Grenadieren und sechs Kanonen besetzt.

Warum die Belagerer jenen berfall versucht hatten, offenbarte sich
gleich am nchsten Tage, wo sie anfingen, einen Damm vor dem Stadtwalde
aufzuwerfen, der sie durch die Smpfe hindurch der Festung nher fhren
sollte. Sie hatten gefrchtet, da ihnen bei dieser Arbeit das Feuer der
Wolfsschanze in der Seite sehr lstig werden knnte, wie denn dies heute
auch wirklich geschah. Zwar versuchten sie unser Geschtz durch eine
Menge Granaten zum Schweigen zu bringen; allein die Entfernung war nicht
gut berechnet, indem diese Granaten schon halben Weges niederfielen und
zerplatzten.

       *       *       *       *       *

Am 19. Mai geleitete jene englische Brigg, deren bereits Erwhnung
geschehen, drei Schiffe ihrer Nation in unsern Hafen, deren Erscheinung
wir schon lngst mit heier Sehnsucht erwarteten. Es war strmisches
Wetter, als ihre Segel am Horizonte sichtbar wurden. Sie kreuzten hin
und wieder und taten verschiedene Signalschsse, ebensowohl um die
ntigen Lotsen zu erlangen, als um zu erfahren, ob sie mit Sicherheit in
den Hafen einlaufen, oder wo sie sonst vor Anker gehen knnten. Diese
Signalschsse hrte ich in der Stadt, warf mich zu Pferde und eilte nach
der Mnde, um zu erfahren, was vorginge. Dort fand ich bereits Hunderte
von Menschen, welche zusammengelaufen waren, sich an dem willkommenen
Anblicke zu ergtzen.

Gut und schn, Kinder, da sie endlich da sind, erwiderte ich einigen,
die am lautesten jubelten. Allein woran liegt's, da die Lotsen noch
nicht in See sind, sie hier vor Anker zu bringen? Einige Schiffer,
denen ich diese Frage zunchst wiederholte, zuckten die Schultern,
wiesen auf die hohe See und die schumende Brandung hinaus, und
versicherten: es sei nicht mglich, da ein Boot sich in solchem Wetter
hinauswagen knnte. Mglich oder nicht! rief ich mit Feuer. Es mu
versucht werden! Allein ich sehe auch nicht einmal, da das Ding so gar
halsbrechend wre. Ich will selbst hinfahren. Zugleich drang ich in
einen Kreis von Seefahrern ein, die mir zur Linken standen; ergriff die
ersten Besten an den Hnden und sagte: Ich wei, da ihr brave Kerls
seid -- kommt, wir wollen zu den Englndern an Bord!

Wirklich auch schpften einige gleich Mut. Wir eilten nach dem
Lotsenboote und stiegen ein. Indem ich mich so selbst besah, nahm ich
wahr, da ich nur mit einer kurzen Reitjacke bekleidet war, und wnschte
etwas Tchtigeres auf den Leib zu ziehen. Neben mir stand der
Superintendent Baarz, mit einem berrocke angetan. Den bat ich, mir
damit auszuhelfen. Er warf ihn mir freudig zu; ich trat ans Steuer, und
wir schaukelten uns gleich darauf auf den Wellen, die es freilich etwas
unfreundlich mit uns meinten. Dennoch kamen wir wohlbehalten von einem
Schiffe zum andern; erteilten jede ntige Auskunft, brachten die Brigg
vor dem Hafen zu Anker und die Konvoi vollends hinein in Sicherheit. Das
getan, lie ich mir von ihnen allen ein Verzeichnis ihrer mitgebrachten
Ladung behndigen und sprengte im Fluge nach der Stadt zurck, dem
Kommandanten meinen freudigen Bericht zu erstatten.

Diese Ladungen waren ein Geschenk der englischen Regierung fr die
dringendsten Bedrfnisse der Festung, und eine Wirkung der unermdlichen
Begebungen, womit der brave Schill, auch aus der Ferne, fr unsre
Erhaltung sorgte. Er hatte nmlich schon in frherer Zeit einen seiner
Offiziere nach London abgeschickt, um die englische Nation um so
mancherlei, was uns zur Verteidigung fehlte, anzusprechen. Diese
Anforderungen an die britische Gromut blieben um so weniger unbeachtet,
als es die Bekmpfung des gemeinschaftlichen Feindes galt. In
schnellster Eile, wie es die Umstnde erheischten, ward daher durch
Absendung jener Schiffe fr uns gesorgt, indem sie uns Kriegsbedrfnisse
der mannigfaltigsten Art, Munition und Montierungen zufhrten.

Whrend nun die Belagerer, insonderheit in der Gegend des Wolfsberges,
die Errichtung von Dmmen und Schanzen fortsetzten, benutzte sogleich am
20. Mai die angekommene englische Brigg, in Verbindung mit der
schwedischen Fregatte, eine gnstige Witterung, um sich ihnen am
Oststrande gegenberzulegen und sie dort mit Heftigkeit zu beschieen.
Ein Gleiches geschah unter hnlichen Umstnden auch am 26., und vom
Turme herab lie sich deutlich wahrnehmen, wie mrderisch ihr Geschtz
gewirkt haben mute, da eine Menge Toter und Verwundeter hinweggetragen
oder gefahren wurde.

       *       *       *       *       *

Des Feindes bewundernswrdige Ttigkeit hatte am Ende des Maimonats, an
der Ost- wie an der Westseite der Festung -- _dort_ bis hart an den
Strand, um sich gegen die Angriffe von der Seeseite besser zu schtzen,
_hier_ bis ber Sellnow hinaus -- in einem groen Halbmonde umher nicht
weniger als fnfundzwanzig groe und kleine Schanzen, Batterien und
Fleschen zustande gebracht und untereinander in Verbindung gesetzt;
hatte knstliche Dmme auf mehr als einem Punkte begonnen und die
Laufgrben an verschiedenen Orten, zunchst aber gegen die
Wolfsbergschanze, erffnet.

Unserseits bot man die grte Wachsamkeit auf, unsern Gegnern jeden
kleinen Vorteil, um den sie rangen, aufs hartnckigste streitig zu
machen. Die berschwemmungen wurden nach und nach in ihrem weitesten
Umfange ins Werk gerichtet, und dienten trefflich dazu, uns den Feind in
einer ehrerbietigen Ferne zu halten und die Fortfhrung seiner
Laufgrben, wenn er sie nicht voll Wasser haben wollte, zu zgeln.
Fragte mich der Kommandant: Wie steht's, Nettelbeck? Knnen wir nicht
_noch_ einen halben Fu hher stauen? so fehlte es nicht an einem
bereitwilligen: Ei nun, wir wollen sehen! und ich sorgte und knstelte
so lange, bis ich den Wasserstand noch um so viel hher brachte. Die
meiste Not machte mir der Mller Fischer, der stets mehr Wasser
verbrauchte, als mir lieb war, bis ich mich endlich gentigt sah, ihm
vier starke eiserne Bolzen ber den Aufzugsschtzen in solcher Hhe
einzuschlagen, als ihm ohne Nachteil fr die Inundationen eingerumt
werden konnte.

Noch zwar konnte die fast tgliche und oft ziemlich lebhafte Beschieung
der Stadt fr kein eigentliches Bombardement gelten, aber doch fhrte
sie den Ruin gar vieler Huser herbei und die Beispiele von aufgehenden
Brandflammen, sowie von verunglckten oder entsetzlich verstmmelten
Menschen in Husern und auf den Gassen wurden immer hufiger. Man durfte
sich nirgends mehr in den Wohnungen und im Freien fr ganz sicher
halten; und je mehr Gebude durch Bomben und Granaten unwohnlich gemacht
worden waren, um so hher stieg auch die Zahl der Unglcklichen, denen
es an Obdach, wie an Mitteln zum Unterhalte fehlte. Schon zu Anfang
April hatte Loucadou einige, wiewohl unzureichende Veranstaltungen
getroffen, eine Anzahl unntzer Menschen, Arme und die fr ihren
Unterhalt auf keine Weise sorgen konnten, aus der Festung und auf Booten
nach Rgenwalde zu schaffen; aber noch immer waren viel zu viel Leute
dieser Art vorhanden, die dem Ganzen zur Last fielen und denen des
Kommandanten Menschenfreundlichkeit ihr unglckliches Los durch eine
gezwungene Auswanderung nicht noch mehr erschweren mochte.

Diese bedauernswerten Menschen irrten nun hufig in den Straen umher,
whrend die feindlichen Kugeln immerdar ber ihren Kpfen wegzogen, und
alte Mnner und Frauen, Kinder, Verlassene und Kranke fllten die Luft
mit ihrem Geschrei und Wimmern. Mich jammerte dies Elend, und ich ging
zu Gneisenau, ihn aufmerksam darauf zu machen. Mein Vorschlag zu
einstweiliger Unterbringung dieses Menschenhufleins fand auch sofort
das freundlichste Gehr. Es gab nmlich eine Kasematte unter dem Walle,
links des Stockhauses, worin zwar einige Gefangene aufbehalten wurden,
die aber leicht im Stockhause selbst untergebracht werden konnten. Froh
ber die Erlaubnis, meine irrenden Schflein in diese sichere Zuflucht
einweisen zu drfen, mute ich nun zunchst bemht sein, diesen
Aufenthalt von einem mit nichts zu vergleichenden Schmutz zu subern und
zu einem ertrglich gesunden Wohnorte fr Menschen wieder herzustellen.
Dies geschah, indem ich die feuerfeste Kasematte mit zwei Schock Stroh
anfllen und dieses anznden lie, so da Wnde und Gewlbe rein
ausgeglht wurden und die dumpfe Feuchtigkeit sich verzehrte. In diese
schwarze Hhle konnten nunmehr gegen zweihundert Heimlose aller Art und
Geschlechts einquartiert werden; und bis zum Ende der Belagerung
begehrte auch kein einziger von dannen zu weichen.

       *       *       *       *       *

Eine andre Not tat sich uns auf in dem Mangel klingender Scheidemnze,
wodurch der tgliche Verkehr, besonders des gemeinen Soldaten mit der
Brgerschaft, sehr erschwert und die regelmige Zahlung der Lhnungen
beinahe unmglich gemacht wurde. Das Gouvernement, nachdem es die Brger
vergeblich zu einer baren Anleihe aufgefordert (wozu zwar die Armen ihr
Scherflein willig darbrachten, whrend die groen Kapitalisten dermalen
nicht zu Hause waren), dachte auf einige Abhilfe durch Einfhrung einer
eignen Not- und Belagerungsmnze, wozu das Metall einer zersprungenen
groen metallenen Kanone angewandt werden sollte. Allein es verstand
sich niemand in der Stadt aufs Prgen, und es war auch nicht die
geringste Vorrichtung dazu vorhanden. Da erinnerte ich mich, da ich
vormals im hollndischen Amerika eine Art von Papiergeld, zur
Erleichterung des kleinen Verkehrs unter den Pflanzern, im Gange
gefunden hatte; und ich fand es zweckmig, die Einfhrung hnlicher,
obrigkeitlich gestempelter Mnzzettel zu einem bestimmten Werte zu
empfehlen. Der Vorschlag wurde beachtet und durch eine aus
Seglerhaus-Verwandten und Brger-Reprsentanten zusammengesetzte
Kommission wirklich ausgefhrt. Die Billets, von zwei, vier und acht
Groschen im Werte, und auf der Rckseite durch den Stempel des
kniglichen Gouvernementssiegels autorisiert, fanden willigen Eingang,
wurden in der Folge eingelst und viele, als Denkzeichen der
berstandenen Drangsale, innebehalten oder, selbst ber ihren Nennwert,
als Seltenheiten an zu uns hereingekommene schsische Offiziere und
andre Fremde verkauft.

Vom 5. Juni an ward es immer unverkennbarer, da dem Wolfsberge ein
regelmiger Angriff drohte, indem die feindlichen Laufgrben sich
diesem Auenwerke allnchtlich mehr zu nhern suchten. Schon mit dem
Abend dieses Tages begann diese fortgesetzte Arbeit mit einem solchen
Eifer, da unserseits die volle Kraft aufgeboten werden mute, dies
Vorrcken zu verhindern. Es kam daher von allen Werken und Schanzen im
Bereich jenes Postens zu einer gegenseitigen Kanonade, welche die ganze
Nacht durch anhielt, strker war, als wir sie in aller Zeit bisher
gehrt hatten, und sowohl uns als dem Feinde viele Menschen kostete.

Dennoch schien man franzsischerseits nur die Vollendung einer neuen,
uns ziemlich auf den Leib gerckten Batterie am sogenannten Hasenwied
erwartet zu haben (welche, trotz dem schrecklichsten Regenwetter, am 10.
Juni zustandekam), als auch sofort in aller Frhe des nchsten Morgens
das gefrchtete Ungewitter gegen die Wolfsschanze wirklich losbrach. In
Zeit von einer Stunde zhlte man dreihunderteinundsechzig Schsse, die
gegen diesen einzigen Punkt gerichtet waren. Dann aber begannen auch
alle brigen Batterien der Reihe nach, bis zur Altstadt hinauf, ein
mrderisches Kanonen- und Bombenfeuer gegen die Stadt und ihre Wlle
auszusprhen. berall regnete es Kugeln und Granaten; Schaden und
Unglck waren betrchtlich. Dreimal schlug das Feuer vormittags und
einmal nachmittags in lichten Flammen bei uns auf, die jedoch immer bald
wieder unterdrckt wurden. Bei diesem Ernste des Feindes wurden denn
auch neue Maregeln der Vorsicht ntig, und durch Trommelschlag erging
der Befehl an die Hausbesitzer, vor den Tren und auf den Bden gefllte
Wasserfsser zum Lschen bereit zu halten.

Indem nun die Belagerer uns auf solche Weise zu tun gaben, erreichten
sie ihre Absicht, uns, wiewohl wir unaufhrlich mit Kanonenkugeln in
ihre Kolonnen schossen, eine krftigere Untersttzung der Wolfsschanze
zu wehren. Die Besatzung mute ihrer eignen Tapferkeit und dem freilich
nicht zureichenden Schutze der schwedischen Fregatte, welche sich dem
Strande wieder nhergelegt hatte, berlassen bleiben. Bis um fnf Uhr
nachmittags hielt sie sich mit rhmlicher Entschlossenheit, dann aber
waren ihre Verteidigungsmittel erschpft, und mit harter Betrbnis sahen
wir sie die weie Fahne aufstecken, nachdem bereits eine starke Bresche
geschossen worden und der Ausgang eines Sturmes nicht mehr zweifelhaft
war. Ein fnfzehnstndiger Waffenstillstand und demnchst eine
Kapitulation fr dies Werk ward abgeschlossen, vermge deren dasselbe
dem Feinde eingerumt werden sollte, die preuische Besatzung aber,
zusamt ihrem Geschtze, freien Abzug in die Festung erhielt.

       *       *       *       *       *

Der Verlust dieses Postens konnte von entscheidenden Folgen fr unser
Schicksal werden, weshalb der Kommandant fr notwendig hielt,
schleunigst Bericht an den Knig zu erstatten. Der Schiffer Stechow lag
eben auf der Reede zum Absegeln nach Memel fertig, und ich erhielt den
Auftrag, seine Abfahrt so lange zu verzgern, bis die neuen Depeschen
fr ihn fertig geworden. Als ich mich eben auf dem Rckwege zur Stadt
befand, erhob sich mir zur Seite pltzlich ein furchtbares Kanonen- und
Bombenfeuer von unsern Wllen herab, das smtlich gegen die kaum
verlassene Wolfsschanze gerichtet war, und wenige Minuten spter ward es
auch aus den feindlichen Werken jener Gegend mit einem Ungestm
erwidert, da mir Hren und Sehen verging und ich mich wacker zu sputen
hatte, um nicht in die Schulinie zu geraten. Der Erdboden unter mir
bebte und die Schsse fielen mit einer Schnelle, da sie kaum mehr zu
zhlen waren.

Was konnte dies zu bedeuten haben? War doch bis zum nchsten Morgen ein
Waffenstillstand in Kraft! -- Doch eben _diesen_ hatte der Feind, wie ich
nun erst vom Kommandanten erfuhr, gebrochen, indem er die Ausbesserung
der eroberten Schanze begonnen und darin durch unser Geschtz hatte
gestrt werden mssen. Mich selbst erwartete daheim ein unlieblicher
Anblick. Eine Bombe war in der Nhe meines Hauses niedergefahren und
beim Zerspringen derselben nicht nur meine Haustr in Trmmer gegangen,
sondern auch dicht dahinter auf der Flur eine Bauersfrau gettet worden.

Indes fuhren die Belagerer fort, sich in der Wolfsschanze immer fester
zu setzen, ja sie gnzlich umzuwandeln und Schiescharten nach unsrer
Seite hin zu erffnen, whrend sie sich auch andrer Orten in ihren
Schanzarbeiten nicht minder fleiig erwiesen. Sie untersttzten diese
Operationen durch ein anhaltendes Feuer auf unsre Wlle, die denn auch
nicht sumig waren, diese Gre nach Krften zu erwidern.

Was wir an Kanonen und Mrsern besaen, war reiner Ausschu und das
Eisen von einer so sprden Gumasse, da gewhnlich nach neun oder zehn
schnellen Schssen das Springen des Stckes befrchtet werden mute.
Wirklich traf nur zu viele derselben dies Schicksal, welches zugleich
einer greren Menge von Artilleristen auf den Wllen das Leben kostete,
als durch feindliche Kugeln hingerafft wurden.

       *       *       *       *       *

Wenn aber der zunehmende Mangel an brauchbaren Stcken uns mit banger
Sorge erfllte, so mag man sich unsre freudige berraschung vorstellen,
als am 14. Juni die Meldung einging, da ein englisches Schiff sich der
Reede nhere, welches uns eine Anzahl neuen Geschtzes samt dazu
gehriger Munition zufhre. Doch ebenso schnell ward uns diese Freude
wieder getrbt durch den Zusatz: das Schiff sei in dem strmischen
Wetter unter den Wind geraten und habe die Reede nicht mehr gewinnen
knnen, sondern sich ostwrts wenden mssen, wobei es unweit Henkenhagen
der Kste sich zu sehr genhert und nun in Gefahr stehe, entweder zu
stranden und so den Franzosen in die Hnde zu fallen oder doch von ihnen
auf Booten geentert zu werden.

Ich flog mehr als ich ging nach der Mnde. Dort war es die alte
Geschichte. Viel Mundaufsperrens, viel Fragens, viel Beratens, und
dennoch kein Entschlu. Die Lotsen schoben es auf die strmische See und
wollten es nicht wagen, sich nher nach dem Schiffe umzusehen; allein es
mochte ihnen, wie ich leicht sprte, wohl mehr vor den Franzosen grauen.
Nun schalt ich, und das nicht wenig! Als aber nichts bei den Memmen
anschlug, fiel mir kein besseres Mittel ein, sie zu beschmen, als mich
auf der Stelle an vier ihrer Weiber zu wenden, die nach hiesigem Brauche
des Ruderns beim Prahmen (d. h. Beladen und Entlasten der Schiffe auf
der Reede) wohlerfahren und handfest sind. Trine und ihr andern! rief
ich, wollt ihr mit? -- Flugs und gern, Herr, wenn Er geht! -- Dann
packte ich noch einen Lotsen am Arme, dem ich noch die meiste Courage
zutraute, zog ihn, gern oder ungern, ins Boot, und heida! ging es auf
Henkenhagen zu.

Freilich lie es das bse Wetter, nachdem ich glcklich an Bord des
Schiffes gekommen war, noch eine Zeitlang unentschieden, ob ich es gegen
den Wind wrde in den Hafen bringen knnen oder mich begngen mssen, es
nur weiter in See und den Franzosen aus den Krallen zu entfhren.
Endlich gelang mir das erstere dennoch, und das neue Geschtz ward nun
im Triumphe nach der Festung abgefhrt. Es waren 45 Kanonen und
Haubitzen, zwar eisern, aber vom schnsten Gusse, meist kurze
Karronaden, sechs-, acht- und zwlfpfndig. Der dazu gehrigen Kugeln
und Granaten war nicht minder eine ansehnliche Menge. Nur eines htte
uns leicht unsre ganze Freude daran verderben knnen! _Kanonen_ hatten
unsre Verbndeten uns zwar geschickt, aber nicht die dazu gehrigen
_Lafetten_, fr welche es vielleicht an hinreichendem Raume in dem
Fahrzeuge fehlte oder die sonst in der Eile vergessen worden. Man wei,
wie schlecht wir selbst damit versehen waren, oder was wir etwa noch
vorrtig hatten, pate nicht zu dem Kaliber. Doch unsre Artilleristen
machten aus der Not eine Tugend und wuten sich zu helfen. Wo die
Schildzapfen fr unsre Gestelle zu dnn waren, ftterten sie die Pfannen
so lange mit Lumpen und altem Hutfilze aus, bis die Rohre ein festes
Lager fanden und mit einiger Sicherheit gerichtet werden konnten.

       *       *       *       *       *

Noch hielt der Sturm tosend und unter dem heftigsten Regen an, die Nacht
auf den 15. Juni ward finsterer, als sie in dieser Jahreszeit bei uns zu
sein pflegt, und alles dies begnstigte ein Unternehmen, an welches sich
groe Hoffnungen knpften. Es galt einen Ausfall, der uns die
Wolfsschanze zurckgeben sollte. Das Grenadierbataillon v. Waldenfels,
welches sie sich hatte mssen nehmen lassen, wollte sie auch
wiedergewinnen, und der ber alles brave Befehlshaber desselben, zu
diesem nchtlichen Sturme vom Kommandanten ausersehen, setzte sich mit
hohem Enthusiasmus an die Spitze seiner Leute. Ihm von ferne
nachzueifern, konnte ich wohl nicht weniger tun, als nach gewohnter
Weise dem Bataillon mit ein paar Wagen zu folgen und mir die Sorge fr
die zu erwartenden zahlreichen Verwundeten angelegen sein zu lassen.

In tiefster Stille zogen wir aus und, uns den feindlichen Posten
nhernd, hatten wir das Glck, fast den Graben unbemerkt zu erreichen.
Jetzt aber ward pltzlich Lrm, das Feuern begann von beiden Seiten,
berall kam es zum Handgemenge und berall flo Blut. Unsre Leute
strmten wie begeistert, ihnen voran flog ihr edler Fhrer und war im
raschen Anlaufe der erste auf der Hhe der feindlichen Brustwehr. Indem
er sich umkehrt, um seine Grenadiere aufzumuntern, ihm zu folgen, trifft
ihn eine Flintenkugel in die Schulter, die ihn entseelt zu Boden
streckt. Allein des Fhrers Fall, anstatt die Seinen zu entmutigen,
steigert ihre Tapferkeit zur Erbitterung; sie dringen unwiderstehlich
nach und die Schanze ist erobert. Ein Oberst, mehrere andre Offiziere
und zwischen zweihundert und dreihundert Franzosen werden zu Gefangenen
gemacht.

Ein noch empfindlicherer Verlust aber traf das Belagerungsheer, indem
sein Anfhrer, der Divisionsgeneral Teulli, gettet wurde, der darauf
in Tramm sein einstweiliges Begrbnis fand.

Erobert war die Schanze allerdings, htte sie nur auch lnger als wenige
Augenblicke behauptet werden knnen! Eine neue feindliche Kolonne,
entschlossen, ihres Heerfhrers Tod zu rchen und des verlorenen Postens
um jeden Preis wieder Herr zu werden, rckte unverzglich heran. Das
Gefecht begann wiederum und ward bei der berlegenen Zahl der
Angreifenden bald so ungleich, da keine andre Wahl brigblieb, als uns
fechtend in die Stadt zurckzuziehen. -- Vorhin und jetzt hatten wir an
Offizieren und Gemeinen mehr als zwanzig Tode und Verwundete gehabt, und
nur mit harter Mhe war mir's gelungen, die letzteren aufzunehmen. Am
Morgen zeigte ich mich, mit einem weien Tuche an meinen Stock
befestigt, als Parlamentr den feindlichen Vorposten nchst jener
Schanze und bat um die Vergnstigung, unsre noch umherliegenden Toten
aufsammeln zu drfen. Das bedurfte, wie gewhnlich, endloser
Formalitten, doch erreichte ich zuletzt meinen Wunsch, und so brachte
ich unsre tapferen Gefallenen nach der Stadt und zu Grabe.

Wie viel uns jedoch am Besitze der Wolfsschanze gelegen sein msse, das
stand nicht nur unserm einsichtsvollen Kommandanten und allen
Verstndigeren klar vor Augen, sondern auch der groe Haufe fhlte es
instinktartig, und es war selbst unter den gemeinen Soldaten von nichts
als von der Notwendigkeit die Rede, die Wolfsschanze um jeden Preis
zurckzugewinnen. Am 19. Juni erklrte das brave Bataillon v. Waldenfels
unaufgefordert und aus eignem Antriebe sich bereit zu einem solchen
Unternehmen. Es habe sich den Posten nehmen lassen und seine Ehre
gebiete ihm, diese Scharte blutig wieder auszuwetzen. Eine gleiche
Forderung lie das Fsilierbataillon v. Mller an den Befehlshaber
ergehen, weil es bisher noch nie zu einer wichtigeren Gelegenheit ins
Feuer gefhrt worden. Wer htte der tapferen Doppelschar nicht freudigen
Beifall zugewinkt? -- Der Ausfall ward beschlossen und noch des
nmlichen Tages vor Abends ins Werk gerichtet, weil man gerade in dieser
Zeit den Feind am unvorbereitetsten zu finden hoffte.

Dieser Ausfall sollte wiederum von der schwedischen Fregatte untersttzt
werden, und da sich's gezeigt hatte, da diese aus Unkenntnis der Reede
die rechte Stellung zu einem krftigen Feuer nicht hatte finden knnen,
so entschlo ich mich gern, an Bord des Schiffes zu gehen und ihm fr
diesmal als Pilot zu dienen. Ich fhrte die Fregatte, soweit es irgend
die Tiefe erlaubte, der feindlichen Schanze nahe. Ihr Geschtz begann zu
donnern, und nicht weniger als einhundertsiebenundfnfzig Schsse wurden
in Zeit von einer Stunde gegen diesen Punkt gerichtet, whrend auch die
Artillerie der Festung gegen ihn ein gleich lebhaftes Feuer unterhielt.
Unter dem Schutze beider rckten unsre Bataillone entschlossen zum
Sturme an und immer noch herrschte in der Schanze eine Totenstille. Erst
als jene fast unter die Palisaden vorgedrungen waren, wurden sie mit
einem Karttschenfeuer empfangen, dessen Wirkungen grlich waren.
Dennoch verloren die Angreifenden den Mut ebensowenig, wie die
Angegriffenen die Besonnenheit zur nachdrcklichsten Gegenwehr. Man kam
auf der Brustwehr selbst zum lebhaften Handgemenge und Wunder der
Tapferkeit geschahen von beiden Seiten. Allein den Feind in seinem
vorteilhaften Posten zu berwltigen, ward trotz der beispiellosesten
Anstrengungen mit jedem Augenblicke unmglicher befunden. Mehr als
vierhundert der Unsern lagen auf dem Platze, und von den Grenadieren,
deren Zahl bereits durch frhere Verluste ansehnlich geschmolzen war,
stand nur noch ein geringes Huflein brig. Mit bitterem Schmerze mute
man sich entschlieen, den Rckzug anzutreten, und das edelste Blut war
fruchtlos vergossen!

Nicht geringer war unsre Betrbnis, die wir an Bord der Fregatte waren
und unsre Leute endlich weichen sahen. Sobald sie sich indes eine kleine
Strecke unverfolgt entfernt hatten, erneuerte auf mein Zutun unser
Schiff sein Feuer, und so wurden noch fast zweihundert Kugeln auf die
Schanze geschleudert. Whrend dieser Kanonade verhielten sich die
Franzosen wiederum muschenstille. Wir empfingen nicht einen einzigen
Schu zurck, bis ich endlich, da nichts weiter auszurichten war, die
Fregatte auf ihre alte Ankerstelle vor dem Hafen zurckbrachte.

Am andern Tage gab es ein vielfltiges Parlamentieren um die
Vergnstigung, unsre Toten abzuholen und zu begraben; allein man mute
mir nicht zu, eine Beschreibung von diesem ber alles erbarmenswrdigen
Anblicke zu geben. Denke sich jeder selbst, wie es auf einem Platze von
kaum zweihundert Schritten aussehen mute, wo zwischen vierhundert und
fnfhundert Leichname neben- und aufeinander, und zum Teil aufs
grlichste verstmmelt und zerrissen, umherlagen.

       *       *       *       *       *

So blieb denn der Wolfsberg fortan fr uns verloren, der unter den
geschftigen Hnden der Belagerer, trotz unsrer Artillerie und ihrer
zerstrenden Wirkungen tglich eine verstrkte Festigkeit erhielt. Sie
nannten die Schanze jetzt das Fort Loison, zu Ehren des franzsischen
Divisionsgenerals, der als Oberbefehlshaber in Teullis Stelle getreten
war, und ihre Kerntruppen rckten dort zur Besatzung ein. Wir an unsrer
Seite waren jedoch nicht minder beflissen, dem Platze und dem Hafen
gegen diese Seite eine neue Deckung zu geben, indem wir die
Ziegelschanze (dicht hinter der Vorstadt Stubbenhagen nordstlich
gelegen) mglichst verstrkten und darin auch, obwohl in unsern Arbeiten
durch jenes feindliche Werk nicht wenig belstigt, glcklich
zustandekamen.

Von hier ab bis zum 30. Juni nahm unser Geschick eine immer ernstlichere
Wendung. Frische Truppenabteilungen verstrkten das Belagerungsheer und
errichteten neue Lager unter unsern Augen. In eben dem Mae auch wurden
die Schanzen ringsumher an Mannschaften lebendiger, neue Werke stiegen
empor, die Laufgrben nherten sich und schnrten uns auf einen immer
engeren Raum zusammen. Die Beschieung des Platzes, tglich fortgesetzt,
zeigte sich auch tglich zerstrender in ihren Wirkungen. Besonders
diente die groe Marienkirche bei ihrer Lage mitten in der Stadt und als
der hervorragendste Gegenstand allen feindlichen Geschtzen zum
Zielpunkte und litt auerordentlich. Loucadou hatte diese, wie andre
Kirchen, zu Stroh- und Heumagazinen ausgezeichnet, bis sein Nachfolger,
von einem besseren Geiste beseelt, das Gebude sofort der ffentlichen
Gottesverehrung zurckgab und jene gefhrlichen Brennstoffe am Glacis
vor dem Mnder Tore in abgenderte Haufen aufschichten lie. Nunmehr
aber war eine dringendere Notwendigkeit eingetreten, diesen weiten und
luftigen Raum der tglich wachsenden Zahl der Kranken und Verwundeten
von der Garnison einzurumen. Da nun die Kirche vollgestopft von solchen
Unglcklichen lag, so mag man sich das Elend vorstellen, welches hier
herrschte, indem die Kugeln durch alle Teile des Gebudes
hindurchfuhren. Ein Flgel desselben bewahrte nahe an hundert
franzsische Kriegsgefangene auf, allein ihre Landsleute nahmen hierauf,
unsrer Hoffnung entgegen, keine Rcksicht und beharrten auf ihrem Werke
der Zerstrung.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni stand ich auf dem Walle an der
Brustwehr der Bastion Preuen und in einer Unterredung mit dem
Kommandanten begriffen, als eine feindliche Bombe kaum fnfzehn oder
zwanzig Schritte von uns niederfuhr, in der Erde whlte und brummte.
Hastig ergriff ich meinen Nachbar bei der Hand, zog ihn etwas seitwrts
und rief: Fort! fort! Hier ist nicht gut sein! -- Gneisenau aber,
kaltbltig stehen bleibend, erwiderte: Nicht doch, die tut uns nichts!
-- In dem nmlichen Augenblicke auch platzte die Bombe, ohne uns
weiteren Schaden zuzufgen, als da sie uns ber und ber mit der
aufgewhlten Erde bedeckte.

Des folgenden Tages gelang es mir abermals, mit Hilfe des Lotsen
Faholz, ein englisches Schiff, das uns neue Vorrte von Kanonen,
Bombenkesseln und Bomben zufhrte, aus dem Bereiche des feindlichen
Geschtzes in den Hafen zu fhren.

Am folgenden Tage war es, da unser Kommandant mich mit einer Sendung in
das feindliche Hauptquartier nach Tramm beauftragte. Er gab mir dazu
sein Pferd und ein offenes Schreiben an den General Loison, worin nur
mit wenig Worten bemerkt war, da mir fr mein Anbringen voller Glauben
beizumessen sein werde. Als ich damit bei den franzsischen Vorposten
anlangte, wurden mir die Augen verbunden und das Pferd von zwei
Begleitern am Zgel gefhrt, whrend zwei andre, mit Gewehr versehen,
mir zur Seite gingen. So kam ich endlich in Tramm an und hier ward mir
auch das Tuch wieder von den Augen genommen.

Gleich darauf ward ich zum General Loison gefhrt und brachte meinen
Auftrag zur Sprache, der darin bestand, da das feindliche Geschtz
fernerhin nicht mehr auf denjenigen Teil der groen Kirche gerichtet
werden mchte, wo die verwundeten und gefangenen Franzosen untergebracht
worden. Das Verlangen fand nicht nur eine willige Aufnahme, sondern ein
Offizier begleitete mich auch auf eine Anhhe, damit ich ihm von dort
den Flgel des Gebudes noch nher bezeichnete, wo seine Landsleute
lgen.

Nachdem noch einige Hflichkeiten gegenseitig gewechselt worden, begab
ich mich auf gleiche Weise wie ich gekommen war, nach der Stadt zurck.
Wovon ich im Hauptquartier hatte Zeuge sein drfen, das deutete auf
Vorbereitungen, welche an dem Ernst der Belagerung nicht zweifeln
lieen. Weniger glcklich war ich indes, ein Wort zu erhaschen, welches
uns ber die Lage der Dinge in Preuen einigen nheren Aufschlu htte
geben knnen, whrend uns von den dortigen neuesten Ereignissen schon
seit lngerer Zeit alle Nachrichten fehlten. Da der Friede zu Tilsit in
dem Augenblicke schon wirklich abgeschlossen worden, ahnten wir damals
nicht. Allein unsre Belagerer waren nur zu wohl davon unterrichtet und
boten darum von jetzt an auch um so mehr alle ihre Krfte auf, sich
Kolbergs zu bemchtigen, bevor die Friedensnachricht uns erreichte und
ihnen die Waffen aus den Hnden schlge.

       *       *       *       *       *

Alles, was von Anbeginn der Belagerung bis jetzt vom Feinde unternommen
worden, mochte nur als ein leichtes Vorspiel von demjenigen gelten, wozu
die dritte Morgenstunde des 1. Juli die Losung gab. Denn da erffnete er
aus allen seinen zahlreichen Batterien ein Feuer gegen die Stadt, so
ununterbrochen, so von allen Seiten kreuzend und so mrderisch und
zerstrend, wie wir es noch nie erlebt hatten. Die Erde drhnte und man
kann sagen, da es war, als ob die Welt untergehen sollte. Sichtbarlich
legten unsre Gegner es darauf an, uns durch ihr Bombardement zwischen
dem engen Raume unsrer Wlle dergestalt zu ngstigen, da wir, nirgends
mehr unsers Bleibens wissend, die weie Fahne zur Ergebung aufstecken
mten.

Ich befand mich in dieser entsetzlichen Nacht neben unserm Kommandanten
auf der Bastion Preuen, als dem hchsten Punkte, den unsre Wlle zum
Umherschauen darboten. Von hier aus konnten wir beinahe alle feindlichen
Schanzen bersehen, und ebenso lag die Stadt vor uns. Es ist nicht
auszusprechen, wie hllenmig das Aufblitzen und Donnern des Geschtzes
Schlag auf Schlag und Zuck auf Zuck um uns her wtete, whrend auch das
Feuer unsrer Festung in seiner Antwort nichts schuldig blieb. In der
Luft schwrmte es lichterloh von Granaten und Bomben, wir sahen sie hier
und da und berall ihren lichten Bogen nach der Stadt hineinwlzen,
hrten das Krachen ihres Zerspringens, sowie das Einstrzen der Giebel
und Huser, vernahmen den wsten Lrm, der drinnen wogte und toste, und
waren Zeuge, wie bald hier bald dort, wo es gezndet hatte, eine
Feuerflamme emporloderte. Von dem allen war die Nacht so hell, als ob
tausend Fackeln brennten, und das grliche Schauspiel schien nicht ein
Menschenwerk zu sein, sondern als ob alle Elemente gegeneinander in
Aufruhr geraten wren, um sich zu zerstren.

Was aber drinnen in der Stadt unter dem armen wehrlosen Haufen vorging,
ist vollends so jammervoll, da meine Feder nicht vermag, es zu
beschreiben. Dann gab es bald nirgends ein Pltzchen mehr, wo die
zagende Menge vor dem drohenden Verderben sich htte bergen knnen.
berall zerschmetterte Gewlbe, einstrzende Bden, krachende Wnde und
aufwirbelnde Sulen von Dampf und Feuer. berall die Gassen wimmelnd von
ratlos umherirrenden Flchtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben hatten
und die unter dem Gezisch der feindlichen umherkreisenden Feuerblle
sich verfolgt sahen von Tod und Verstmmelung. Geschrei von
Wehklagenden, Geschrei von Suglingen und Kindern, Geschrei von
Verirrten, die ihre Angehrigen in dem Gedrnge und der allgemeinen
Verwirrung verloren hatten, Geschrei der Menschen, die mit Lschung der
Flammen beschftigt waren, Lrm der Trommeln, Geklirr der Waffen,
Rasseln der Fuhrwerke -- nein, es ist nicht mglich, das furchtbare Bild
in seiner ganzen Lebendigkeit auch nur von ferne zu schildern!

Indem ich in diesem allgemeinen Tumult mich veranlat fand, einmal nach
meinem eignen Hause zu sehen, erwartete mich dort ein Anblick, der auch
nicht dazu geeignet war, mich sonderlich zu erfreuen. Eine Bombe war,
durch den Giebel einschlagend, durch zwei Bden bis in den Keller
hinabgefahren und hatte, indem sie dort platzte, sieben Oxhoft voll
Branntwein zersprengt, deren Inhalt nun gnzlich fr mich verloren ging.
Auerdem waren berall im Hause die grten Verwstungen angerichtet,
die ganze Eingangsflur aufgerissen und ebensowenig irgendeine
Fensterscheibe, als ein Ziegel auf dem Dache unbeschdigt geblieben. All
meine Leute hatten, wie leicht begreiflich, das Weite gesucht, und so
stand es nicht blo bei mir, sondern auch links und rechts und in vielen
Nachbarhusern.

Wie gern aber htte man jede eigne Not verschmerzt und vergessen, gegen
die tief niederschlagende Zeitung, da um vier Uhr morgens die Maikuhle
an den Feind verloren gegangen. Mitten unter dem heftigsten
Bombardement, wodurch unsre Aufmerksamkeit von dieser Seite hatte
abgezogen werden sollen, war auf diesen Posten von der uersten
westlichen Spitze, sowie von der Seeseite her, ein Angriff geschehen,
der wohl fr einen berfall gelten konnte, da der dortige interimistische
Befehlshaber der Schillschen Truppen, Leutnant v. Gruben I.,
auf ein solches Ereignis durchaus nicht gefat gewesen zu sein
scheint, -- eine Sorglosigkeit, die um so unbegreiflicher und
tadelnswerter erscheint, da die Bewegungen des Feindes tags zuvor nur zu
deutlich die Absicht verrieten, von neuem etwas auf dieser Seite zu
unternehmen.

So war die Erstrmung der Maikuhle das Werk weniger Augenblicke gewesen,
da auch die Richtung des Angriffs weder dem Mnderfort, noch der
Morastschanze gestattet hatte, die Behauptung dieses Postens durch ihr
Feuer zu untersttzen. Nur die schwedische Fregatte verfehlte nicht, dem
Feinde gegen vierhundert Kugeln zuzusenden, allein wenn dieser auch
dadurch fr Augenblicke aufgehalten, so sahen die Strmenden sich
alsobald durch ihr eigenes Feuer im Rcken und durch den Druck der
nachfolgenden Massen wieder vorwrts getrieben. Jede noch so
verzweifelte Gegenwehr ward fruchtlos, und gentigt zum bereilten
Rckzuge auf das rechte Stromufer, hatte das Schillsche Korps kaum noch
Zeit, die Verbindungsbrcke hinter sich abzuhauen.

Mit dem Verluste der Maikuhle war unsere Verteidigung gelhmt, denn nun
war auch das Mnderfort zur Beschtzung des Hafens nicht mehr
hinreichend, was sich zeigte, als das englische Schiff beim Vordringen
der Franzosen die Ankertaue kappte, um wieder die offene See zu
gewinnen. Es gelang ihm nur mit harter Not und unter einem dichten
feindlichen Kugelregen, wodurch ihm zwei Mann auf dem Deck erschossen
wurden. Und so waren wir denn, vom Meere und von aller von dorther zu
erwartenden Hilfe abgeschnitten, fortan einzig unseren eigenen Krften
und Hilfsmitteln berlassen, die sich von Stunde zu Stunde immer mehr
erschpften.

       *       *       *       *       *

Mit wenig verminderter Strke hielt den ganzen Tag des 1. Juli das
Bombardement an und hufte Verwstung auf Verwstung. Dennoch waren
unsere Lschanstalten wirksam genug, um immer noch des Feuers Meister zu
bleiben. Erst am spten Abend zndete es wieder im Gouvernements-Bauhofe,
und da hier alles voll von brennbaren Materialien lag, mute man es
geschehen lassen, da das Gebude bis auf den Grund niederbrannte.

Solchergestalt von Schrecken umgeben und auf noch Schrecklicheres
gefat, sahen wir der nchsten Nacht entgegen. Das feindliche Geschtz
vereinigte sich zu neuen, noch hheren Anstrengungen, und seine
zerstrenden Wirkungen im anhaltenden Geprassel einstrzender Huser,
fallender Ziegel und klirrender Fensterscheiben, betubten das Ohr. Alle
jammervollen Szenen der vorigen Nacht erneuerten sich in noch weiterem
Umfange. Aber auch mitten in der ringsum drohenden Gefahr erzeugte sich
allmhlich eine Gleichgltigkeit bei vielen, die nichts mehr zu Herzen
nahm. War auch nicht der Mut, so war doch die Natur erschpft;
Anstrengung, Schlaflosigkeit, immerwhrende Anspannung des Gemts und
Sorge fr Weib und Kind und Eigentum fielen auf die meisten mit einem
solchen Gewichte, da sie selbst in den Trmmern ihrer Wohnungen sich
ein noch irgend erhaltenes Pltzchen ersahen, um den bis in den Tod
ermatteten Gliedern einige Ruhe zu gnnen.

Da geschah es, da eine Bombe, verderblicher als alle brigen, in
denjenigen Teil des Rathauses niederfuhr, wo die Ratswage sich befand,
und ein hellaufflackerndes Feuer war die unmittelbare Folge ihres
Zerspringens. Als naher Nachbar sprang ich auf, um, was ohnehin mein
angewiesener Beruf war, schnelle Anstalten zur Brandlschung zu
betreiben, denn an der Erhaltung des ansehnlichen Gebudes, in welchem
unsere Stadtarchive und soviel andere Sachen von Wert aufbewahrt lagen,
mute uns allen vorzglich gelegen sein. Aber rundum in meiner
Nachbarschaft regte sich keine menschliche Seele zum Lschen und Retten.
Ich rannte hierhin und dorthin zu den nchsten Bekannten, braven und
wackeren Mnnern, um sie zu Hilfe aufzurufen, aber schlaftrunken und
ohne Gefhl fr die drohende Gefahr, beachteten sie mein Bitten und
Ermuntern ebensowenig wie mein Toben und Schelten. Sie schlummerten fort
und lieen es brennen.

In steigender Angst lief ich auf die Brandsttte zurck. Was mir
begegnete, packte ich an, um Hand anzulegen, aber kaum einer oder der
andere schien auf mein flehentliches Ermahnen zu achten. Ein
vierschrtiger Kerl, den ich nicht kannte und dem ich auf diese Weise
einen gefllten Lscheimer aufdrang, nahm ihn und schlug mir ihn, samt
seinem nicht gar sauberen Inhalte, geradezu um die Ohren, so da ich
fast die Besinnung verlor und, von Schmutz und Ru bedeckt, wohl eine
sehr jmmerliche Figur machen mochte.

Alles dies achtete ich jedoch weniger, als das Unglck, das dem Rathause
bevorstand, und da ich einsah, da eine wirksame Hilfe allein vom
Militr ausgehen knne, so hastete ich mich, das nchste Wachhaus auf
dem Walle zu erreichen. Wild strme ich in das halbdunkle Wachtzimmer
hinein. Ich sehe auf der hlzernen Pritsche sich eine Gestalt regen, die
ich zwar nicht erkenne, aber sie fr den Mann haltend, den ich suche,
von ihrem Lager aufschreie, indem ich rufe: Bester Mann, zu Hilfe! Das
Rathaus steht in Flammen!

Aber weniger meinen Schrei, als mich selbst und mein Jammerbild
beachtend, erhebt sich der Offizier mir gegenber, schlgt die Hnde
zusammen und spricht: Ach, du armer Nettelbeck! -- Jetzt erst an der
Stimme erkenne ich ihn -- es ist Gneisenau. Er hrt, er erfhrt, er gibt
mir einen Adjutanten samt einem Tambour mit, die Lrmtrommel wird
gerhrt, die Soldaten erscheinen, Patrouillen durchziehen die Straen,
krftigere Lschanstalten kommen in Bewegung, die zwar den Brand nicht
mehr zu unterdrcken vermgen, aber ihm doch dergestalt ein Ziel setzen,
da wenigstens zwei Seiten des ein groes Viereck bildenden Gebudes
erhalten werden, whrend der schon ergriffene Teil noch bis zum Abend
des folgenden Tages in sich selbst niederbrennt und fortglimmt. Zu
gleicher Zeit war in der allgemeinen Verwirrung auch eine Anzahl
Baugefangener aus dem Stockhause losgebrochen und begann hier und da in
den Husern zu plndern, wie denn auch das meinige von diesem Schicksal
betroffen wurde, bis der ttige Eifer des Militrs die versprengte Rotte
wieder einfing und unschdlich machte.

So besonnen, wo es Handeln galt, so allgegenwrtig gleichsam, wo eine
Gefahr nahte, und so beharrlich, wo nur die unabgespannte Kraft zum
Ziele fhren konnte, wie der Kommandant in _dieser_ furchtbaren Nacht sich
zeigte, hatte er immer und berall seit dem ersten Augenblick seines
Auftretens sich erwiesen. Seit Wochen schon war er so wenig in ein Bett,
als aus den Kleidern gekommen. Nur einzelne Stunden, die er ungern der
Ttigkeit auf den Wllen, unter dem heftigsten Kugelregen, abbrach,
ruhte er auf einer Pritsche in einem armseligen Gemache ber dem
Lauenburger Tore, jeden Augenblick bereit, mich oder andere anzuhren,
wenn wir ihm etwas von Wichtigkeit zu melden hatten. Vater und Freund
des Soldaten wie des Brgers hielt er beider Herzen durch den milden
Ernst seines Wesens, wie durch teilnehmende Freundlichkeit gefesselt.
Jeder seiner Anordnungen folgte das unbedingteste Zutrauen.

       *       *       *       *       *

Der Morgen des 2. Juli brach an: aber auch das feindliche Bombardement,
so wenig es die Nacht geruht hatte, schien mit dem Morgen wieder neue
Krfte zu gewinnen. Not und Elend, Jammergeschrei und Auftritte der
blutigsten Art, einstrzende Gebude und prasselnde Flammen: -- das war
fast das einzige, was bei jedem Schritte den entsetzten Sinnen sich
darstellte. Mut und besonnene Fassung waren mehr als jemals vonnten,
aber nur wenigen war es gegeben, sie in diesem entscheidenden Zeitpunkte
zu behaupten, noch wenigere vielleicht erhielten die Hoffnung eines
glcklichen Ausganges in sich lebendig, aber alle ohne Ausnahme gaben
das Beispiel einer willigen Ergebung in das unvermeidliche Schicksal.
Sie hatten es in Gneisenaus Hand gelegt, mit ihm standen, mit ihm fielen
sie! Vertrauensvoll lieen sie ihn walten!

Hher aber und hher stiegen Gefahr und Not von Stunde zu Stunde. Um
neun Uhr morgens, whrend noch das Rathaus loderte, geriet durch eine
andere Bombe entzndet auch das Gebude des Stadthofs in Flammen, die
sich auf drei angrenzende Huser fortpflanzten. Man sah sich gentigt,
brennen zu lassen, was brennen wollte.

Gneisenaus scharfes Auge aber, das mitten in diesem grlichen Tumulte
jede Bewegung seines Gegners htete, lie nicht unbeachtet, da dieser
bereits Vorbereitungen traf, sich von der Wolfsschanze aus auch ber das
Mnderfort herzustrzen und so auch die stliche Seite des Hafens zu
berwltigen. Gegenanstalten wurden auf der Stelle getroffen, Befehle
flogen, alles war in der lebendigsten Anspannung, und ein neuer Kampf
von blutigster Entscheidung sollte losbrechen. Es war drei Uhr
nachmittags ... Da, pltzlich schwieg das feindliche Geschtz auf allen
Batterien. Auf das Krachen eines Donners, wie am Tage des Weltgerichts,
folgte eine lange de Stille. Jeder Atem bei uns stockte, niemand
begriff diesen schnellen Wechsel, dies schauerliche Erstarren so
gewaltiger losgelassener Krfte.

Da nahte ein feindlicher Parlamentr, und neben ihm ein Mann, den man in
der Ferne als eine Militrperson -- dann aber, sowie die Umrisse der
Gestalt sich immer deutlicher ausbildeten, unter Zweifel und
Verwunderung, sogar als einen _preuischen_ Offizier erkannte. Schrfere
Augen versicherten sogar, sie unterschieden die Zge ihres Freundes, des
Leutnants v. Holleben, vom 3. Neumrkischen Reserve-Bataillon, der erst
vor einigen Wochen mit einer Abteilung Kriegsgefangener ber See nach
Memel abgegangen war. Das schien unmglich, und doch war dem also! Das
erste Wort, als er sich fast atemlos in den Kreis seiner Bekannten
strzte, war der Ausruf: Friede! Kolberg ist gerettet!

O des Freudenboten! O der willkommenen Botschaft! der zur rechten,
_rechten_ Zeit gekommen! Er war unmittelbar aus dem Hauptquartiere des
Knigs zu Pilkupnen bei Tilsit als Kurier abgefertigt und der
berbringer der offiziellen Nachricht von einem mit Napoleon
abgeschlossenen vierwchentlichen Waffenstillstande, welchem
unverzglich der Friede folgen sollte. Eilend, wie es seine wichtige
Zeitung erheischte, aber schon in weiter Ferne noch mehr beflgelt durch
den dumpfen Donner des Geschtzes, der ihm unseren noch ausharrenden Mut
verkndigte, war er vor wenigen Augenblicken erst in Tramm angelangt;
schwerlich gern gesehen, aber auch schwerlich wohl mit noch neuer oder
unerwarteter Botschaft. Indes -- er war da, und die Feindseligkeiten
muten eingestellt werden!

Alsogleich auch ward die frhliche Kunde den Brgern durch die ganze
Stadt unter Trommelschlag bekannt gemacht, samt der hinzugefgten
Ermahnung, nunmehr mit verdoppelter Ttigkeit zur Lschung der immer
noch brennenden Gebude zu eilen. Es geschah, und die Flammen waren nach
wenigen Stunden bezwungen.

Aber welche Feder reichte hin, den trunkenen Jubel zu schildern, der in
so berraschendem Wechsel alle Gemter ergriff und aus sich selber
hinwegrckte! Man mu wahrlich selbst in der Lage gewesen sein, sich
und die Seinigen samt Leben und Wohlfahrt gnzlich aufgegeben zu haben,
um dies neue, kaum glaubhafte Gefhl von Ruhe und Sicherheit
nachzuempfinden, wobei sich, auf Augenblicke wenigstens, alles
verschmerzt und vergit, was man Drangvolles gelitten hat. Es ist wie
ein bser Traum, den man endlich abgeschttelt hat und aus dem man nun
zu vollem freudigen Bewutsein zurckkehrt.

       *       *       *       *       *

Die Belagerung war geendigt, eine vllige Waffenruhe trat ein, und die
Bilder des Krieges verschwanden. Zunchst ward zwischen dem Kommandanten
und dem franzsischen General eine bereinkunft getroffen, welcher
zufolge den Einwohnern gestattet wurde, sich ber die franzsische
Postenlinie hinaus in die umliegende Gegend zu begeben. Nach einem
anderweitigen Vertrage blieb zwar die Maikuhle noch von den jenseitigen
Truppen besetzt, doch sollten Schiffe mit Lebensmitteln frei in den
Hafen zugelassen werden. Unsere ttige Freundin aber, die schwedische
Fregatte, verlie uns am 12. Juli, und fortan, bis zu Ende des Monats,
rumten auch nach und nach die Belagerungstruppen ihre Schanzen und
Lager, um etwas entferntere Kantonierungen in der Provinz zu beziehen.

Wenige Tage nach Einstellung der Feindseligkeiten trieb es mich hinaus
auf die Lauenburger Vorstadt, wo mein liebes Grtchen gelegen war. Fast
erkannte ich die Stelle meines Eigentums, auf der ich so manchen sen
Schwei vergossen hatte, nicht wieder. Alles war aufgewhlt und verheert
(denn gerade auf diesem Fleck hatten wir eine Batterie von fnf Kanonen
errichtet), oder es war dem frei und ppig wuchernden Unkraute
preisgegeben! Meine schnen edeln Obstbume, die Genossen meiner Jugend
-- sie starrten mich an in ihren abgehauenen Stmpfen ... Doch da gab es
nichts zu klagen, denn ich selbst hatte ja, als es not tat, die Axt an
sie gelegt! Aber es war mir doch wunderlich und weh ums Herz, und ich
mute dem verdeten Pltzchen den Rcken wenden, um nicht noch weicher
zu werden.

Da blickte ich in die nchste Nachbarschaft und sah bald, da ich es
nicht allein war, der Trost und Ermutigung bedurfte. Auf der ganzen
weiten Brandsttte umher schlichen die unglcklichen Bewohner zwischen
den Schutthaufen ihres Eigentums, scharrten hier und da etwas aus der
Asche hervor, das der Glut widerstanden, aber nun doch keinen Nutzen
mehr fr sie hatte; jammerten und weinten schmerzliche Trnen, da sie
nun nirgends eine bleibende Sttte fnden. Das schnitt mir durchs Herz,
und ich verfiel in Nachdenken, wie doch diesen Unglcklichen, wenn auch
nur vorderhand, zu helfen sein mchte? Indem ich aber ber einige
verkohlte Balken und andere halbverbrannte Trmmer, die mir im Wege
lagen, dahinstolperte, fiel mir's pltzlich ein, da sich eben davon
wohl einige Nothtten wrden errichten lassen, um den armen Leuten,
zumal jetzt in den Sommermonaten, einstweilen ein leidliches Obdach zu
verschaffen.

Voll von diesem Gedanken machte ich mich sogleich auf den Weg zu unserm
Kommandanten, um ihm die Not der Heimlosen samt meinem Einfall
vorzutragen, und die Erlaubnis von ihm zu erbitten, da sie sich auf den
verwsteten Stellen notdrftig ansiedeln knnten. Ich langte an und
stie unten im Hause auf ein groes Gewhl von Menschen, denn der
Kommandant hatte den General Loison, samt seinem ganzen Generalstab, zu
sich eingeladen, und eben sa die Gesellschaft zu Tafel. Indes stie mir
unter den Kommenden und Gehenden alsbald unser Vizekommandant, der Major
v. S., auf, der mich wegen meines etwaigen Anliegens befragte. Obwohl
nun gerade er nicht allemal mein Mann war, so trug ich doch kein
Bedenken, mich in meinen Wnschen gegen ihn auszusprechen. Seine kurze
Antwort war: Daraus kann nichts werden. Und wenn ich selbst der
Kommandant wre, wurde ich es nimmermehr zugeben. -- Nun, das war kurz
und deutlich, und so verlie er mich auch und ging die Treppe hinauf.

Aber ich folgte ihm auf der Ferse, bis er in den Gesellschaftssaal
eintrat und die Tr hart hinter sich zuzog. De war ich nicht gewohnt an
diesem Orte; ich bedachte mich also auch nicht, fein suberlich
anzuklopfen und unmittelbar darauf einzutreten. Meine Augen suchten den
Kommandanten, er sa dem General Loison zur Seite an der Tafel. Kaum
ward er meiner ansichtig, so stand er auf und trat mir einige Schritte
entgegen. Mit leiser Stimme trug ich ihm kurz vor, was zur Sache gehrte
und was sichtbar seine volle Aufmerksamkeit beschftigte. Die armen
Leute! rief er dann, ja, Nettelbeck! la sie in Gottes Namen bauen!
-- Zugleich fllte er mir ein Glas Wein; ich dankte und nahm mir im
Davoneilen nur noch die Zeit, dem Herrn v. S., der gleichfalls zu Tische
sa, eine lchelnde Verbeugung zu machen.

Aber nicht um diesen kleinen Triumph war mir's zu tun, sondern um dem
kummervollen Huflein dort drauen unverzglich Trost und Freude zu
bringen. Mit Jauchzen ward ich angehrt und empfangen, als ich ihnen in
Gneisenaus Namen verkndigte, da ihnen gestattet sein solle, sich auf
ihren Brandsttten in leichten Baracken wieder anzusiedeln. Wirklich
auch verliefen nicht vier Tage, so stand dort eine neue Anlage fertig,
die mich in ihren ueren Umrissen auf das lebhafteste an ein
indianisches Dorf erinnerte. Sicher aber war es den Bewohnern selbst
unter diesem armseligen Obdach leichter und wohler ums Herz, als damals,
da ich sie hoffnungslos unter den Trmmern ihres frheren Wohlstandes
umherkriechen sah.

Indem ich jedoch nun selbst wieder zu einiger Ruhe kam, konnte ich nicht
umhin, den Blick auch auf meine eigene Lage zu richten und mir zu
gestehen, da diese Zeit der Belagerung mich leicht zum armen Manne
gemacht haben knne. Mein kleines bares Vermgen war gnzlich
daraufgegangen, teils an Arbeiter, die ich aus meiner Tasche bezahlte,
teils durch Spenden an unser braves Militr, das jede Art der Erquickung
so verdient hatte. Mir aber war es das seste Geschft, wenn ich den
wackeren Leuten bei ihrem harten Dienst dann und wann einen warmen
Mundbissen, oder was es sonst gab, selbst auf die Wlle, vor die Tore,
in die Blockhuser hinbringen und ihnen Trost und guten Mut einsprechen
konnte.

Es ist wahr, meine guten Freunde haben mir deshalb oftmals Vorstellungen
getan, da mich mein guter Wille zu weit fhre und zum Verschwender
mache, aber nie verlie mich der frohe Mut, ihnen zu antworten: Ich bin
ein alter Mann ohne Kind oder Kegel: _wem_ sollte ich es sparen? Aber wre
ich auch der jngste unter euch, wie leicht kann man in diesen Zeiten
den Tod haben! Mir liegen Knig und Vaterstadt allein am Herzen, und
berlebe ich diese Zeit, -- nun, so werden ja _sie_ mich auch nicht darben
lassen.

Fest hielt ich und halte ich noch an diesem schnen Glauben, aber
freilich war das auch um so notwendiger, wenn ich nun auf den geringen,
mir jetzt brig gebliebenen Rest meiner Habe blickte. Mein Haus hatte
durch das Bombardement in allen seinen Teilen bedeutend gelitten, meine
Scheune vor dem Tore war niedergebrannt, mein Gartenhuschen abgebrochen
worden, mein Garten verwstet. Von den Vorrten meines Gewerbes war
nichts mehr brig, um es neu wiederherzustellen, und das beschdigte
Eigentum zu bessern, htte es Hilfsmittel bedurft, die mir jetzt kaum
mehr zu Gebote standen. Meine Lage war keineswegs erfreulich!

Aber war ich auch wohl berechtigt, ber erlittene Einbue zu klagen?
Meine Mitbrger hat all dies Unglck ja auch -- den einen mehr, den
andern weniger -- getroffen. Nein, ich habe auch nicht _klagen_, sondern
mir's nur vom Herzen wegreden wollen. Er, der mir's gab, hat's auch
genommen, sein Name sei gelobt! Aber da Gott meine liebe Vaterstadt so
wunderbar erhalten hat, de bin ich froh, und da er unserm guten Knige
Gesundheit, Mut und Strke verliehen, sich in seinem groen Unglck so
herrlich wieder aufzurichten. --

       *       *       *       *       *

Mir ward indes in diesen nmlichen Tagen von dieses gndigen Monarchen
Hand eine Auszeichnung zuteil, die ich so wenig erwartet hatte, als vor
anderen, die mit mir auch nur ihre Pflicht getan, verdient zu haben
glaube, -- eine Auszeichnung, die mich sogar beschmen wrde, wenn ich
nicht in der Meinung stnde, da diese knigliche Hand in mir eigentlich
die gesamte Kolberger Brgerschaft habe ehren und ihren bewiesenen
Pflichteifer anerkennen wollen. Ich erhielt nmlich folgendes Knigliche
Kabinettsschreiben:

Seine Knigliche Majestt von Preuen haben aus dem Berichte des
Oberstleutnants v. Gneisenau, worin er Hchstdenselben diejenigen
Personen anzeigt, welche sich whrend der Belagerung der Festung Kolberg
ausgezeichnet haben, mit besonderem Wohlgefallen ersehen, da der
Vorsteher der Brgschaft, Nettelbeck, die ganze Belagerung hindurch mit
rhmlichem Eifer und rastloser Ttigkeit zur Abwehrung des Feindes und
zur Erhaltung der Stadt mitgewirkt hat. Seine Majestt wollen daher dem
Nettelbeck fr den solchergestalt zutage gelegten lblichen Patriotismus
hierdurch Dero Erkenntlichkeit bezeigen und ihm als ein ffentliches
Merkmal der Anerkennung seiner sich um das Beste der Stadt erworbenen
Verdienste, die hierneben erfolgende goldene Verdienstmedaille
verleihen.

  Memel den 31. Juli 1807.              Friedrich Wilhelm.

  An den Vorsteher der Brgerschaft
   zu Kolberg, Nettelbeck.


Gleichzeitig erhielt unser verehrter Kommandant, nach dem gndigen
Willen des Knigs, seine Abberufung von dem so ehrenvoll bekleideten
Posten, um, unmittelbar unter den Augen des Monarchen, an die
Reorganisation des preuischen Heeres mit Hand anzulegen. Das war fr
uns ein schmerzlicher Verlust, allein unser Liebling eilte einer hheren
Bestimmung entgegen, und unser Eigennutz mute schweigen! Schon am 8.
August schied Gneisenau von uns, doch _wie_ er schied, mge nachgehendes
Schreiben dokumentieren, welches er im Augenblicke seiner Abreise an uns
erlie:


  Meine Herren Reprsentanten
   der patriotischen Brgerschaft zu Kolberg!

Da ich auf unseres Monarchen Befehl mich eine Zeitlang von dem mir so
liebgewordenen Kolberg trenne, so trage ich Ihnen, meine Herren
Reprsentanten, auf, den hiesigen Brgern mein Lebewohl zu sagen. Sagen
Sie denselben, da ich ihnen sehr dankbar bin fr das Vertrauen, das sie
mir von meinem ersten Eintritt in die hiesige Festung an geschenkt
haben. Ich mute manche harte Verfgung treffen, manchen hart anlassen
-- dies gehrte zu den traurigen Pflichten meines Postens. Dennoch wurde
dieses Vertrauen nicht geschwcht. Viele dieser wackeren Brger haben
uns freiwillig ihre Ersparnisse dargebracht, und ohne diese Hilfe wren
wir in bedeutender Not gewesen. Viele haben sich durch Untersttzung
unserer Kranken und Verwundeten hochverdient gemacht. Diese schnen
Erinnerungen von Kolberger Mut, Patriotismus, Wohlttigkeit und
Aufopferung werden mich ewig begleiten. Ich scheide mit gerhrtem Herzen
von hier. Meine Wnsche und Bemhungen werden immer rege fr eine Stadt
sein, wo noch Tugenden wohnen, die anderwrts seltener geworden sind.
Vererben Sie dieselben auf Ihre Nachkommenschaft. Dies ist das schnste
Vermchtnis, das Sie ihnen geben knnen. Leben Sie wohl und erinnern
sich mit Wohlwollen

  Ihres
  treu ergebenen Kommandanten
  N. v. Gneisenau.


Ein so herzlicher Abschied durfte nicht ohne Erwiderung bleiben. Wir
versammelten uns und machten unserm vollen Herzen in folgender
Bekanntmachung an unsere Brgerschaft Luft:


  Kolberg, den 16. August 1807.

Am 9. d. M. entrckten hhere Befehle unsern wrdigen Herrn Kommandanten
aus unserer Mitte, und mit dem Verluste dieses mit seltenen Tugenden
geschmckten Mannes schwanden unsere stolzen Trume dahin. Gern wren
wir im Besitze des unverzagten Beschtzers unserer Wlle fr immer
geblieben, und gern htten wir nach den vollbrachten verhngnisvollen
Tagen die seligen Frchte des Friedens nur mit ihm geteilt: aber nicht
bestimmt, diese in unseren sicheren Mauern zu genieen, hatte ihm unser
Monarch, ganz berzeugt von dem Werte dieses groen Mannes, einen
anderen Kreis vorgezeichnet, in welchem sein rastloser und ttiger Geist
sich ein neues Denkmal stiften sollte.

Ist jedoch dieser unseren Herzen so teuer gewordene Held nicht mehr
unter uns und hat er uns verlassen, um vielleicht nie den Art
wiederzusehen, dessen beneidenswertes Schicksal in den milichsten
Augenblicken seinen einsichtsvollen Befehlen untergeordnet war, so wird
gleichwohl das Andenken an ihn, der bei den Tugenden des Kriegers nie
die Pflichten des Menschen verga, der von der ersten Minute seines
Erscheinens an Vater eines jeden einzelnen wurde und es auch noch im
Momente des Scheidens blieb, nie in unserer von Dank gegen ihn erfllten
Seele erlschen. Wir alle haben ihm ja alles -- die Erhaltung unserer
Ehre und unserer Habe, die Zufriedenheit unseres Landesherrn und die
Achtung unserer ehemaligen Gegner zu verdanken.

Mge es erst nur unserer sptesten Nachkommenschaft vorbehalten sein,
die Asche unseres Verteidigers zu segnen!

Von seiner Abreise wurden wir tags zuvor durch das hier wrtlich
eingerckte Schreiben benachrichtigt. (Folgt nun das oben bereits
mitgeteilte Abschiedsschreiben des Herrn v. Gneisenau.)

Wir haben seinen Auftrag mit frohem Herzen erfllt und zur Steuer der
Wahrheit vereinige sich die Brgerschaft in dem ffentlichen
Gestndnis:

Wir haben nie einen Zwang empfunden, uns haben keine harten
Verfgungen gedrckt, und das, was wir taten, geschah aus reiner
Vaterlandsliebe. Das hchste Wesen nehme ihn dafr in seine besondere
Obhut, lasse ihn nach seinem tatenvollen Leben auch bald die Frchte
des Friedens im Schoe der teuren Seinigen genieen, und wenn uns neue
Strme und Gefahren drohen, so kehre er zurck in unsere nicht
berwundenen Mauern und finde auch in uns noch das Vlkchen wieder,
von dem er so liebevoll schied!

  Dresow. Hentsch. Zimmermann, Hpner.
  Nettelbeck. Darckow. Ziemcke. Gibson.

       *       *       *       *       *

Wenige Tage vor der Abreise des so allgemein verehrten Mannes fhrte
mich das Gesprch mit ihm auf meinen verstorbenen Vater, wie der in den
drei russischen Belagerungen dem damaligen Kommandanten, Oberst von der
Heyden, ebenso mit seinen guten und willigen Diensten habe zur Hand
gehen knnen, als es durch ein sonderbares Verhngnis nach so langen
Jahren nun auch mir, dem Sohne, zuteil geworden sei, dem zweiten
preiswrdigen Verteidiger meiner Vaterstadt mich in gleicher Weise
ntzlich zu machen. Zum Andenken eines so ehrenden Verhltnisses habe
mein Vater Heydens Bildnis von ihm erhalten und danach unserem
Schtzenhause geschenkt, wo es noch zu dieser Stunde aufgestellt sei und
der Stadt zu einer dankbaren Erinnerung diene. So bewege mich's nun auch
zu dem herzlichen Wunsche, da unser scheidender Freund und Wohltter
mir ein hnliches Unterpfand seiner geneigten Gesinnung hinterlassen
mge, das sein Ehrengedchtnis fr alle knftige Zeiten unter uns
bewahre. Gneisenau versprach es mit freundlichem Lcheln.

Und dieser Zusage hatte er auch nicht vergessen. Vielmehr, damit dieses
Geschenk einen neuen, noch hheren Wert erhielte, veranstaltete er es,
da mir dasselbe mittels einer beraus gtigen Zuschrift durch seine
Frau Gemahlin ein Jahr spter von Schlesien aus zugeschickt wurde.
Meine Freude kannte, wie man sich leicht denken kann, keine Grenzen. Ich
besorgte dem teuern Bildnisse einen Rahmen, so schn, als er nur immer
bei uns aufzubringen war, und auf der Rckseite lie ich den Namen des
Gebers und die Umstnde, welche dieses Geschenk begleitet hatten,
verzeichnen. Zugleich aber stand ich in Sorge, da ein solches Denkmal
in den Hnden eines Privatmannes, zumal in meinen hohen Jahren leicht
das Los einer unrhmlichen Vergessenheit treffen knne, und so hielt ich
es fr wohlgetan, meinen Schatz dem Kommandanturhause als ein
Vermchtnis zuzuweisen, bei dessen Anblick einst noch unseren Urenkeln
das Herz vor Stolz und Freude hher schlagen mchte.

Aber bald wechselten unsere Kommandanten in schneller Folge, und auch
einer, dessen Name hier zur Sache nichts tut, war eben abgegangen,
whrend seine Gemahlin, die noch einige Zeit bei uns verweilte, bereits
ein anderes Haus bezogen hatte. Zufllig kam ich in das
Kommandanturgebude, meine Augen suchen und -- vermissen das von mir
gestiftete Bildnis. Nach vielem Fragen erfahre ich endlich, es habe
neuerdings, samt andern Mobilien, den Umzug mitgemacht. Ich eile hin zu
der Dame und bitte hflichst um Wiedererstattung. Die Dame wei von
keinem Bildnis und verweist mich an ihre Domestiken. Nun forsche ich
selbst in allen Winkeln des Hauses umher und -- siehe da! -- das mir so
teuere Gemlde findet sich endlich wieder -- im Hhnerstall, beschmutzt
auf eine Art, die keiner nheren Andeutung bedarf! Mein ganzes Herz war
emprt. Ich mag mich auch wohl ein wenig deutsch und krftig ber diese
schmhliche Entweihung ausgelassen haben, indem ich mein wiedererobertes
Kleinod heimtrug, es von allem Makel subern lie und dann mit freudigem
Gefhle an die Sttte zurckbrachte, die ihm gewidmet worden. Mge es da
fortan und immer die ihm gebhrende Achtung und bessere Aufsicht finden!

Allein mit dem Andenken an verdiente Mnner ist es ein Ding, das einen
wohl traurig machen knnte, wenn man erlebt, wie schwer es dem
selbstschtigen Menschenherzen eingeht, seine Liebe und Dankbarkeit fr
die Dahingeschiedenen treu zu bewahren. Das sollte ich auch noch
anderweitig mit Leidwesen erfahren! Es kam nmlich bald nach der
Belagerung der Herr Grokanzler v. Beyme auf seinem Wege aus Preuen
nach Berlin hierher zu uns und nahm whrend seines Verweilens bei dem
Kaufmann Schrder ein Mittagsmahl ein, wobei ich die Ehre hatte, von ihm
an seine Seite gezogen zu werden. Auch mehrere angesehene Mnner vom
Handelsstande waren gegenwrtig. Da die Unterhaltung, deren mich der
Minister wrdigte, sich meist auf die nchstverlebte Zeit bezog, war
wohl sehr natrlich, sowie nicht minder, da dabei unseres wackeren
Vizekommandanten v. Waldenfels und seines Heldentodes gedacht wurde.
Einem so braven Manne, uerte dabei unser hoher Gast, sollte der
Denkstein auf seinem Grabe nicht fehlen!

Der Gedanke elektrisierte mich. Ich stand auf von meinem Stuhle, sah
Tafel auf und Tafel ab rings meine anwesenden Mitbrger an und sprach:
Ein Wort zur guten Stunde! -- Ja, meine Herren, wir erfllen es und
setzen unserm Waldenfels ein Ehrenmal, wie er's verdient! --

Niemand antwortete mir. Ich aber erhob meine Stimme noch hher und rief:
Wie? Kein Denkmal auf eines solchen Mannes Grab? -- Meine Herren, das
ist eine Ehrensache fr jeden unter uns! --

So herausgepret, erklang denn freilich hier und da ein zgerndes Ja!
-- aber es fiel in die Augen, da es nicht aus freudigen Herzen
hervorging. Meine funkelnden Augen spiegelten sich nur in denen des
Grokanzlers wieder, der zu mir sagte: Sie gestatten mir doch, da ich
meinen Beitrag hier sofort in Ihre Hnde lege? -- Das verbat ich mir
nun und hatte Mhe, meinen Willen darin durchzusetzen. Desto leichter
ward mir's in den nchstfolgenden Tagen, mit den Jaja-Stammlern fertig
zu werden, denn da fand sich's, da es nur in die verhallende Luft
gesprochene Worte gewesen waren!

Mochte es sein! Ich aber habe mir selber Wort gehalten und auf eigene
Kosten einen schnen achteckigen gegltteten Grabstein, sieben Fu hoch,
besorgt, worauf der Name Waldenfels samt Angabe seiner Militrwrden
und des Tages, da er fr Knig und Vaterland gefallen, verzeichnet
steht. Dies einfache Monument bezeichnet seine Grabsttte. Zu gleicher
Zeit lie ich auch mir die meinige hart neben derselben mit Steinen
aussetzen, wo ich denn endlich auch ruhen werde. --

       *       *       *       *       *

Ehre den braven Mnnern, die, gleich Waldenfels, in und fr Kolberg
geblutet und ihr Bestes getan haben! Wo einundzwanzig Offiziere auf dem
Bette der Ehre das Leben verhauchten und eine gleiche Anzahl schwere
Wunden aufzuweisen hatte, da bedarf es keines weiteren Zeugnisses, da
die Besatzung in allen ihren Graden ihre volle Schuldigkeit getan. Wie
der Knig dies anerkannt hat, spricht sich vollgltig in der
Auszeichnung aus, die er dem zweiten pommerschen Infanterieregimente
gewhrte, welches seit jenen Tagen die Ehrennamen des Regimentes
Kolberg und v. Gneisenau miteinander vereinigt.

Zwar die Ausnahmen sind es, welche die Regel bestrken, und so gab es
denn freilich auch unter Kolbergs Braven einzelne Feiglinge, aber billig
sollte ihr Andenken der Vergessenheit bergeben bleiben, wenn nicht eine
zweifache Betrachtung das Gegenteil zu gebieten schiene. Einmal
geschieht jenen Braven, die in so glnzendem Lichte dastehen, nach
meinem Gefhle eine Ungebhr, wenn hier die Schattenseite des Gemldes
gnzlich verhllt wrde. Dann aber ist von dem unwrdigen Betragen
dieser Finsterlinge schon frher manches mit Einmischung meines Namens
zur Kunde des Publikums gekommen, was jetzt als lgenhafte Aufbrdung
des damaligen unseligen Parteigeistes ausgeschrieen werden knnte, wenn
ich es hier ganz berginge und dadurch gleichsam stillschweigend
zurcknhme. Da ich nicht gern davon spreche, wird man mir glauben;
indes stehe hier meine treue und einfltige Erzhlung!

In einer Nacht, wo es scharf ber die Stadt herging (es war zwischen dem
1. und 2. Juli), befand ich mich auf dem Markte neben dem Spritzenhause,
um sofort bei der Hand zu sein, wenn irgend etwa eine Bombe zndete.
Hier eilte nun ein Mann im grauen Regenmantel und die weie Schlafmtze
ins Angesicht gezogen mit weiten Schritten an mir vorber und verlor
sich in einen Weinkeller, den man fr bombenfest hielt und wohin sich
deswegen bereits mehrere alte Mnner, Frauen und Kinder samt einigen
furchtsamen Brgern geflchtet hatten. Gleich nachher aber strmte aus
eben diesem Keller der Haufe in grter Verwirrung hervor, und ich
erfahre, es sei eine Granate durch das Gewlbe gefahren. Ich steige
hinunter, um mich zu berzeugen, ob Schaden geschehen und Hilfe ntig
sei. Davon zeigt sich indes nirgends eine Spur; man fat nun wieder Mut,
kehrt in den verlassenen Zufluchtsort zurck, und drei meiner Bekannten,
rechtliche Mnner, fordern mich auf, noch einige Augenblicke zu
verweilen und ein Glas Wein mit ihnen zu trinken.

Indem ich mir nun hierbei die bunte Versammlung mit etwas besserer Mue
ansehe, bemerke ich auch seitabwrts den Mann in der Schlafmtze, der
mir bereits durch seine langen Beine merkwrdig geworden. Halb kommen
mir seine Gesichtszge bekannt vor, aber die Dunkelheit des Winkels lt
mich nichts mit Gewiheit erkennen. Ich greife nach einer Kerze, leuchte
ihm nher unter die Augen und -- siehe! es ist der Hauptmann *** von
unserer Garnison. Hochverwundert frage ich: Ei tausend, Herr Hauptmann!
Wie geraten Sie hierher? Ist dies Loch ein Aufenthalt fr Sie? Ein
Offizier -- und verkriecht sich unter alte Weiber und Wiegenkinder! Der
Knig hat Ihnen gewi vierzig Jahre Brot gegeben, und nun es seinen
Dienst gilt, vertun Sie sich abseits? -- Er stotterte etwas daher:
Sehen Sie nicht, da ich krank bin? Ich habe das Fieber. -- Da Sie
eine Schlafmtze sind, sehe ich, und das Bombenfieber sehe ich auch,
war meine Antwort. -- Hier heraus mit Ihnen und fort, wohin Sie
gehren! -- Ich wre in meiner Ereiferung vielleicht noch tiefer in den
Text hineingeraten, wenn meine vorgedachten Bekannten mich nicht von ihm
abgezogen und begtigt htten. Unterdessen lie der Fieberpatient sich
ein gutes Gericht Essen und ein Viertel Wein auftragen und speiste mit
einem Appetit, der auch dem Gesundesten Ehre gemacht haben wrde.

Aber es sollte hier gleich noch ein zweites hnliches Abenteuer geben.
Denn indem ich mich von dem Jammerbilde nach einer anderen Seite wende,
fiel mir ein Feldbett in die Augen und darauf hingestreckt ein Mensch,
der notwendig auch eine Militrperson sein mute, da unter der Bettdecke
hervor ein Degen mit dem Portepee niederhing. Mein Gesicht mochte bei
diesem Anblicke wohl wie ein groes Fragezeichen aussehen, denn
unaufgefordert erklrten mir meine Freunde, die hier Bescheid wuten, es
sei der Leutnant ***, der sich zu gtlich getan und in diesem, ihm
gewhnlichen Zustande so seinen Aus- und Eingang im Weinkeller habe. Das
war mir ein Greuel mit anzuhren! Ich ri ihm die Bettdecke vom Leibe
und rief: Herr, plagt Sie ... Was haben Sie _hier_ zu schaffen? Heraus und
auf Ihren Posten! Hren Sie den Geschtzdonner nicht?

Brummend taumelte er empor, und sich mit Mhe auf den Fen haltend,
tobte der Jmmerliche: Warum wird das verfluchte Loch nicht bergeben,
damit man nur einmal aus dem miserabeln Neste herauskme! -- Ich traute
meinen Ohren nicht und htte mich wahrlich an dem Elenden ttlich
vergriffen, wenn meine gelasseneren Freunde mir nicht in den Arm
gefallen wren, whrend jener wieder auf sein Lager niedertorkelte und
prahlte, wie viel Weinflaschen er heute schon den Hals gebrochen.

Beide Auftritte waren indes zu ffentlich und vor zu vielen Zeugen
vorgefallen, als da sie ganz mit dem Mantel der Liebe zu bedecken
gewesen wren. Der Hauptmann rechtfertigte sich mhsam durch ein
rztliches Attest, das seine Krankheit bekrftigte, aber dahingestellt
lie, warum sich Patient nicht lieber ruhig in seinem Quartier verhalten
und eine genauere Dit befolgt habe? Gegen den Leutnant aber sprachen
die Zeugnisse so entscheidend, da er einem dreimonatlichen Arrest und
demnchst seiner Dienstentlassung sich nicht entziehen konnte.

Zu einer anderen Zeit standen unsere Vorposten ringsum des Abends in
einem lebhaften Feuer gegen den Feind, der allmhlich immer mehr Truppen
ins Gefecht brachte. Der Kommandant, in dessen Gefolge ich war, befand
sich auf der Bastion Pommern, von wo auch das Feld zu beiden Seiten des
Platzes am bequemsten bersehen werden konnte. Um die Unserigen gegen
Sellnow hin zu untersttzen, war der Major *** mit drei Kompagnien seines
Bataillons abgeschickt worden, mit dem Auftrage, sich den Schillschen
Truppen anzuschlieen und das Gefecht zum Stehen zu bringen. Aber statt
da nun hier vor dem Geldertore eine neue Regsamkeit zu bemerken gewesen
wre, hrte das Feuer dorthin, zu des Kommandanten nicht geringer
Verwunderung, bald gnzlich auf, und die Verwunderung stieg zur Unruhe,
da immer noch kein Rapport von der entsandten Verstrkung einging. Ich
erbot mich, Nachricht an Ort und Stelle einzuziehen, und eilte von
dannen, den Wall hinunter.

Von einem Pulverwagen, der mir in den Weg kam, strngte ich ein Zugpferd
ab, warf mich hinauf und trabte zum Geldertore hinaus. Die Nacht war
stockfinster geworden. Als ich ber die sogenannte Kuhbrcke kam,
stutzte mein Gaul, hob sich und wollte trotz all meines Treibens nicht
von der Stelle. Endlich ward ich gewahr, da er sich vor einem Soldaten
scheute, der sich quer ber den Weg gelagert hatte. Der Bursche hatte
geschlafen, und mit ihm ward es auf einmal rund um mich her wach und
laut, und ein Dutzend Bakehlen rief: Holla! holla! Nur sachte! -- Mit
einem Blicke bersah ich nun die saubere Schlafkompanie, die sich hier
meist ins Gras gestreckt hatte, anstatt den bedrngten Kameraden weiter
vorwrts Luft zu machen.

Im bitteren Unmute meines Herzens strmte ich auf sie ein und rief: Ihr
seid mir schne Helden! Pfui euch, da ihr hier liegen knnt und
schnarchen! -- Beschmt wichen sie mir zu beiden Seiten aus, bis ich
weiterhin kam und nun auch auf ihren edeln Anfhrer stie, der sich sein
Ruhepltzchen hart am Heckenzaune ausgesucht hatte, den Kopf nur so eben
aus dem Mantel hervorstreckte und mir einen guten Morgen bot. Drei
Schritte hinter ihm zeigte sich mir der Hauptmann *** in gleicher
Positur, der jedoch aufstand und mir seinen guten Morgen bis dicht ans
Pferd entgegenbrachte. Mich noch weniger haltend als vorhin tobte ich:
Den T... und seinen Dank fr euern guten Morgen! Ist das recht? Ist das
erhrt, da ihr hier auf der Brenhaut liegt? Ob eure besseren Kameraden
indes ins Gras beien, das kmmert euch nicht! -- Da! da seht!

In dem Augenblick nmlich kamen einige Schillsche Leute daher, die zwei
Erschossene auf einer Tragbahre aus dem Gefechte trugen und mehrere
Verwundete leiteten. Ich erfuhr von ihnen noch bestimmter, da die ganze
Zeit her von einem Untersttzungstrupp nichts zu sehen noch zu hren
gewesen. Demgem fiel nun auch mein Rapport an den Kommandanten aus,
der mit Achselzucken versetzte: Nun, nun -- ich werde den Herren die
Epistel lesen!

       *       *       *       *       *

Ich, meinesteils, hatte kein Gelbde getan, aus den mancherlei
Erlebnissen dieser Art vor meinen tglichen Bekannten ein Geheimnis zu
machen, und so hatten denn durch mehr als einen Mund jene Anekdoten auch
ihren Weg in des Herrn v. Clln damals vielgelesene Feuerbrnde und
einige andere politische Tagesschriften gefunden und bei manchem noch
altglubigen Militr mitunter Ansto erregt. Wer aber htte es glauben
sollen, da es irgend einst einem solchen einfallen knnte, mich, den
Unschuldigsten bei dem gesamten Handel, deshalb feierlichst in Anspruch
zu nehmen? Dennoch geschah es also, und auch hierber gehre ja wohl ein
kurzer Bericht in meine Lebensgeschichte.

Von einem der Kommandanten, die auf Gneisenau folgten, ward ich eines
Tages durch eine Ordonnanz auf eine bestimmte Stunde in seine
Amtswohnung geladen. Ich ging und ward in einen groen Saal gefhrt, den
ich von den smtlichen Offizieren unserer Besatzung gefllt fand. Mitten
unter ihnen sa der Garnisonauditeur L* hinter einem Tische, den viele
Schriften und Schreibmaterialien bedeckten. Alles hatte so ziemlich die
Miene eines groen gerichtlichen Aktes.

Sofort nach meinem Eintritt kam mir der Kommandant mit einem gedruckten
Buche in Quarto entgegen und bedeutete mir: er habe mir etwas
vorzulesen, auf das ich ihm sodann antworten werde. -- Ich hatte nichts
dawider, und er setzte hinzu: Sollten die Worte und Beschuldigungen
erlogen sein, so verdiene der Schriftsteller, da ihm der Proze gemacht
werde, und man werde bei Sr. Majestt des Knigs hchster Person darauf
antragen, ihn exemplarisch bestrafen zu lassen. -- Und nun zu dem
ganzen Zirkel: Meine Herren! Ich werde lesen, Sie werden hren! Jetzt
las er mir das Geschichtchen von der Nachtmtze im Ratskeller, und
verlangte darber eine weitere Erklrung. Die wird am leichtesten zu
geben sein, versetzte ich, wenn, wie ich glaube, der Herr Hauptmann
*** hier in der Versammlung gleichfalls zugegen ist. -- Zu gleicher
Zeit schaute ich ein wenig umher und erblickte ein Stckchen von ihm
hinter und zwischen einer Gruppe von Kameraden, die mich jedoch nicht
verhinderten, meinen Mann hervor an das Tageslicht zu ziehen. Nun kam es
denn zu einem Katechismusexamen, wo es auch von ihm hie: Und er
bekannte und leugnete nicht, -- da sich alles so verhalte, als dort im
Buche stnde, denn ich fhrte ihm die drei unverwerflichen Zeugen zu
Gemte, welche damals neben uns gestanden.

Allein, nahm nun der Kommandant aufs neue das Wort, wie steht es um
dies zweite Geschichtchen, das ich Ihnen vorzulesen habe, -- von einer
schlaftrunkenen Wegelagerung, wobei der Major *** in ein so nachteiliges
Licht gestellt ist? -- Er las, und meine Gegenfrage war: Htte der
Herr Major in der Tat etwas dagegen? -- Ich sah mich nach ihm um, fand
ihn und wiederholte nun Wort fr Wort, was damals zwischen ihm, seinen
Begleitern und mir verhandelt worden. Der Mann, zum Leugnen zu ehrlich,
spielte hierbei eine etwas einfltige Rolle, whrend der Auditeur
frischweg protokollierte und sich fast die Finger lahm schrieb. -- Nun
endlich noch die Gewissensfrage: Ob _ich_ diese Erzhlungen dem Verfasser
der Feuerbrnde mitgeteilt htte? -- Das konnte ich mit Wahrheit
verneinen; und so nahm das gestrenge Inquisitionsgericht ein Ende, ohne
da weiter Gutes oder Bses dabei herausgekommen wre. Auch habe ich
mich ferner nicht darum gekmmert.

       *       *       *       *       *

berhaupt mu gesagt werden, da seit Gneisenaus Abschied zwischen
Militr und Brgerschaft meiner Vaterstadt sich ein Verhltnis gebildet
hatte, welches mit der jngst verflossenen Zeit gemeinschaftlichen
Bedrngnisses in einem traurigen Gegensatze stand und mir wie jedem
patriotisch gesinnten Herzen unendlich viel Unmut, Kummer und Sorge
erweckte.

Kolbergs militrische Wichtigkeit, zumal in jener schwierigen Zeit nach
dem Frieden von Tilsit, war lebhaft anerkannt worden, aber eben dadurch
fhlte sich auch die Besatzung des Platzes in ihrer Bedeutung gehoben
und zu Ansprchen von mancherlei Art berechtigt. Darber, und weil dies
bald einigen Widerstand erzeugte, hatte sich in allen Berhrungen mit
den brgerlichen Behrden ein gewisser unfreundlicher Ton
eingeschlichen, der immer schmerzlicher empfunden wurde. Es sollte alles
martialisch und gewaltig bei uns zugehen, als wenn es noch mitten im
Kriege wre, wogegen der Brger nur durch die milden brgerlichen
Gesetze des Friedens beherrscht sein und von auerordentlichem
Kriegszwange nichts mehr wissen wollte. Die Lasten der Einquartierung
bei einer noch immer sehr starken Garnison, die an sich schon lstig
genug waren, wurden es noch mehr dadurch, da die Verteilung derselben
sich ungesetzlich in den Hnden einer auerordentlichen Kommission
befand, die von rnkeschtigen Kpfen nach Gunst oder Ungunst geleitet
ward. Bse Ratgeber der nmlichen Art belagerten das Ohr der Machthaber
und freuten sich des gestifteten Unheils; berall Neckerei, Reibung und
abgeneigter Wille, und -- zum berma dieses Notstandes -- eine
vielleicht nicht hinlnglich beschftigte Anzahl alter und junger
Militrs, deren berschwang an Lebendigkeit sich in mancherlei Strungen
des friedlichen brgerlichen Verkehrs, in Prgelszenen, in gewaltsamen
Angriffen und Verwundungen rechtlicher Mnner kund tat.

Auf der anderen Seite ist ebensowenig in Abrede zu stellen, da unseren
Einwohnern durch die Belagerung das Herz ein wenig gro geworden. Sie
hatten in ungewhnlichen Anstrengungen auch ungewhnliche Krfte in sich
erwecken mssen, und so wie sie sich dadurch selbst im Werte gehoben
fhlten, wollten sie sich auch von anderen besser geachtet wissen.
Vielfach hatten sie auch in der Zeit der Not bedeutende Opfer an
Eigentum und Vermgen dargebracht; hatten gehofft, nach des Feindes
Abzuge durch mancherlei Erleichterungen sich fr soviel Einbuen und
Entbehrungen entschdigt zu sehen, und fhlten sich nun doppelt
getuscht, da statt der gehofften goldenen Zeit nur neue herbe Frchte
fr sie reiften. Zwar was das allgemeine Migeschick damals ber unser
armes bedrcktes Vaterland schwer genug verhngte, htten sie gern und
freudig mit ertragen, aber so manche rtliche und besondere Belastung
wre ihnen fglich zu ersparen gewesen, und konnte nicht verfehlen,
einen dumpfen Mimut zu erregen. Dennoch blieben ihre Klagen stumm und
scheuten sich, ein Knigsherz, dem das Schicksal bereits so groe
Prfungen auferlegt, noch tiefer zu bekmmern.

Wie aber mute denn nicht jedes wackere Brgerherz sich um so tiefer von
Dank und Freude ergriffen fhlen, als ein Knigliches Kabinettsschreiben
vom 21. Oktober 1807 an die verordneten Stadtltesten Dresow und
Zimmermann den Beweis fhrte, da Kolberg in seines gtigen Herrschers
Beachtung und Frsorge unvergessen geblieben, indem uns darin unter den
huldvollsten Ausdrcken, der Erla unseres Anteils an der allgemeinen
franzsischen Kriegskontribution, im Belauf mehr als hundertachtzigtausend
Talern angekndigt wurde.

       *       *       *       *       *

Als im Jahre 1809 durch die eingefhrte neue Stdteordnung berall die
bisherige Magistratsverfassung abgeschafft und den Brgerschaften ein
erweiterter Einflu auf die Verwaltung zugestanden wurde, wute sich die
Menge in die verbesserten Einrichtungen nicht sogleich zu finden; die
Rnkeschmiede und Selbstlinge aber waren nur um desto eifriger darauf
bedacht, ihr Schfchen dabei zu scheren und den blinden Unverstand nach
ihren geheimen Absichten zu bearbeiten. Als es daher zur ersten Wahl der
Stadtverordneten und eines neuen Magistrats kam, ging es dabei so
strmisch, unmoralisch und ordnungswidrig zu, da jeder rechtschaffene
Mann sein uerstes Mifallen daran haben mute.

Es kann mir also auch nicht als Lobspruch gelten, wenn ich, obwohl als
erster Stadtverordneter gewhlt, mich dieser Ehre bedankte und mit einer
Versammlung nichts zu schaffen haben wollte, von deren Gesinnungen ich
nichts als Unheil fr die Stadt erwarten konnte. Zwar fehlte es nicht an
dringendem Zureden meiner Freunde, welche in der Meinung standen, da
ich durch bernahme jenes Postens, wenn auch nicht Gutes sonderlich zu
frdern, doch manches Bse durch meinen Einflu zu verhten imstande
sein wrde; allein das ganze Wesen, so wie es sich da gestaltet hatte,
war mir ein Greuel, und ich lehnte es standhaft ab, mich damit zu
befassen. Noch rger ward das Ding, als nun demnchst zur Ratswahl
selbst geschritten werden sollte. Kabalen kreuzten sich mit Kabalen;
einige rechtliche Mnner, welche die gesetzliche Stimmenmehrheit fr
sich gehabt, wurden tumultuarisch wieder ausgestoen, und ich hrte
sogar von ttlichem Handgemenge, worin die Anhnger der verschiedenen
Parteien sich gestritten hatten.

So wie ich mir nun in stiller Klage mit anderen Biedermnnern dies
schndliche Unwesen tief zu Herzen nahm und tglich Zeuge sein mute,
wie es immer weiter um sich griff und eine widerrechtliche Anordnung auf
die andere folgte, so setzte ich mich hin und schilderte Sr. Majestt
dem Knige unmittelbar und umstndlich, mit Gewissenhaftigkeit und
Wahrheit, wie alle diese Sachen bei uns ihren Verlauf gehabt. Ich nahm
mir dabei den Mut, hinzuzufgen, da, wenn Se. Majestt die jetzt
bestehende Stadtverordneten-Versammlung nicht gnzlich kassierte und zur
Wahl einer neuen mittels einer unparteiischen Kommission schreiten
liee, der Wirrwarr immer grer werden und nur mit dem Untergange
unserer gesamten stdtischen Wohlfahrt endigen werde.

Es geschah auch, was ich vertrauensvoll gehofft hatte. Der Monarch
beschied mich in einer gndigen Antwort, da, meinem Antrage gem, die
dermalige Stadtverordneten-Versammlung von Stund' an suspendiert und dem
Minister v. Domhardt die Ernennung einer Kommission aufgetragen sei, um
die Vorflle untersuchen zu lassen und erforderlichenfalls neue,
rechtmigere Wahlen zu verfgen. Der Minister benachrichtigte mich, da
er den Polizeidirektor Struensee zu Stargard zum Kommissarius in dieser
Sache ernannt habe, und dieser meldete mir den Zeitpunkt seines
Eintreffens in Kolberg und gab mir auf, bis dahin meine verschiedenen
Klagepunkte gehrig zu ordnen.

Von allen diesen Schritten wute niemand, weniger zurckhaltend war ich
in meinem freimtigen -- oft wohl etwas derben Urteile ber all den
Unfug, der tglich unter meinen Augen vorging. Natrlich waren nur
dergleichen uerungen, die zudem nicht im Winkel gesprochen worden, den
Leuten, denen es galt, fleiig zu Ohren gekommen. Die ganze Korporation
kam darber in Harnisch und ernannte eine Deputation aus ihrer Mitte,
mit dem Kaufmann S** an der Spitze, um eine Klage wider mich wegen
ehrenrhriger Beschuldigungen beim Stadtgerichte anzubringen. Die Sache
war bereits anhngig geworden und mir ein Termin angesetzt, wo ich
erscheinen und mich verantworten sollte.

Es ist ein wunderlich Ding, da all meine Hndel vor der Obrigkeit
anfangs immer ein hochgefhrliches Ansehen hatten und zuletzt doch ein
lcherliches Ende nahmen. Das begab sich auch hier. Ich trat zur
bestimmten Stunde vor die Schranken, und der Stadtgerichtsdirektor
Harder deutete mir an: ich sei in diesem und jenem durch vorlautes
Absprechen und Urteilen ber eine lbliche Stadtverordneten-Versammlung,
wofern die deshalb erhobene Klage gegrndet, gar sehr straffllig
geworden. Letztere solle mir jetzt vorgelesen und meine rechtliche
Verantwortung gewrtigt werden.

Das mchte sein, erwiderte ich, indem ich mich zugleich gegen die
anwesenden drei gegnerischen Deputierten wandte, wenn ich nur diese
Herren noch fr wahre und wirkliche Stadtverordnete anerkennen knnte,
nachdem des Knigs Majestt sie smtlich von ihren mtern suspendiert
hat. -- Ohne mich auch weiter an die groen Augen zu kehren, welche
eine so frevle Rede hervorbrachte, zog ich das knigliche Handschreiben
aus der Tasche und gab es stillschweigend in des Direktors Hnde. Der
nahm und las, erst fr sich allein, dann laut und vernehmlich vor allen
Anwesenden. Ich aber, nachdem ich mich einige Augenblicke an den
verlngerten Gesichtern geweidet, erklrte dem Gerichte weiter:
solchergestalt fnde ich auch keinen Beruf in mir, jetzt auf die
erhobene Klage weiter zu antworten, wozu sich vielmehr wohl eine andere
und bessere Gelegenheit finden werde.

Recht gut! sagte der Direktor mit einiger Verlegenheit, indem er mir
das Schreiben zurckgab und ich mich zum Fortgehen anschickte. -- Aber
wir haben einen Termin abgehalten und hier sind Kosten aufgelaufen. Wer
wird die bezahlen?

Nun, das werden die Herren, die sie verursacht haben, sich ja wohl
nicht nehmen lassen, erwiderte ich lachend, und ich hatte recht
geraten. Denn sogleich auch erbat sich Herr S** die Erlaubnis, mit
seinen Begleitern auf wenige Augenblicke abtreten zu drfen, und nachdem
sie sich drauen beraten, zog jener gromtig seinen Beutel und zahlte
der Justiz ihre Gebhren.

Wenige Tage spter trat auch der Knigliche Kommissarius Struensee in
dieser Eigenschaft bei uns auf, und meine Anklage gegen die
Stadtverordneten und den von ihnen erwhlten Magistrat ward in seine
Hnde bergeben. Ich hatte reichen Stoff gefunden, sie seit meiner
ersten Anzeige noch um manches himmelschreiende Faktum zu vermehren, so
da es denn kein kleines Sndenregister gab, welches ich nach und nach
bei der Kommission zu Protokoll diktierte und worber ich die
erforderlichen Beweise beibrachte. Anderseits wurden auch die
Angeschuldigten vorgeladen, und nach genauester Untersuchung fiel die
Entscheidung dahin aus, da einige der Schuldigsten frmlich von ihrem
Posten entsetzt und zur Bekleidung stdtischer Amts- und Ehrenstellen
auf immer fr unzulssig erklrt wurden.

Nach dieser Reinigung leitete der Kommissarius eine neue, ordnungsmige
Wahl beider Kollegien ein, wodurch das stdtische Interesse besser
beraten war, und alle Gutgesinnten bessere Hoffnungen fr die Zukunft
schpfen konnten. Ihre Stimmen erkoren mich zum ersten unbesoldeten
Ratsherrn, und zu diesem Stadtamte bin ich seitdem auch bei jeder neuen
Wahl besttigt worden; -- ein Beweis von dem Zutrauen meiner Mitbrger,
der meinem Herzen immer sehr wohlgetan hat, wiewohl mein Alter und die
damit verbundene Schwachheit mahnt, mich nunmehr von allen ffentlichen
Geschften vollends zurckzuziehen.

       *       *       *       *       *

Um die nmliche Zeit ward mir durch des Knigs Gnade eine ganz
unerwartete Auszeichnung zuteil. Es war Sr. Majestt, ich wei selbst
nicht auf welche Weise, zur Kenntnis gekommen, da ich einst vor langen
Jahren in wirklichem kniglichen Seedienste gestanden, und demzufolge
ward mir jetzt die frmliche Erlaubnis erteilt, die knigliche
Seeuniform zu tragen. Warum sollte ich leugnen, da gerade _diese_
Vergnstigung einen tiefen Eindruck auf den alten Seemann in mir machte,
dessen Patriotismus sich immer und unter allen Himmelsgegenden mit
einigem Stolze zur preuischen Farbe bekannt hatte? Zudem fhlte ich
mich damals noch rstig, meinem Landesherrn auch auf meinem
eigentmlichen Elemente in Krieg und Frieden einige nutzbare Dienste
leisten zu knnen, und nur des leisesten Winkes htte es bedurft, um
alles zu verlassen und unter jeder Zone fr Preuens Nutzen und Ehre zu
leben und zu sterben!

Die Rckkehr unseres gefeierten Knigspaares von Preuen nach Berlin im
Dezember des Jahres 1809, war ein Ereignis, das meine Seele mit hoher,
freudiger Teilnahme beschftigte. Einem Gerchte zufolge sollte der Weg
ber Kolberg fhren; aber der Anblick unserer Trmmer konnte nicht
erfreulich und uns selbst es daher kaum wnschenswert sein, das
landesvterliche Herz damit zu betrben. Auch erfuhren wir bald, da die
Strenge der Jahreszeit die nchste und krzeste Richtung geboten habe
und der knigliche Reisezug am 21. in Stargard eintreffen werde, um dort
einen Rasttag zu halten. Es war also auch zu erwarten, da die
pommerschen Stnde und andere Behrden der Provinz sich dort dem Knige
vorstellen wrden.

Diese Nachricht traf mich am 19. abends in einer Gesellschaft, wo viele
wrdige Mnner unserer Stadt beisammen waren. Wie! rief ich aus, so
viele unserer Landsleute sollen dort vor dem Knige stehen, ihm ihre
frohen Glckwnsche darzubringen, und nur aus unserer Vaterstadt sollte
sich niemand zu einer solchen freiwilligen Huldigung eingefunden haben?
Das hat weder der Knig um Kolberg, noch wir um ihn verdient! Seine
Gnade hat uns erst unlngst eine Kriegssteuer von nahe an
zweimalhunderttausend Talern erlassen, bei welcher schicklicheren
Gelegenheit knnten wir ihm dafr unseren Dank bringen, als wenn eine
Deputation der Brgerschaft sich jetzt dazu auf den Weg machte?
-- Vollmacht? Trgt sie nicht jeder mit seinem Gefhle der Dankbarkeit im
eigenen Herzen? Wird dort nach Vollmacht gefragt werden, wo wir nichts
bitten, nichts verlangen, und wo nur allein unsere Glck- und
Segenswnsche aus einem begeisterten Herzen hervorquellen werden?

Alles war meiner Meinung, aber alles glaubte auch, es sei nicht mehr an
der Zeit, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, denn um zu rechter Zeit
zur Stelle zu sein, wrde man noch den nmlichen Abend sich auf den Weg
machen mssen. -- Nun, und wenn es sein mte, unterbrach ich die
khlen Zweifler, warum nicht auch schon in der nchsten Stunde? _Ich_ bin
dazu bereit, aber ich bedarf noch eines Gefhrten. Wer begleitet mich?

Ringsherum nichts als Schweigen und Kopfschtteln, und schon wollte ich
im feurigen Unmute auflodern, als der Kaufmann, Herr Glckel, mir die
Hand reichte, sich mir zum Gefhrten erbot, in einer Stunde reisefertig
zu sein versprach und nun selber zur Eile trieb, damit wir noch vor
vlligem Torschlusse die Festung im Rcken htten. Ich selbst bernahm
es, die Postpferde fr uns zu bestellen.

Glcklich auf den Weg gelangt, bemerkten wir erst drauen auf dem Felde,
da es eine stockdunkle Nacht gab, und da es schwer halten werde, des
rechten Weges nicht zu fehlen. Wirklich auch hatten wir noch nicht Spie
erreicht, als wir inne wurden, da wir uns verirrt und gentigt waren,
auf einem weiten Umwege wieder auf die Poststrae zurckzukehren. Dies
machte mich so ungeduldig, da ich dem Postillion Zgel und Peitsche aus
den Hnden ri, um selbst zu kutschieren, und es knnte wohl sein, da
ich ihm nebenher einige fhlbare Denkzettel auf den Rcken zugemessen
htte. So ging es langsam weiter von Station zu Station, ohne da mein
stetes Treiben sonderlich fruchtete, oder da ich auf die Vorstellung
meines gleichmtigeren Reisegefhrten viel gegeben htte, der mir
bemerklich machte, da wir auf diese Weise mitten in der nchstfolgenden
Nacht in Stargard anlangen und dann in dem berfllten Orte kein
Quartier finden wrden.

In der Tat war es auch, als wir an Ort und Stelle kamen, noch so frh am
Morgen, da wir noch alles in Finsternis und Schlaf begraben fanden.
Dies hinderte jedoch nicht, da ich gleich zunchst dem Tore mir ein
Haus drauf ansah, vor welchem ich zu halten befahl. Es wurde
abgestiegen, angeklopft und, nachdem es drinnen munter geworden, mit
lauter Stimme Herberge begehrt. Die Antwort war, wie sie zu erwarten
stand, eben nicht sehr trstlich: alles sei dicht besetzt und kein
Unterkommen mehr mglich. -- Aber, liebe Leute, rief ich dagegen, den
alten Nettelbeck werdet ihr doch nicht auf der Strae stehen lassen? --
Nein, wahrhaftig nicht! scholl eine weibliche Stimme dagegen.
Tausendmal willkommen! Da mu sich schon ein Winkelchen finden! -- Und
es fand sich auch so bequem und wohnlich, da wir noch in guter Ruhe
einige Stunden ausschlafen konnten. Mein Reisegefhrte hatte groe Lust,
sich ber diesen Zauber meines bloen Namens zu verwundern; allein ich
entzauberte ihn schnell, indem ich ihm erklrte, da ich blo meinen
alten freundlichen Wirt wieder aufgesucht, bei welchem ich vor nicht gar
langer Zeit gehaust htte, als ich hier das Kind meines Freundes, des
Regierungsrates Wisseling, aus der Taufe gehoben.

Noch vormittags ward die Ankunft des kniglichen Paares erwartet, dessen
Zug vor unserm Hause vorber mute. Wir warfen uns also in unsre
Staatskleider -- _ich_ in meine Admiralittsuniform, mein Gefhrte in die
Uniform der Brgergarde, und erwarteten auf einer erhhten Treppe den
fr unser Herz so teuren Anblick. Wagen auf Wagen mit Kniglichem
Gefolge rollten vorber. Endlich um zehn Uhr nahte der Knig selbst,
neben ihm die Knigin, langsam in einem offenen Wagen. Es klopfte uns
hoch in der Brust und wir verbeugten uns ehrerbietig samt allen brigen,
ohne zu wissen, ob wir bemerkt wurden.

Jetzt forderte ich meinen Begleiter auf, dem Zuge mit mglichster Eile
zu folgen oder lieber noch zuvorzukommen, um die Gelegenheit zu unsrer
persnlichen Vorstellung nicht zu versumen, bevor der Monarch noch
dichter umzingelt wrde. Denn was fr ein Eulenspiegelstreich wre es
gewesen, uns im Namen einer ganzen Stadt auf den Weg gemacht und dennoch
unser Wort nicht angebracht zu haben! Allerdings war das Gedrnge um des
Knigs Quartier unbeschreiblich gro und lebendig, aber mein
treuherziges: Kinder, maakt en betken Platz! und auch wohl die paar
Streifen Gold auf unsern Rcken halfen uns zuletzt glcklich durch das
Gewhl, bis wir durch das Spalier des Militrs vorgedrungen waren, uns
unter die bunten Gruppen der Offiziere und diensttuenden Adjutanten
mischten und so zuletzt die Flur des Hauses erreichten.

Noch kam es darauf an, uns mit unserm Wunsche, vorgelassen zu werden, an
den rechten Mann zu wenden, als wir von des Knigs Gemchern einen
Stabsoffizier die Treppe herniedersteigen sahen, der auf uns zuging und
mich freundlich fragte: Gelt, Nettelbeck, Sie wollen den Knig
sprechen? Dann ist's gerade an der rechten Zeit. Kommen Sie! -- Zugleich
fate er mich und meinen Freund an der Hand und stieg in unsrer Mitte
die Treppe hinauf. Nicht ohne seltsame Verwunderung fragte ich ihn: Wie
kommt mir das Glck, da Sie mich bei Namen keinen? -- Und darber
wundern Sie sich? war die Antwort. Bin ich nicht in Kolberg bei Ihnen
in Ihrem Hause gewesen? -- Es war der General v. Borstell.

Indem wir oben ankamen, fanden wir zwei schwarzgekleidete Mnner,
Deputierte von der Kaufmannschaft einer benachbarten Stadt, vor der
offenen Flgeltre, die zu des Knigs Audienzzimmer fhrte. Der General
wies sie vor uns hinein und wir folgten dann nach. Das ganze groe
Zimmer war erfllt von Generalen, Damen und Standespersonen, worunter
mir die Prinzessin Elisabeth, die von Stettin gekommen war, der General
v. Blcher und andre bemerkbar wurden. Alles blitzte von Ordenszeichen
jeder Art, und es gab eine feierliche Stille, bis der Knig hereintrat,
samt seiner kniglichen Gemahlin, und die Anwesenden ihnen nach der
Reihe vorgestellt wurden.

Vor uns traten die genannten beiden Deputierten vor, die etwas beklommen
schienen und beraus leise sprachen, so da uns davon sowie von des
Knigs Antwort wenig oder nichts hrbar wurde. Als sie sich
zurckgezogen hatten, wandten beide hohe Personen sich zu uns, und mich
anblickend, fragte der Knig: Nicht wahr, der alte Nettelbeck aus
Kolberg? -- und dann, whrend wir unsre Verbeugung machten, zu meinem
Gefhrten gekehrt: Die Kolberger sind mir willkommen!

Wir hatten im voraus verabredet, uns, wenn es dahin kme, in unsern
Vortrag zu teilen, damit wir nicht beide durcheinandersprchen. Ich hob
demnach an: Ew. Majestt geruhen gndigst, uns zu erlauben, da wir im
Namen unsrer Mitbrger Ihnen fufllig unsern Dank bringen fr die groe
Gnade und Wohltat, die Sie unsrer guten Vaterstadt haben angedeihen
lassen. Wir haben dafr kein andres Opfer, als die abermalige
Versicherung unsrer unerschtterlichen Treue, nicht allein fr uns,
sondern auch fr unsre sptesten Nachkommen, denen wir mit gutem
Beispiele vorangegangen sind. Stets soll es ihnen in Herz und Seele
geschrieben bleiben: Liebet Gott und euern Knig und seid getreu dem
Vaterlande!

Hierauf wandte sich der Knig halb gegen uns und halb gegen die hinter
ihm stehende glnzende Versammlung und sprach in lebendiger Bewegung die
Worte: Kolberg hat sich bereits im Siebenjhrigen Kriege treu gehalten
und dadurch die Liebe meines Grooheims erworben. Auch jetzt hat es das
Seinige getan, und wenn ein jeder so seine Pflicht erfllt htte, so
wre es uns nicht so unglcklich ergangen.

Jetzt nahm mein Freund das Wort und uerte, wie nahe es uns gehen
wrde, wenn unsre Gegenwart bei Sr. Majestt eine unangenehme Erinnerung
aufregte, allein die Gefhle unsrer dankbarsten Verehrung htten uns
nicht zurckbleiben lassen wollen, und ganz Kolberg teile unsre
Gesinnungen. Der Knig erwiderte darauf: Ich wei es; wenn frh oder
spt einmal es die Umstnde gebieten, werden die Kolberger auch gerne
wieder fr mich auftreten.

Hier fing ich Feuer und brach begeistert aus, indem ich mit der Hand auf
mein Herz schlug: Ew. Majestt, dazu lebt der freudige Mut in uns und
unsern Kindern, und verflucht sei, wer seinem Knige und Vaterlande
nicht treu ist! -- Das ist recht! das ist brav! versetzte der
Monarch, und als er darauf fragte, wie wir sonst in Kolberg lebten, gab
ich zur Antwort: Gut, Ew. Majestt! Kleinigkeiten machen wir unter uns
ab, und ist es etwas Bedeutendes und wir knnen nicht durchkommen, da
wenden wir uns geradezu an Ew. Majestt. Wir hoffen, Sie werden uns
nicht sinken lassen.

Nein, nicht sinken lassen -- nicht sinken la ich euch! rief der
Knig, wobei er mir die Hand entgegenbot. Wendet euch nur an mich, und
was zu erfllen mglich ist, soll geschehen. -- Dann fragte er, ob wir
eigens dieserhalb gekommen wren, oder ob uns andre Geschfte nach
Stargard fhrten? -- Kein andres Geschft, als der Auftrag der
Unsrigen, entgegnete ich, und eben dadurch wird dieser Tag der
glcklichste unsres Lebens.

Jetzt beurlaubte uns der Knig mit den Worten: Ich danke euch! Grt
eure guten und braven Mitbrger und sagt ihnen, auch ihnen dankte ich
fr die Treue und Anhnglichkeit, die sie mir erwiesen haben. Haltet
immer auf Religion und Moralitt. -- Als wir uns darauf verbeugten und
Miene zum Abtreten machten, sagte der Knig: Sie bleiben noch hier! --
worauf auch bald hernach die Knigin sich nherte, neben ihren Gemahl
trat und sich mit gtigem Lcheln und der Bemerkung zu uns wandte: Wir
haben uns heute schon gesehen, -- und der Monarch fiel ihr ein: Nicht
wahr? Ich hatte doch recht geraten? -- So ergab sich's denn, da ich
oder meine Uniform dem kniglichen Paare bereits im Vorbeifahren
aufgefallen sein mute. Sie aber fuhr zu mir fort: Ich bin gewi recht
froh, Sie hier zu sehen und persnlich kennen zu lernen. -- Und ich,
war meine Antwort, ich danke Gott dafr, da er mich den Tag hat
erleben lassen, wo meine Augen den guten Knig und unsre allgeliebte
Knigin in solchem Wohlsein erblicken. Der Name des Herrn sei dafr
gelobt! -- So erhielten wir nunmehr unsre gndige Entlassung, eilten
nach unserm Gasthofe zurck und waren von Herzen froh, unser Geschft so
wohl und mit solchen Ehren abgetan zu haben.

Indes hatte mein Freund sich entfernt, um einige Besuche in der Stadt
bei seinen Bekannten abzustatten, als etwa nach einer Stunde ein
kniglicher Page, der uns lange vergeblich gesucht und erst durch den
Polizeidirektor Struensee hatte ausfindig machen knnen, zu mir eintrat,
um uns zur kniglichen Tafel einzuladen. Es war spt; mein Gefhrte war
abwesend und ich mute mich entschlieen, ohne ihn zu gehen. Im
Tafelzimmer hatte auch schon alles seine Pltze eingenommen. Als ich
dann mich dem Knige prsentierte, fragte er nach meinem
Mit-Deputierten, und als ich darauf nicht Gengendes zu erwidern wute,
fiel ein ungndiger Blick auf den Pagen, der noch nchst der Tre stand,
da er seinen Auftrag so unvollstndig ausgerichtet.

Ein Kammerherr fhrte mich zu meinem Sitze hin, wo rechts der General
v. Pirch und links der General-Chirurgus Grke meine Tischnachbarn waren.
Beide unterhielten sich mit mir whrend der Tafel aufs freundlichste und
ersterer erbot sich, heute abend zu dem groen Balle, der von der Stadt
veranstaltet worden, seinen Wagen zu meiner Abholung bei mir vorfahren
zu lassen, was mit herzlichem Danke angenommen wurde.

Nach aufgehobener Tafel machte ich, wie ich es die andern tun sah, dem
kniglichen Paare das stumme Zeichen meiner Verehrung und war im
Begriffe, gleich jenen mich zu entfernen, als der Knig mich noch
bleiben hie und dann der Knigin einen Wink gab. Hierauf kam dieselbe
herbei und fhrte mich in ein besonderes Nebengemach, wo ich nun mit
freudiger berraschung mich ohne Zeugen dem hohen Paare
gegenbergestellt fand. Beide taten eine Reihe von Fragen an mich, die
ich nach bestem Vermgen beantwortete, deren Inhalt aber nicht in diese
Bltter gehrt. Mein Herz geriet dabei mehr und mehr in eine hohe
Bewegung. -- --

Auf dem Balle, zu dem wir, nach des Knigs ausdrcklicher Bestimmung,
eingeladen worden, verweilten wir des starken Gedrnges wegen nur kurze
Zeit. Des nchsten Morgens reisten wir ab, und zufolge den Wnschen
meines Freundes begleitete ich ihn nach Stettin, wohin ihn Geschfte
fhrten und wo uns eine sehr freundliche Aufnahme zuteil ward, so da
wir mehrere uns zugedachte Gte und Auszeichnung von uns ablehnen
muten, weil ich mich noch zum Feste wieder nach Hause sehnte und ich
mich berdies ein wenig krnklich fhlte. Mein Geist war aber frei und
froh, und es mag auch wohl sein (was mein Reisegefhrte behauptet und
wessen ich mich gleichwohl wenig mehr entsinne), da ich manches
hollndische Liedchen fr mich gesungen habe. Das aber kommt nur an
mich, wenn meine Seele in innerem geistigen Wohlbehagen schwelgt.

       *       *       *       *       *

Das war also mein kurzes, aber erfreuliches Leben am Hofe! In ein
lngeres htte ich mich freilich schlecht zu schicken gewut und
berdies wre mir dadurch meine gute ehrliche Pfahlbrgerei vielleicht
verleidet worden, zu welcher ich nun mit doppeltem Behagen zurckkehrte
und wobei ich mich ohne Zweifel auch besser befand. Ich hatte meine
frhere Hantierung, soweit meine verminderten Vermgensumstnde es
zulieen, klein und bescheiden wieder angefangen und fand dabei, als
ein einzelner Mann von wenigen Wnschen und Anforderungen, auch mein
notdrftiges Auskommen. Ich wrde sogar sagen knnen, da ich glcklich
und zufrieden lebte, wenn ich irgend bei meinen Hausgenossen, durch die
ich meine Geschfte betreiben mute, nur etwas von der Treue und
Anhnglichkeit gefunden htte, auf die ich rechnete und deren ich
bedurfte. Wenn aber das Gesinde, gegen frhere Zeiten gehalten, schon
vor dem Kriege ziemlich aus der Art geschlagen schien, so hatte es
nunmehr der Krieg selbst und das Beispiel der lockeren franzsischen
Sitten vollends verdorben, und wenn ich auch zugeben wollte, da ich in
meinen Forderungen an die junge Welt etwas strenger und mitunter auch
wohl wunderlicher geworden, als jene gutheien wollte, so ist's darum
nicht minder wahr, da die, welche mich zunchst umgaben, nur ihrem
eignen unerlaubten Nutzen nachgingen und mich in meinem Haushalte auf
jede mgliche Weise bervorteilten.

Da fiel mir's denn schwer und immer schwerer aufs Herz, da ich so ganz
abgesondert und verlassen in der Welt dastand. Ich zhlte bereits 75
Jahre und in meinen Gedanken hatte ich meine Lebensrechnung sehr viel
frher abgeschlossen. Was sollte mit mir werden, wenn Gott mich noch
nicht wollte? wenn nun die unvermeidlichen Schwachheiten des Alters
nher herzutraten? wenn Krnklichkeit und krperliche Leiden
berhandnahmen? wenn meine edleren Sinne mich verlieen? wenn ich
unvernehmlich und kindisch wrde? -- Mir grauste, wenn ich auf diese
Weise in die Zukunft blickte! Meine Freunde, denen ich aus diesen
Betrachtungen kein Geheimnis machte, rieten mir lachend, aber bald auch
im wohlgemeinten Ernste, zuversichtlich noch einmal in den Glckstopf
des Ehestandes zu greifen. Ich hingegen schttelte mchtig den Kopf --
ein Brutigam mit drei Vierteln eines Skulums auf dem Nacken! berdies:
wer, der, wie ich, bereits zwei so bse Nieten aus jenem Topfe gezogen,
htte sich's wohl zugetraut, das dritte Mal mit dem groen Lose
davonzugehen?

Dennoch war der Gedanke ein Feuerfunke in meine Seele, der unablssig
darin fortglimmte und all mein Sinnen und Streben beschftigte. Es lie
sich nicht leugnen, da der Ruhe und dem Wohlsein meines Lebensabends
nicht fglicher geraten werden konnte, als durch eine Gefhrtin, die mir
aus Gte und Wohlwollen die Pflege, welche ich aus bezahlter Hand nur
widerwillig erhalten haben wrde, mit unendlich treuerer Sorgfalt
erwiese. Allein wie konnte und durfte ich Greis irgendwo erwarten, da
ein Frauenherz zu solchen Gesinnungen fhig, den eignen Anspruch ans
Leben dergestalt verleugnen sollte, um es mit mir zu wagen? -- Ich fing
wiederum an, den Kopf noch mchtiger zu schtteln.

Da traten nun endlich meine Freunde im Ernste zu, und ihrem Rate, wie
ihren Vorschlgen, danke ich's, da nicht nur meine tausend
Bedenklichkeiten besiegt, sondern auch die Einleitungen zur
Verwirklichung meines Entschlusses aufs glcklichste getroffen wurden.
Ihre Bemhungen fhrten mir eine wrdige und erwnschte Gattin zu, die
nicht nur den Pflichten einer Hausfrau im vollen Umfange zu gengen
verstand, sondern die auch durch eine gute Erziehung, Milde der
Gesinnung und reine Gte des Herzens mir in Wahrheit ein groes Los, wie
ich es nimmer gehofft htte, geworden ist. Tochter eines wrdigen
Landpredigers in der Uckermark, war sie zwar frhe Waise geworden, aber
unter der Frsorge liebreicher Verwandten hatten sich Herz und Geist bei
ihr trefflich gebildet, und es fehlte ihr an keinem Bedingnis fr die
Bestimmung zu einem stillen brgerlichen Leben und Wirken. Was ich
damals schon mit vlligster berzeugung aussprach, das hat sich mir
jetzt, nach beinahe zehn Jahren, noch wahrhafter erwiesen: Gerade so und
nicht anders mute mir der gndige Gott eine Gefhrtin zuweisen, wenn
sie der Trost und die Sttze meines Alters sein sollte!

So ward ich denn im Jahre 1814 der glcklichste Ehegatte und bin es
noch: allein was den Leser dieser Bltter vielleicht noch weit mehr
berraschen wird, -- ich ward gleich im nchsten Jahre auch _Vater_. Ein
liebes Tchterchen ward mir geboren, und lebt, wchst und gedeiht zu
unsrer herzinnigen Freude. Gleicht es einst der _Mutter_, wie ich mir das
verspreche, an Sinn und Gemt, so bleibt mir kaum noch etwas zu wnschen
brig. Was vom _Vater_ auf sie vererben kann und auch vererben soll, ist
freilich nicht viel; doch habe und hege sie nur meine Scheu vor Unrecht
und meine es gut und redlich mit allen Menschen, so wird auch dieses
geringe Erbteil ihr reichlich wuchern! -- Ich nahm mir das Herz, Se.
Majestt um die bernahme der Patenstelle bei meinem Kinde zu ersuchen.
Des Knigs Gnade bewilligte mir nicht nur diese Bitte, sondern erlaubte
dem Tufling auch, in einer teuren Erinnerung, den Namen _Luise_ zu
fhren.

Noch fhrte ich mein Gewerbe einige Jahre mit gnstigem Erfolge fort,
als aber in den Jahren 1817 und 1818 die Gewerbscheine zum freien
Betrieb aller Hantierungen im Staate immer allgemeiner verbreitet
wurden, sah ich meinen Nahrungsverkehr fast gnzlich eingehen, denn
belastet mit allen stdtischen Abgaben, war es lnger nicht mglich, mit
dem vom platten Lande hereingefhrten Branntwein Preis zu halten. Mir
blieb auf diese Weise nichts brig, als diese Fabrikation ganz
aufzugeben, wie wenig ich auch in meinem hohen Alter eine Aussicht
gewann, mich in eine andre Beschftigung zu werfen und dadurch meinen
tglichen Unterhalt zu sichern. So begann denn meine husliche Lage in
Wahrheit bedenklich zu werden.

Gleich nach geendigter Belagerung hatte der edle Gneisenau, der um meine
mancherlei Einbuen wute, sich erboten, mir zur Schadloshaltung eine
knigliche Pension zu erwirken. Mein Ehrgefhl lehnte sich dagegen auf,
und mit trnenden Augen bat ich ihn, von diesem Gedanken abzustehen,
denn damals waren meine Umstnde noch immer leidlich, und ich hatte
niemand zu versorgen. Gegenwrtig aber, wo meiner Lebenslast noch zehn
Jahre mehr zugewachsen waren, standen meine Sachen um vieles anders, und
ich erkannte es mit dankbarer Rhrung, als die Huld meines gndigen
Knigs mir ein jhrliches Gnadengehalt von zweihundert Talern aussetzte,
wovon auch nach meinem Tode die Hlfte auf meine Witwe bergehen wird.
Nicht minder ward meiner kleinen Tochter zu ihrer Erziehung eine Stelle
in dem Luisenstifte zugesichert, oder nach meinem und der Mutter bestem
Befinden eine Novizenstelle in dem hiesigen Jungfernstifte vorbehalten.
Gottlob! Nun werden meine Lieben nicht ganz verlassen sein, und ich
werde mein Haupt ruhig niederlegen!

Solchergestalt htte ich allem menschlichen Absehen nach nunmehr mit
Welt und Leben so ziemlich abgeschlossen, und ich drfte hier wohl die
Feder niederlegen, wenn ich nicht noch ein paar Schwachheiten zu
beichten htte, die mich noch in so spten Jahren versucht haben, mich
dennoch mit Welt und Leben wieder zu befassen.

       *       *       *       *       *

Was fr ein sonderbares Ding es um das Projektmachen sei, das habe ich
im lebendigen Beispiel an mir selbst erfahren. Der freundliche Leser
erinnert sich ohne Zweifel noch, was fr ein feines Plnchen zu einer
preuischen Kolonie am Kormantin ich schon seit den siebziger Jahren auf
dem Herzen trug, und wie ich nach unsres groen Friedrichs Tode einen
neuen herzhaften, aber vergeblichen Anlauf nahm, den Plan zur
Wirklichkeit zu bringen. Seitdem hatte ich nun noch von englischen
Seeleuten hier im Hafen wiederholt vernommen, da ihre Landsleute lngst
zugegriffen und jene Landstriche mit Glck angebaut htten. Wer sollte
nun nicht gemeint haben, da endlich jeder Gedanke solcher Art aus
meinem Hirne gewichen sei? Ich glaubte es selbst und schalt mich oft
einen Toren, da ich so etwas hatte trumen knnen.

Allein das bunte Traumbild war nicht entwichen, sondern hatte sich nur
in den dunkelsten Hintergrund meiner Gehirnkammern bis auf gelegenere
Zeit zurckgeschoben. Wunderbare Dinge waren vom Jahre 1812 an, vor den
Augen der erstaunten Zeitgenossen, wie vor den meinigen,
vorbergegangen; die Welt war pltzlich eine andre geworden; Frankreichs
bermacht lag zu Boden, und unser geliebtes Vaterland hatte sich von
seinem tiefen Falle glorreich wieder aufgerichtet. Mein altes Herz
schlug mir jugendlich freudig bei jeder neuen Grotat, welche die
preuischen Waffen verrichtet; ich sah den Staat auf dem Wege, eine
immer glnzendere und ehrenvollere Stelle unter den europischen Mchten
einzunehmen. Da erwachte pltzlich auch mein alter langgenhrter
Lieblingswunsch in der Seele, ich wollte Preuen auch jenseits der
Weltmeere gro, blhend und geachtet sehen, es sollte seine Kolonien
gleich andern besitzen!

Bald lie es mir bei Tag und Nacht keinen Frieden mehr. Whrend die
verbndeten Heere 1814 den Kampf der Entscheidung auf franzsischem
Boden vollends ausfochten, (ich selbst hatte damals noch keine
Ehestandsgedanken, die mir sonst wohl den Kopf zurechtgesetzt haben
wrden), mute ich, um es nur vom Herzen loszuwerden, mich hinsetzen und
an meinen hochverehrten Gnner, dem seine glnzenden Erfolge im Felde
eine bedeutsame Stellung im Staate erworben hatten, etwa in folgenden
Worten zu schreiben:

Bereits seit vielen Jahren hat mir in meinem Herzen ein Wunsch fr
Knig und Vaterland gebrannt, und ich glaube, die Vorsehung hat gerade
jetzt Zeit und Umstnde zu dessen mglicher Erfllung herbeigefhrt.
Dieser Gedanke drckt und drngt mich auch dermaen, da ich mich nicht
enthalten kann, ihn hier vor Ew. &c. auszuschtten. Mgen Sie dann auch
von mir denken, wie Sie wollen, oder mich auch gar damit auslachen! Gott
wei, ich meine es dennoch von Grund des Herzens gut. Aber zur Sache!

Frankreich ist an unsern preuischen Staat mehr schuldig, als es uns
jemals wird ersetzen knnen. Sollte aber ein solcher Ersatz nicht auf
andre Weise zu leisten sein, indem es uns in dem bevorstehenden Frieden
(der hoffentlich von Preuen und den verbundenen Mchten diktiert werden
wird), und unter Englands Genehmigung, eine bereits in Kultur stehende
franzsische Kolonie in Amerika abtrte? -- z. B. Cayenne mit ihrem
Zubehr auf dem festen Lande, oder eine andre, in guter Kultur stehende
Insel unter den Antillen, wie Grenada mit den dazugehrigen Grenadillen
oder Dominika. So wrden wir die Kolonialwaren, die uns nun einmal ein
Bedrfnis geworden sind und wofr so groe Summen aus unserm Lande
gehen, fr unsre selbst erzeugten einheimischen Produkte aus jenen
Kolonien unter eigner Flagge und Wimpel eintauschen knnen. Schweden und
Dnemark sind ungleich rmer an inlndischen Erzeugnissen und finden
dennoch ihren Vorteil dabei, ihre westindischen Besitzungen in St.
Thomas und St. Barthelemy zu unterhalten.

Da dieser Handel durch Aktien leicht zustande kommen knnte, leidet
wohl keinen Zweifel, da unsre Kapitalisten gerne ihre Fonds darin
anlegen wrden. Nicht nur knnten die Kapitalien assekuriert werden,
sondern auch die Assekuranzprmien im Lande selbst verbleiben. -- Auch
fehlt es uns jetzt nicht an grndlich unterrichteten Seeleuten. Ich
selbst fr meinen geringen Teil habe dazu wie bekannt seit dreiig
Jahren mitgewirkt, indem es mein Lieblingsgeschft gewesen ist, eine
Steuermannsschule zu unterhalten, worin mehrere tchtige Seemnner
gebildet worden, welche auch jene entfernteren Meere und Gewsser zu
befahren wohl imstande sein wrden.

Ich habe mich hiermit unterwunden, nur ein kleines schwaches Bild aus
meiner Gedankenwerkstatt zu entwerfen; Zeit und Umstnde mgen lehren,
ob es von den Weiseren und Machthabern nicht lebendiger auszumalen sein
mchte. Meinesteils schreibe und urteile ich nur als alter Seemann, der
ich in meinen jngeren Jahren und wiederum von 1770 ab lngere Zeit in
hollndischen und englischen Diensten jene amerikanischen Ksten und
Gewsser in allen Richtungen befahren habe. Jetzt bin ich 76 Jahre alt,
sollte es aber noch gelingen, da meine Vorschlge irgend zu ihrem
Zwecke fhrten, so wrde ich mir die Gnade erbitten, das erste
preuische Schiff selbst dorthin fhren zu drfen.

Zweifle niemand, da ich in diesem letzteren Erbieten nicht treulich
Wort gehalten htte! Ich fhlte damals meine Krfte im ganzen noch
ungeschmlert, und was htte nichts vollends der Feuereifer vermocht,
womit die Erfllung meines Lieblingsgedankens mich beseelt haben wrde!
Allein diese Erfllung stand nun einmal nicht im Buche des Schicksals
geschrieben, und ich gab mich endlich gern in den Grnden zufrieden,
welche mir in der wohlwollendsten Gesinnung, als gegen meinen Vorschlag
streitend, aufgestellt wurden; z. B., da es das System unsres Staates
sei, keine Kolonien in auswrtigen Weltteilen zu haben, da, wie
vorteilhaft es sonst auch sein mge, durch Absatz der Produkte des
Mutterlandes die Kolonialwaren einzutauschen, uns hingegen ein solcher
Besitz nur abhngig von den Seemchten machen wrde usw. Das lie sich
hren, und dem war denn auch weiter nichts zu entgegnen, wenngleich mein
schnes Projekt darber in den Brunnen fiel.

Und doch ist es das einzige nicht, was mir in meinen alten Greisentagen
den Herzensfrieden strt und mitunter die schlaflosen Nchte wohl noch
unruhiger macht, obwohl man mich ebensogut um des einen, wie um des
andern willen tadeln mchte, da ich mir Dinge zu Herzen nehme, die mich
nicht kmmern sollten. Und doch drfte ich wohl fragen: _Warum_ nicht
kmmern? In jenem war mir's lediglich um die Ehre und den Vorteil meines
lieben Vaterlandes zu tun, die mir bis zum letzten Hauche meines Lebens
teuer sein werden. In dem andern, das ich noch nennen will (obzwar ich
es am Ende auch fr eine Schwachheit meines von jeder Mihandlung,
welche Menschen gegen ihresgleichen ben, tief verwundbaren Herzens
halte), sorge und bekmmere ich mich als Mensch und fr die Ehre und den
Vorteil der Menschheit. _Wann will und wird bei uns der ernstliche Wille
erwachen, den afrikanischen Raubstaaten ihr schndliches Gewerbe zu
legen, damit dem friedsamen Schiffer, der die sdeuropischen Meere
unter Angst und Schrecken befhrt, keine Sklavenfesseln mehr drohen?_

Wenn ich _das_ noch heute oder morgen verkndigen hre, dann will ich mit
Freuden mein lebenssattes Haupt zur Ruhe niederlegen!

       *       *       *       *       *

Nettelbeck ist 1824, sechsundachtzigjhrig, gestorben, seine jngste,
Seite 454 erwhnte Tochter hat bis 1897 gelebt.

       *       *       *       *       *

Als erster Band der neuen Sammlung Schicksal und Abenteuer sind unter
dem Titel Eine preuische Knigstochter im Mrz 1910 die
Denkwrdigkeiten der Markgrfin von Bayreuth, der klugen und sehr
temperamentvollen Lieblingsschwester Friedrichs des Groen, ausgegeben
worden. Vor genau hundert Jahren ist bei Cotta in Tbingen die erste
deutsche, bei Vieweg in Braunschweig die erste franzsische Ausgabe
dieses hchst merkwrdigen Buches erschienen. Was so kurz nach dem
Zusammenbruch des preuischen Staates sensationell wirkte, wird nach
einem Jahrhundert aufsteigender staatlicher Entwickelung und
geschichtlicher Forschung einem ruhigen, aber tiefgehenden menschlichen
Interesse begegnen. Entrstet oder ergriffen oder amsiert, niemals aber
gelangweilt, begleitet der Leser diese preuische Knigstochter auf
ihrem Lebenswege, die einen wundervollen Frauentyp des achtzehnten
Jahrhunderts darstellt und deren knstlerische Gestaltungskraft stark
genug ist, um die Personen und Zustnde am Berliner Hofe wie in der
kleinen frnkischen Residenz vollkommen lebendig werden zu lassen.

       *       *       *       *       *

Memoiren sind keine Geschichte. Spter Geborene berblicken mehr. Der
Markgrfin ist Friedrich Wilhelm I. der gefrchtete Vater, dessen Hrte
ihr Kindheit und Jugend zerstrte. _Wir_ kennen den Polterer als einen der
grten Erzieher zum Staate, der, den Knsten und Wissenschaften, aber
auch allem Schein und Prunk grndlich abhold, im Willen zur Einfachheit
den Weg zur Macht erkannte und beschritt. _Wir_ wissen, da der ber alles
geliebte Bruder der Markgrfin, Friedrich der Groe, sein siegreiches
Schwert diesem Vater verdankte, da er ohne gerade dieses Vaters Schule
und Erbe nicht der erste Diener seines Staates, der Philosoph auf dem
Throne und der menschlichste der Knige geworden wre, als den ihn nicht
nur die deutsche Welt bis auf diesen Tag bewundert. Immer wieder
begegnen wir auf den Blttern dieses Buches, das vor nord- und
sddeutschem Hintergrunde eine bedeutende, der nationalen Kultur
vorarbeitende Epoche unserer Vergangenheit veranschaulicht, der
werdenden Gre des alten Fritz, die zu allen Zeiten auch nicht
preuisch Gesinnte mit Goethe gut fritzisch gesinnt sein lie.

       *       *       *       *       *




  Eine preussische Knigstochter

  [Illustration]

  Denkwrdigkeiten der Markgrfin von Bayreuth
  Schwester Friedrichs des Groen
  Herausgegeben von _Johannes Armbruster_
  1,80 Mark in Pappband, mit Lederrcken Mark 3,00

       *       *       *       *       *

  Die Bcher der Rose
  Erster bis sechster Band
  In biegsamem Pappband je M. 1.80, in Ganzleinenband je M. 3.--

  Die Ernte
  aus acht Jahrhunderten deutscher Lyrik
  Gesammelt von _Will Vesper_
  1. bis 85. Tausend 1906 bis 1909

  Alles um Liebe
  Goethes Briefe aus der ersten Hlfte seines Lebens
  Mit biographischen Verbindungen
  und sachlichen Erluterungen von _Ernst Hartung_
  1. bis 100. Tausend 1906 bis 1909

  Kgelgen
  Jugenderinnerungen eines alten Mannes
  Ausgabe mit groer Schrift und vielen Bildern, z. T. nach
  Gemlden des Verfassers
  1. bis 85. Tausend 1907 bis 1910

  Vom ttigen Leben
  Goethes Briefe aus der zweiten Hlfte seines Lebens
  Mit biographischen Verbindungen
  und sachlichen Erluterungen von _Ernst Hartung_
  1. bis 65. Tausend 1907 bis 1909

  Der heilige Krieg
  Friedrich Hebbel in seinen Briefen, Tagebchern, Gedichten
  Herausgegeben von _Hans Brandenburg_
  1. bis 32. Tausend 1907 bis 1910

  Menschen und Mchte
  Ausgewhlte Erzhlungen von _E. T. A. Hoffmann_
  1. bis 30. Tausend 1908 bis 1910

       *       *       *       *       *

  Die Bcher der Rose
  Siebenter bis zwlfter Band
  In biegsamem Pappband je M. 1.80, in Ganzleinenband je M. 3.--

  ber allen Gipfeln
  Goethes Gedichte im Rahmen seines Lebens
  Mit 30 Bildnissen
  Auswahl und Anmerkungen von _Ernst Hartung_
  1. bis 50. Tausend 1908 bis 1909

  Pitt und Fox
  Die Liebeswege der Brder Sintrup
  Ein Roman von _Friedrich Huch_
  1. bis 40. Tausend 1908 bis 1910

  Die Droste
  Annette v. Droste-Hlshoff: Briefe, Gedichte, Erzhlungen
  Biographisch verbunden und sachlich erlutert von _H. Amelungk_
  1. bis 30. Tausend 1909 bis 1910

  Von Wald und Welt
  Eichendorffs Gedichte und Erzhlungen mit Bildern von Moritz Schwind
  Herausgegeben von _Wilhelm von Scholz_
  1. bis 40. Tausend 1909 bis 1910

  Feuertrunken
  Eine Dichterjugend. Schillers Briefe bis zur Verlobung
  Mit biographischen Verbindungen von _Hans Brandenburg_
  1. bis 40. Tausend 1909 bis 1910

  Das zweite Buch
  der Ernte aus acht Jahrhunderten deutscher Lyrik
  Gesammelt von _Will Vesper_
  1. bis 30. Tausend 1910

       *       *       *       *       *

Der Drache, das Zeichen der Sammlung Schicksal und Abenteuer, ist die
Wiedergabe des 1414 vom Kaiser Sigismund gestifteten Drachenordens, nach
dem Original im Bayerischen Nationalmuseum zu Mnchen von Dora Polster
in Mnchen-Schwabing gezeichnet. Derselben Knstlerin verdankt das Buch
die Initialen und seinen sonstigen Schmuck, ausschlielich des Bildnisses
_Nettelbecks_, fr das eine alte Vorlage benutzt werden konnte.

       *       *       *       *       *

Das erste bis vierunddreiigste Tausend ist im August 1910 von der
Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig gedruckt worden.

Das Papier hat die Neue Papiermanufaktur zu Straburg eigens
angefertigt.

Einbnde von H. Fikentscher in Leipzig.



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Foundation as set forth in Section 3 below.

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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